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 ??. Kapitel ~Wiedersehen mit Aaron~

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Enrico
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BeitragThema: ??. Kapitel ~Wiedersehen mit Aaron~   Mi Mai 23, 2012 10:04 pm

??. Kapitel
~Wiedersehen mit Aaron~

Während er den Raum betritt, ist mir als wenn seine Anwesenheit das ganze Zimmer ausfüllt. Unsere Blicke richten sich auf ihn, wir können uns seine Autorität und seinem Einfluss nicht entziehen. Die wenigen grauen Haare und die einzelnen neuen Falten haben seinem Charme keinen Abbruch getan. Er ist noch immer das stolze Familienoberhaupt. Nur sein Gang ist gekrümmter und sorgen schwerer als ich ihn in Erinnerung habe. Was ihn wohl gebeugt hat?
Der alte Mann in seinem schwarzen Samtanzug geht an mir vorbei. Für einen Moment halte ich den Atem an. Ich sehe durch meine blonden Haare hindurch in die nussbraune Augen, gefesselt von dem Moment. Wird er mich erkennen, oder ist meine Verkleidung und die vielen Jahre, die vergangen sind, zu viel? Ich kann kein Interesse in seinen Augen lesen, er wendet sich von mir ab. Enttäuscht beobachte ich ihn dabei, wie er vor meinem Begleiter stehen bleibt und ihm lange direkt in die Augen sieht. Beide begrüßen sich mit einem kräftigen Händedruck, von dem ich ausgeschlossen werde. 
Ich habe mir mehr von diesem Treffen erhofft. Aaron ist der Vater, den ich nie hatte, wieso erkannte er mich nicht? Ich weiß wie dumm diese Frage ist, für ihn bin ich bereits seit fünf Jahren tot und für uns alle ist es besser, wenn ich ihn in diesem Glauben lasse, aber kann ich das überhaupt? Mein Herz zieht sich bei dem Gedanken zusammen, schweigen zu müssen. Ich habe diese Treffen so oft im Kopf durchgespielt, mir vorgestellt wie es sein wird, dem großen Chef gegenüber zu sitzen und jetzt bin ich hier und alles ist anders. Damit, dass er mich völlig ignoriert, komme ich nicht klar. Ich ringe mit den Händen und kämpfe mit meiner Fassung. 
Toni scheint meinen inneren Zweikampf zu spüren, er sieht mich scharf an und warnt mich mit einem finsteren Blick. Als wenn ich nicht weiß, dass das hier für uns alle gefährlich werden kann. 
„Wen hast du mir da mitgebracht?“, will Aaron wissen. Er umrundet seinen Schreibtisch, ohne uns noch einmal anzusehen, dabei klappt er den Globus auf und nimmt sich aus ihm ein Whiskyglas. Während er sich einen Schnaps eingießt, nimmt er auf seinem Ledersessel platz und stellte Flasche und Glas auf dem Schreibtisch ab. Seine rauchige Stimme hallt in meiner Seele wieder und bricht mir fast das Herz. Er ist so herablassend, als wenn Toni ihm einen Frischling mitgebracht hätte, der sich seinen Platz in der Familie erst noch erarbeiten muss. Ich will nicht von vorn anfangen. Die ganze Zeit wünsche ich mir, er möge noch einmal genau hinsehen, mich noch eines Blickes würdigen, aber er tut es nicht, als Neuer bin ich es nicht wert. Ich verfluche mich dafür, dass ich unbedingt mitkommen wollte. 
„Sein Name ist Leon. Ich bürge für seine Loyalität...“, beginnt Toni die üblichen Vorstellungsfloskeln, bei denen ich still zu sein habe, bis Aaron mich zum Sprechen auffordert. Diese Situation fühlt sich so verrückt an, dass ich einen Punkt auf dem Bode anstarren muss, um nicht durchzudrehen. Ich bin nicht irgendwer und meine Loyalität habe ich mehr als einmal unter Beweis gestellt. Das Toni jetzt dafür bürgen muss ist so lächerlich, dass ich mir das Lachen darüber verkneifen muss. 
„Was kann er?“, will Aaron sachlich und ohne Gefühl in der Stimme wissen. Die passende Antwort liegt mir auf der Zunge, doch ich schlucke sie herunter. 
„Er ist kein sonderlich guter Schütze...“ Ja, nur im Vergleicht zu einem Scharfschützen, wie Toni einer ist. Mir huscht ein müdes Lächeln über das Gesicht. Für einen simplen Auftragsmord reicht mein Können allemal, aber lagen die Zeiten der Drecksarbeit nicht eigentlich hinter mir? Ich habe mal meine eigenen Leute dafür gehabt. Seufzend verfolge ich das Gespräch weiter: 
„... dafür ist er ein hervorragender Nahkämpfer. Er hat Beziehungen in der ganzen Stadt, die uns nützlich sein könnten ...“ Vor fünf Jahren vielleicht. Jetzt trug Toni aber ganz schön dick auf. Wenn kenne ich denn bitte inzwischen, den ich ohne Gefahr zu laufen erkannt zu werden, aufsuchen kann? Ich erhebe meinen Blick und sehe meinen Begleiter fragend an, doch Toni ignoriert mich, während Aaron wieder zu sprechen beginnt:
„Zum Beispiel?“
„Erik, Vegas, Calvino, ...“ Mit großen Augen sehe ich Toni an. Erik und Vegas sind noch in der Stadt, sie haben das Massaker und die Verfolgung überlebt? Davon hat er mir nichts erzählt, andererseits habe ich mich auch nie getraut danach zu fragen. Während Toni die Namen unserer früheren Verbündeten auflistet, wird mir allmählich bewusst, wie viele dieser Treffen mir noch bevorstehen, wenn ich sie alle wieder vereinen will.
Aaron hebt die Hand, sein Zeichen dafür, dass er genug gehört hat. Toni verstummt augenblicklich. Etwas irritiert mustern wir beide ihn. Aaron nimmt sich eine Zigarre aus einem silbernen Kästchen und sucht in seiner Schreibtischschublade nach einem Feuerzeug.
„Okay Toni, wer ist der Kerl wirklich? Du hast mir noch nie einen Frischling an geschleppt. Was soll das hier werden?“ Er ahnt also doch etwas? Ich atme innerlich auf. Kann es sein dass ich ihn unterschätzt habe und er mehr weiß als er durchblicken lässt? Toni bleibt einen Moment lang stumm, scheinbar fällt ihm nicht sofort eine passende Antwort ein, um das Blatt noch zu unseren Gunsten zu wenden. Ich nutze die Gelegenheit, noch länger kann ich einfach nicht schweigen. 
„Lass gut sein, Toni!“, entgegne ich meinem Begleiter, als er Luft für eine Antwort holt. Seinen mahnenden Blick ignoriere ich und wende mich stattdessen Aaron zu. Während ich mich erhebe, ziehe ich mir die Kapuze vom Kopf und stehe auf. Ich sehe zum ersten Mal seit ich hier bin auf und Aaron direkt an, während ich mit ihm spreche.
„Ich kann das nicht länger“, lasse ich ihn wissen. Seine Augen beginnen sich zu weiten und sein Mund öffnet sich leicht. Eine Ahnung regt sich in ihm, dass kann ich spüren. Ich sehe es an seinen Fingern, die zu zittern beginnen, er versucht sie vergeblich unter Kontrolle zu bringen. Die Zigarre, die er sich gerade mit dem gefunden Feuerzeug anstecken will, fällt ihm aus der Hand. 
„Wer bist du?“, will er mit gebrochener Stimme von mir wissen. Die Fassade des gefassten, stolzen Mannes beginnt unter der wachsenden Erkenntnis zu bröckeln. Seine Gesichtszüge bekommen tiefe Falten, während die Ringe unter seinen Augen zu wachsen scheinen. Ich habe das Gefühl er altert für den Moment um zehn Jahre. Das amüsiert mich, doch ich verdränge das aufkommende Grinsen in mir. Es passt nicht hier her und schon gar nicht zu der Schuld, die meinen Magen hinauf kriecht. Aaron bekommt den Schock seines Lebens und ich trage die Schuld dran, ganz zu schweigen davon, dass ich mich all die Jahre nicht gemeldet habe. Trotzdem schaffe ich es nicht das Lächeln gänzlich von meinen Lippen zu verbannen, als ich ihm sage:
„Ist es wirklich schon so lange her, dass du deinen Schwiegersohn nicht mehr erkennst?“
„Enrico!“, faucht Toni hinter uns und hasst sich im selben Moment dafür, mich bei meinem Namen genannt zu haben, denn er verstummt augenblicklich wieder. Aaron läuft die Farbe zusehends aus dem Gesicht, er gleicht der weißen Tapete an den Wänden. Ich trete noch einen Schritt näher an den Schreibtisch heran und strecke meine Hand in seine Richtung.
„Aaron!“, begrüße ich ihn, weil mir nichts einfallen will, was ich sonst sagen soll. Die Situation ist so unwirklich, dass ich das Gefühl habe neben mir zu stehen und mir bei meinem Handeln selbst zuzusehen, ohne eingreifen zu können. Weiß er nun wenn er vor sich hat? Wie wird er reagieren, was wird er sagen? Stumm mustert er mein Gesicht. Ich kann spüren wie mir die Hitze dabei in den Kopf steigt. Kann er nicht endlich meinen gereichten Gruß erwidern? Ich zwinge mich dazu meine Hand ausgestreckt zu lassen, bis Aaron wenigstens eine Reaktion zeigt. Schließlich packt er meine Hand drückt sie fest, während sein ernster Blick mich durchbohrt. Ich erwidere den Druck ebenso fest und unterdrücke den aufkommenden Schmerz. Er ist sauer, nur der genaue Grund ist mir noch nicht ersichtlich.
„Wollt ihr zwei mich eigentlich verarschen?“, schreit er und erhebt sich ruckartig. Meine Hand hält er noch immer fest umschlossen, nicht bereit mich freizugeben. Hat er etwa Angst ich laufe vor seiner Wut davon. Er sollte mich besser kennen, bin ich doch einer der Wenigen, der ihm die Meinung frei ins Gesicht sagt. Aarons scharfer Blick richtet sich auf Toni. Dieser zuckt nur mit den Schultern. Er ist sich keiner Schuld bewusst und steckt gelassen seine Hände in die Taschen seiner Hose. Die Katze ist aus dem Sack, nun brachte auch alle bösen Blicke nichts mehr, die er mir hätte zuwerfen können. Seine Finger suchen in der Tasche nach seiner Zigarettenschachtel. Er befreit eine einzelne Zigarette aus ihr, ohne die Schachtel aus der Tasche zu ziehen. Mit der anderen Hand findet er zielsicher sein Feuerzeug. Ohne Aaron zu antworten zündet er sich eine Kippe an und nimmt einen tiefen Zug. Er ist wieder die Ruhe selbst. Während er den Qualm in den Raum bläst meint er lediglich:
„Nur um dich auf den Arm zu nehmen mach ich mich bestimmt nicht auf den Weg quer durch den Berufsverkehr zu dir. Das kann ich auch am Telefon erledigen.“ Aarons wirft Toni einen kurzen prüfenden Blick zu, dann richten sich die nussbraunen Augen wieder auf mich. Ich kann nicht anders, ich muss ihn mit einem schiefen Grinsen anlächeln und mir dabei mit der linken Hand am Kopf kratzen. Es ist einfach eine schlechte Angewohnheit aus meiner Kindheit auf die Wirkung meines Charmes zu hoffen, wenn ich in Schwierigkeiten stecke. Es hat immerhin oft genug geklappt. 
Vielleicht ist es genau das, was Aaron jetzt zu überzeugen scheint, denn er lässt meine Hand los und fällt kraftlos in seinen Sessel zurück. Eine unerträgliche Stille schleicht sich zwischen uns. Ich will etwas sagen, um sie zu durchbrechen, aber mir fällt nichts ein.

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Nur wer die Hölle kennt, weiß den Himmel zu schätzen.
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