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 ??. Kapitel ~Jetzt kann nur noch Aaron helfen~

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Enrico
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BeitragThema: ??. Kapitel ~Jetzt kann nur noch Aaron helfen~   Sa Jun 23, 2012 7:09 pm

??. Kapitel
~Jetzt kann nur noch Aaron helfen~

„Ich weiß nicht, wie ich euch da helfen soll, Toni. Wenn wirklich die Drachen dahinter stecken, ist er wahrscheinlich schon tot“, meint Calvino und lehnt sich seelenruhig in seinem Sessel zurück. Er schwenkt sein Whiskyglas und zieht genüsslich an seiner Zigarette. Seine Art macht mich rasend vor Wut, mir ist egal, dass Toni mir geraten hat, den Mund zu halten und ihn sprechenzulassen, es geht immerhin um meinen Bruder. So lange auch nur ein Funken Hoffnung besteht, ihn lebend wieder zu sehen, werde ich ihn nicht aufgeben. Ich stehe auf und stütze mich mit den Händen auf den Couchtisch ab, während ich mich über ihn lehne.
„Er ist noch nicht tot!“, schreie ich energisch, „Und du hilfst uns jetzt gefälligst! Wir erledigen seid drei Monaten die Drecksarbeit für dich, du bist uns was schuldig. Mach was, verdammt! Wo sind jetzt die Beziehungen mit denen du immer prahlst? Hier geht es um meinen Bruder!“ Ich werde von Toni und Calvino gleichermaßen erstaunt angesehen, keiner von beiden hat mir zugetraut, dass ich auch aufbrausend sein kann, immerhin ist es das erste Mal, dass ich in Calvinos Gegenwart überhaupt das Wort ergreife, bisher bin ich nur Tonis stummer Begleiter gewesen, doch damit ist jetzt Schluss. Ich will meinen Bruder wieder haben und wenn es sein muss, gehe ich dafür über Leichen.

Calvino hat sich schnell wieder gefangen, er lehnt sich noch ein Stück weiter in seinem Sessel zurück und betrachtet mich von oben bis unten, während er mir den Rauch seiner Zigarette ins Gesicht bläst. Ich bin nah dran über den Tisch zu springen und ihm an die Gurgel zu gehen, doch Toni zieht mich am Arm zurück und drückt mich auf meinen Platz.
„Komm wieder runter!“, rät er mir, doch es gelingt mir nur schwer mich zu beruhigen. Mit einem Murren setze ich mich, aber ich lasse mir nicht mehr den Mund verbieten.
„Calvino, wir haben dich noch nie um etwas gebeten, aber heute sind wir es, die deine Hilfe brauchen!“, bitte ich meinen Gegenüber eindringlich und versuche meine Wut wieder unter Kontrolle zu bringen. Noch immer mustert mich Calvino stumm, ich habe das Gefühl, dass er gerade versucht mich neu einzuschätzen. Bisher hat er mich immer ignoriert, es ist das erste Mal, dass er mir seine Aufmerksamkeit schenkt. Ich weiche seinem Blick nicht aus und halte ihm mit ernster Mine stand, schließlich rückt er in seinem Sessel wieder nach vorn. Er faltet die Hände in seinem Schoß zusammen und lehnt sich zu uns vor. Ich habe den Eindruck, dass seine folgenden Worte die wichtigsten werden, die ich bisher in meinem Leben gehört habe:
„Wenn wirklich die Drachen am Verschwinden eures Freundes schuld sind, kann ich euch nicht helfen“ Ich schlucke schwer bei seinen Worten. Ist unsere Situation wirklich aussichtslos?
„Wenn ihr es mit den Drachen aufnehmen wollt, gibt es nur einen Mann, der euch helfen kann!“, fügt er an. Ich atme auf, als Calvinos Worte neue Hoffnung in mir wecken. Wer immer der Kerl ist, von dem er gerade spricht, ich werde zu ihm gehen und tun, was immer er für seine Hilfe verlangt.
„Wer?“, will ich angespannt wissen.
„Aaron Longhard!“, ist Calvinos Antwort, der Name sagt mir nichts.
„Der Chef der italienischen Mafia?“, fährt Toni entgeistert dazwischen. Ich sehe ihn fragend an. Was hat das für uns zu bedeuten, ist dieser Mann etwa ein so hohes Tier? Aus Tonis bebender Stimme kann ich entnehmen, dass es nicht einfach sein wird, mit diesem Mann zusammenzuarbeiten. Vielleicht sind wir es nicht einmal Wert, dass er sich um unsere Belange kümmert.
„Ganz recht!“, gibt uns Calvino zu verstehen, „Er ist der einzige der genug Einfluss und Informationen hat, um herauszufinden, wo sich euer Freund aufhält und ob er überhaupt noch am Leben ist.“
„Glaubst du den er wird uns empfangen?“, führt Toni das Gespräch fort. In diesen Dingen kennt er sich besser aus als ich, also schweige ich wieder und überlasse ihm die Verhandlungen.
„Ja, wenn ich ihn darum bitte. Ich habe noch was gut bei ihm!“ Je länger ich in dieser Welt mitwirke, um so deutlicher wird mir, wie weit vernetzt das organisierte Verbrechen in dieser Stadt ist und das Beziehungen über Leben und Tod entscheiden. Sollte ich meinen Bruder jemals lebend wieder sehen, werde ich mir so viele Freunde wie möglich machen, damit uns so etwas nie wieder passieren kann, nehme ich mir fest vor.
„Schaffst du es uns ihm vorzustellen?“, fragt Toni und lehnt sich nun auch nach vorn, um Calvino mit unserer Bitte näher zu sein. Noch so etwas, was ich inzwischen gelernt habe. An höhere Mitglieder des Clans kommt man nur mit jemanden heran, der ein gutes Wort einlegt und für die eigene Loyalität bürgt. Hat Calvino wirklich so viel Einfluss, uns einem Mafiaboss vorzustellen?

Calvino steht auf, er entfernt sich einige Schritte von uns, bevor er uns wissen lässt:
„Wartet hier, ich tätige mal ein paar Telefonate.“ Damit verlässt er das Wohnzimmer und verschwindet im Flur, er schließt die Tür nach sich. Ich kann ihn die Wählscheibe des Telefons betätigen hören, einen Moment lang ist es still, dann dringt seine Stimme gedämpft durch die Tür bis zu uns, doch seine Worte kann ich nicht verstehen. Gespannt sehe ich auf die Tür und versuche angestrengt zu lauschen, doch es bringt nichts, seine Worte bleiben unverständlich.
Ein harter Schlag trifft meinen Oberarm, erschrocken fahre ich herum und reibe mir über die getroffene Stelle. Toni sieht mich ernst an, er ist sauer, aber ich verstehe nicht warum.
„Du kannst froh sein, dass Calvino heute gut drauf ist, sonst hätte er uns längst, für dein ungehobeltes Verhalten, rausgeworfen!“, knurrt er. Ich sehe ihn nur uninteressiert an. Es ist mir völlig egal, was Calvino von mir hält, so lange er uns dabei hilft meinen Bruder zu retten.
„Mir doch egal, ich will nur meinen Bruder zurück!“, brumme ich. Toni lehnt sich im Sessel zurück, er sucht in seiner Hosentasche nach seiner Zigarettenschachtel. Als er sie gefunden hat, nimmt er sich eine Kippe heraus und steckt sie sich an. Ich beobachte ihn dabei und warte nur darauf, dass er mir die nächste Predigt hält. Seine Gesichtszüge werden wieder weicher, er zieht einmal an der Kippe und bläst den Rauch in Richtung Zimmerdecke, bevor er wieder zu mir sieht und mich wissen lässt:
„Ich glaube du hast gerade ganz schön Eindruck auf ihn gemacht!“ Ist das Tonis Ernst? Ungläubig sehe ich meinen Freund an. Ist das jetzt gut oder schlecht für uns?
Noch bevor ich ihn danach fragen kann, ist Calvino zurück, er schließt die Tür nach sich und bleibt mitten im Raum stehen, während er uns auffordernd ansieht.
„Ihr habt Glück!“, berichtet er uns, „Aaron scheint gerade nicht viel zu tun zu haben.Wir sollen sofort vorbei kommen!“ Ist das sein ernst? Meine Mine hellt sich auf der Stelle auf, eine tiefe Freude überkommt mich, gefolgt von einem enormen Tatendrang. Ich stehe auf und bin bereit sofort aufzubrechen.
„Ernsthaft?“, kann es Toni scheinbar nicht glauben, er braucht einen Moment länger als ich, um zu verstehen.
„Ja, ich fahr euch hin!“, erklärt dieser sich bereit und winkt uns zu sich. Jetzt erst steht auch Toni auf, gemeinsam gehen wir Calvino entgegen. Er öffnet die Tür für uns und lässt Toni als ersten vorausgehen, als ich an ihm vorbei gehen will, hält er mich an der Schulter fest und dreht mich zu sich um, während er von mir wissen will:
„Wie ist dein Name?“ Danach hat er mich noch nie gefragt, überrascht sehe ich ihn an. Erst in diesem Moment wird mir bewusst, dass er meinen Namen noch gar nicht kennt und das obwohl wir jetzt schon so lange für ihn arbeiten. Bisher bin ich wirklich nur Tonis stummes Anhängsel gewesen. Vielleicht hat mein Freund ja recht und ich bin gerade wirklich in Calvinos Anerkennung aufgestiegen.
„Enrico, Enrico River!“, spreche ich meinen Namen so deutlich wie möglich aus und versuche mir meine Unsicherheit über die plötzliche Anerkennung nicht anmerken zu lassen.
„Nun Enrico, du hast eine ganz schön große Klappe und das mag ich überhaupt nicht! Wenn du dich bei Aaron genau so weit aus dem Fenster lehnst, knall ich dich ab!“, knurrt er. Ich sehe unter seinem ernsten Blick hinweg. Da haben Toni und ich uns wohl geirrt, von wegen Anerkennung, Calvino ist sauer auf mich. Das ärgert mich mehr als seine Morddrohung, an die habe ich mich inzwischen gewöhnt, aber zu wissen, dass er noch immer nichts auf mich gibt, deprimiert mich. Vielleicht hätte ich doch den Mund halten sollen, aber was würde dann aus Raphael werden? Das Leben meines Bruders ist mir wichtiger, als die Anerkennung eines Mannes, der selbst genug Dreck am Stecken hat. Ich erhebe meinen Blick wieder und sehe Calvino ernst und eindringlich an, während ich mit ihm spreche:
„Ich will nur meinen Bruder wieder haben und dafür ist mir jedes Mittel recht!“ Wieder mustert mich Calvino und scheint so prüfen, ob ich seinem Blick standhalte. Ich sehe nicht weg und bleibe so ernst wie zuvor, schließlich nickt Calvino und lässt mich passieren. Ich habe das Gefühl trotz allem einen Funken Anerkennung in seinen Augen gelesen zu haben, aber ich traue meinem Urteilsvermögen nicht mehr, wahrscheinlich habe ich mir das nur eingebildet, während ich zu Toni aufschließe, versuche ich mir keine Gedanken mehr darüber zu machen. Wir verlassen gemeinsam das Apartment. Nachdem Calvino seine Wohnungstür abgeschlossen hat, geht er wieder voraus, er sucht an seinem Schlüsselbund den Schlüssel seines Wagens, während Toni und ich ihm mit langsamen Schritten folgen.
„Was hat er dir gesagt?“, will Toni so leise von mir wissen, dass nur ich es hören kann.
„Er hat mich nach meinem Namen gefragt und er mag meine große Klappe nicht. Ich glaube er kann mich nicht leiden“, entgegne ich ihm ebenso leise. Toni schmunzelt in sich hinein, während er mich belustigt ansieht. Was habe ich jetzt wieder falsch gemacht?
„Enrico, du musst endlich mal lernen zwischen den Zeilen zu lesen. Calvino mag Männer die den Mut haben ihren Mund aufzumachen, wenn es um wichtige Dinge oder ums Geschäft geht. Wenn er deinen Namen wissen wollte, dann bist du in seinem Ansehen gerade die Leiter nach oben gestiegen!“ Ich schüttele ungläubig mit dem Kopf, während wir durch das Treppenhaus laufen.
„Das kann ich mir nicht vorstellen!“, sage ich und rufe mir den Impuls ins Gedächtnis zurück, den ich zuvor gespürt habe, als mich Calvino passieren ließ. Bin ich jetzt wirklich in seinem Ansehen aufgestiegen?
„Du bist wirklich noch grün hinter den Ohren“, mein Toni noch immer belustigt. Dieser Idiot, es kann ja nicht jeder im organisierten Verbrechen aufgewachsen sein, so wie er.
„Du mich auch“, brumme ich ihn an, als wir auf die Straße treten.
„Steigt ein!“, fordert Calvino uns auf. Er ist vor seinem schwarzen Wagen stehen geblieben und hat uns die Türen aufgeschlossen. Toni und ich tauschen noch einen letzten ernsten Blick, dann kommen wir Calvinos Aufforderung nach und steigen in seinen Wagen.

Nach einer halben Stunde Fahrt haben wir das belebte Stadtzentrum hinter uns gelassen, wir durchfahren einen der gehobenen Vororte, in dem ich noch nie gewesen bin. Eine Villa reiht sich hier an die andere, die Grundstück erscheinen mir gigantisch, die Gärten sind gepflegt und die Häuser prunkvoll.
Ich beginne darüber nachzudenken, was dieser Aaron wohl für ein Mensch ist, was kann ich mir unter dem Chef der Mafia überhaupt vorstellen. Das er außerordentlich reich sein muss, steht außer Frage, sonst kann er sich kein Haus in dieser Gegend leisten, aber wie ist sein Charakter? Ist er jemand, vor dem man sich fürchten muss? Ich habe schon einige Männer aus dem Clan kennen gelernt und ausnahmslos alle forderten Respekt ein, wenn nötig auch mit Waffengewalt, selbst mit Calvino ist nicht gut Kirschen essen, wenn wir einen Job nicht seinen Vorstellungen entsprechend erledigt haben. Das er uns heute überhaupt hilft wundert mich, wir haben weder Geld noch eine Dienstleistung, die wir ihm im Gegenzug anbieten können und dabei geht es doch sonst immer nur ums Geschäft. Ist dieser Aaron genau so, geht es ihm auch nur ums Geschäft? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er uns aus reiner Nächstenliebe oder aus Freundschaft zu Calvino helfen wird. Die ganze Zeit überlege ich krampfhaft, was ich diesem Mann anbieten könnte, doch mehr als Tonis und mein Leben und unsere Loyalität habe ich nicht im Angebot. Wer hier wohnt hat doch schon alles. Ich seufze, ein kreisrunder Wasserdampffleck bildet sich an der Scheibe der Autotür, wahrscheinlich werde ich nicht mal zu Wort kommen. Calvino wird das Gespräch führen, da nur er ein offizielles Mitglieder der italienischen Mafia ist und damit das Recht hat, vor dem großen Chef zu sprechen, aber kann er überhaupt vermitteln, wie wichtig unser Anliegen ist? Die ganze Zeit über ist er emotionslos gewesen und das wird sich auch bei Aaron nicht ändern. Ich weiß nicht, was ich tun soll, wenn uns dieser einflussreiche Mann nicht helfen wird, meinen Mund halten kann ich dann auf jeden Fall nicht mehr, egal was Calvino und Toni von mir verlangen.
„Woran denkst du?“, will Toni von mir wissen. Ob er mir wohl meinen Gedanken angesehen hat?
„Nichts von Bedeutung!“, erwidere ich ohne ihn dabei anzusehen, er hätte mir eine Lüge sofort angesehen. Meinen Blick lasse ich stur aus dem Fenster gerichtet, ich möchte nicht darüber sprechen, ich kenne Tonis Antwort bereits. Als Grünschnabel soll ich mich zurück halten und nur das Wort ergreifen, wenn ich dazu aufgefordert werde, das ist die Art von Respekt, die erwartet wird, besonders in der Gegenwart eines so wichtigen Mannes. Ich begreife nicht, warum diese Leute nicht normal miteinander umgehen können, es sind doch auch nur Menschen.
„Bitte versuch dich wenigstens zurückzunehmen, solange wir dort sind. Ich möchte gern lebend Aarons Haus wieder verlassen“, fordert Toni mich leise auf.
„Ich gebe mir Mühe“, ist alles was ich ihm versprechen kann.

„Wir sind da!“, erklärt uns Calvino in einem seltsam anmutenden, feierlichen Ton. Er steigt aus, wir tun es ihm gleich und schließen die Autotüren nach uns. Calvino schließt seinen Wagen ab, dann gehen wir gemeinsam auf das gusseiserne Tor zu. Mir bleibt der Mund offen stehen, das Anwesen ist noch einmal doppelt so groß, wie die in der Nachbarschaft. Es liegt am Ende der Straße und wird von einem schwarz gestrichenen Eisenzaun mit runden geschwungenen Streben umzäunt. Ein weißer Kieselsteinweg führt zum Anwesen, vor dem ein Bentley steht. Er ist auf Hochglanz poliert und verdeutlicht einmal mehr den Reichtum, der hier dahinter steckt. Das Anwesen selbst gleicht einem kleinen Schloss, es hat einen Turm auf der linken Seite und einen weitläufigen Balkon der das ganze erste Stockwerk zu umlaufen scheint. Drei große Tannen verdecken den Rest der Villa und schirmen sie vor neugierigen Blicken ab, eine Steintreppe führt vom Kieselsteinweg zur doppelflügligen Eingangstür, sie macht auf mich einen sehr schweren und alten Eindruck und ich meine schon das Knarren hören zu können, wenn sie geöffnet wird.

Wir bleiben vor dem gusseisernen Tor stehen, an dem eine Gegensprechanlage angebracht ist. Calvino sieht uns noch einmal eindringlich an, während er uns rät:
„Ihr haltet die Klappe und sprecht nur, wenn ihr gefragt werdet. Das gilt besonders für dich!“ Seine letzten Worte richtet er an mich, ich nicke nur beiläufig und vermeide es mit Calvino einen Streit deswegen zu beginnen. Was ich später tun werde, kann ich jetzt ohnehin noch nicht einschätzen, soll er ruhig denken, dass ich meine Klappe halte, Hauptsache wir kommen erst einmal an diesen wichtigen Mann heran. Calvino dreht sich wieder um, er betätigt einen Knopf an der Sprechanlage, dann müssen wir abwarten. Ich atme noch einmal durch, meine Hände sind jetzt schon ganz feucht. Ich werfe einen kurzen Blick auf Toni, auch er wirkt angespannt, seine Haltung ist gestrafft, doch seine geballten Fäuste verraten deutlich seine Aufregung. Ich seufze schwer, sein Anblick hilft mir nicht gerade mich zu entspannen.
„Ja?“, ertönt eine raue, durch die Anlage verzerrte Stimme.
„Ich bin es, Calvino!“, entgegnet unser Begleiter.
„Das ging ja schnell. Wartet vor dem Tor, die Hunde sind draußen!“, kommt aus dem kleinen Gerät zurück. Die Stimme hat einen unerwartet warmherzigen Unterton, ob das wohl schon dieser Aaron gewesen ist, oder nur einer seiner Bediensteten? Die Stimme ist kaum verklungen, da können wir schon hören, wovon sie gesprochen hat. Acht Pfoten, zwei riesige Köpfe mit weißen scharfen Zähnen und einem glänzenden schwarzen Fell, die schiere Größe der beiden Doggen überwältigt mich und lässt mich einen Schritt vom Zaun zurückgehen. Ohne anzuhalten stürmen die beiden Tiere auf das Tor zu und fletschen die Zähne. Sie knurren und Bellen schon, bevor sie es erreicht haben. Das sind keine Hunde mit denen man spielen kann, das sind scharfe Wachhunde, die jeden Eindringling in Stücke reißen. Als sie das Tor erreicht haben, springen sie immer wieder gegen die Eisenstangen, sie richten sich auf ihren Hinterbeinen auf und versuchen an ihnen vorbei zu beißen und uns zu erwischen. Erschrocken sehe ich zu ihnen auf, wenn sie sich aufrichten, sind sie fast einen Kopf größer als ich. Ich schlucke schwer und bin froh, das mich das Tor von ihnen trennt. Wenn schon das Begrüßungskomitee so einladend ist, wie wird dann erst der Hausherr sein?
„Scotch, Whisky!“, ertönt die Stimme von eben nun klar und deutlicher. Augenblicklich halten die Hunde inne, sie ziehen sich vom Tor zurück und sehen in Richtung Villa. Als sie ihren Herrn erkennen, drehen sie sich ganz von uns weg und traben zurück zu ihm. Ich versuche an Calvino vorbei zu sehen, um einen Blick auf den Mann werfen zu können, der die Hunde gerufen hat, doch eine der Tannen und die Körper der beiden Tiere versperren mir die Sicht. Ich werde mich wohl gedulden müssen, bis wir vor ihm stehen.
Nun da die Tiere zurück gerufen sind, wagt es Calvino das Tor an der kunstvoll verzierten Klinke zu öffnen. Er lässt uns in das Grundstück treten und schließt das Tor nach sich wieder, dann geht er voran. Wir folgen ihm mit zwei Schrittlängen Entfernung, so wie es üblich ist.

Ein Mann in einem dunkelblauen Designeranzug kommt uns entgegen, er trägt eine passende, blaue Krawatte über seinem weißen Hemd. Seine schwarzen Haare sind an den Schläfen am Ansatz ergraut, er hat sie zurück gekämmt. Sein Gang ist leicht und trotzdem standhaft, so leicht wird diesen Mann nichts ins Wanken bringen. Er macht auf mich einen ehrwürdigen und gepflegten Eindruck. Seine Stirn wirft vier große Falten und auch um seine Mundwinkel herum sieht man die Spuren seines fortgeschrittenen Alters, doch sie verleihen seinem Gesicht Charakter. Auf seinen schmalen Lippen ist ein freudiges Lächeln, das eindeutig für Calvino bestimmt ist, denn die haselnussbraunen Augen mustern lediglich ihn, Toni und ich sind für den Moment keinen Blick wert. Als sich die beiden Männer erreichen, bleiben sie voreinander stehen. Auch Toni und ich halten Inne und beobachten das Geschehen aufmerksam. Der ältere Herr, der Calvino um gut zehn Zentimeter überragt, breitet die Arme aus. Sein Lächeln wird warmherzig und seine Worte unterstreichen die tiefe Freundschaft, die zwischen ihm und Calvino bestehen muss:
„Calvino, schön dich gesund und munter zu sehen. Wie geht es dir? Was machen die Geschäfte?“ Während ihrer Umarmung klopfen sich die Beiden freundschaftlich auf die Schulter, dann lösen sie sich wieder voneinander. Erst jetzt beginnt Calvino zu sprechen:
„Danke der Nachfrage Aaron! Mir geht es sehr gut. Wegen meiner neuen Mitarbeiter floriert mein Geschäft, ich kann mich also nicht beklagen.“ Calvino wirft einen flüchtigen Blick zu uns, der andeutet, dass wir seine neuen Mitarbeitern sind. Der Blick Aarons richtet sich für einen kurzen Moment auf uns, die nussbraunen Augen wandern von Toni auf mich, doch nur all zu schnell wendet er sich wieder Calvino zu. Ich bin fast ein bisschen traurig darüber, irgendetwas an diesem Mann zieht mich wie magisch an, sein Charme liegt fast greifbar in der Luft und scheint uns alle zu beeinflussen.
„Das freut mich zu hören. Bei unserem Telefonat gerade klang das ganz anders! Wie wäre es wenn ihr mit rein kommt, dann können wir in meinem Arbeitszimmer in Ruhe besprechen, was dir auf dm Herzen liegt!“, Aaron legt seinen Arm um Calvinos Schulter und führt ihn ein Stück den Weg entlang. Ich wundere mich über diesen Mann und seine warmherzige und einfühlsame Art, so habe ich mir den Chef der Mafia nicht vorgestellt, von ihm geht nichts bedrohliches aus und trotzdem habe ich vom ersten Moment an großen Respekt vor ihm. Seine ganze Art beeindruckt mich und auch wenn er uns kaum eines Blickes würdigt, bin ich erleichtert, dass er Calvino mit offenen Armen empfangen hat und einen derart freundschaftlichen Umgang mit ihm an den Tag legt. Besteht also doch Hoffnung darauf, dass er uns helfen wird?

Wir folgen Calvino und Aaron den Kieselsteinweg zum Anwesen entlang. Die beiden Wachhunde haben sich rechts und links der Tür zur Villa auf die oberste Stufe der Steintreppe gesetzt. Sie wirken wie zwei wachsame Statuen. Ungeachtet gehen Aaron, Calvino und Toni an ihnen vorbei, nur ich zögere einen Moment. Die Tiere sind mir nicht geheuer. Ob sie mich anfallen werden, wenn ich an ihnen vorbei gehe? Ich bleibe auf der untersten Treppenstufe stehen und sehe von einem Tier zum anderen, stumm sehen die beiden Hunde zurück. Wir mustern uns gegenseitig mit Argwohn, ich bekomme das Gefühl, sie trauen mir eben sowenig, wie ich ihnen.
Nur Toni scheint zu bemerken, dass ich zurückgefallen bin. Er läuft die wenigen Schritte, die uns trennen zurück und packt mich am Arm, scheinbar hat er nicht die Geduld mir Mut zu machen.
„Komm schon!“, meint er schroff während er mich mit sich zieht. Wir laufen an den Hunden vorbei, deren Blick uns auf Schritt und Tritt verfolgt. Auch ich lasse die Tiere nicht aus den Augen und werfe einen Blick auf sie zurück, als wir an ihnen vorbei gehen.
„Du kannst doch jetzt nicht einfach zurückfallen!“, brummt Toni mich an. Ich höre ihn kaum, während ich die Hunde noch immer im Auge behalte. Sie haben weder geknurrt, noch versucht nach uns zu schnappen.
„Die können ja doch ganz lieb sein!“, stelle ich fest und sehe wieder zu Toni. Dieser schüttelt nur hilflos mit dem Kopf. In seinen Augen bin ich anscheinend schon wieder grün hinter den Ohren.
Mein Blick wandert von Toni auf den alten Herrn vor uns. Ich habe das Gefühl, dass er mich die ganze Zeit beobachtet hat, doch als ich ihn ansehe, spricht er mit Calvino über dessen Geschäfte. Ob ich mir seinen Blick auf mich nur eingebildet habe?
„Reiß dich zusammen! Aaron beobachtet dich schon“, knurrt Toni mir zu. Also habe ich mir Aarons Blick doch nicht eingebildet? Insgeheim freue ich mich über seine Aufmerksamkeit, auch wenn ich nicht genau erklären kann warum, dumm ist nur, dass ich schon wieder einen schlechten Eindruck zu hinterlassen scheine. In diesen Kreisen fühle ich mich einfach immer noch fehl am Platz.

Wir folgen den beiden Männern durch einen langen Flur. Rechts und links sind die Wände mit teuer aussehenden Gemälden und Kunstgegenständen behangen. Ich staune über den offensichtlichen Reichtum, auch wenn er sich schon von außen angedeutet hat. Von dem Flur gehen etliche Türen ab, ich frage mich wo sie hinführen. Alle sind verschlossen nur die dritte von links steht offen. Neugierig werfe ich einen Blick hinein, als wir an ihr vorbei gehen. Ich erkenne zwei schwarze Lackschuhe, eine schwarze Samthose und ein Jackett, gefolgt von dem Gesicht eines alten Herrn mit grauen Haaren und einer Fliege an der Stelle, wo normalerweise die Krawatte sitzt. Der Blick des Mannes trifft meinen, er sieht mich fragend an, ich erschrecke fürchterlich und fühle mich ertappt, schnell sehe ich wieder weg und hoffe das meine Neugierde niemandem aufgefallen ist, doch wieder spüre ich Aarons Blick auf mir, der sich erst wieder Calvino zuwendet, als ich zu ihm sehe.
„Du kannst es nicht lassen, was?“, meint Toni resignierend. Ich sehe schuldbewusst zur Seite weg, kann es mir aber nicht verkneifen, mir Gedanken über den Mann zu machen, den ich gesehen habe.
„Wer der Mann wohl war?“, frage ich Toni leise. Dieser sieht mich verwirrt an.
„Was für ein Mann?“ Scheinbar hat er den alten Herrn nicht gesehen.
„Da in dem Zimmer war ein alter Mann!“, erkläre ich und deute mit einem Schwenk meines Kopfes zurück zu der Tür, an der wir gerade vorbei gekommen sind.
„Keine Ahnung, das ist auch nicht wichtig. Benehme dich lieber endlich mal! Neugierig zu sein ist unhöflich“, belehrt er mich. Ich seufze ergeben, er hat ja recht, aber hier gibt es so viel zu sehen, dass ich mich dabei erwische, wie ich meinen Blick erneut schweifen lasse.

Wir erreichen eine weitläufige Halle, die fast gänzlich von einer großen Treppe eingenommen wird. Die Stufen sind mit rotem Stoff überzogen und das schwarze Geländer wird von großen, Eichenbalken gestützt. Auf halber Höhe teilt sich die Treppe in zwei und führt anscheinend in den Ost- und Westflügel des ersten Stocks. An der großen Wand hinter der Treppe hängen Waffen aus allen Epochen, Pfeil und Bogen, Schwerter, Dolche, Äxte, Gewehre und Pistolen. Ich staune über diese Sammlung, während mir der Mund offen stehenbleibt.
Während wir die Treppe besteigen, stößt Toni mich mit dem Ellenbogen an. Ich verstehe nicht was er mir damit sagen will und sehe ihn fragend an.
„Mach den Mund zu“, fordert er mich auf. Ich schließe automatisch den Mund, muss aber noch einmal meinen Blick über all die Waffen schweifen lassen, sie sind alle so reich verziert, dass ich gern wissen möchte, was nur eine von ihnen wert sein mag.

Wir folgen Aaron und Calvino in den ersten Stock und von dort in eines der vielen Zimmer, als letzte Betreten wir den Raum, den Aaron als Arbeitszimmer bezeichnet hat. Auch hier sind die Wände mit einer großen Waffensammlung verziert. Eine breite Fensterfront sorgt für viel Licht, an der linken Wand sind zwei große Bücherregale angebracht, in denen Unmengen von Büchern ihren Platz haben. Ob Aaron sie alle gelesen hat? Vor den Regalen steht ein dunkler Schreibtisch aus edlem Teakholz. Er ist hochglanzpoliert, auf ihm steht ein goldener Kugelschreiber in der dazu passenden Halterung, daneben steht ein Fläschchen mit Tinte, dann folgt eine kleine Truhe aus Elfenbein, die mit geschwungen Ornamenten verziert ist. Ich frage mich, was da wohl drin ist. Eine schwarze Ledermatte schützt die Platte des Tisches vor Gebrauchsspuren und bedeckt den Teil, an dem Aaron wohl sonst arbeitete. Hinter dem Schreibtisch steht ein weinroter Ledersessel mit dicken Armlehnen und zwei schwarzen Löwenköpfen an der Front, der selbe Sessel steht noch einmal vor dem Schreibtisch. Links daneben weckt ein Holzglobus meine Aufmerksamkeit, er ist in der Mitte geteilt und weißt ein Scharnier auf. Ob man ihn wohl öffnen kann und wenn ja, was ist in ihm drin? Ich bekomme das Gefühl, dass ich egal wohin ich sehe, immer wieder etwas neues entdecken werde, das mir zuvor noch nicht aufgefallen ist.

Aaron schließt die Tür nach uns, dann geht auf den Schreibtisch zu und setzt sich in seinen Sessel, mit einer einladenden Handbewegung bittet er Calvino vor ihm platz zu nehmen. Etwas verloren sehe ich mich im Raum um, neben diesen beiden Sesseln gibt es keine Sitzmöglichkeit und uns wird auch kein Platz zugewiesen, an dem Toni und ich uns in der Zeit des Gespräches aufhalten sollen. Hilfesuchend sehe ich zu Toni, der sich mit dem Rücken gegen die Wand lehnt und sich scheinbar nicht daran stört, das wir hier quasi überflüssig sind. Hat er denn nicht auch diese ungute Gefühl im Magen, nicht zu wissen, was zu tun ist? Ich seufze und versuche so gelassen zu bleiben wie er, aber das beunruhigende Gefühl lässt einfach nicht nach. Ich stelle mich nah zu Toni, bei ihm zu sein gibt mir zumindest ein bisschen das Gefühl von vertrauter Sicherheit. Er wirft mir einen aufmunternden Blick zu, der mich zum durchhalten auffordert, dann wird die Tür geöffnet. Eine junge Frau stößt sie auf, sie trägt ihre langen, schwarzen Haare in einem Zopf gebunden, auf ihrer Nase sitzt eine Lesebrille, in den Armen hält sie etliche Bücher. Ihre Gesichtszüge sind fein und ebenmäßig geschnitten, ihre Lippen rot und voll und ihre Augen klein und Mandelförmig. Sie hat die selbe Augenfarbe wie Aaron und auch ihre Nase könnte die seine sein. Ich frage mich einen Moment lang, ob die beiden verwand sind, während mein Blick ihren makellosen Körper abfährt. Ihr weißes Kleid reicht ihr bis zu den Knien und umhüllt ihre geschwungen Formen seidig fließend. Mir stockt der Atem, noch nie zuvor habe ich eine so schöne Frau gesehen. Ihre endlosen langen Beine enden in zwei nackten Füßen mit zierlichen Zehen. Mein Blick wandert wieder an ihr hinauf und bleibt für einen Moment an ihrem weit geschnitten Dekolleté hängen. Ihre Brüste sind perfekt gerundet und groß genug, dass ich zwei Hände gebraucht hätte, um sie zu umfassen. Während ich meinen Blick nicht von ihr abwenden kann, stößt Toni mich mit dem Ellenbogen an. Ich sehe ihn flüchtig an, er gibt mir mit einem Kopfschütteln zu verstehen, dass ich, was immer ich auch tue, seinlassen soll. Erst jetzt merke ich, dass ich die junge Frau angestarrt haben muss, ich wende meinen Blick ganz von ihr ab und versuche den Boden unter meinen Füßen zu betrachten, trotzdem erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich sie ansehen muss. Sie hingegen beachtet uns nicht, ihr Blick ist starr auf die Bücher gerichtet, die sie bei sich trägt, als sie den Raum betritt.
„Vater, ich konnte dein Geschäftsbuch nicht finden, hast du …“, beginnt sie und erhebt ihren Blick. Als sie sieht, dass nicht nur ihr Vater anwesend ist, sondern noch drei weitere Personen, blickt sie ihn entschuldigend an.
„Oh, du hast Besuch, tut mir leid!“ Sie bleibt mitten im Raum stehen und scheint sich nicht schlüssig zu sein, ob sie eintreten darf oder den Raum wieder verlassen soll.
„Robin dürftest du ja bereits kennen!“, richtet Aaron seine Worte an Calvino, dieser nickt nur flüchtig, erst zu Aaron, dann in die Richtung seiner Tochter. Diese tut es ihm gleich, eine herzliche Begrüßung, wie bei Aaron und Calvino, gibt es nicht.
„Gib mir die Unterlagen, ich kümmere mich um das Buch gleich selbst!“, trägt Aaron seiner Tochter auf. Seine Stimme ist ruhig und respektvoll, wieder revidiert sich meine Vorstellung von ihm als Mafiaboss. Er bekommt nicht einmal schlechte Laune, wenn einen Auftrage nicht zu seiner Zufriedenheit ausgeführte wird, aber vermutlich liegt das daran, dass es nur um ein Buch geht und es sich um seine Tochter handelt. Die junge Frau geht zum Schreibtisch und legt ihrem Vater die Bücher und Unterlagen auf die Arbeitsplatte. Wieder folgt mein Blick ihr ungewollt und bleibt diese Mal auf ihrem runden Apfelhintern hängen, ihr Hüftschwung zieht mich in seinen Bann, ich vergesse für den Moment, wo ich bin und wieso wir hier sind, während ich mich frage, wie ich diese dunkelhaarige Traumfrau auf mich aufmerksam machen kann. Wieder spüre ich Tonis Ellenbogen an meinem Oberarm, doch dieses Mal schaffe ich es nicht zu reagieren, Robins Anblick hält mich gefesselt.
„Junger Mann!“, höre ich auf einmal Aarons tiefe Stimme, ich weiß sofort dass ich gemeint bin und zucke erschrocken zusammen, als er ernst fortfährt:
„Auch wenn deine Blicke für meine Tochter schmeichelhaft sein mögen, so bitte ich dich, das in meiner Gegenwart zu unterlassen!“ Augenblicklich wende ich meinen Blick ab und schuldbewusst auf den Boden, während sich mir alle Blicke zuwenden. Ich spüre, wie mir die Hitze in die Wangen steigt und meine Hände feucht werden. Toni wirft den Kopf leicht gegen die Wand und sieht seufzend zur Decke. Er schämt sich für mich und ich mich für mich selbst, wie kann ich es auch wagen die Tochter eines Mafiaoberhauptes länger als nötig anzusehen. Auch Calvino wirft mir einen mahnenden Blick zu, spätestens jetzt bin ich bei allen unten durch.
„Tut mir leid Aaron, die Jugend aus der Gosse weiß nicht, wie sie sich zu benehmen hat!“, knurrt Calvino und sieht Toni und mich noch immer grimmig an. Ich schiele verstohlen zu Toni hinauf, es tut mir leid, dass er jetzt auch noch da mit hinein gezogen wird.

Aaron sagt nichts weiter zu dem Vorfall, stattdessen wendet er sich seiner Tochter zu. Diese schaut mich belustigt an und schmunzelt vor sich hin, bis sie von ihrem Vater eine neue Aufgabe zugeteilt bekommt.
„Robin, hol uns doch bitte zwei Stühle aus der Bibliothek!“ Ob die wohl für mich und Toni bestimmt sind? Das wir uns nach meinem Auftritt von eben setzten dürfen, wundert mich. Die junge Frau nickt verstehend, dann dreht sie sich um und kommt zurück gelaufen. Als sie neben mir durch die Tür gehen will, beschließe ich ihr meine Hilfe anzubieten, um mich für meine Blicke entschuldigen zu können.
„Kann ich beim Tragen helfen?“, frage ich sie und spüre wieder Tonis mahnenden Blick auf mir. Das Sprechverbot habe ich ganz vergessen und bin wohl einmal mehr ins Fettnäpfchen getreten.
Robin dreht sich zu mir um, sie sieht mich überrascht an, anscheinend hat sie nicht damit gerechnet, dass ich mich nach Aarons Aufforderung überhaupt noch traue etwas zu sagen. Schließlich lächelt sie aber und meint:
„Wenn du unbedingt willst!“ Ich erwidere ihr Lächeln und folge ihr, als sie den Raum verlässt. Als wir nebeneinander her durch den Flur gehen, wage ich sie wieder anzusehen, während ich eine Entschuldigung zu formulieren versuche:
„Es … es tut mir leid, dass ich dich so unsittlich angesehen habe, ich habe nur noch nie eine so schöne Frau wie dich gesehen!“ Ihr Lächeln wird breiter während sie mich eingehend mustert.
„Danke!“, sagt sie schließlich und biegt in eines der Zimmer ein, das vom Flur abgeht. Ich folge ihr in einen Raum dessen Decke so hoch ist, das ich ihn auf gut zweieinhalb Metern schätze. Er ist mit Bücherregalen vollgestopft, die sich an den ganzen Wänden entlang erstrecken. An ihnen sind Leitern angebracht, damit man überhaupt an die Bücher in den obersten Reihen heran kommt. Ich bleibe erstaunt stehen und schaue mich um. Auch in der Mitte des Raumes stehen etliche Regale die von beiden Seiten befüllt sind. Ich frage mich wie lange es wohl gedauert hat, diese Sammlung anzulegen. Rechts im Raum steht ein schwarzer Flügel und vor ihm ist ein Hocker mit rotem Samtbezug. Klavierspielen kann Aaron also auch?
„Du starrst ja schon wieder!“, ruft mich Robins belustigte Stimme aus meinen Gedanken zurück. Ich schaue sie verlegen an und laufe schnell zu ihr. Sie ist neben einem runden Tisch stehen geblieben, auf dem etliche Bücher verteilt liegen, die wohl erst kürzlich gelesen wurden sind und um den herum sechs Stühle stehen. Einen hat sie an der Lehne gepackt, während sie mich fragend auffordert:
„Ich dachte du wolltest mir helfen?“ Ich nicke eifrig und nehme mir einen der Stühle, dann muss ich mich trotzdem noch einmal umsehen.
„Wie viele Bücher sind das?“, frage ich gerade heraus. Nun sieht sich auch Robin im Raum um, sie zuckt ratlos mit den Schultern, als sie mir antwortet:
„Das weiß ich nicht genau, um die 10. 000 bestimmt.“
„Wovon handeln die alle?“, ist meine nächste Frage.
„Über alles mögliche von Weltgeschichte bis klassische Literatur!“
„Hast du sie alle gelesen?“ Staunend sehe ich von den Bücherregalen zu Robin.
„Die meisten, ja!“ Ist das ihr Ernst?
„Wirklich?“, frage ich fassungslos.
„Ja, sie gehörten meiner Mutter“, beginnt Robin zu schwärmen, ihr Blick streift liebevoll jedes einzelne Buch, während sie mir erzählt, „Sie war schon schwer krank, als ich noch ein Kind war, sie wusste das sie sterben muss und hat für uns in jedem Buch eine kleine Nachricht hinterlassen. Kurz bevor sie starb, hat sie uns gesagt, dass wir einen Schatz finden werden, wenn wir in den Büchern lesen und alle Nachrichten zusammenfügen.“
„Und habt ihr diesen Schatz inzwischen gefunden?“, frage ich neugierig.
„Ja, in jedem Wort von ihr, in dem sie über ihren Tod hinaus noch bei uns ist!“, erklärt sie mir. Ich brauche einen Moment, um die Metapher zu verstehen, habe ich mir doch einen Schatz aus Edelsteinen und Gold vorgestellt, aber wahrscheinlich sind die aufgeschriebenen Gedanken eines geliebten Menschen, der sterben musste, sehr viel wertvoller. Ich muss automatisch an meinen Bruder denken und dran, ob er überhaupt noch am Leben ist. Wir sind im Streit auseinander gegangen und wenn er nicht mehr lebt, habe ich nichts mehr von ihm, was mich an ihn erinnern würde, nicht einmal ein Foto, die sind alle mit unserem Haus verbrannt. Finster sehe ich vor mich hin, bis Robin mich schließlich auffordert.
„Komm, wir bringen die Stühle ins Arbeitszimmer, mein Vater wartet sicher schon auf uns.“ Ich nicke nur beiläufig und hebe den Stuhl an, um ihn zu tragen und mit Robin zurück zu den anderen zu gehen.

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Nur wer die Hölle kennt, weiß den Himmel zu schätzen.


Zuletzt von Enrico am Mo Jun 25, 2012 6:14 am bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: ??. Kapitel ~Jetzt kann nur noch Aaron helfen~   So Jun 24, 2012 9:37 am

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Zuletzt von Enrico am Mo Jun 25, 2012 6:15 am bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: ??. Kapitel ~Jetzt kann nur noch Aaron helfen~   So Jun 24, 2012 10:21 am

Wollt dir nur mal eben schreiben, dass ich es gelesen habe.
Du und deine Art.
Calvino fand dich am Anfang noch einwenig na ja, ungehobelt, aber das wurde mit der Zeit besser. Aber er hat sich auf meinen Menschenverstand verlassen und wusste daher, dass ich ihm keinen Idioten angeschleppt habe.
Er fand auch immer, dass du ein recht aufmerksamer Betrachter warst. Etwas was sehr wichtig ist, besonders in solchen Kreisen. Beobachte dein Umfeld und lerne.
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BeitragThema: Re: ??. Kapitel ~Jetzt kann nur noch Aaron helfen~   So Jun 24, 2012 12:28 pm

Ja, beobachten kann schon hilfreich sein, aber ich habe mich schon ziemlich unsicher am Anfang in diesen Kreisen bewegt. Ein Wunder, dass ichs später so weit gebracht habe. So hier dann mal das Ende dieses Kapitels. Ich habe es nicht noch mal überarbeitet, muss ich morgen mal in Ruhe machen. Ist sicher noch einiges an Fehlern drin:

Als wir das Arbeitszimmer erreichen, stellt Robin den mitgebrachten Stuhl vor der Wand ab, an der Toni lehnt. Ich stelle meinen daneben und merke erst jetzt, dass wir gar keinen Stuhl für Robin mitgebracht haben, ich will sie gerade darauf ansprechen, doch sie ist schon auf dem Weg zum Schreibtisch ihres Vaters und setzt sich auf dessen rechte Kannte, sie schlägt die Beine übereinander und sieht sehr geübt dabei aus. Ob sie wohl immer dort sitzt? Ich zucke mit den Schultern und setzte mich neben Toni, der schon auf einem der beiden Stühle platz genommen hat, dann frage ich ihn:
„Und, wird er uns helfen?“
„Weiß ich noch nicht, Calvino hat ihm bisher nur unsere Situation geschildert, jetzt verhandeln sie über den Preis.“
„Was springt also für mich dabei heraus, wenn ich euch helfe?“, höre ich Aaron sagen. Er steckt sich eine Zigarre an und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. In diesem Moment erinnert er mich an Calvino. Er ist also doch ein Geschäftsmann und kein Wohltäter. Meine Hoffnung schwindet, während ich die beiden Männer reden höre. Ich balle meine Hände auf meinen Knien zu Fäusten zusammen und überlege genau so wie Calvino, was wir haben und Aaron brauchen könnte.
„Ich habe nicht viel, dass ich dir anbieten könnte. Geld hast du genug und Männer auch. Uns würde schon eine Information reichen, die du uns der Freundschaft wegen überlässt.“
„Wissen ist Macht Calvino und teuer.“
„Also weißt du etwas?“ Aaron zieht an der Zigarre und pafft ihren Rauch wieder heraus, während er das Streichholz löscht, mit dem er sie angezündet hat. Er wirkt nicht mehr, wie der warmherzige Mann von eben, er ist auf einmal kalt und berechnend. Mir kommen die Tränen bei dem Gedanken, dass er etwas weiß und wir nicht die Mittel haben, den Preis für diese Information zu zahlen. Ich zwinge meinen Blick auf den Boden und versuche die Tränen zurück zu kämpfen, doch es will mir nicht gelingen. Wenn das so weiter geht, werde ich meinen Bruder nie wieder sehen, uns läuft die Zeit davon und diese hohen Männer diskutieren über Finanzen, während mein Bruder wahrscheinlich gerade ermordet wird.
„Du kennst mich Calvino, ich bin über alles bestens informiert. Ich habe von einem Mann gehört der derzeit von den Drachen festgehalten wird, weil er Informationen über den Mörder von Denijel haben soll!“ Darum geht es als? Die Drachen suchen nach mir und vergreifen sich deswegen an meinem Bruder? Spätestens jetzt kann ich nicht mehr still sein. Ein Tränenmeer überflutet meinen Blick, während ich mir ein Schluchzen nicht verkneifen kann. Ich spüre Tonis Hand auf meinem Handrücken, er sieht mich eindringlich an, doch ich schaffe es nicht mich zu beruhigen.
„Das klingt nach unserem Mann, was willst du für die Information haben, wo ...“, setzt Calvino die Verhandlungen fort, doch ich falle ihm ins Wort. Unter Tränen bitte ich Aaron:
„Ich habe nichts, was ich ihnen anbieten könnte. Wir haben kein Geld und keinen Einfluss. Wir sind hier her gekommen, weil sie meine letzte Hoffnung sind. Diese Kerle haben meinen Bruder und das alles ist nur meine Schuld. Ich will ihn doch einfach nur zurück haben, dafür würde ich alles tun, was ihr verlangt! Er ist alles was mir noch geblieben ist. Bitte, sie müssen uns einfach helfen!“ Ich wage es nicht meinen verheulten Blick zu erheben, während ich bei den Gedanken an Raphael immer tiefer auf meine Knie sinke. Wieder spüre ich alle Blick auf mir ruhen, doch diese Mal stört es mich nicht, sie sollen ruhig meine Verzweiflung sehen, wenn es hilft, dass sie ihre dummen Geschäfte vergessen und mir helfen. Einen Moment lang herrscht schweigen, dann ist es Aaron der wieder zu sprechen beginnt:
„Robin bringe Calvino und seinen Begleiter ins Büro und wartet dort auf uns, ich kümmere mich um den Jungen!“ Was er wohl damit meint, mich überkommt ein ungutes Gefühl allein mit dem Chef bleiben zu müssen, doch ich schaffe es nicht mehr meine Tränen unter Kontrolle zu bringen.
Ich spüre Tonis Hand auf meinem Rücken, er flüstert mir zu, während er aufsteht:
„Mach bitte nicht wieder was dummes!“ Seine Worte machen es nicht besser, ich habe keine Ahnung, wie man mit einem Mafiaoberhaupt verhandelt und fühle mich nicht wohl dabei, ohne Toni hier bleiben zu müssen. Während mein Freund, Calvino und Robin das Zimmer verlassen, wage ich nicht aufzusehen, immer mehr Tränen fallen mir auf die Oberschenkeln und machen meine Hosenbeine nass. Ich höre Aarons Schritte näher kommen, als Robin die Tür nach sich schließt. Er bleibt vor mir stehen, dann wird es still um uns herum, trotzdem scheint seine schiere Anwesenheit den Raum auszufüllen. Vergeblich versuche ich mich wieder unter Kontrolle zu bringen und mein Schluchzen zu unterdrücken, doch in dieser bedrohlichen Stille, will es mir nicht gelingen. Ich bin mir nicht mehr sicher, warum ich eigentlich weine, wegen Raphael oder weil ich dieses Schweigen nicht aushalte. Schließlich spüre ich Aarons Hand auf meiner Schulter, erschrocken sehe ich auf und in sein Gesicht. Er hat ein gutmütiges Lächeln aufgesetzte, das selbe, mit dem er Calvino begrüßt hat. Ist er denn gar nicht wütend auf mich und darauf, wie ich mich in seinem Hause benehme? Ich bin mir fast sicher, dass es hier nie jemand wagt die Beherrschung zu verlieren und unaufgefordert zu sprechen beginnt.
„Setzt dich zu mir, wir trinken einen zusammen, dann spricht es sich leichter und du kannst mir erzählen, was passiert ist!“, schlägt er mir vor, dann nimmt er seine Hand von meiner Schulter und wartet auf eine Reaktion von mir. Ich brauche einen Moment, um mich wieder zu fangen. Ist das sein ernst? Ich soll ihm meine Geschichte erzählen? Hat jemand, wie er, überhaupt Zeit für so etwas? Das aufmunternde Lächeln in Aarons Gesicht bleibt bestehen, ich gebe mir einen Ruck und wische mir mit dem Handrücken über die Augen, erst dann stehe ich auf.
„Okay!“, erkläre ich mich bereit, mich zu Aaron zu setzen, dieser geht voraus und bleibt neben dem Globus stehen. Ich folge ihm und setze mich in den Sessel, in dem zuvor Calvino gesessen hat. Er ist noch warm und so groß, dass ich mir darin verloren und klein vorkomme. Aaron öffnet den Globus und nimmt zwei Whiskygläser aus ihm heraus. Eines stellt er vor mir ab, das andere behält er in der Hand. Erst jetzt kann ich erkennen, dass der Globus als eine Art Minibar fungiert, ich ringe mir ein Lächeln ab, habe ich doch gewusst, dass es nicht einfach nur ein normaler Globus ist. Aaron wirft mit einer Zange in jedes Glas drei Eiswürfel, dann füllt er sie bis zur Hälfte mit Scotch. Ich sehe ihm irritiert dabei zu. Bis jetzt hat mir noch nie jemand Alkohol angeboten und schon gar nicht so hochprozentiges Zeug. Ich bin ja auch gerade erst 15 Jahre alt, aber in diesen Kreisen scheint das keine Rolle zu spielen. Als Aaron die Flasche in den Globus zurück stellt und ihn wieder schließt, nehme ich das Glas an mich und stelle es in meinem Schoss ab. Ich bin froh mich an etwas festhalten zu können, auch wenn ich mir noch nicht sicher bin, ob ich den Scotch wirklich trinken will. Aaron nimmt mir gegenüber platz, er nimmt einen Schluck aus seinem Glas und sieht mich auffordernd an, während er sagt:
„Ich habe dich schon die ganze Zeit beobachtet, du scheinst mir ein netter Junge zu sein. Du passt hier nicht her. Sag mir also, wie du dazu kommst für einen Mann wie Calvino zu arbeiten!“
Ich habe doch gespürt, dass er die ganze Zeit ein Auge auf mich hat und seine Beobachtungsgabe ist ausgezeichnet. Ich seufze schwer und bin mir nicht sicher, ob ich ihm wirklich meine Geschichte erzählen soll. Was würde mir wohl Toni in so einem Moment raten? Sicher würde er sagen, dass ich nur das nötigste preis geben soll, dass nehme ich mir auch vor, doch es will mir schon zu Beginn nicht gelingen. In Aarons Nähe überkommt mich ein Gefühl von elterlicher Fürsorge, die ich so noch nie gekannt habe. Ich vergesse wer er ist und schütte ihm einfach mein Herz aus:
„Ich bin an allem Schuld, nur meinetwegen haben die Drachen meinen Bruder entführt. Sie wollen eigentlich mich!“ Aaron sieht mich ruhig an, doch etwas in seinem Blick verändert sich. Er mustert mich von neuem, als wenn er etwas in mir sehen kann, dass gar nicht da ist.
„Was meinst du damit?“, fragt er. Ich zögere kurz. Ob ich ihm wirklich sagen soll, was ich getan habe? Ich trage diese Schuld schon so lange mit mir herum, ohne darüber sprechen zu dürfen, dass es einfach aus mir heraus platzt:
„Ich bin der Mörder von Denijel!“ Aarons Augen weiten sich, für einen Moment scheint er seine Fassung zu verlieren, seine Lippen formen Worte, doch er bleibt stumm, während ich einfach weiter erzähle:
„Ich habe Toni dabei beobachtet, wie er einen Mann getötet hat. Mein Bruder wollte, dass ich zur Polizei gehe und daraufhin hat Toni den Auftrag bekommen auch mich zu töten. Ein Zeuge darf nicht überleben, aber wir sind doch Freunde und Toni hat es nicht übers Herz gebracht mich zu töten. Dann kam dieser Denijel dazu und wollte die Sache für Toni regeln. Toni hat versucht mich wegzuschicken, ich sollte ohne ihn fliehen, aber ich konnte meinen Freund doch nicht im Stich lassen. Ich bin nicht geflohen, ich wollte ihm helfen. Ich hab mir das Gewehr genommen und habe gehofft der Mann verschwindet dann, doch er hat mich nicht mal ernst genommen. Er hat seine Pistole gezogen und wollte mich erschießen, dann habe ich einfach abgedrückt. Ich wollte ihn nicht töten, ich wollte nur dass er uns in Ruhe lässt und jetzt ist die ganze Stadt hinter uns her. Diese Schweine haben meinen Bruder und ich weiß nicht, was sie mit ihm machen werden, um herauszufinden, wo ich bin. Bitte, ich weiß nicht was ich tun soll, wenn Raphael etwas passiert!“ Immer mehr Tränen fallen mir von den Wangen, ich bringe kein weiteres, verständliches Wort mehr heraus und schweige einfach. Aaron sieht mich die ganze Zeit an, ohne ein Wort zu sagen, er hat seine Fassung längst wiedergefunden und ich kann in seinem Gesicht nicht eine Gefühlsregung ablesen. Er braucht eine gefühlte Ewigkeit bis er endlich das Schweigen unterbricht:
„Das ist wirklich interessant! Jetzt wird mir so einiges klar!“ Was wird ihm klar? Aaron schweigt erneut und ich bringe nicht mehr den Mut auf, noch ein Wort an ihn zu richten. Er erhebt sich schließlich aus seinem Sessel und geht um den Schreibtisch herum. Sein Glas nimmt er mit und genehmigt sich noch einen Schluck, der das Glas leert, bevor er neben mir stehen bleibt. Er dreht den Sessel zu sich um, bis ich ihn direkt ansehen kann. Überrascht sehe ich in die nussbraunen Augen und die markanten Gesichtszüge, als er wieder zu sprechen beginnt:
„Wenn ich dir sage, wo du deinen Bruder finden kannst, wie weit würdest du dann gehen, um ihn zu retten?“ Meine Tränen versiegen, während ich Aarons Frage lausche, ich spüre wie mein Entschluss, den ich zuvor gefasst habe, erneut in mir aufsteigt. Ich wische mir die Tränen aus dem Gesicht und sehe zu dem großen Mann auf.
„Ich würde für ihn über Leichen gehen!“, sage ich ihm entschlossen.
„Und wenn du dabei erschossen wirst!“
„Das wäre es mir wert!“, entgegne ich Aaron ohne groß darüber nachdenken zu müssen. Raphael ist mir der wichtigste Mensch auf der Welt, wenn ihm etwas zustieß ist mir auch egal, was aus mir wird. Aaron mustert meinen zu allem entschlossenen Blick, dann beugt er sich zu mir, er nimmt mir das Glas aus der Hand, in dem bereits die Eiswürfel geschmolzen sind. In einem Zug trinkt er es leer, dann holt er tief Luft, bevor er mich wissen lässt:
„Das wollte ich hören, na dann wollen wir mal!“ Ich sehe ihn überrascht an. Hieß das, er wird mir sagen, wo sie Raphael gefangen halten? Er legt mir die Hand auf den Rücken und bedeutet mir damit, dass ich aufstehen soll. Ich komme seiner stummen Aufforderung nach und erhebe mich. Als ich endlich stehe, legt er seinen Arm über meine Schulter und schiebt mich ein Stück in Richtung Tür.
„Dann wollen wir mal sehen, ob wir was für deinen Bruder tun können!“, meint er ausgelassen, als wenn wir einen Spaziergang vor uns hätten, mir ist bewusst dass das gespielt ist, aber seine lockere Art macht mir Mut, hoffentlich kommen wir nicht längst zu spät.

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