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 3. Kapitel ~Es ist noch zu früh~

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Enrico
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BeitragThema: 3. Kapitel ~Es ist noch zu früh~   3. Kapitel ~Es ist noch zu früh~ EmptyMi Feb 03, 2016 3:04 pm

3. Kapitel
~Es ist noch zu früh~


Sie muss eingeschlafen sein, denn als sie die Augen öffnet, liegt sie ausstreckt auf dem Sofa. Eine weiche Wolldecke hüllt sie ein, das Feuer im Kamin ist bereits erloschen, nur leichte Glut glimmt, wo vorher noch ein heißes Feuer loderte.
Irgendjemand betrachtet sie, Judy spürt deutlich einen Blick auf sich. Verschlafen sieht sie sich um und versucht sich aufzurichten.
„Bleib ruhig liegen!“, fordert eine sanfte Stimme. Auf dem Sessel, ihr direkt gegenüber, sitzt eine Frau von Mitte Dreißig. Sie lächelt beruhigend. Ihr langen blonden Haare trägt Susen, wie immer, in einem Pferdeschwanz zurückgebunden. Judy atmet auf und lässt sich ins Kissen fallen.
„Wie lange habe ich geschlafen?“, will sie von ihrer Schwester wissen. Die Blondine schaut auf die Uhr.
„Gut fünf Stunden“, erklärt sie. So lange? Judy erschrickt und sieht sich im Raum um. Der zweite Sessel ist verwaist, sie ist mit Susen allein. Wo sind ihre Kinder? Wer hat sich die letzten Stunden um sie gekümmert? Wie konnte sie nur einschlafen? Dieses verdammte Mittel! Judys Atmung geht ruckartig, ein starkes Stechen ergreift von ihrem Unterleib Besitz und lässt sie laut stöhnen. Reflexartig greift sie sich an den Bauch. Das Baby darin bewegt sich, es tritt und boxt energisch. So unruhig ist es sonst nicht.
Susens Blick wird besorgt, sie drückt sich aus dem Sessel und kommt um den Couchtisch herum, sie schlägt die Decke zurück und tastet ihren Bauch ab.
„Ist was mit dem Baby?“, will die werdende Mutter panisch wissen. Diese Schmerzen sind doch nicht normal. Susens Mine bleibt besorgt und wird immer verbissener, je länger sie den Bauch untersucht.
„Du hast schon Wehen“, erklärt sie schließlich. Judy Gesicht verliert an Farbe. Jetzt schon? Das ist viel zu früh. Wenn das Baby jetzt auf die Welt kommt, wird es das vielleicht nicht überleben.
„Es ist noch viel zu früh!“, keucht sie entsetzt.
„Ja, und es liegt auch nicht mit dem Kopf unten.“ Judy schluckt schwer. Eine Steißgeburt? Wie groß sind die Überlebenschancen des Kindes, wenn es auch noch so auf die Welt kommen muss. Panisch sieht sie auf ihren Bauch, das Herz trommelt ihr hart gegen die Brust und macht das Stechen in ihrem Bauch noch stärker.
Susen legt ihre warme Hand um die Wange der Schwester, sanft sieht sie sie an und sagt ruhig: „Keine Sorge, das wird schon. Die Wehen sind nur ganz schwach, wenn du dich ausruhst, werden sie sicher aufhören. Versuch dich zu entspannen.“ Wie soll sie sich denn entspannen, nach allem was passiert ist? Vergeblich versucht Judy tief durch zu atmen. Susen setzt sich zu ihr auf das Sofa, das Lächeln schwindet aus ihrem Gesicht. Sie nimmt die Hand der Schwester und drückt sie fest. Wortlos betrachtet sie den Sessel, der dem Kamin am nächsten ist. Dort, wo immer ihr Vater gesessen hat, ist es nun leer. In Judy steigen Tränen auf, heiß laufen sie ihr über die Wange.
„Vater ist tot“, flüstert sie mit erstickender Stimme.
„Ich weiß, Rene hat es mir erzählt“, sag Susen ruhig und gefasst. Die Mutter sieht sich im Raum um.
„Wo sind meine Kinder?“, will sie wissen.
„Sie vergraben mit Raphael die Hunde im Garten. Amy hat sich das gewünscht.“ Judy drück sich ein Stück hinauf, bis sie über die Lehne hinweg schauen kann. Durch die Verandatür hindurch, kann sie in den Garten sehen. Dort stehen tatsächlich Rene und Amy mit dem Mann ihrer Schwester. Sie haben bereits zwei große Löcher ausgehoben. Ihre Tochter hält einen Strauß Gänseblümchen in der Hand und legt sie in eines der Gräber. Rene schüttet das Loch anschließend mit Erde zu. Beide Kinder haben Tränen in den Augen. Raphael hilft dem Jungen. Mit einer zweiten Schaufel klopft er die Erde fest, die Rene aufgehäuft hat. Traurig beobachtet sie ihre Kinder noch einen Moment lang, dann lässt sie sich kraftlos ins Kissen fallen. Ein Glück, dass er und ihre Schwester hier sind und sich um die Kinder kümmern. Sie hat nicht die Kraft dafür.
„Was ist denn passiert?“, traut sich Susen kaum zu fragen. Ihre Stimme bebt, sie knetet die Finger ihrer rechten Hand.
„Ich weiß es nicht. Als ich heim kam, war schon die Polizei und ein Krankenwagen hier. Sie haben Jester weggebracht und Vater“, Judy verstummt. Der Anblick des getöteten Vaters taucht in ihren Gedanken auf. Neue Tränen brennen sich ihre Wangen hinab.
„Irgendwann musste das ja mal passieren, bei all seinen finsteren Machenschaften“, sagt Susen emotionslos.
Fassungslos betrachtet Judy sie.
„Deine Mutter musste auch deswegen sterben“, fügt Susen bitter an. Judy schluckt schwer, das will sie nicht hören, daran will sie sich nicht erinnern. Schlimm genug, dass sie alle eine andere Mutter haben, aber warum müssen sie auch noch die Töchter eines Mafiabosses sein? Eine unaufhörliche Flut an Tränen überwältigt sie und lässt sie laut schluchzen.
Die Schwester dreht sich zu ihr, entschuldigend sieht sie sie an und streichelt ihren Handrücken.
„Tut mir leid“, säuselt sie.
„Enrico wurde verhaftet!“, bricht es aus der Mutter heraus. Erschrocken sieht Susen sie an.
„Hat er etwa ...?“, will sie wissen und verschluckt sich an den folgenden Worten.
„Ich weiß es nicht!“ Judy wirft das Gesicht in beide Hände und weint bitterlich. Susen nimmt die Schwester in den Arm und drückt sie eng an sich. Beruhigend streichelt sie ihr den Rücken, doch Judy weint nur noch bitterlicher.

Die Verandatür öffnet sich. Raphael kommt mit den Kindern herein. Er streift sich die Schuhe von den Füßen. Als er die Schwägerin so bitterlich weinen sieht, kommt er zum Sofa.
„Was ist denn los?“, will er wissen. Amy und Rene ziehen sich ebenfalls die Schuhe aus, dann klettern sie zu ihrer Mutter und betrachtet sie sorgenvoll.
„Dein Bruder!“, schimpft Susen finster.
„Was ist mit Enrico?“
„Er hat unseren Vater auf dem Gewissen!“
„Blödsinn!“ Abwehrend verschränkt Raphael die Arme vor der Brust und sieht die beiden Frauen kritisch an.
„Der Polizist hat gesagt, er wars“, brummt Rene und sieht finster vor sich hin. „Ich habe schon immer gewusst das er böse ist“, fügt er hinzu. Judy betrachtet den Sohn ungläubig. Seine Worte tun ihr weh, heftig schluchzt sie. Was, wenn das Kind recht hat? Hat ihr Mann wirklich diese schreckliche Tat begangen? Je länger sie darüber nach denkt, um so weniger kann sie an seine Unschuld glauben. Er hat schon so viele schreckliche Dinge getan, warum sollte er davor zurückschrecken?
„Jetzt macht aber mal halblang! Was sollte Enrico denn für einen Grund dazu haben?“ Susen erhebt sich, wüten tritt sie ihrem Mann entgegen.
„Was weiß ich. Die Beiden haben sich doch ständig gestritten. Wer weiß, was sie wieder für krumme Geschäfte ausgeheckt haben und was deinem Bruder daran nicht gepasst hat.“
„Jetzt hör aber auf! Du kennst meinen Bruder doch. Er würde niemals ...“, versucht Raphael dagegen zu halten.
„Eben drum, ich kenne ihn gut genug. Wie viele Menschen hat er schon auf dem Gewissen? Würdest du für ihn wirklich deine Hand ins Feuer legen?“ Raphael knirscht mit den Zähnen und sieht unter dem Blick seiner Frau hinweg.
„Hört auf!“, ruft Judy energisch, „Er ist immer noch meine Mann und der Vater meiner Kinder.“
Susen atmet tief durch und versucht ihre Wut hinunter zu schlucken, doch ihr Gesicht ist noch immer rot vor Zorn.
„Was hat die Polizei den genau gesagt?“, will Raphael wissen.
„Das er mit der Tatwaffe in der Hand überwältigt wurde“, berichtet Judy kleinlaut. Raphaels Blick wird finster, er sieht auf den Boden. Sein verschränkte Haltung verkrampft sich weiter.
„Das kann nicht sein. Er liebte Aaron, wie seinen eigenen Vater“, murmelt er vor sich hin und schüttelt immer wieder mit dem Kopf.
„Eindeutiger geht es ja wohl nicht!“ Susen betrachtet ihren Mann wütend.
„Papa ist nicht böse, er hat Opa nichts getan! Jester hat das auch gesagt!“, quietscht Amy. Ihre zierliche Stimme ist so laut, das sie die Erwachsenen übertönt. Schon lange hat sie nicht mehr so energisch gesprochen, dass sie nun von allen entgeistert angeschaut wird. Mit Tränen in den Augen blickt das Kind umher.
„Ihr seit gemein, so was zu sagen!“, schimpft sie und hüpft vom Sofa. Laut schniefend rennt sie zur Tür und aus dem Wohnzimmer. Während ihr alle wie versteinert nach schauen, ist es nur Rene, der vom Sofa klettert.
„Ich geh ihr nach“, seufzt er und läuft der Schwester mit langsamen Schritten hinterher. Seine Hände steckt er in den Taschen seiner Hose, während er im Flur verschwindet.
„Wir sollten das nicht vor den Kindern besprechen“, sieht Susen ein. Die Wut ist aus ihrem Gesicht verschwunden.
„Ich kümmere mich um die beiden“, schlägt ihr Mann vor. Dankend nickt Judy ihm zu. Sie fühlt sich nicht in der Lage aufzustehen. Immer noch sticht es in ihrem Bauch. Der Streit und die Traurigkeit, haben die Wehen noch angefacht. Immer wieder atmet sie tief durch. Sie muss sich beruhigen. Das Kind darf jetzt noch nicht zur Welt kommen. Keuchend legt sie sich hin. Mit jeden neuen tiefen Atemzug, lassen die Schmerzen ein wenig nach. Verzweifelt schaut sie an die weiße Decke und versucht alle Gedanken zu verdrängen. Es hört auf, das Pochen ebbt ab. Es ist wohl wirklich nur die Aufregung. Wenn sie sich ausruht, dann wird alles gut, redet sie sich ein.
„Alles okay?“, will ihre Schwester wissen. Sie setzt sich zu ihr und tastet über ihren Bauch.
„Es muss!“, presst sie hervor.
„Tut mir leid, ich sollte dich nicht auch noch stressen.“
„Schon gut, ich bin auch wütend und weiß nicht, was ich davon halten soll.“
„Wir bleiben die nächsten Tage hier. Wir kümmern uns um die Kinder. Heute Nacht schläfst du dich aus und morgen fahren wir aufs Polizeipräsidium und sehen, ob wir dort mehr erfahren.“ Judy schüttelt nur müde den Kopf. Sie schließt die Augen und versucht den wirren Gedanken aus dem Weg zu gehen. Jetzt zählt erst mal nur, das ungeborene Kind in ihrem Bauch. Um ihren Mann, kann sie sich kümmern, wenn es gesund zur Welt gekommen ist.
„Ich will ihn nicht sehen“, murmelt sie. Susen streichelt ihr sanft den Bauch. Das Kind darin bewegt sich nicht mehr so stark. Mit dem Gedanken, ihrem Mann aus dem Weg zu gehen, geht es ihr besser.
„Okay!“, akzeptiert Susen ihre Entscheidung. Judy atmet noch einmal durch. Soll sich doch ihr Schwager um seinen missratenen Bruder kümmern, sie hat genug von diesen verdammten Gangstern und Ganoven und ganz besonders von ihrem Mann.

Das Telefon im Flur klingelt. Die Schwestern sehen gleichermaßen erschrocken aus dem Zimmer in den Flur, schließlich ist es Susen, die sich erhebt.
„Ich geh schon.“ Judy nickt ihr dankbar zu und bettet ihren Arm über den Augen. Sie sollte schlafen, wenigstens ein bisschen. Mit geschlossenen Augen lauscht sie den Schritten der Schwester, die im Zimmer verhallen. Wenig später nimmt sie den Höher ab und meldet sich: „Bei Longhard!“ Stille, dann spricht sie weiter, „Nein, die ist gerade unabkömmlich, ich bin ihre Schwester, warum geht es denn?“ Lange Zeit ist nichts zu hören, nur Susens Atmung wird immer schneller. Judy kann sie bis ins Wohnzimmer hören. Irritiert schaut sie auf. Die Schwester steht am kleinen Schränkchen, den Hörer hält sie fest umschlungen, ihre linke Hand krallt sich in das weiße Häckeldeckchen, das unter dem Apparat liegt. Starr schaut sie vor sich hin. Ihre Lippen zittern, ihr Gesicht wird kreidebleich.
„Ich ... ich werde es weiter leiten“, haucht sie in den Höher und legt auf. Mit beiden Händen stützt sie sich auf das Schränkchen und starrt weiterhin ins Leere.
„Susen! Wer war das?“, will Judy wissen. Die Schwester sieht erschrocken in ihre Richtung. Sie schluckt schwer und vergisst zu antworten. Ein dicker Kloß bildet sich in Judys Hals.
„Susen?“, harkt sie energisch nach, doch wieder schweigt die Schwester. Erst als ihr Mann im Flur auftaucht und zu ihr geht, schaut sie auf.
„Was ist los?“, versucht er in Erfahrung zu bringen. Susen flüstert, doch Judy kann sie trotzdem verstehen: „Dein Bruder liegt im Krankenhaus. Die Ärzte wissen nicht, ob er die Nacht überlebt. Wenn wir ihn noch mal sehen wollen, sollen wir sofort vorbei kommen.“
Judy will aufstehen, will sich das erklären lassen. Sie zwingt sich an den Rand des Sofas. Als sie die Beine hinab streckt, zieht sich ihr Bauch krampfhaft zusammen. Der plötzliche Schmerz lässt sie zusammen fahren, sie verliert den Halt und rutscht vom Sofa. Schreien fällt sie in den Spalt zwischen Tisch und Couch, schwer atmend, bleibt sie liegen und krümmt sich zusammen. Nein, das sind keine leichten Wehen mehr, dafür ist es zu schlimm. Das sind Presswehen!
Der heftige Schmerz lässt sie laut aufschreien. Eilige kommt das Ehepaar ins Wohnzimmer gelaufen. Als sich Susen zu ihr hinab beugt, keucht Judy: „Das Baby kommt!“
Susen tastet nach ihrem Bauch, ihr Blick versteinert.
„Raphael, hole die Kinder, wir müssen sofort ins Krankenhaus“, befiehlt sie.

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Nur wer die Hölle kennt, weiß den Himmel zu schätzen.
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