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 6. Kapitel ~Nicht willkommen~

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Enrico
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BeitragThema: 6. Kapitel ~Nicht willkommen~   Di Feb 09, 2016 10:05 am

6. Kapitel
~Nicht willkommen~

Ich bin froh, als wir endlich das andere Ende des Krankenhauses erreichen und Jan sagt: „Da vorn, die zweite Tür rechts.“ Meine Hand habe ich noch immer auf den feuchten Verband gepresst, doch obwohl ich sitze, kann ich das Pochen in der Wunde noch viel zu deutlich spüren. Spätestens wenn ich wieder in meinem Bett liege und deswegen nicht schlafen kann, werde ich das mächtig bereuen, aber ich will sie sehen und mich davon überzeugen, dass sie in guten Händen ist. Als wir endlich die beschriebene Tür erreichen, öffnet sie sich gerade. Susen, ist es, die uns entgegen kommt und mich entsetzt ansieht, als sie mich erkennt.
„Was machst du denn hier?“ Ihr Blick gleitet an mir vorbei zu Jan und den beiden Gorillas. „Und ihr? Seid ihr verrückt geworden, ihn aus dem Bett zu holen?“
„Hey, er ist selbst aufgestanden. Hätte ich ihm nicht geholfen, wäre er auf allen Vieren hier her. Du kennst ihn doch“, verteidigt sich mein Fahrer. Ihr Gespräch interessiert mich nicht. Ich schaue an Susens Gestalt vorbei und versuche einen Blick in den Raum zu erhaschen, doch sie schließt die Tür. Verwirrt und zunehmend wütend, schaue ich zu ihr auf.
„Den Weg hättet ihr euch sparen können, sie braucht Ruhe!“ Susens strenger Blick richtet sich auf mich. „Sie will dich sowieso nicht sehen!“
„Erzähl keinen Mist! Geh zur Seite!“, fordere ich finster. Ich hab keine Lust zu diskutieren. Bevor mir der verdammte Schmerz die Sinne raubt, will ich zu meiner Frau.
„Hast du mir nicht zugehört? Sie braucht Ruhe, besonders vor dir.“ Ich atme durch und sehe meine Schwägerin durchdringend an. Schweiß rinnt mir von der Stirn und brennt mir in den Augen, trotzdem sehe ich nicht weg. Keuchend fordere ich: „Susen! Ich hab wahnsinnige Schmerzen! Ich habe einen Weg vom anderen Ende des Krankenhauses, bis hier her, hinter mir. Reiz mich nicht und geh zur Seite, bevor ich mich vergesse!“ Wir liefern uns ein stummes Gefecht, bis sie schließlich seufzt und die Arme verschränkt.
„Fünf Minuten!“, gestattet sie mir und tritt bei Seite.
„Jan, weiter!“, weiße ich den Polizisten an. Er schmunzelt und zuckt mit den Schultern.
„Zwecklos, nicht wahr?“, richtet er sich an Susen und öffnet die Tür, er schiebt mich in den Raum dahinter. Die beiden Gorillas bleiben vor der Tür zurück und beziehen dort Stellung. Das Seufzen meiner Schwägerin verliert sich hinter uns, ihre Schritte entfernen sich. Ein Glück sind wir sie los.

Vor uns öffnet sich ein langer Saal, rechts und links stehen überall Betten, die mit Vorhängen voneinander abgetrennt sind. Am anderen Ende, vor den einzigen beiden Fenstern im Raum, steht ein einfacher Holztisch mit vier Stühlen drum herum. Drei Frauen sitzen dort und unterhalten sich. Sie blicken nur kurz in unsere Richtung. Das Gesicht meiner Frau ist nicht unter ihnen. Ich schaue von einem Bett zum nächsten und kann sie zunächst in keinem finden. Erst mein Bruder gibt mir einen Anhaltspunkt. Er sitzt vor dem letzten Bett im Raum, an der linken Wand. Leise unterhält er sich und lächelt immer wieder sanft. Sie haben uns noch gar nicht bemerkt. Ich deute in ihre Richtung und Jan läuft los.
Erst jetzt sieht Raphael zu uns. Seine entspannten Gesichtszüge verhärten sich, mahnend mustert er mich, ihm liegt schon ein Tadel auf den Lippen, während er sich vom Stuhl hoch drückt.
„Sag nichts!“, komme ich ihm zuvor und schaue auf das Bett. Die Decke reicht meiner Frau bis zum Hals, ihre müden Mandelaugen werden von tiefen Augenringen eingerahmt, ihre sonst ebenen Gesichtszüge sind eingefallen, ihre Hautfarbe noch blasser als gewöhnlich. Die Haare kleben ihr strähnig im Gesicht. Als sie mich kommen sieht, stöhnt sie leise und rollt mit den Augen. Jan schiebt mich zu ihrer Rechten und setzt sich dann auf das Fensterbrett. Mit verschränkten Armen mustert er die Straße vor dem Krankenhaus.
„Warum bist du hier? Hat Susen dir nicht gesagt, das ich meine Ruhe will?“, sagt sie mit schwacher Stimme. Also war das keine Notlüge von ihrer Schwester gewesen, um mich zurück ins Bett zu schicken?
„Ich wollte dich sehen“, sage ich enttäuscht.
„Raphael“, bittend sieht sie meinen Bruder an. Der nickt und erhebt sich. Verwirrt sehe ich ihm dabei zu, wie er das Bett umrundet und zu mir kommt. Seine Hände legt er um die Griffe des Rollstuhls und dreht mich von ihre Weg. Verstört blicke ich zu meiner Frau zurück, doch sie sieht nicht zu mir, sondern zu Jan. Ihre zitternde Hand greift den Ärmel seiner Dienstjacke.
„Pass auf ihn auf, ja?“, sagt sie.
Jan nickt. „Werd's versuchen!“ Er rutscht vom Fensterbrett und kommt uns mit langsamen Schritten nach. Als ich wieder zu meiner Frau sehe, hat sie die Decke bis zur Nasenspitze gezogen und die Augen geschlossen. Es geht ihr scheinbar wirklich nicht gut. Wenn ich nur etwas für sie tun könnte, doch ich schaffe es ja nicht mal, mich gegen meinen Bruder zu wehren, der mich immer weiter von ihr entfernt. Jetzt weiß ich wieder, warum ich Rollstühle so hasse. Egal wie finster ich meinen Bruder auch ansehe, er lässt sich nicht beirren und verlässt den Saal. Seufzend betrachte ich den langen Flur, der in den Trakt für die Männer zurück führt.
„Warum will sie mich nicht sehen?“, frage ich meinen Bruder. Während er mir antwortet, folgen uns die beiden Bodyguards, wie ein übergroßer Schatten.
„Du hast doch gesehen, wie schlecht es ihr geht. In dem Zustand muss sie sich doch nicht auch noch Sorgen, um einen Kindskopf, wie dich machen, oder?“ Irgendwie kann ich ihm diese Antwort nicht glauben, doch mir fehlt die Kraft, ihn noch mal zu fragen. Meinen Arm stütze ich auf die Lehne und bette meinen Kopf in die offene Handfläche. Ich habe kein gutes Gefühl bei der ganzen Sache und betrachte gedankenverloren die Türen und Namensschilder, an denen wir vorbei kommen. Alles Frauennamen.
„Soll ich dich auf die Säuglingsstation bringen?“, will mein Bruder freundlicher wissen. Das Balg sehen, wegen dem es meiner Frau so schlecht geht? Nein danke, für heute habe ich die Schnauze gestrichen voll.
„Nein!“, sage ich nur. Er blickt verwundert auf mich herab.
„Willst du nicht wissen, was es geworden ist?“ Ich schüttle mit dem Kopf. Bei meinem Glück sicher ein Junge, denn ich habe mir ein Mädchen gewünscht.
„Ist mir egal!“, murre ich. Hoffentlich geht es Judy bald wieder besser. So schlecht sah sie nicht mal nach der Geburt der Zwillinge aus.
„Wieso bist du jetzt so bockig?“, will mein Bruder wissen. Ich gebe ihm keine Antwort, ich habe keine Lust mehr zu reden.
„Er hat sich wirklich gequält, bis hier her zu kommen. Warum will Judy ihn nicht sehen?“, entgegnet Jan für mich. Wenigstens einer, der für mich Partei ergreift. Mein Bruder seufzt resigniert, schließlich ringt er sich doch zu einer vernünftigen Antwort durch: „Sie denkt über eine Scheidung nach.“ Entsetzt blicke ich zu ihm auf.
„Was?“, presse ich heraus. Ja, unsere Ehe ist nicht die Beste, wir streiten viel und ich bin noch nie treu gewesen, aber warum jetzt auf einmal?
„Aaron ist tot, es würde euch keiner mehr in der Richtung Vorschriften machen“, fügt Raphael erklärend an. Na toll! Es stimmt zwar, dass wir nur seinetwegen geheiratet haben, weil er wegen Judys erster Schwangerschaft darauf gedrängt hat, aber wir sind jetzt schon ganze acht Jahre verheiratet. Ich habe mich daran gewöhnt.
„Na toll“, seufze ich.
„Hey, noch ist nichts entschieden. Sie denkt nur darüber nach.“ Als wenn das so viel besser wäre. Deswegen will sie also ihre Ruhe vor mir, es könnte ja sein, ich stimme sie noch mal um. Seufzend sehe ich wieder zu den Türen im Gang. Die Namen haben sich verändert. Es sind keine Frauen, sondern Männer, die dort liegen:

Miller Hennry
Conner John
Brown Hannes
Hilton George
Dearing Ed
Blair Jack
Banette Simon

Ich kenne keinen davon. An der nächsten Türen steht nur ein einziger Name:

Antonio Bandel

Mir stockt der Atem. Er ist hier! Ich greife nach der Hand meines Bruders und packe sie fest.
„Halt an!“, fordere ich streng und mit bebender Stimme. Verwirrt stoppt er den Rollstuhl. Ich stemme mich mit beiden Armen auf die Lehnen und versuch mich hoch zu stemmen. Die Hände meines Bruders drücken mich an den Schultern zurück.
„Bleib gefälligst sitzen!“, mahnt er, doch ich schlage seine Hände weg und versuche es erneut. Stöhnend quäle ich mich auf die Beine. Als er mich erneut aufhalten will, schlägt ihm Jan auf den Oberarm und deutet dann auf das Namensschild. Er hat längst begriffen, um was es mir geht. Mein Bruder seufzt ergeben und lässt mich gewähren, jedoch nicht ohne noch einen Tadel loszuwerden: „Zu ihm willst du, aber dein eigenes Kind willst du nicht sehen?“ Das hat er richtig erkannt. Seine Worte sind mir keine Antwort wert, ich habe zu viel damit zu tun, mein eigenes Gewicht zu tragen. Meine Beine zittern, doch ich zwinge sie zum gehorchen. Ich will da rein, ich muss einfach. Er lebt, hämmert es durch meinen Kopf. Aber wie geht es ihm?
„Das wird ihn nicht viel milder stimmen“, murmelt Raphael hinter mir.
„Das befürchte ich auch“, entgegnet Jan.
Ich taumle die wenigen Schritte bis zur Tür und öffne sie. Noch einmal atme ich tief durch, dann schiebe ich sie auf. Das Zimmer dahinter ist klein, nur ein Bett findet dort Platz. Die Vorhänge sind zugezogen, das Auf und Ab eines Luftdruckgerätes ist zu hören. Einen Lichtschalter kann ich nicht sofort finden, also gehe ich die wenigen Schritte bis zum Fenster und ziehe die Vorhänge bei Seite. Helles Tageslicht flutet den Raum, erst jetzt kann ich das Bett in der Mitte richtig erkennen.

Das vertraute Gesicht ist bleich, die schwarzen Haare stumpf. Er hat die Augen geschlossen, aus seinem Mund ragt ein Beatmungsgerät, gleich zwei Tropfe jagen ihren Inhalt in seine Blutbahn. Seine Armbeugen sind mit Blutergüssen übersät. Das sind sicher nicht die ersten Venenzugänge, die ihm gelegt wurden. Um seine linke Hand ist ein dicker Verband gewickelt. Er hat sich mit ihr am Fensterrahmen festgehalten, als er mich vor dem Sturz in die Tiefe bewahrt hat. Eine der Scherben des zerbrochenen Glasdaches, hat sich durch seine Hand gebohrt. Das Bild sticht mir schmerzhaft durch den Kopf, ich versuche es zu verdrängen.
Er rührt sich nicht, scheint nicht mal mitbekommen zu haben, dass ich sein Zimmer mit hellem Tageslicht geflutet habe. Mein Puls beginnt zu rasen, während ich seinen Zustand einzuschätzen versuche. Mit langsamen Schritten halte ich auf die Fußende seines Bettes zu und ziehe die Karteikarte aus dem Fach, das dort angebracht ist. Was er hat und wie es ihm geht, muss dort aufgeschrieben werden. Ich lese die ersten Zeilen, doch ich verstehe die Sprache der Ärzte und Schwestern nicht. Wenn doch nur Susen hier wäre.

In diesem Moment betritt eine junge Frau den Raum, ihre blonden Locken, stehen ihr wie die Mähne eines Löwen vom Kopf ab. Sie trägt eine Vase mit Blumen in der Hand. Als sich unsere Blicke treffen, schaut sie finster.
„Du! Das du dich überhaupt hier her wagst!“, keift sie in meine Richtung. Ihre Wut ist mir völlig egal. Anette, Tonis Freundin, kann mich schon lange nicht mehr leiden. Seit sie weiß, das was zwischen uns läuft, hasst sie mich. Aber das ist mir egal. Sie ist Krankenschwester, sie versteht dieses Zeug. Ich halte die Akte in ihre Richtung und weiße sie an: „Übersetze mir das!“ Ihr Blick wird noch verbissener.
„Glaubst du ich brauche dass, um zu wissen, was mit meinem Freund los ist?“ Sicher nicht, da hat sie recht. Ich nehme die Akte runter und stecke sie zurück, doch meinen fragender Blick bleibt auf sie gerichtet.
„Er liegt im Koma und das ist alles deine Schuld!“, mault sie. Koma? Ihre Worte treffen mich wie ein Dolchstoß. Das kann doch nicht sein. Er hat überlebt und jetzt das? Ich presse meine Hand enger um die Wunde über meiner Hüfte. Sie erscheint mir jetzt noch schmerzhafter. Warmes Blut läuft mir in die hohle Hand.
Mit langsamen Schritten gehe ich um das Bett herum. Anette umrundet es auf der anderen Seite. Sie stellt die Vase auf dem Nachttisch zu etlichen Kinderzeichnungen. Sicher hat Kira sie gemalt, ihre gemeinsame Tochter. Papa, steht auch dort auf jeder Zeichnung. Ein wehmütiges Lächeln huscht mir über die Lippen, dann fällt mein Blick wieder auf ihn. Zitternd strecke ich meine Hand nach ihm aus und lege sie ihm um die fahle Wange. Er ist warm, nicht so kalt, wie ich ihn in Erinnerung habe und trotzdem. Ich weiß was Koma bedeutet, ich habe selbst zwei Jahre in diesem Zustand verbracht. Es war ein Wunder, dass ich nach dieser langen Zeit wieder aufgewacht bin. Was wenn es ein solches Wunder für ihn nicht gibt? Bei diesem Gedanken verlässt mich die Kraft in den Beinen. Ich sacke neben dem Bett auf die Knie. Heiße Tränen überkommen mich, ich kann und will nichts dagegen tun. Das ist nicht gerecht, dass er hier liegt und ich schon wieder laufen kann. Ich greife seine Hand mit beiden Händen und lege meine Stirn darauf.
„Du Idiot! Das war nicht der Deal! Wenn ich überlebe, wolltest du das auch, aber doch nicht so!“, schimpfe ich laut in die Decke. Ich drücke seine Hand noch fester. Während sich meine Tränen zwischen seinen und meinen Fingern verteilen, wird mir schlecht, alles beginnt sich zu drehen. Ich atme ruckartig und viel zu schnell, mir ist wie ersticken. Warmes Blut läuft mein Bein hinab und sammelt sich auf dem Boden. Es wird immer dunkler um mich und alle Geräusche stumpfen ab. Ich merke nicht mehr, wie ich zur Seite kippe und auf den Boden falle. Alles verliert sich im Nichts.

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Nur wer die Hölle kennt, weiß den Himmel zu schätzen.
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