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 44. Kapitel ~Bis in den Tod~

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Enrico
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BeitragThema: 44. Kapitel ~Bis in den Tod~   Mi Jan 20, 2016 9:15 am

44. Kapitel
~Bis in den Tod~

Ein fester Griff umschließt mein Handgelenk, ein heftiger Ruck geht durch meinen Körper.
Ich falle nicht! Etwas hält mich fest! Irritiert schaue ich auf:
Smaragdgrüne Augen, mustern mich eindringlich. Die Haare hängen ihm strähnig ins Gesicht, Schweiß rinnt ihm von der Stirn. Blut läuft seinen Arm hinab, über unsere Hände und mir bis in die Achseln. Verbissen sieht er mich an. Dieser Idiot! Was macht er denn da?
Er beugt sich weit über den Fensterrahmen und muss sich mit der freien Hand daran festhalten, um nicht nach vorn überzukippen. Eine der Scherben hat sich in seine Hand gebohrt, Blut tropft von ihr, während sie weit aus seinem Handrücken ragt. Eine weitere drückt sich in seinen Bauch. Er wird sich noch selbst erdolchen! Warum tut er dass?
„Lass los!“, fauche ich ihn an. Das Holz knackt. Wir werden beide Fallen, wenn es bricht. Mein Gewicht zieht ihn weiter hinab, die Scherbe drückt sich tiefer in sein Fleisch, doch sein Blick bleibt entschlossen.
„Nein!“, knurrt er. Warum muss er nur so stur sein? Ich sterbe an meinen Verletzungen so oder so, aber er kann diesen ganzen Mist noch überleben. Dafür habe ich doch all die Jahre so verbissen gekämpft.
„Du Idiot! Lass gefälligst los!“, bitte ich ihn inständig und sehe dem blutigen Rinnsal zu, der die große Scherbe hinabläuft und vom Holz tropft. Er muss aufhören damit, bevor es zu spät ist.
Doch sein Blick bleibt entschlossen. Nein, er wird streben! Er darf nicht sterben! Ich will das nicht! Tränen trüben meine Sicht, alles verschwimmt. Kalte Tropfen fallen mir ins Gesicht. Es werden immer mehr. Bald gießt es in strömen. Meine Kleidung saugt sich voll, ich habe das Gefühl immer schwerer zu werden, doch sein Griff bleibt fest, er gibt mich nicht frei. Ich wende meinen Blick von ihm ab. Ich will das nicht sehen. Ich kann es nicht!
„Enrico, ich habe dich! Sie mich an!“, keucht er verbissen, aber mit kraftvoller Stimme. Ist das sein ernst? Kann er das wirklich aushalten? Nur für mich?
Ich wage es hinauf zu sehen. Er lächeln aufmunternd.
„Ich lasse dich nicht los!“, sagt er wieder. Ich sehe die Entschlossenheit in seinen smaragdgrünen Augen und glaube sie bis in den hintersten Winkel meiner Seele spüren zu können. Er meint das wirklich ernst und egal, was jetzt noch geschieht, ich kann es ihm wirklich glauben. In all den Jahren, ist er es immer wieder gewesen: Auf der Flucht vor den Drachen, als Kind, bei der Ausbildung zum Auftragskiller und auch in Italien. Er hat mich schon immer gehalten, genau deswegen liebe ich ihn.
„Gib mir deine andere Hand!“, fordert er. Ich reiche sie ihm. Als er mein Handgelenk packt, umschließe ich seines.
Toni lehnt sich zurück und zieht mit all seiner Kraft an mir. Die Scherbe in seinem Bauch knackt und bricht vom Rahmen ab.
„Ahrrgg!“ Sein Schrei tut mir in den Ohren weh, doch selbst jetzt bleibt sein Griff eisern. Ganz langsam, Stück für Stück, entreißt er mich dem Schlund der Hölle. Gemeinsam fallen wir rücklings auf das Dach und bleiben schwer atmend liegen. Wir husten gequält und können einfach nicht aufhören. Bei ihm kommt Blut mit. Erschrocken betrachte ich es, wie es seine Mundwinkel hinab läuft.
„Du verdammter Idiot!“, keuche ich. Warum muss er mich auch retten? Für mich kommt jede Hilfe zu spät. Ich krümme mich zusammen und zittere immer heftiger, unter dem hohen Blutverlust. Es vermischt sich mit dem Regen und färbt das ganze Dach rot. Kalt prasselt es auf uns herab und kühlt meinen überhitzen Körper, doch ich spüre keine Erleichterung.
Auch Toni krümmt sich vor Schmerz zusammen. Krampfhaft umschlingen seine Finger die abgebrochene Glasscherbe. Er schaut mich mit einem erzwungenen Lächeln an.
„Bis in den Tod, schon vergessen?“, stöhnt er. Nein ich habe es nicht vergessen, aber jetzt, wo es Wirklichkeit ist, kann ich es nicht akzeptieren. Immer mehr Tränen rollen mir heiß die Wangen hinab.
„Nein, das galt nur für mich, nicht für dich! Du darfst nicht streben!“, flehe ich inständig.
„Vergiss es, dieses Mal komme ich mit!“, lacht er bitter. Ist ihm dass denn so wichtig?
„Aber ich will, dass du lebst!“, flehe ich inständig.
„Dann musst du auch überleben!“ Guter Witz! Ich sehe ihn bereits nur noch verschwommen. Meine Beine werden taub, alle Geräusche stumpfen ab.

Ach was scheiß drauf. Eigentlich bin ich froh, dass er mitkommt, dass er auf der anderen Seite auf mich warten wird. Ich lege meinen Kopf auf seinen bebenden Brustkorb und lausche seinem Atem und den schnellen Herzschlägen. Sie beruhigen mich. Ich schließe die Augen, ich will nicht zusehen, wie er stirbt. Sein Atem wird immer flacher und auch ich schaffe kaum noch einen Atemzug. Alles wird still, die Welt ist wie in Watte gepackt. In einem Schwindel, verbreitet sich Taubheit in all meinen Gliedmaßen. Eine beruhigende Wärme breitet sich in mir aus. Gleich vorbei, all der Schmerz und Kummer. Wenn ich das nächste Mal aufsehe, dann wird er sicher hinter der Schwelle des Todes stehen und mir noch einmal seine Hand reichen. Ich freue mich darauf!

Jemand packt mich an den Schultern und dreht mich auf den Rücken. Etwas stülpt sich mir über Mund und Nase. Was ist das? Weg damit! Ich will in dieser Ruhe bleiben, will zu ihm. Das Atmen fällt mir jetzt leichter und holt meine Sinne zurück. Mein tauber Körper zerreißt. Ich stöhne gequält und sehe auf. Dunkle Schatten beugen sich über mich. Ich spüre unzählige Hände, die in meine Wunden greifen.
„Ahhh!! Ahhgg!“, schreie ich sie an, doch sie hören nicht auf. Mein Kopf hämmert und ist schwer wie Blei, er fällt mir zur Seite. Ich sehe ihn:
Toni liegt noch immer neben mir. Seine Hände rutschen kraftlos von seinem Bauch und der Scherbe darin. Sein Gesicht ist nass vom Regen und unzähligen blutigen Tränen. Sie rollen ihm von der Wange. Sein Kopf fällt zur Seite, seine Augen schließen sich.
Nein! Warte gefälligst auf mich!
Die Hände reißen an meiner Kleidung und öffnen meine Jacke. Geht weg! Verschwindet! Wenn ihr schon unbedingt jemandem helfen müsst, dann ihm. Ich will sie anschreien, sie zu ihm schicken, doch ich bekomme kein Wort heraus. Meine Kehle ist rau und wie zugeschnürt. Lediglich meinen Arm kann ich nach ihm ausstrecken. Meine Finger berühren seine. Sie sind kalt, so kalt! Tränen fluten meinen Blick, alles verschwimmt. Helft ihm doch! Bitte!
Wenn nicht, dann lasst uns wenigstens zusammen streben.
Endlich bücken sich die Schatten auch nach ihm. Sie versperren mir die Sicht. Nur seine kalten Finger in meiner Hand, sagen mir, dass er noch da ist.
Ein heftiger Druck presst sich auf meinen Unterleib und jagt ein unerträgliches Berennen durch meinen ganzen Körper. Ich atme gequält, doch es hört nicht auf. Oh Gott, bitte lass mich sterben! Genug! Für das alles, habe ich keine Kraft mehr. Ich greife seine Hand ganz und drücke sie fest, während mich all diese Hände mit stummer Gewalt zum Leben zwingen. Bleib hier, bitte! Ich brauche dich! Flehe ich stumm, doch seine Finger bleiben kalt.
Ich schließe die Augen, will das alles nicht mehr sehen. Mir ist schlecht vor Schmerzen, alles dreh sich. Der Schwindel nimmt das Licht mit sich und lässt mich in Dunkelheit allein.

_________________

Nur wer die Hölle kennt, weiß den Himmel zu schätzen.


Zuletzt von Enrico am So März 27, 2016 7:46 am bearbeitet; insgesamt 2-mal bearbeitet
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