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 1. Kapitel ~Ein Wolf im Löwenpelz~

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Enrico
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BeitragThema: 1. Kapitel ~Ein Wolf im Löwenpelz~   Sa März 09, 2013 8:22 am


1. Kapitel
~Ein Wolf im Löwenpelz~


Enrico River
17.08.1908 – 21.08.1928
~Bis in den Tod, doch du kommst nie mehr zurück~

Die Zahlen und Buchstaben wirbeln durch meinen Kopf, aber sie ergeben keinen Sinn. Ich will nicht wahrhaben, dass ich es bin, der hier liegen soll. Dieser blaue Marmorobelisk, der vor mir spitz in den Himmel wächst, diese unzähligen frischen Blumenkränze, das alles hier ist viel zu groß für mich. Ich bin doch keine Berühmtheit und auch nie tot gewesen.
„Und, was sagst du?", schreckt mich die Stimme meines Begleiters aus den Gedanken. Der junge Mann, mit den schwarzen Haaren und den smaragdgrünen Augen, mustert mich neugierig. Beim Anblick meines eigenen Grabes habe ich fast vergessen, dass er bei mir ist und auf eine Reaktion von mir wartet.
„Warum hast du ausgerechnet diesen Ort als Treffpunkt ausgesucht?", will ich wissen.
„Raphael meinte, dass er hier auch Nachts herkommen kann, ohne lästige Fragen beantworten zu müssen.“ Also war es die Idee meines Bruders?
„Außerdem wollte ich, dass du es siehst." Zu welchem Sinn und Zweck? Es ist ein beschissenes Gefühl vor seinem eigenen Grab zu stehen. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie viel Tränen hier schon umsonst vergossen wurden.
Wieder lese ich den eingravierten Schriftzug:
~Bis in den Tod, doch du kommst nie mehr zurück~
„Der Spruch ist von dir, oder?" Eigentlich endet er anders: Bis in den Tod und wieder zurück. Diese Worte sind zum Ritual zwischen Toni und mir geworden. Jedes Mal, wenn wir einen gefährlichen Auftrag erledigen mussten, hat er uns Mut gemacht. Toni nickt und setzt ein zufriedenes Lächeln auf. Ich schüttle mit dem Kopf und rolle mit den Augen. Dass er bei so etwas immer so sentimental werden muss.

Feste Schritte nähern sich uns. Ich erkenne meinen Bruder, noch bevor ich ihn sehen kann. Augenblicklich stockt mir der Atem, meine Hände werden feucht und beginnen zu zittern. Die ganze Zeit habe ich verdrängen können, warum wir hier sind, doch jetzt kann ich das Wiedersehen nicht mehr ignorieren. Raphael hat mich fünf Jahre lang für tot gehalten, ich habe ihm, in all der Zeit, nicht eine Nachricht zukommen lassen, wollte vor ein paar Wochen noch nicht einmal hierher zurückkommen. Ob er mir diese Lüge je verzeihen kann? Vielleicht will er mich und meine ganzen Probleme, auch gar nicht wieder haben. Er weiß gerade mal seit drei Wochen davon, dass ich noch am Leben bin und das hat er nicht mal von mir persönlich erfahren, sondern durch Toni.
Ich hätte mich melden müssen, spätesten nach dem Koma, aber ich konnte mich ja nicht mal daran erinnern, einen Bruder gehabt zu haben. Diese verdammte Amnesie.
„Du hast ihn also tatsächlich mitgebracht?" Raphaels Stimme ist tief und birgt einen finsteren Unterton. Ein fetter Kloß zwingt sich mir in die Kehle und lässt mich schwer schlucken. Toni legt mir seine Hand auf die Schulter und sieht mich aufmunternd an, dann geht er meinem Bruder entgegen. Ich höre ihre Hände ineinander schlagen. Als ich mich verstohlen nach ihnen umdrehe, umarmen sie einander und klopfen sich freundschaftlich auf den Rücken. In mir wächst der Wunsch, eben so innig begrüßt zu werden, doch ich bin wie gelähmt.
„Und was ist mit dir? Willst du nicht mal Hallo sagen?" Der anklagende Blick meines Bruders durchbohrt mich, ich schaue unter ihm hinweg.
„Hey!", ist die einzige Begrüßung, die mir nach der langen Zeit einfallen will. Mit einem versöhnlichen Lächeln auf den Lippen, kratze ich mich am Hinterkopf.
Raphael setzt sich in Bewegung. Er bleibt direkt vor mir stehen. Als er seine Arme um mich legt, zucke ich zusammen.
„Du hast mir gefehlt, Kleiner", flüstert er mit brüchiger Stimme. Wirklich? Seine Umarmung ist so warm, der Duft seines Aftershave so vertraut. Ich schlinge meine Arm um ihn und muss heftig schluchzen.
„Du alte Heulsuse“, neckt er mich.
„Du heulst doch selber.“

„Ich unterbreche euch ja nur ungern, aber hast du uns mitgebracht, worum ich dich gebeten habe?“, fährt Toni dazwischen. Raphael drückt mich noch einmal eng an sich, dann gibt er mich frei und fährt sich mit dem Handrücken über die Augen. Auch ich muss mir die Tränen aus dem Gesicht wischen, bevor ich meine Fassung wiederfinde.

Raphael öffnet sein Jackett, er greift in seinen Hosenbund und zieht zwei Pistolen hervor. Eine reicht er Toni, der sie mit prüfendem Blick entgegen nimmt.
„Das ist die Einzige, die ich auf die Schnelle auftreiben konnte“, erklärt er.
Toni öffnet das gefüllte Magazin. Er nickt zustimmend.
„Sie wird schon gehen.“
Die zweite Waffe reicht Raphael mir.
„Und die wirst du sicher zurückhaben wollen.”
Der Griff der Pistole ist in eine Elfenbeinschale eingefasst. Der verlängerte Lauf ist um den Schriftzug 'Walthers Patent Mod. 8' herum mit einem eingravierten Wolfsrudel verziert, das bis zum Elfenbeingriff verläuft und dort in eine plastische Darstellung eines einzelnen Wolfes übergeht. Am Ende des Griffstücks ist eine Öse angebracht, an der eine silberne Kette mit fünf Gliedern hängt. An ihr baumelt ein Anhänger in Form eines heulenden Wolfskopfes.
Diese Waffe hat mir mein Schwiegervater zum achtzehnten Geburtstag geschenkt, als er mich offiziell zum Chef der Wölfe gemacht hat. Ich erinnere mich an den Moment, als Michael sie an sich genommen und auf mich geschossen hat. Ein heftiger Schmerz durchzuckt meine Schulter, doch ich dränge die Erinnerung zurück.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass Michael sie mitgenommen hat. Wie, um alles in der Welt, ist Raphael an diese Pistole gekommen? Ich werfe ihm einen vorwurfsvollen Blick zu.
„Wo hast du die her?"
Er schaut hilfesuchend zu Toni und hebt abwehrend die Hände.
„Toni hat sie besorgt. Er ist in Aarons Auftrag bei den Drachen eingebrochen."
Ich wende mich meinem besten Freund zu. Als sich unsere Blicke treffen, sieht er nach unten weg.
„Bist du übergeschnappt? Die hätten dich umlegen können!” Wie kommt er nur auf die dumme Idee ins Hauptquartier des Feindes einzubrechen? Selbst in der Empfangshalle sitzt bewaffnetes Personal. Es gibt eine Personenkontrolle für alle Besucher. Als ehemaliges Mitglied der Drachen, ist er dort bekannt, wie ein bunter Hund. Ich gehe stark davon aus, dass selbst die Küchenhilfe weiß, wer er ist.
„Und wenn schon”, murmelt er. “Ich hatte nichts mehr zu verlieren, nachdem ich dich verbrennen sah.”
Noch immer wagt er nicht, mich anzusehen. Seine Worte spricht er so leise, dass ich mich anstrengen muss, sie zu verstehen. Ob das sein Ernst ist? Hat er wirklich mit dem Gedanken gespielt, sich erschießen zu lassen, nur weil ich nicht mehr da war? Ich schüttle abwehrend mit dem Kopf. Dieser dumme Idiot.
Meine Aufmerksamkeit richte ich erneut auf die Waffe. Sie ist auf Hochglanz poliert und die Kratzer, die sie in den unzähligen Schießereien meines Lebens davongetragen hat, sind verschwunden. Sie sieht aus, wie an dem Tag, als ich sie bekommen habe.
Ich wiege sie in meinen Händen und prüfe ebenfalls das Magazin. Zehn Patronen sind übereinander gestapelt, mehr passen nicht hinein. Zufrieden schiebe ich das Magazin zurück und öffne den Halfter an meinem rechten Oberschenkel. Mit dem Lauf voran, stecke ich die Pistole hinein. Es fühlt sich seltsam an, nach so langer Zeit wieder bewaffnet zu sein. In Italien, so weit weg von der Heimat, war es nicht nötig. Doch das Gefühl von Sicherheit, das sie mir einst vermittelt hat, stellt sich nicht ein.

„Glaubst du, man wird ihn erkennen?“, will Toni von meinem Bruder wissen.
Ich sehe auf und schaue Raphael fragend an. Meine blonden Haare habe ich mir schwarz gefärbt und selbst einen Bart habe ich mir wachsen lassen. Die Maskerade ist nicht gerade brillant, aber es muss reichen, zumindest nicht gleich von Weitem erkannt und erschossen zu werden.
Raphael mustert mich von oben bis unten, er verschränkt die Arme und macht ein nachdenkliches Gesicht.
„Naja, wenn ich nicht gewusst hätte, dass du ihn mitbringst, hätte ich schon zweimal hinsehen müssen. Die Haare sind anders, der Bart stört und auf den Rippen hat er auch nichts mehr. Ich hätte ihn nur anhand seiner Augen erkannt.“
Mein Blick wandert zwischen ihnen hin und her. Die beiden sprechen, als wäre ich gar nicht da. Ich hasse es, wenn sie das tun, und werfe ihnen einen warnenden Blick zu.
„Ja, er sieht wirklich ganz schon heruntergekommen aus. Er könnte mal wieder was von deiner guten Küche vertragen“, schlägt Toni vor und verschränkt nun ebenfalls die Arme.
Raphael sieht ihn herausfordernd an, als er sagt: „Du Heuschrecke spekulierst doch nur darauf, selbst bei uns mitzuessen.“
„Schön wär's“, seufzt Toni, „aber deine Frau würde ihn sofort erkennen und wenn Judy vorbei kommt, weiß es bald die ganze Stadt.“
„Wo wollt ihr denn von jetzt an wohnen?“, spricht Raphael die Frage aus, die im Raum steht.
„In der alten Fabrik.“
„Wir gehen nach Hause“, füge ich wehmütig hinzu.
„Ist die denn nach dem Brand überhaupt noch bewohnbar?“, will Raphael wissen.
Die Erinnerung an das Feuer, steigt in mir auf. Anscheinend hat sich niemand um den Wiederaufbau gekümmert, wenn sie auch nach fünf Jahren noch immer unbewohnbar ist.
„Wir haben doch keine Wahl. Wo sollen wir sonst hin?“ Gute Frage. Nicht nur Toni und ich sind pleite, auch an Raphael und seiner Frau ist die Wirtschaftskrise nicht spurlos vorbeigegangen. Ein Moment des Schweigens schleicht sich zwischen uns und die einsetzende Dunkelheit lässt alles noch düsterer erscheinen.
„Jetzt macht nicht so ein Gesicht. Die Fabrik war auch eine Ruine, als wir das erste Mal da eingezogen sind. Wir bauen sie schon wieder auf“, versuche ich uns Mut zu machen.
Seit wir auf der Straße gelandet sind, haben wir in dieser Fabrik gewohnt. Ich kann mich noch gut an den eisigen Winter erinnern, an die eingeschlagenen Fenster, die wir mit Brettern vernagelt haben, und durch die der schneidende Wind dennoch gezogen ist. Das gesamte Geld, das wir in dieser Zeit verdienten, steckten wir in den Ausbau. Obwohl es oft hart war, habe ich als Kind, diesen riesigen Abenteuerspielplatz geliebt.
„Vielleicht hast du recht. Es ist ja nur die Lagerhalle abgebrannt, die restlichen Räume sind vom Feuer verschont geblieben“, erklärt mein Bruder.
Das klingt doch ganz gut, dann sind zumindest unsere Schlafräume noch intakt.
„Dafür haben die Drachen alles andere kurz und klein geschlagen. Den Rest hat dann die Spurensicherung der Polizei mitgenommen“, wirft Toni kleinlaut dazwischen. Mich zu töten hat diesen Bastarden anscheinend nicht gereicht. Mussten sie auch noch alles zerstören, was ich aufgebaut habe? Der Blick Tonis verhärtet sich.
Ich frage mich allmählich, ob ich den Ort des Schreckens wirklich wiedersehen will. Insgeheim habe ich gehofft, die schlimmsten Spuren des Überfalls, wären längst beseitigt worden. Andererseits, vielleicht muss ich es sehen, um all meine Erinnerungen zurückzubekommen.
„Wir bauen sie schon wieder auf“, versuche ich noch einmal die düstere Stimmung zu vertreiben. Trübsal blasen bringt uns jetzt auch nicht weiter.
„Na schön, dann passt auf euch auf." Raphael tippt Toni mit dem Finger auf die Brust und deutet mit dem Kopf in meine Richtung. „Du besonders auf ihn! Ich verlass mich darauf."
„Ich kann auf mich selbst aufpassen“, protestiere ich und werde von beiden belächelt. Mit verschränkten Armen, wende ich mich augenrollend von ihnen ab.
„Ach, da fällt mir noch etwas Wichtiges ein. Sein Name ist ab jetzt Leon." Toni sieht meinen Bruder eindringlich an. "Wirst du dir das merken können?" Über den Namen meiner neuen Identität haben wir bisher noch nicht gesprochen, und wenn es nach mir ginge, könnten wir uns das sparen. Ich bin das Versteckspiel leid. Erst die Jahre in Italien, um mich während meiner Genesung vor den Anschlägen der Red Dragons zu schützen, und jetzt diese Maskerade. Ich will meine Familie und Freunde nicht länger belügen, aber was bleibt mir anderes übrig? Wenn unsere Feinde wissen, dass ich wieder da bin, werden sie jeden Stein umdrehen, um mich zu finden.
„Sehr einfallsreich, wenn man vom Sternzeichen her ein Löwe ist“, erwidert Raphael, „Wenn das mal keiner durchschaut.“
„Ach, wird schon schiefgehen. Keiner wird damit rechnen, dass ein Toter wiederkehrt“, erwidere Toni zuversichtlich.

_________________

Nur wer die Hölle kennt, weiß den Himmel zu schätzen.


Zuletzt von Enrico am Sa Jan 07, 2017 8:24 am bearbeitet; insgesamt 15-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: 1. Kapitel ~Ein Wolf im Löwenpelz~   So Aug 24, 2014 6:10 pm

ohhh ja ich hätte dich erkannt  Laughing 
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