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 1. Kapitel ~Sehnsucht~

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Enrico
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BeitragThema: 1. Kapitel ~Sehnsucht~   Sa Jan 08, 2011 4:28 pm

1. Kapitel
~Sehnsucht~
"Ich war 15, als ich ihn kennenlernte", begann ich zu erzählen und sah dabei aus dem vergitterten Fenster, in den Innenhof des Gefängnisses. Meine Geschichte erzählte ich einem Mithäftling, eine Zelle weiter. Er stand wie ich am Fenster, hatte mich darum gebeten und mir war langweilig genug seinem Wunsch nachzukommen. Meine Hände streckte ich durch das Gitter, ließ sie vom Fensterbrett herabhängen und verschränkte die Finger ineinander.
Meinen Gesprächspartner konnte ich nicht sehen, also wand ich meinen Blick über die Zäune und den Stacheldraht hinweg, ließ ihn über die Stadt, mit ihren Hochhäusern und tausenden von Gebäuden schweifen und versuchte mich zu erinnern, wie alles begann:
"Ich war damals noch anständig, ein Heimkind zwar, aber eines mit dem besten Zeugnis der ganzen Klasse. Ich war nur selten im Heim, meistens übernachtete ich bei meinem großen Bruder, der schon eine eigene Wohnung hatte. Bis auf die Tatsache, dass ich meine Eltern nicht kannte, war ich normal. Ich hatte sogar schon eine Lehrstelle als Kfz-Mechaniker in Aussicht. Alles hätte so gut werden können, wäre ich dem Kerl nicht über den Weg gelaufen. Sicher würde ich dann nicht einmal in diesem Loch hier festsitzen..." Für einen Moment unterbrach ich mich, zog die rechte Hand durch das Gitter zurück und legte sie um den Anhänger an meiner Kette. Seid ich hier war, hatte ich kein Wort über den Menschen verloren, der ihn mir geschenkt hatte. Die ganze Zeit über versuchte ich nicht an ihn zu denken, meistens vergeblich.
"Aber ich würde auf keine Minute verzichten wollen, die ich mit ihm verbracht habe."
"Wo ist er jetzt?", wollte der Mann in der benachbarten Zelle von mir wissen.
"Tot!", entgegnete ich ihm kurz und so Gefühlskalt, dass ich von meinen eigenen Worten eine Gänsehaut bekam.
"Wer hat ihn umgelegt?"
"Ich!", erwiderte ich noch kälter, beinah so, als wenn ich nicht über mich, sondern eine fremde Person sprach. Mein Griff um den Anhänger wurde immer fester.
"Deswegen lasse ich mich vor Gericht auch nicht verteidigen und lehne es ab, wenn jemand für mich die Kaution hinterlegen will. Ich glaube das hier ist meine gerechte Strafe..." So zu denke tat gut. Es befreite mich auf seltsame Weiße von meiner Schuld. Ich hätte längst hier raus sein können. Meine Tochter hatte mir schon mehr als einmal angeboten die Kaution zu zahlen, aber ich bestrafte mich selbst damit, hier bleiben zu wollen. So wie es war, war es gut, redete ich mir immer wieder ein.
Ein leises Auflachen konnte ich aus der Zelle nebenan hören, bevor der Mann meinte:
"Du bist vielleicht bekloppt. Du könntest längst hier raus sein und deine Freiheit genießen. Genug Kohle hast du doch dazu"
"Wozu? Weder Geld noch Freiheit bringen ihn zu mir zurück", gab ich ihm gedankenverloren zurück. Mein Blick ging an den Hochhäusern vorbei, auf das glitzernde Meer in der Ferne. Ganz gleich wohin ich ging, oder was ich auch tat, Toni wäre nicht mehr an meiner Seite. Da konnte ich genau so gut hier bleiben.
"Man, du hörst dich vielleicht schwul an, weißt du das eigentlich?"
Ein Lächeln huschte mir über die Lippen, das erste seit Monaten. Schwul, war ich das? Ich hatte mehr Frauen gehabt, als ich zählen konnte, war verheiratet, hatte vier Kinder mit meiner Frau. Mein Herz aber hatte stets nur ihm gehört. War ich deswegen schwul? Hunderte Diskussionen hatte ich über dieses Thema mit Toni geführt, jede einzelne zauberte mir ein weiteres Lächeln ins Gesicht. Selbst das Streiten mit ihm fehlte mir jetzt.
Schweigend starrte ich vor mich hin, merkte gar nicht, dass der Mann nebenan noch immer auf eine Antwort wartete.
"He, ich wollt dich nicht beleidigen!", entschuldigte er sich bei mir, wohl in der Hoffnung das Gespräch damit zu retten. Das Leben hier war so eintönig und langweilig, dass selbst ein paar gewechselte Worte eine willkommene Abwechslung boten, die man nur ungern aufgab.
"Das hast du nicht!", gab ich ihm schnell zurück und fuhr fort, "Ich weiß selbst nicht was ich bin. Ich hatte immer nur Augen für Frauen gehabt und hatte meinen Spaß mit ihnen. Ich hatte so viele, dass ich mich nicht einmal mehr an ihre Namen erinnern kann. Aber wirklich lieben konnte ich keine von ihnen." Meine Hand löste ich von dem Anhänger, fuhr mit ihr durch das Gitter und verschränkte die Finger wieder ineinander.
"Aber ihn schon, oder wie?"
"Nun..." Ich musste überlegen. War es wirklich nur Liebe gewesen? Irgendwie erschien mir sogar dieses große Wort zu klein für das was ich noch immer empfand.
"Ich hab für ihn getötet, ich wäre für ihn gestorben, ich hatte den besten und heißesten Sex meines Lebens mit ihm... Ja, vielleicht war es Liebe, aber vielleicht auch viel mehr als das." Mein Blick wand ich in den strahlend blauen Himmel. Keine einzige Wolke war zu sehen. Die Sonne schien mir warm ins Gesicht. Wenn es tatsächlich ein Paradies gab, ob er mir dann wohl von da oben aus zuhörte? Sicher würde er sich über meine Wortwahl beklagen und dabei rot anlaufen. Ich hatte es immer geliebt ihn in Verlegenheit zu bringen, hatte es genossen, wenn er rot wurde. Ein flüchtiges Schmunzeln huschte mir über die Lippen, für einen Moment kam es mir tatsächlich so vor, als würde er zuhören und mich ermahnen, ja die Klappe zu halten, so lange jemand zuhörte.

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Nur wer die Hölle kennt, weiß den Himmel zu schätzen.
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