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Enrico
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BeitragThema: Prolog   Sa Jan 08, 2011 4:18 pm

Prolog

Als ich aufwachte, war es ruhig. Nur das leise Schlagen eines Herzens und ein monotones Rauschen waren zu hören. Alles war wie immer und doch war etwas merkwürdig. Ein seltsames Gefühl, das mich nicht los ließ, vielleicht eine Vorahnung?
Dunkelheit umgab mich und die weiche Welt in der ich mich befand. Auch daran hatte sich nichts geändert. Das Wasser, in dem ich schwamm, war angenehm warm und still. Nichts bewegte sich um mich herum und trotzdem wurde dieses Gefühl immer stärker. Ob mir heute etwas großes bevor stand?

Mit den Händen fuhr ich mir verschlafen über die Augen. Vielleicht hatte ich nur geträumt und das seltsame Gefühl, etwas könnte nicht stimmen, kam daher. Ich beschloss mir keine Gedanken mehr darüber zu machen. Ganze neun Monate hatte sich hier nichts verändert, was also konnte schon geschehen?
Wobei eine Kleinigkeit wurde ganz allmählich zum Problem. So klein ich mich auch machte, viel Platz, um mich zu bewegen, hatte ich nicht mehr. Entweder war ich gewachsen, oder die weichen Wände, die mich umgaben, waren geschrumpft.
Ich konnte nicht einmal mehr die Arme ausstrecken. Eingerollt um mich selbst, wartete ich vielleicht auch einfach nur auf etwas. Auf ein Geräusch von außen, eine Berührung der Wände um mich herum vielleicht. Sonst war es nie so leise, ständig riefen die verschiedensten Stimmen wild durcheinander, nur heute nicht. Das war seltsam ungewohnt. Keine hastigen Schritte, die mich durchschüttelten, kein Lärm nur das stete Pochen eines Herzens.

Sachte Wellen umspülten mich, brachten ein bisschen Bewegung in meine Welt. Ob ich das gewesen war? Ich hatte mich nicht gerührt, keinen Zentimeter, trotzdem wurden die Wellen stärker. Die weiche Welt, um mich herum, zog sich zusammen. Erschrocken sah ich mich um. Hatte ich das herbei geführt? Das hatte ich nicht gewollt? Für solche Späße war hier viel zu wenig Platz.
“Auahh!”, konnte ich eine Stimme hören. Sie war schon immer da. Seit ich zurück denken konnte, existierte sie. Tat ihr etwas weh, so wie mir hier? Immer mehr Druck lastete auf meinem kleinen Körper, je näher die Wände kamen. Panik überkam mich. Ich wollte nicht erdrückt werden. Beide Arme stemmte ich gegen die warme Masse.
“Ahhhh!”, schrie die Stimme erneut, dann entspannten sich die Wände wieder. Die Wellen im Wasser verebbten. War es vorbei? Das war wohl gerade noch mal gut gegangen. Während ich mich vom Schrecken zu erholen versuchte, wurde mein Körper immer schwerer. Ganz allmählich lastete immer mehr Gewicht auf mir. Was war das wieder? Die Wände waren nicht näher gekommen, das musste also etwas anderes sein.
Das Wasser, dass mich seit ich hier war umgab, verschwand. Einfach so? Wo wollte das denn hin? Brauchte ich das hier denn nicht?
“Enrico, wach auf, meine Fruchtblase ist geplatzt!”, rief die Stimme aufgeregt. Ihre was war geplatzt? Hier durfte nichts platzen, das war doch mein zu Hause.
~Tu doch was!~, bat ich die Stimme inständig. Ich wollte nicht sterben, ich war noch viel zu jung dafür.
“Was? Wer?”, erklang verschlafen eine viel dunklere Stimme. Ob die helfen konnte?
“Geh, hole Anette. Ich brauch ne Hebamme!” Das klang gut. Hilfe holen, am besten schnell, hier passierte etwas schreckliches. Schon wieder zog sich alles um mich herum zusammen. Von der Druckwelle wurde ich ein Stück getragen, dann wurden die Wände wieder weich. Das war sicher kein gutes Zeichen.
“Nein, ich wollte ihn auf die Welt holen.” Wohin wollte er mich holen? Das hier war meine Welt und hier würde ich auch bleiben. Auch wenn sich die Wände gegen mich verschworen hatten. Schon wieder pressten sie sich eng an mich, trugen mich weiter.
“Ahrrg, verschwinde endlich! Hhha, ich hab keine Nerven für deine Spielchen!”, schrie sie.
~Genau gib’s ihm~, dachte ich mir. Wir brauchten hier professionelle Hilfe, keinen Laien. Ein leises Schlurfen und ein lauter Knall und er war verschwunden. Hoffentlich beeilte er sich. Längst waren die Wände nicht mehr weich. Um meinen Kopf herum war alles eng und straff. Das konnte auf keinen Fall so bleiben, das würde ich nicht aushalten.
~He, liebste aller Stimmen, du, die du immer hier bist, mach was~, rief ich sie an und sie tat auch etwas. Sie schrie und ich rutschte ein weiteres Stück. Eng an den Körper wurden meine Arme gepresst. Das war eindeutig die falsche Richtung, besser wir versuchten es mal anders herum.

Aufgeregte Stimmen unterbrachen meinen Kampf um Platz. Die meisten kannte ich, ich hatte sie schon oft gehört, aber sie waren keine Hilfe. Sie riefen nur wild durcheinander. Also, eigentlich wie immer.
"Raus hier! Alle! Nur du nicht, du bleibst hier, damit ich dich für das hier hassen kann!" Wer sollte hier bleiben? Hoffentlich jemand, der wusste, was er tat. Na schön, meinetwegen auch jemand, der das nicht wusste. Hauptsache nicht die dunkle Stimme, die mich irgendwo hinholen wollte.
"Meinetwegen kannst du mir auch wie beim letzten Mal die Hand brechen. Hauptsache ich verpass das hier nicht." Ich hatte es geahnt. Natürlich er, wer sonst. Aber was meinte er mit beim letzten Mal? Das hier war schon mal passiert? Wie schrecklich. Welches arme Wesen musste das hier bitte auch durchmachen? Ein weiterer Schrei folgte und eine Druckwelle beförderte mich noch ein Stück durch den engen Kanal. Hier war kein Platz mehr, merkten die Stimmen das denn nicht? Hier ging es nicht weiter.
So sollte also alles enden. Zerquetscht, weil ein paar unwissende Stimmen nichts dagegen unternahmen. Nie wieder würde ich mit dem langen Schlauch spielen, der an meinem Bauch befestigt war. Nie wieder würde ich mit der Faust Dellen in die weichen Wände schlagen. Alles war vorbei.
Wieder ertönte ein lauter Schrei, gefolgt von einigen Flüchen.
~Ja, nur du hast Probleme~, dachte ich mir. Was glaubte sie denn, wie es mir hier ging?

Zusammengepfercht, meines Wassers beraubt, rutschte ich noch ein Stück tiefer. Wo sollte das nur enden? Mir tat jetzt schon alles weh. Hätte man das hier nicht größer bauen können? Aber nein, ich zwänge mich auch so hier durch. Klar, hab ich doch Spaß dran. Wenn ich wieder zurück war, würde ich Beulen machen, da würde euch Hören und Sehen vergehen.
Doch was war das? Hier war was kalt am Kopf. He, hier zieht es. Was war das?
Glaubt ja nicht, dass ich irgendwo hin gehe, wo es so... zu spät. Ein letzter Aufschrei und auf einmal war alles kalt und hell und laut. Wo war meine weiche Welt, wo das vertraute schlagende Herz? Auf einmal engte gar nichts mehr ein. Hier war nicht einmal etwas. Wo war ich hier nur gelandet? Das durfte nicht sein. Bringt mich gefälligst zurück:
"Wähhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!!!" War ich das eben gewesen? Egal, das war zu viel. Ein bedrohlicher Schatten beugte sich über mich. Einen verschwommenen Umriss konnte ich erkennen. Zwei Hände fuhren unter meinen Körper, hoben mich hoch. Hilfe! Hier wollte ich nicht sein. He, nicht was um mich wickeln! Nein weg damit, das kratzt. "Wähhhhhhhhhhhhh!", ja genau das sollt ihr hören. Jetzt plärr ich euch mal voll. "Wäähhhhhh!", gleich noch mal, damit ihr auch genau wisst, dass mir das hier überhaupt nicht passt. Was hatte ich denn verbrochen, um das zu verdienen?
"Willkommen auf der Welt, ich bin dein Papa", meinte der merkwürdige Umriss. Ja du, das war mir doch herzlich egal du. Bring mich gefälligst zurück.
"Und das da, ist deine Mama?" Hä, wer ist was? Hier war nur alles hell. Sicher das du weißt wovon du redest, du komischer Papa, du.
"Gib ihn mir!", murmelte erschöpft die Stimme, die ich zuletzt nur noch schreiend vernommen hatte. Sie klang sehr schwach, so hatte ich sie noch nie gehört. Hoffentlich verschwand sie nicht auch noch wie das schlagende Herz.
Kalte Luft streifte mich. Ein Kribbeln zog sich durch meinen Magen, dann wurde ich auf weicher Haut wieder abgelegt. Der Untergrund, auf dem ich liegen blieb, bewegte sich. Immer wieder auf und ab. Ein leises Bum Bum drang durch die Haut, das kannte ich. Es war leiser und schnell, aber ganz sicher das selbe Herz. Es war nicht weg. Euer Glück, sonst hätte ich hier Terror... gähn gemacht.
Man was für ein Tag. Hätte ich den doch nur verschlafen.
"Hallo Yale!", erklang ihre sanfte Stimme und war genau so müde wie ich.
~Ja, hallo auch!~, dachte ich mir, ~und guten Nacht.~ Damit machte ich die Augen zu und alles war wieder schön dunkel. Mit dem leisen Geräusch des schlagenden Herzens, unter mir, gab ich mich vorerst zufrieden. Wenn ich nur erst mal ausgeschlafen hatte, würde ich den seltsamen Stimmen schon beweisen, das ich von nun an, viel lauter sein konnte, als sie alle zusammen.

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Nur wer die Hölle kennt, weiß den Himmel zu schätzen.
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