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 1. Kapitel ~Ein Wolf im Löwenpelz~

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Enrico
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BeitragThema: 1. Kapitel ~Ein Wolf im Löwenpelz~   Sa Jan 08, 2011 2:31 pm

1. Kapitel
~Ein Wolf im Löwenpelz~
“Enrico, he Enrico! Mann, du schlägst schon wieder um dich … wach auf!” Rief da jemand nach ihm? Enricos Augen waren schwer und brannten entsetzlich, als er sie öffnete und zur Seite sah. War er denn nicht mehr in der Lagerhalle? Hatte er nur geträumt? Aber warum lag er dann nicht in seinem Bett? Er sah in die smaragdgrünen Augen eines jungen Mannes. Schwarze schulterlange Haar umrahmten das Gesicht und drehten sich an ihrem Ende zu kleinen Locken zusammen. Mund und Augenbrauen waren zu einem besorgten Gesichtsausdruck geformt. Toni, war er es, der ihn geweckt hatte?

Enrico spürte einen harten Griff und sah an sich hinab. Tonis Finger lagen verkrampft um seine Handgelenke, als wenn er ihn hatte abwehren und festhalten müssen.
„Hast du schon wieder geträumt?“, wollte er von ihm wissen. Geträumt? War es wirklich nur ein Traum gewesen? Es hatte sich so real angefühlt, genau so wie damals. Enrico atmete tief durch, dann zog er seine Hände aus Tonis Griff und fuhr sich mit ihnen über seine müden Augen. Den viel zu schweren Kopf legte er in die Handflächen. Wie lange hatte er eigentlich geschlafen?
„In Zukunft bind ich dich fest, wenn du einpennst und ich neben dir sitzen muss“, knurrte Toni. Was wollte er damit sagen? Enrico sah ihn von unten herauf an und beobachtete, wie er sich über den rechten Oberarm rieb. Hatte er ihn etwa im Schlaf geschlagen? Enrico huschte ein verlegenes Lächeln über das Gesicht. Das hatte er nicht gewollt.
„Tut mir Sorry!“, presste er zwischen den zusammengebissenen Zähnen heraus, dann fiel sein Blick auf die übrigen Fluggäste. Alle starrten ihn an, während sich einige hinter vorgehaltener Hand etwas zuflüsterten. Ihnen stand die Frage, was mit ihm los war, ins Gesicht geschrieben. Verächtlich erwiderte er ihre Blicke. Zwischen den schwarzen Haaren hindurch, die seinen Blick einschränkten, sah er sie grimmig an. Sie sollten weg schauen und sich um ihre eigenen Probleme kümmern. Da hatten sie sicher genug zu tun.

„Es war vielleicht doch keine so gute Idee, dich hier her zu bringen“, murmelte Toni. Er sah ihn nicht an, während er sprach. Sein Blick glitt an ihm vorbei, hinaus aus dem Fenster. Ob sie wohl schon da waren? Enrico folgte dem Beispiel seines Freundes und sah ebenfalls hinaus.
Unter ihnen leuchten bereits die Straßen und Hochhäuser ihrer Heimatstadt. Bis an den Horizont erstreckte sie sich. Ihr Anfang und Ende war selbst aus der Luft nicht auszumachen. Jetzt gab es kein zurück mehr. Die späte Reue konnte sich Toni sparen. Warum hatte Enrico sich überhaupt von ihm zur Rückkehr überreden lassen? Er hätte in New York bleiben sollen, dort kannte ihn keiner, da war er wenigstens sicher.
„Die legen uns um, sobald wir aus dem Flugzeug steigen“, hauchte er gegen die kalte Scheibe, auf der sich sofort ein kreisrunder Wasserdampffleck bildete. Sicher hatten die Drachen längst erfahren, dass er noch am Leben war. Sie hatten ihre Ohren überall, warum also sollte ihnen so eine wichtige Tatsache entgangen sein?
„Die wissen nicht das wir kommen. Nicht mal unsere eigenen Leute wissen, dass du noch lebst“, versicherte Toni ihm. Enrico wusste das er recht hatte, aber es änderte nichts an dem lähmenden Gefühl in seiner Brust. New York lag einen ganzen Ozean von seiner Heimat entfernt, in der er offiziell für tot erklärt worden war. Nicht einmal seine Frau wusste, dass er die letzten fünf Jahre in den USA verbracht hatte. Lediglich sein Bruder war informiert, aber das auch erst seit gut zwei Monaten und er würde sich hüten Enricos Leben zu gefährden, in dem er mit irgendjemanden über ihn sprach. Dennoch, was war wenn sie es trotzdem wussten …?

„Meinst du, du packst das?“, wollte Toni von ihm wissen. Enrico gab seinem Freund keine Antwort und ließ stattdessen seinen Blick über die vielen, leuchtenden Punkte gleiten, die unter ihnen funkelten. Er wusste nicht, ob er dieser Stadt und ihren Gefahren noch gewachsen war, er hatte noch nicht einmal einen Plan, wie sie beide die nächsten Tage überleben würden.

Er war einfach zu lange weg gewesen. Die fünf Jahre in New York hatten ihm nicht gut getan. Von Tonis und seiner Rettung wusste er nichts mehr. Robin hatte ihm nur erzählt, dass er auch im Krankenhaus ständig von den Drachen angriffen worde sei und sie, Jan und Lui, sich dazu entschlossen hatten, seinen Tod vorzutäuschen und ihn weit weg zu schaffen, bis er sich von seinen schweren Verletzungen erholt hatte. Zwei Jahre lang hatte er in einem New Yorker Krankenhaus im Koma gelegen. Ein weiteres Jahr hatte er gebraucht wieder laufen zu lernen und mit den Schmerzen in seinen verbrannten Beinen zu leben. Dann kamen seine Erinnerungen zurück und mit ihnen die Alpträume. Weder Robin noch Lui oder Jan hatten im erzählt, was passiert war, nachdem die Lagerhalle in Flammen aufgegangen war. Die ganze Zeit über hatte er deshalb geglaubt, sie vier wären die einzigen überlebend, bis eines Tages Toni auftauchte.

Enrico sah zurück in das Gesicht des Freundes.




„He Enzo, He Enrico … komm schon!“, sprach Toni immer wieder auf ihn ein. Enrico hörte es nicht. Noch immer sah er den Lichtern zu, die unter ihnen wie Sterne funkelten, während sich in seinen Gedanken ein ganz anderes Bild formte. Ein großer Mann, gut zwei Meter hoch, mit festen Stiefeln und einem breiten Grinsen. Der lange schwarze Mantel, den er trug, reichte bis zum Boden. Auf der Rückseite war ein roter Drache in den Stoff eingestickt. Michael Grand, das Oberhaupt der Red Dragons, der Mann der damals das Feuerzeug hatte fallen gelassen. In dem größten der Hochhäuser, die er sehen konnte, mitten im Stadtzentrum, hatte er seinen Hauptsitz. Irgendwo dort hielt sich dieser Mistkerl jetzt auf und erfreute sich seines Lebens, während Enricos Männer unter der Erde verrotten. Immer dunkler wurde Enricos Blick je länger er das Hochhaus in der Ferne ansah. Seine Augenbrauen hatte er tief ins Gesicht gezogen. Wenn er jetzt nur in einem Kampfjet gesessen hätte, mit einem Knopf vor sich, mit dem er dutzende Raketen in dieses verfluchte Hochhaus jagen könnte. Wie schön doch der Anblick gewesen wäre, wenn es wie ein Kartenhaus in sich zusammen fiel.

Hart schlug etwas gegen Enricos Oberarm. Erschrocken fuhr er aus seinen Rachegedanken hoch, sah auf den leeren Sitzplatz neben sich. Toni war aufgestanden, er stand jetzt im Gang neben seinem Sitzplatz. Als Enrico sich nach rechts und links umsah, waren die Plätze um sie herum leer. Waren sie denn schon gelandet?
„Komm schon!“, forderte Toni ihn auf und zog ihm am Ärmel seines Hemdes. Hatte er ihn etwa geschlagen, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen? Über die getroffene Stelle rieb Enrico mit der flachen Hand. Das hatte weh getan. Vorwurfsvoll sah er seinen Freund an, aber Toni grinste nur.
“Hör auf vor dich hinzuträumen, das bringt dich noch mal um”, mahnte er. Wie Enrico es hasste wenn Toni ihn belehrte. Wer war hier eigentlich der Chef der Wölfe, Toni oder er? Mit einem Murren zwang sich Enrico dazu aufzustehen. Nach dem langen Flug musste er sich erst einmal strecken. Von Toni wurde er ungeduldig beobachtet. Die Arme hatte dieser in die Seiten gestemmt, mit dem Fuß trippelte er auf dem Boden. Geduld war noch nie eine von Tonis Stärken gewesen, also gab Enrico ihm nach. Gemeinsam liefen sie an den leeren Sitzplätzen vorbei. Sie waren tatsächlich die letzten Fluggäste. Hatte er denn wirklich so lange vor sich hingeträumt?

An der nahen Passkontrolle wurden sie nur durch gewunken. Ihre falschen Ausweiße brauchten beide lediglich kurz hochhalten. Keiner der Beamten am Flughafen von Brook scherte sich um die Sicherheit der Fluggäste. Zumindest daran hatte sich nichts geändert. Bestechliche Polizisten, schlampige Kontrollen, alles war wie immer.
Kein Wunder das sich das organisierte Verbrechen in dieser Stadt ohne Probleme ausbreiten konnte.

Die ganze Zeit über hatte er nicht aufgesehen. Die Hände in den Hosentaschen, seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen, war Enrico längst wieder in Gedanken versunken.
Immer wieder rief er sich zur Ruhe, zwang sich langsam zu atmen, während sie durch die Menschenmengen am Flughafen liefen. Was, wenn sich unter den Passanten bereits ein Auftragskiller befand, der nur einen günstigen Moment abwartete. Selbst Toni wäre in einem solchen Moment machtlos gewesen. Er könnte sich höchstens noch vor ihn werfen können, was er sicher auch ohne zu zögern tun würde. Aber wollte Enrico das überhaupt? Ein Leben ohne ihn, konnte er sich nicht mehr vorstellen.
An seinem Freund wanderte sein Blick hinauf. Er beobachtete die Menschen, an denen sie vorbei kamen. Die Schultern straff, den Kopf hoch erhoben, sein ganzer Gang war selbstsicher. Nichts an ihm deutete auf Furcht hin. Wie machte er das nur? Wie konnte Toni angesichts der Umstände nur eine derartige Ruhe bewahren? Er war so viel stärker als er.
Seufzend sah Enrico auf den Boden zurück. Was war nur aus ihm geworden? Ein Feigling, der am liebsten den nächsten Flieger zurück genommen hätte. Wäre Toni nicht an seiner Seite gewesen, er hätte sicher keinen Schritt zu gehen gewagt. Von sich selbst enttäuscht betrachtete Enrico sein eigenes Spiegelbild im blankpolierten Marmorboden.
Von seiner alten Form war er weit entfernt. Er hatte zwar die letzten Monate damit verbracht zu trainieren, um sich auf die Heimreise vorzubreiten, trotzdem waren seine Schultern schmal, seine Gestalt mager. Seine eisblauen Augen waren trüb und müde. Zwei Nächte lang hatte er nicht mehr geschlafen, aus Sorge, vor dem, was sie in Brook erwarten würde. Seine sonst blonden Haare, hatte er schwarz gefärbt, matt und glanzlos fielen sie ihm ins Gesicht, lugten unter der Kapuze hervor. Seine Wangen waren eingefallen, noch immer. Dabei aß er in zwischen wieder normal. Während seiner Depression hatte er keinen Hunger verspürt. Aber ganz gleich wie gut er inzwischen aß, die Spuren, die das Hungern hinterlassen hatten, wollten einfach nicht verschwinden. Auch der hässliche Bart, den er sich hatte wachsen lassen, um nicht auf Anhieb erkannt zu werden, passte nicht zu ihm.
Seufzend wandte Enrico seinen Blick vom Boden ab, zog stattdessen eine Sonnenbrille aus seiner Jackentasche und setze sie auf. Seine eisblauen Augen verschwanden hinter schwarzem Glas. Ob die Verkleidung reichte, blieb abzuwarten.

“He schau nicht so finster! Freu dich lieber, wir sind endlich zu Hause”, meinte Toni und blieb stehen. Von seinen Worten aus den Gedanken gerissen, hielt Enrico neben ihm an und erhob seinen Blick. Das Flughafengelände hatten sie bereits hinter sich gelassen. Erstaunt darüber sah er sich auf der Straße um, auf der sie sich befanden. Eine ganze Reihe Taxis parkte vor ihnen. Immer wieder stieg einer der Fluggäste ein oder aus. Kleinere Gebäude erstreckten sich die Straße entlang. Von den Fluggästen mal abgesehen, war hier noch nicht viel los. Erst einige Blocks weiter fing das Leben der Stadt an. Das Hupen der Autos und der Lärm ihrer Motoren brachen sich an den Häuserwänden in der Ferne. Obwohl sie weit von der Innenstadt entfernt waren, mischte sich schon hier der Gestank von Abgasen in die salzige Meeresluft.
Über die Schulter sah Enrico zurück. Das Rauschen der Wellen war zu hören, aber das Meer konnte er nicht mehr erkennen. Es hob sich nur als schwarzer Umriss von der grauen Umgebung ab. Als er zurück sah, leuchtete vor ihm die Großstadt. Sie machte den ganzen Himmel so hell, dass kein Stern zu erkennen war. Nur der volle Mond schaffte es mit den Lichtern der Stadt zu konkurrieren. Ein flüchtiges Lächeln huschte über Enricos eingefallenes Gesicht. Ja, sie waren wieder zu Hause. Endlich!

“Wo werden wir meinen Bruder überhaupt treffen?”, wollte Enrico wissen, als sie weiter liefen. Toni hatte mit Raphael ein Treffen vereinbart, nur wo es stattfinden sollte, wusste Enrico nicht. Die beiden hatten ein Geheimnis daraus gemacht. Nicht einmal der Weg, den sie gingen, verriet ihr Ziel. Die Orientierung hatte Enrico längst verloren. So viele Häuser waren abgerissen worden, an ihrer Stelle waren neue Wolkenkratzer und Gebäude entstanden. Nicht ein Geschäft, in der Fußgängerzone, wollte ihm bekannt vorkommen. Wie konnte sich eine Stadt, in fünf Jahren, nur so verändern?
“Auf dem Friedhof”, antwortete Toni ihm, während Enricos Blick von einem Haus zum nächsten ging.
“Wieso auf dem Friedhof?” War das nicht ein reichlich seltsamer Ort, für ein nächtliches Treffen?
“Das ist der stillste Ort in ganz Brook und Raphael meinte, dass er dort jederzeit hin könnte, ohne unnötige Fragen beantworten zu müssen.“ Schön und gut, aber trotzdem gefiel Enrico der Gedanke nicht, seinen Bruder ausgerechnet auf dem Friedhof wiederzusehen. Überall nur Tote, da wurden unangenehme Erinnerungen wach. Er hatte schon genug Freunde beerdigen müssen. Die unzähligen Besuche des Friedhofes reichten ihm für den Rest seines Lebens.
“Du wirst dich doch nicht etwa vor Geistern fürchten, oder?”, folgte Tonis Spott auf sein Schweigen.
“Mein Bruder ist furchteinflößender als jeder Geist”, meinte Enrico, sah mit finsterer Mine vor sich hin. Eigentlich stimmte diese Behauptung noch nicht einmal. Raphael war ein friedliebender Mensch. So lange man ihn nicht unnötig provozierte, hatte man von ihm nichts zu befürchten. Trotzdem konnte Enrico nicht einschätzen, wie sein Bruder auf das Wiedersehen reagieren würde. Er hatte ihn immerhin fünf Jahre lange für tot gehalten. Kein einziges Lebenszeichen hatte Enrico ihm geschickt. Sicher nahm Raphael ihm das übel, Enrico konnte es sich ja noch nicht einmal selbst verzeihen.
“Du übertreibst. Raphael wird dir schon nicht den Kopf abreißen.” Ein Schmunzeln hatte sich auf Tonis Lippen gelegt. Sicher, den Kopf würde es Enrico nicht kosten, nur den Menschen, den er Bruder nannte. Was, wenn Raphael ihn nicht sehen wollte, nur kam, um Enrico die Meinung zu sagen und dann für immer aus seinem Leben verschwand? Die Nervosität deswegen war kaum auszuhalten. Längst waren Enricos Hände eiskalt und feucht. Er konnte sie noch nicht einmal ruhig halten. In den Taschen seiner Jacke wühlte er herum, als wenn er in ihnen etwas suchen würde.
“Ich weiß. Ich bin total nervös”, gab Enrico zu. Erneut musste Toni ein Lachen hinunter schlucken. Zumindest einer von ihnen beiden hatte seinen Spaß.
“So siehst du auch aus”, spottete er. Noch einmal atmete Enrico tief durch, dann hatten sie das eiserne Friedhofstor erreicht.
Beim Durchschreiten und bei ihrem Weg über die weißen Kieselsteine, fiel Enrico jeder Atemzug schwer. Jeder Schritt war eine Belastung. Längst war sein Blick wieder gen Boden gesunken, während er sich von Toni über den Friedhof führen ließ.
Was würde ihn hier wohl erwarten? Sicher gab es irgendwo einen Grabstein mit seinem Namen darauf. Es war eine wirklich gruselige Vorstellung, vor seinem eigenen Grab zu stehen.
Toni ging voraus. Offensichtlich war er diesen Weg schon oft gegangen. Nicht ein einziges Mal musste er sich umsehen, um sein Ziel in der Dunkelheit zu finden.
Bedächtig schwieg Enrico. Wie oft hatte sein Freund hier wohl getrauert, ganz umsonst? Immer wieder wechselte sein Blick, von dem Weg den sie gingen, auf Toni. Dieser Ort weckte sicher wehmütige Erinnerungen in ihm, oder?
Im Gesicht seines Freundes war davon nichts zu erkennen. Keine Gefühlsregung war in den smaragdgrünen Augen auszumachen. Mit leerem Blick sah Toni vor sich hin, bog dabei um eine Tanne. In der Dunkelheit war sie nur als schemenhafter Umriss zu erkennen, eben so wie die vereinzelten Gräber entlang ihres Weges.
Welches wohl sein eigenes war?
Nur flüchtig ließ Enrico seinen Blick über die Grabsteine schweifen. Ein Glück, dass es dunkel war und er die Schriftzüge auf ihnen nicht lesen konnte.

In Gedanken versunken, versäumte Enrico es nach vorn zu sehen. Als Toni inne hielt, konnte Enrico seine Schritte gerade noch so stoppen, bevor er mit ihm zusammen stieß. Ob sie den Treffpunkt erreicht hatten?
Nur zögernd wagte Enrico aufzusehen. War Raphael schon da und erwartete sie? Am Sockel eines Obelisken blieben seine Augen hängen. Weiß war er, mit einem bläulichen Schimmer. Er erinnerte ihn an Eis. Verwirrt davon sah Enrico an ihm hinauf. Mindestens einen Kopf größer als er selbst, erhob sich das Denkmal. Sicher eine Gedenkstätte an Kriegshelden oder einer berühmten Persönlichkeit.
Auf halbem Wege hinauf, waren Buchstaben eingraviert. Ein Schriftzug, der die gefallenen Helden des zweiten Weltkrieges ehrte?
Uninteressant, beschloss Enrico und versuchte die Worte im Dunkeln erst gar nicht zu entziffern. Stattdessen glitt sein Blick weiter hinauf, bis zur Spitze des Obelisken.
Eine zerrissene Lederjacke wehte am höchsten Punkt des Denkmals. Wer die wohl da hinauf gehängt hatte?
Mit einer hoch gezogenen Augenbraue betrachtete Enrico den weißen Marmor im schwachen Mondlicht und die schwarze Lederjacke, bevor er fragte:
"So und nun?"
"Ich dachte, du willst es vielleicht sehen?" Tonis Blick drehte sich ihm zu. Die Kälte, die zuvor in seinem Gesicht gelegen hatte, war verschwunden, hatte einem schelmischen Grinsen Platz gemacht.
"Was sehen?", brachte Enrico diesem Blick nur misstrauisch entgegen. Toni würde doch nicht etwa behaupten wollen …?
"Dein Grab, du Genie." Doch er tat es. Dieses Monstrum von Grabstein, sollte seiner sein? Dann war die Jacke da oben wohl auch …?
Natürlich. Im sachten Wind, erhellt vom Schein des aufgehenden Mondes, kam er zum Vorschein. Der heulende Wolf, der auf die Rückseite seiner alten Lederjacke eingestickt war. Eine Sonderanfertigung und das Symbol seiner früheren Macht.
"Das da ist nicht euer Ernst, oder?" Mit ausgestrecktem Arm deutete Enrico auf sein eigenes Grab. Wieso mussten es seine Leute mit diesem Grabstein so schamlos übertreiben. Er war doch kein Held, dem man ein Denkmal setzen musste, nur um an ihn zu erinnern. Oder doch? Hatten sie seinen Verlust wirklich so sehr betrauert, dass es unbedingt ein solches Grab sein musste? Schon allein der Gedanke daran war Enrico unangenehm. Immerhin war er doch nie tot gewesen.
"Warum?" Verstört musterten Tonis smaragdgrüne Augen ihn, während sich seine Stirn in Falten legte. Mit dieser Reaktion hatte er wohl nicht gerechnet. Aber was hätte Enrico in diesem Moment anderes sagen sollen? Das alles war zu groß für ihn. Er fühlte sich einfach nicht wie eine große Persönlichkeit, die ein solches Grab verdient hatte. Ein normaler Stein, mit den Geburts- und Sterbedaten, hätte es doch auch getan, oder nicht?
"Na weil ...", begann Enrico eine Antwort, bis Schritte auf dem Kieselsteinweg ihn unterbrachen. Ein schwerer Gang, der sich ihnen ohne Umwege näherte. So bekannt, dass Enrico sich noch nicht einmal umdrehen musste, um zu wissen:
"Raph", unhörbar leise sprach er diesen lang vermissten Spitznamen aus, hauchte ihn gegen sein Grab, ohne sich seinem Bruder zuwenden zu können. Wie sollte er ihm, nach allem was passiert war, je wieder in die Augen sehen?

Toni hingegen drehte sich sofort um. Das Gespräch war vergessen, als er Raphael begrüßte:
"Ich bin zurück, wie versprochen und ich hab ihn dir mit gebracht" Seine Hand legte Toni auf Enricos Schulter. Während er einen vorwurfsvollen Blick aufsetzte, fügte er an:
"Auch wenn’s alles andere als einfach war!"
Schon die simple Berührung ließ Enrico zusammen zucken. Sein Herz schlug so schnell, dass Enrico meinte, die anderen beiden könnten es hören. Heiß und kalt wechselten sich in ihm ab. Obgleich er sich die ganze Zeit auf das Wiedersehen gefreut hatte, so fehlte ihm jetzt der Mut sich einfach umzudrehen. Ob sich Raphael überhaupt freuen konnte, ihn wieder zu sehen? Einen vorwurfsvollen Blick im Gesicht seines Bruders würde er nicht ertragen können.
"Ich wusste, auf dich ist Verlass", sprach Raphael mit rauer Stimme. Kurz darauf folgte das ineinander Schlagen zweier Hände. Tonis Gestalt verlor sich irgendwo hinter Enrico.
Den Kopf hatte Enrico in der Zwischenzeit gesenkt, so dass man unmöglich sein Gesicht erkennen konnte. Ob Raphael wohl sehr wütend war? Unter der Kapuze heraus und mit gesenktem Blick, war es Enrico unmöglich das Gesicht seines Bruders zu erkennen, einzuschätzen was dieser über ihn dachte. Lediglich Tonis Schuhe und die dazu gehörigen Beine konnte sein beschränkter Blick ausmachen.
“Hast du die Waffen?”, hörte er Toni fragen. Dann wechselten vier Pistolen den Besitzer. Zwei davon steckte Toni in die Halfter an Enricos Gürtel, die anderen beiden behielt er selbst.
"Und was ist mit dir? Willst du nicht mal Hallo sagen?", richtete sich schließlich die dunkle Stimme Raphaels an Enrico und ließ ihn abermals zusammen zucken. Da halfen ihm auch die beiden Pistolen nicht. Der Vorwurf in der Stimme seines großen Bruders war nicht zu überhören. Jetzt war Enrico endlich nach Hause zurück gekommen und hatte nicht mal ein Hallo für seinen Bruder übrig.
Noch einmal atmete Enrico tief durch. Er musste endlich etwas sagen, bevor er alles nur noch schlimmer machte. Die Kapuze, die er auf dem Kopf trug, schlug er zurück, die Sonnenbrille nahm er ab. Erst als er seine Maske los war, wagte es Enrico, sich umzudrehen. Von unten herauf sah er seinen Bruder an. Fragend hatte Raphael eine Augenbraue in die Höhe gezogen. Ob er ihn mit dem Bart und den schwarzen Haaren erkannte? Den Mund zu einem grimmigen Gesichtsausdruck geformt, wurde Enrico von ihm gemustert.
Ein verlegenes Lächeln machte sich auf Enricos Lippen breit, so wie er es automatisch immer tat, wenn er sich seiner Schuld bewusst war und auf Gnade hoffte. Den rechten Arm zog er hinter den Kopf, um sich an selbigem zu kratzen. Was sollte er jetzt nur sagen?
"Hi!", war alles was ihm spontan einfiel. Warum nur fehlten ihm hier und jetzt die Worte? Eine passendere Begrüßung hätte Raphaels finstere Miene vielleicht aufgehellt. So aber musterte Raphael ihn nur. Stumm betrachtete er ihn von oben bis unten. Dem Blick konnte Enrico nicht standhalten. Ohne dass es ihm wirklich bewusst wurde, sah er unter ihm hinweg.
Die aufkommende Stille wurde erst von Raphaels Schritten unterbrochen. Jetzt kam der Kerl auch noch auf ihn zu. Immer schneller raste Enricos Atem, sein Herz trommelte gegen seine Brust, als die Schritte direkt vor ihm erstarben. Nur die schwarzen Lackschuhe seines Bruders konnte Enrico erkennen, als sich Raphaels Schatten über ihn legte. Was kam nun? Eine Ohrfeige, einen Klaps auf den Hinterkopf, so wie früher, oder doch der altbewährte Schwitzkasten?

Raphael entschied sich für nichts von alle dem. Nicht ein wütendes Wort kam über seine Lippen. Selbst der eiserne Blick von eben, hatte sich aufgelockert. Als Enrico ihn wieder ansah, lag in Raphaels Augen nur die Trauer aus endlos langer Zeit.
"Du bist es wirklich", meinte er leiser als zuvor, dann legte er die Arme um Enrico.
Eingenommen von der viel größeren Gestalt seines Bruders, der ihn um eine Kopflänge überragte, wirkte Enrico wie eine Puppe. Unfähig sich zu rühren oder gar etwas zu empfinden. Tat er das gerade wirklich? War er denn nicht wütend und enttäuscht darüber, dass Enrico nicht schon früher zurück gekommen war?
"Tu so was nie wieder!", mahnte Raphael nur. Gewiss nicht. Er war jetzt lange genug weggelaufen.
Ohne ein Wort schloss Enrico die Arme um Raphael, drückte ihn an sich.
"Du hast mir gefehlt, Kleiner." So sehr hatte Enrico gehofft das zu hören, dass ihm die Aussprache dieser Worte die Tränen in die Augen trieb. Ja gefehlt, das hatte Raphael ihm auch. Nie hätte Enrico sich träumen lassen, dass er die Streitereien und Raphaels Sticheleien vermissen könnte.
"Es tut mir so leid", brachte Enrico nur mit gebrochener Stimme heraus, während ihm heiße Tränen über die Wangen liefen.
"Heulsuse!", meinte Raphael belustigt.
"Du heulst doch selber", während er sprach musste Enrico lächeln. Dass sich auch Raphael die Tränen der Freude über ihr Wiedersehen nicht länger verkneifen konnte, hatte er genau gehört.

"Ich stör die Wiedersehensfreude ja nur ungern, aber wir haben bis Sonnenaufgang noch einiges zu erledigen und ich hab keine Lust bei Tag mit ihm durch die Straßen Brooks zu laufen", drängte Toni zum Aufbruch. Es war höchste Zeit, dass sie sich auf den Weg machten. Dabei fiel es Enrico so unendlich schwer, sich von seinem Bruder zu trennen. Seufzend ließ er von ihm ab, löste seine Arme von Raphael. Mit dem Ärmel seiner Jacke musste sich Enrico erst einmal die Tränen vom Gesicht wischen.
“Sein Name ist von jetzt an Leon und er ist Amerikaner. Bekommst du das hin?”, erklärte Toni währenddessen.
"Ja, kein Problem." Auch Raphael musste einmal mit dem Ärmel seiner Jacke über die Augen wischen, um seine Tränen loszuwerden. Erst, als er wieder klar sehen konnte, sprach er weiter:
"Und? Wo werdet ihr von jetzt an wohnen?" Enricos wahre Identität im Hause Raphaels zu verbergen, war schier unmöglich. Immerhin ging dort Enricos Ehefrau ein und aus und auch Raphaels Frau hätte den Schwager sofort wieder erkannt. Ganz gleich wie gut die Verkleidung war und wie sehr sich Enrico Mühe gegeben hätte seine Stimme zu verstellen. Was Judy wohl gerade trieb? Gern hätte Enrico seine Frau gesucht, aber sein Leben hing davon ab, dass niemand ihn erkannte und Judy hatte noch nie ein Geheimnis hüten können.

"Die alte Fabrik", erklärte Toni.
"Wir gehen nach Hause", fügte Enrico an, während er die Sonnenbrille wieder aufsetzte und seine Kapuze über den Kopf zog. Nach Hause, wie gut sich das anhörte. Seit seinem sechzehnten Lebensjahr hatte er dort gewohnt. Wie die alte Fabrik wohl nach all der Zeit aussah?
"Ist das nicht ein wenig zu auffällig?", unterbrach Raphael Enricos Gedankengänge. Sicher, ins alte Hauptquartier zurückzukehren war riskant. Trotzdem.
"Ich glaube nicht, dass sie uns für so dumm halten", erwiderte Toni.
"Außerdem kennt keiner die Fabrik so gut wie wir. Die Red Dragons führen wir da drin allemal in die Irre", fügte Enrico an. Es war vielleicht nicht das beste Versteck, aber für den Anfang würde es reichen.
"Mhm schon ...", noch während seiner Worte legte sich Raphaels Stirn in Falten.
"Aber ist die überhaupt noch bewohnbar?" Eine gute Frage. Sicher hatten die Drachen in ihr gewütet und alles zerstört. Nachdenklich teilte Enrico den besorgten Blick Raphaels. Was, wenn kein Stein mehr auf dem anderen lag? Vielleicht war sie auch längst abgerissen worden, wie so viele alte Häuser hier und selbst wenn nicht, hatte ein mächtiges Feuer in ihr gewütet und sie sicher unbewohnbar gemacht.
"Wir bauen sie schon wieder auf", meinte Toni zuversichtlich. Na wenigstens er dachte positiv.
"Na schön. Dann passt auf euch auf. Du ganz besonders auf ihn!" Mit einem leichten Schwenk seines Kopfes deutete Raphael auf Enrico. Was wollte er denn damit sagen? Dass Enrico nicht auf sich selbst aufpassen konnte?
"Keine Sorge, ich hab ihn schon ganz gut im Griff", entgegnete Toni. Der musste gerade reden.
"Ha, ha ... Wenn ich Zeit hab lach ich mal drüber." Beleidigt ging Enrico voraus. Kein Wort des Abschiedes ließ er verlauten. Über den Kieselsteinweg und an der großen Tanne vorbei, ließ er sein Grab und die beiden Männer, hinter sich. Von wegen Toni hatte ihn im Griff. Wer war hier eigentlich der Chef und wer nur der Leibwächter?
"Warte gefälligst!", rief Toni ihm nach, dann hörte Enrico seine Schritte, die ihm nacheilten.

Lange sah Raphael ihnen nach. Unweigerlich legte sich ein Lächeln auf seine sonst so ernsten Gesichtszüge. So langsam wurde es wieder wie einst. Kopfschüttelnd musste er darüber schmunzeln, wie die beiden Freunde auch in der Ferne noch stritten. Wie er das vermisst hatte.
Einen letzten Blick warf Raphael auf das überflüssig gewordene Grab, dann setzte er sich in Bewegung. Das erst Mal überhaupt verließ er diesen Ort zufrieden und voller Zuversicht in ihre gemeinsame Zukunft.

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Nur wer die Hölle kennt, weiß den Himmel zu schätzen.
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