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 1.Kapitel ~Zwei Brüder~

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Enrico
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BeitragThema: 1.Kapitel ~Zwei Brüder~   Mi Jan 05, 2011 1:53 pm

1. Kapitel
~Zwei Brüder~
Ein schriller Pfeifton riss ihn aus seinen Träumen. War es schon Zeit zum Aufstehen, die Nacht vorbei? Er war doch gerade erst ins Bett gegangen. Raphael tastete nach seinem Wecker, aber er wurde nicht fündig. Wo hatte er das verdammte Teil nur hingestellt? Blinzelnd sah er ins Tageslicht. Müsste er nicht auf dem Nachttisch stehen? Anstelle der roten Ziffern seines Radioweckers, konnte Raphael nur einen verschwommen Umriss erkennen. Irgendwer stand vor seinem Bett und sah erwartungsvoll auf ihn herab. Ein Junge mit blonden Haaren und blauen Augen grinste ihn breit an. Auch das noch!
Raphael zog sich sein Kissen über den Kopf. Sein kleiner Bruder, der hatte ihm gerade noch gefehlt. Was machte der Kerl überhaupt hier? Hatte er ihn nicht weggeschickt?
Noch bevor Raphael in seinen müden Gedanken, die Worte des vergangen Abends gefunden hatte, spürte er die Knie seines Bruders im Rücken. Diese elende, kleine Mistmade. Wie er es hasste auf diese Weiße geweckt zu werden. Enrico zog ihm das Kissen vom Kopf und begann damit auf ihn einzuschlagen, während er ihm ins Ohr brüllte:
“Aufstehen du Schlafmütze! Die Sonne lacht und wenn du noch mal zu spät kommst, verlierst du deinen Job!”
“Weiche von mir Satan!”, knurrte Raphael ins Bettlaken. Jeden Morgen dasselbe Theater. Wie oft musste er ihm eigentlich noch sagen, dass er die Nacht nicht bei ihm verbringen durfte?
Immer wieder schnellte das Kopfkissen in seinen Nacken, auf seinen Kopf und malträtierte seinen Rücken. Es war aussichtslos jetzt noch ans Einschlafen zu denken.
Mit der Hand griff Raphael hinter sich und packte Enrico am Arm. Mit einem Ruck drehte er sich um und warf seinen Bruder von seinem Rücken. In der leeren Hälfte seines großen Bettes blieb Enrico liegen und sah erschrocken zu ihm auf. Zeit genug sich für den morgendlichen Angriff zur rächen.
Raphael begann ihn zu kitzeln, genau dort wo Enrico es auf den Tod nicht ausstehen konnte. Immer in die Seite, in Höhe der Nieren. Wie ein Aal wand sich sein kleiner Bruder unter ihm.
“Nein! Aufhören! Gnade!”, flehte er. Mit dem Kissen schlug er weiter nach Raphael, um ihn abzuwehren. Immer wieder musste er ausweichen, bis Enrico eine Möglichkeit gefunden hatte, aus dem Bett zu flüchten. Lachend rannte er aus dem Schlafzimmer und verschwand irgendwo auf dem Flur. Mit einem tiefen Seufzer ließ sich Raphael zurück auf seine Decke fallen. Den Arm legte er über seine Augen. Er war noch gar nicht richtig wach, aber Enrico hatte recht, er musste aufstehen. Er war erst letzte Woche zu spät zur Arbeit gekommen und hatte deswegen eine Abmahnung von seinem Chef bekommen. Wenn er noch einmal zu spät kam, hatte er gesagt, könne er sich einen neuen Job suchen. Das war das Letzte was er im Moment gebrauchen konnte.
Raphael kämpfte sich aus dem Bett. Mit einem langgezogenen Gähnen schleppte er sich ins Badezimmer. Ein grässliches Spiegelbild erwartete ihn dort. Seine Haare standen in alle Himmelsrichtungen ab, seine Augenringe reichten locker bis zum Boden und sein Gesicht wirkte aufgedunsen. Er sollte eindeutig früher ins Bett gehen!
Raphael zog die Tür des Spiegelschrankes auf, um sich nicht mehr sehen zu müssen und hob aus ihm sein Zahnputzzeug. Das konnte ja ein Tag werden, wenn der schon so begann.

Nachdem er sich gewaschen, rasiert und angezogen hatte, verließ Raphael das Badezimmer.
Wo war eigentlich die kleine Nervensäge abgeblieben, die ihn geweckt hatte? Seit dem Duschen hatte er nichts mehr von ihm gehört. Dabei wollte Raphael ihn doch zurechtweisen. Er musste das mit dem Übernachten endlich in den Griff bekommen, sonst hatte er keine Chance mehr das Gericht zu überzeugen.

Enrico und er waren im Heim groß geworden, doch seit Raphael volljährig war und sein eigenes Geld verdiente, versuchte er das Sorgerecht für seinen kleinen Bruder zu erstreiten, um ihn aus dem Heim zu holen. Mit mäßigem Erfolg. Immer wieder musste er aufs Neue Beweise dafür erbringen, dass er dazu in der Lage war, sich um Enrico zu kümmern, die Wohnung groß genug war und er genügend Geld verdiente, um sich und ihn zu ernähren. Die Behörden ließen sich zudem mit dem Bearbeiten des ganzen Papierkrams Zeit. Enrico hatte längst die Geduld dafür verloren und verbrachte die meiste Zeit bei ihm und in dem eigenen Zimmer, dass Raphael ihm eingerichtet hatte. Aber genau das brachte sie immer wieder in Schwierigkeiten. Wenn er die Vereinbarungen mit der Heimleitung nicht einhielt und eine davon war eben, dass Enrico pünktlich am Abend im Heim war, um die Nacht dort zu verbringen, würde ihm kein Gericht der Welt je das Sorgenrecht zusprechen. Wenn Enrico das nur endlich einmal begreifen und nicht ständig versuchen würde, seinen sturen Dickkopf durchzusetzen.
“Wieso bist du überhaupt noch hier? Hab ich dir gestern nicht gesagt, dass du im Heim schlafen sollst?”, mahnte Raphael in strengem Ton, als er in die Küche kam und dort seinen Bruder entdeckte. Enrico hatte den Tisch gedeckt und Brötchen aufgebacken. Ihr Geruch erfüllte die Luft, eben so wie der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee.
“Ich hasse es im Heim zu schlafen”, protestierte Enrico und setzte sich mit trotzig verzogener Mine an den Tisch. Sein Blick blieb gesenkt. Er wusste, dass er etwas falsch gemacht hatte und traute sich ihn anzusehen, als er weiter sprach:
“Wozu muss ich überhaupt dahin zurück? Ich hab doch dich. Du bist meine Familie. Ich bin kein Heimkind.” Raphael musste tief seufzen. Er hörte es gern, wenn Enrico ihn darauf hinwies, dass sie eine Familie waren. Immerhin wünschte sich Raphael nichts sehnlicher, als eine intakte Familie, so klein sie auch inzwischen war. Auch dass er Frühstück gemacht hatte und ihn aufweckte, damit er nicht zu spät zur Arbeit kam, schätze Raphael an ihm. Im Grunde konnte er ihm gar nicht böse sein. Das hatte er noch nie gekonnt, aber hier musste er endlich durchgreifen. So ernst es ihm möglich war, ließ Raphael seinen Bruder wissen:
“Wenn du so weiter machst, wirst du im Heim schlafen, bis du volljährig bist.” Ein unverständliches Murren gab Enrico ihm zurück und griff nach einem Brötchen, das dampfend in einem kleinen Weidekörbchen lag.
“Heute Abend schläfst du im Heim! Haben wir uns verstanden?” Wieder musste sich Raphael um die Strenge in seiner Stimme bemühen. Noch immer sah Enrico ihn nicht an. Er spielte mit den Fingernägeln an seinem Brötchen herum.
“Enrico!”, mahnte er noch einmal ernst.
“Ja, doch!”, brummte Enrico kleinlaut. Wieder musste Raphael seufzen, während er sich zu seinem Bruder an den Tisch setzte.

Während des Frühstücks sprach er kein einziges Wort mit ihm. Raphael meinte es wirklich ernst. Dann musste Enrico die Nacht tatsächlich im Heim verbringen? Nur zögernd wagte er zu seinem Bruder aufzusehen. Raphael war aufgestanden und hatte damit begonnen die Brote für sich und Enrico zu schmieren, die er mit auf Arbeit und Enrico mit in die Schule nehmen würden. Unverändert ernst war seine Mine.
“Tut mir leid?”, versuchte Enrico kleinlaut ein Gespräch zu beginnen.
“Schon gut. Ich spreche in meiner Pause mit der Heimleitung und du siehst zu, dass du dort sofort nach der Schule aufläufst.” Die fertigen Brote packte Raphael in zwei Bortbüchsen. Die Blaue reichte er Enrico, die rote würde er selbst mitnehmen.
“Pack die ein und dann mach dich fertig! Ich fahr dich zur Schule.”
“OK!” Das ließ sich Enrico nicht zwei Mal sagen. Er sprang auf, nahm Raphael die Büchse ab und rannte damit in sein Zimmer, um sie in seinem Rucksack zu verstauen.
Ein weiterer Grund dafür, warum er lieber bei seinem Bruder übernachtete. Er musste nicht den weiten Weg vom Heim laufen. Raphael kam auf dem Weg zur Arbeit an seiner Schule vorbei und fast immer stimmten seine Arbeitszeiten mit dem Schulbeginn überein. Wenn diese dumme Sache mit dem Sorgerecht nur endlich vom Tisch wäre.
Mit einem Seufzer packte Enrico seine Schulsachen zusammen. Dann folgte er seinem Bruder aus der Wohnung und zu dessen alten Fiat. Gemeinsam stiegen sie ins Auto.
“Sag mal, wie ist eigentlich die letzte Englischarbeit ausgefallen?” Auch das noch! Kaum waren sie losgefahren, ging das übliche Frage-Antwort-Spiel los. Wie Enrico das hasste.
“Ganz gut”, entgegnete er und sah gelangweilt dabei zu, wie die Wolkenkratzer an ihnen vorbeizogen.
“Geht das vielleicht auch ein bisschen genauer?”, harkte Raphael nach.
“Nein”, erwiderte Enrico ihm trocken.
“Enrico!” Wieder dieser mahnende Ton. Das sich Raphael immer wie ein Vater aufführen musste. Enrico kümmerte sich schon um seinen Schulkram, dass musste er ihm nicht sagen. Er stand in sämtlichen Fächern auf einer glatten Zwei, mit Ausnahme von Sport. Dort hatte er sich für eine Eins nicht einmal anstrengen müssen. Es war immerhin sein Lieblingsfach.
“Enrico, ich rede mit dir!”, knurrte Raphael noch lauter. Seufzend antworte Enrico ihm:
“Ich hatte eine Zwei, so wie immer.”
“Und was ist mit deinen Hausaufgaben? Hast du die gestern noch gemacht?”
Genervt sah Enrico seinen Bruder an. Er hatte alles erledigt, bis auf die Hausaufgaben in Mathe. Darauf hatte er am Abend keine Lust mehr gehabt, aber sollte er das Raphael sagen? Sicher würde er dann wieder rummeckern. Trotzdem, Enrico konnte seinen großen Bruder nicht anlügen. Er erkannte eine Lüge auf einen Kilometer Entfernung. So entschied sich Enrico für die Wahrheit:
“Ja, habe ich. Bis auf die Aufgaben in Mathe, die schreib ich in der Pause von Anette ab.” Augenblicklich verfinsterte sich Raphaels Mine. Jetzt folgte sicher wieder die übliche Predigt. Mit den Augen rollend sah Enrico zur Seite weg, während er die Worte seines Bruders lautlos mitsprach:
“Was glaubst du was du vom Abschreiben lernst? Mach deine Hausaufgaben gefälligst selbst …”
“Man, nur weil ich einmal abschreibe. Das macht doch Jeder so”, fiel Enrico seinem Bruder ins Wort.
“Du bist aber nicht Jeder!” Erneut setzte Raphael zu einer Predigt über das Lernen an. Enrico hörte ihm schon gar nicht mehr zu. Wegen den paar abgeschrieben Aufgaben würde er schon nicht gleich sitzen bleiben.
Endlich war die Schule in Sicht und mit ihr seine Rettung vor den immer wieder gleichen Worten seines Bruders. Kaum hatte Raphael den Wagen vor der großen Steintreppe geparkt, da riss Enrico die Beifahrertür auf und stieg aus. Nichts wie weg!
“Sag mal, hast du mir überhaupt zugehört?”, verlangte Raphael zu wissen. Natürlich nicht, aber sagen würde er das seinem Bruder sicherlich nicht. Das gab nur noch mehr Ärger.
“Sicher, jedes Wort.” Die Lüge war offensichtlich, so fügte Enrico noch schnell an: “Wir sehen uns dann heute Abend!” Das würde zumindest ihr Thema wechseln.
“Enrico! Du wirst heute im Heim schlafen!”, schallte es sofort. Während Enrico seinen Rucksack schulterte sah er zu seinem Bruder zurück. Ein breites Grinsen setzte er auf, als er antwortete:
“Schon klar Großer! Ich wollte nur sehen ob du’s merkst.”
“Du merkst auch gleich was und zwar meine Faust in deinem Gesicht!” Über diese Drohung konnte Enrico nur schmunzeln. Übertrieben auffällig sah er auf die Uhr an seinem Handgelenk, bevor er sagte:
“Das glaub ich nicht. Dazu müsstest du ja aussteigen und dann würdest du zu spät zur Arbeit kommen.”
“Was?” Erschrocken sah Raphael auf die Uhr im Radio seines Autos. Als er sich eingestehen musste, dass Enrico recht hatte, legte er den Rückwärtsgang ein. Er hatte nur noch zehn Minuten, nicht genug Zeit um sich zu streiten.
“Das klären wir noch”, sprach er eine letzte Drohung aus. Wieder konnte Enrico darüber nur schmunzeln.
“Gern, vielleicht gleich heute Abend, wenn du von Arbeit kommst?” Einen letzten warnenden Blick warf Raphael ihm zu, dann brauste er mit quietschenden Reifen davon. Kopfschüttelnd sah Enrico ihm nach. Er liebte es einfach seinen großen Bruder in den Wahnsinn zu treiben. Wie schade dass er ihn heute nicht mehr sehen würde, um das Spiel am Abend fortzusetzen.

Enrico sah seinem Bruder noch eine Weile nach, dann entschied er sich dazu, die Treppe zu erklimmen, um nicht selbst zu spät zu kommen.
Wie an jedem Morgen, stand auf dem obersten Treppenabsatz, eine Gruppe Mädchen. Ihre Blicke folgten ihm, auf seinem Weg. Auch das noch! Sie tuschelten und kicherten albern. Das taten sie immer, wenn er sich in ihrer Nähe aufhielt. Wenn er nur gewusst hätte, was es über ihn zu erzählten gab, dass sie dabei so lachen mussten. Er hatte noch nichts Lustiges gesagt oder getan, auch wenn er in seiner Klasse für seine unterhaltsamen Sprüche bekannt war. Auch an seiner Kleidung gab es doch nichts auszusetzen, oder? Mädchen, aus denen wurde er einfach nicht schlau. Als Enrico den Treppenabsatz erreichte, ging sein Blick musternd von einer zur anderen. Anette war unter ihnen. Die einzige blonde, mit den schulterlangen Haaren, war nicht zu übersehen. Als sein Blick sie traf, lief ihr Gesicht feuerrot an und sie sah verschämt zur Seite. Sofort löste ihre Reaktion neues Getuschel aus.
“Geh schon! Du bist doch mit ihm befreundet”, schnappte er ein paar Wortfetzen auf. Enrico zog fragen eine Augenbraue in die Höhe. Sie sollte ihm doch nicht etwa wieder …
Besser er verschwand, so lange er noch die Gelegenheit dazu hatte.
“Guten Morgen Mädels!”, grüßte er nur kurz, dann setzte er sich wieder in Bewegen und öffnete die Tür des Schulgebäudes. Wenn er sich beeilte, war er weg, bevor Anette den Mut aufbrachte, ihm den üblichen Zettel in die Hand zu drücken. Von wem er dieses Mal kam, war ihm ganz egal. Er hatte an keinem der Mädchen Interesse.
“Enrico, warte! Ich komme mit dir!”, rief Anette ihm nach. Super, wieder zu langsam. Seufzend hielt er inne und wartete auf sie. Als sie ihn eingeholt hatte, hielt er ihr die Tür auf, dann betraten sie gemeinsam die Eingangshalle. Anette brauchte nicht lange, um ihm ihre Absichten preiszugeben. Nur zwei weitere Schritte, dann hielt sie ihm ein zusammengefaltetes Stück Papier entgegen.
“Das soll ich dir geben! Ich hab keine Ahnung von wem es ist”, presste sie ungewohnt nervös hervor.
Normalerweise warf sie ihm solche Zettel genervt entgegen und lief dann davon. Heute zitterten sogar ihre Hände, als er ihr den Brief abnahm. Ein flaues Gefühl machte sich in Enricos Magen breit. Sie würde doch nicht etwa zur Abwechslung mal selbst … Schüchtern sah sie zur Seite weg.
“Wir sehen uns in der Klasse!”, fügte sie hastig an, dann lief sie davon.
“Oh man!”, stöhnte er und blieb stehen, um den Brief in Ruhe auseinander zu falten:

Ich wollte es dir so oft sagen,
doch fehlte mir der Mut.
Ich wollte dich so oft danach fragen,
doch die Angst brannte wie Glut.

Ich fürchtete so das du lachst,
der Gedanke tat mir weh.
Ich fürchtete so das du nein sagst.
Das du sagst: Geh!

Mein Herz will nicht mehr Schweigen,
damit es nicht daran zerbricht.
Mein Herz will es dir zeigen,
wovon es jetzt nur leise spricht.

Sag liebst du mich,
so wie ich dich?


Willst du mit mir gehen?
Ja
Nein
Vielleicht
Oh man! Sie hatte sich auch noch die Mühe gemacht, ein Gedicht für ihn zu schreiben. Das konnte was werden, wenn er ihr sagen musste, dass sie nur eine gute Freundin war und mehr nicht. Warum nur musste immer ihm das passieren. Warum konnte es ihm nicht wie Alex gehen? Sein bester Freund bekam nie derartige Zettel zugesteckt. Er wusste gar nicht, wie gut er es hatte, wenn er sich deswegen bei Enrico beklagte. Alex musste die Mädels zumindest nicht ständig zum Heulen bringen. Seufzend lief Enrico weiter. Besser er klärte das gleich mit Anette. Warum hatte sie ihm das eigentlich nicht offen gesagt und war jetzt weggerannt? Warum hatte sie ihn angelogen? Mädchen, die sollte einer verstehen.

Als er das Klassenzimmer erreichte, musste er nicht lange nach ihr suchen. Sie saß auf dem Stuhl, an dem Tisch, den sie sich seit Jahren teilten und sah nicht einmal auf, als er zu ihr ging. Nervös spielte sie an den Nägeln ihrer Finger herum und biss sich immer wieder auf die Unterlippe. Da lag mal wieder ein hartes Stück Arbeit vor ihm. Wie nur sollte er sie abweißen, ohne ihre Gefühle zu verletzen und damit ihre Freundschaft zu gefährden? Von den Hausaufgaben, die er von ihr Abschreiben wollte, ganz zu schweigen. Ein bitteres Lächeln überkam ihn, als er an das Gespräch mit seinen Bruder dachte. Er hätte sie wohl doch selbst machen sollen.

Die Rufe seiner Freunde ignorierte Enrico und setzte sich neben Anette auf seinen Stuhl. Er konnte hören wie sie schwer ausatmete. War ihr seine Nähe denn so unangenehm? Warum hatte sie dann diesen Brief geschrieben? Jetzt musste auch er Seufzen. Um sie und die Enttäuschung in ihren Augen nicht sehen zu müssen, begann Enrico seine Schulsachen auszupacken, die er für die Stunde brauchen würde. Den Zettel schob er über die Tischplatte in ihre Richtung, während er so leise sprach, dass nur sie es hören konnte:
“Wir sitzen jetzt schon seit der dritten Klasse nebeneinander. Glaubst du ich erkenne deine Schrift nicht? Wieso lügst du mich an, wenn du mir schon so einen Brief zusteckst?” Sie schluckte schwer. Hatte sie denn wirklich gedacht, er wüsste nicht von wem der Brief kam, nur weil kein Name darauf stand?
“Ich … also … ich”, stammelte sie.
“Warum fragst du mich so was nicht, wenn wir allein sind? Hier glotzen uns alle an und warten darauf, wie ich reagiere.” Die Mädchen von der Treppe hatten das Klassenzimmer betreten und starrten sie an. Sie warteten wie Assgeier darauf, dass etwas passierte. Weiber!
“Das ist es ja, wir sind nie allein!”, beschwerte sich Anette. Erst jetzt, wo ihre Stimme wieder fest war und sie sich scheinbar gefangen hatte, wagte es Enrico sie anzusehen. Mit zitternden Fingern öffnete sie den Zettel. Glaubte sie wirklich, er habe schon eine der drei Antworten angekreuzt, die ihm zur Auswahl standen? Er hatte noch nicht einmal einen Stift zur Hand gehabt.
“Da steht ja noch gar nichts”, rief sie enttäuscht. Wie nur brachte er ihr das schonend bei?
“Anette, du bist meine beste Freundin und ich mag dich, aber mehr auch nicht. Ich könnte mich sowieso nie in ein Mädchen verlieben, dass mir solche Zetteln zusteckt.” Anettes Augen wurden gläsern. Enrico konnte sehen, wie in ihnen die Tränen aufstiegen. Er hatte scheinbar nicht die rechten Worte getroffen, nach denen er gesucht hatte. Augenblicklich stand sie auf und nahm ihre Bücher vom Tisch und den Rucksack vom Boden. Einen letzten zweifelnden Blick warf sie ihm zu. Beinah so, als wenn sie nicht glauben konnte, was er eben gesagt hatte, dann rannte sie davon. Schon wieder! Enrico blieb nicht die Zeit ihr noch etwas Entschuldigendes nachzurufen. Die Tür flog hinter ihr krachend zurück ins Schloss.
“Super Enrico! Mit Mädchen hast du’s voll drauf.”, hörte Enrico eine wohlbekannte Stimme hinter sich. Alex hatte sich über den Tisch gebeugt, hinter dem er saß, und sah ihn vorwurfsvoll an, als Enrico sich zu ihm umdrehte. Nicht nur der Blick seines Freundes ruhte auf ihm. Alle sahen ihn an. Das war wieder großartig gelaufen. Er war für solche Sachen einfach nicht gemacht. Ein Grund mehr, warum er solche Zettel nicht ausstehen konnte. Wenn ihn ein Mädchen interessierte, würde er ihr das schon selbst sagen. Sie mussten nicht immer wieder nachfragen.
“Ich weiß!”, murmelte er seine Antwort und versuchte dem Blick von Alex auszuweichen.
“Willst du ihr nicht nachgehen?”, wollte dieser von ihm wissen.
“Wozu? Glaubst du ich könnte ihr jetzt ein Trost sein? Sie heult immerhin meinetwegen. Geh du ihr doch nach. Du bist doch der Kumpeltyp, mit dem man über alles reden kann!”
“Danke auch, dass du mich daran erinnerst!”, knurrte Alex und stand auf. Was hatte er denn jetzt wieder? Finster sah er vor sich hin, als er Enricos Vorschlag tatsächlich nachkam und Anette folgte. Jetzt hatte er auch noch seinen besten Kumpel beleidigt, ohne es zu wollen. Das war wahrlich nicht sein Tag heute. Anette und Alex waren sauer, die Mathehausaufgaben waren auch noch nicht gemacht und zu allem Überfluss musste er im Heim übernachten. Aber zumindest wandten sich langsam die Blicke von ihm ab. Getuschelt wurde trotzdem, selbst als der Deutschlehrer, Herr Winkler, das Klassenzimmer betrat. Enrico seufzte tief, dann zog er unter seinem Deutschbuch die Hausaufgaben für Mathe hervor. Herr Winkler würde es ohnehin nicht auffallen, wenn er die jetzt machte. Er hatte genug damit zu tun die Klasse zur Ruhe zu bringen, gehörte er doch nicht zu den Lehrern, denen es gelang sich Autorität zu verschaffen. Nicht einmal das Fehlen von Anette und Alex, fiel ihm bei dem Durcheinander auf, dass während seines Unterrichtes herrschte.
Ein Glück gab es in Deutsch nichts zu verpassen! Das Buch hatte Enrico schon gelesen, dafür hatte Raphael gesorgt. Wozu sich also im Unterricht anstrengen? Ihn interessierte die Liebesschnulze um Romeo und Julia sowieso nicht. Er hatte sich noch nie verliebt und wenn das so weiter ging, würde er es auch nie tun. Weiber, die machten nur Ärger und Probleme. Das würde er sich ersparen!

Die Stunden schlichen dahin. Ohne Anette, gab es niemanden zum Reden, um den langweiligen Unterricht zu überbrücken und auch Alex tauchte erst in der großen Pause wieder auf. Enrico fand ihn im Schulhaus. Die Brote, die Raphael ihm gemacht hatte, waren längst verschlungen. Um noch Zeit zum Fußballspielen zu haben, hatte Enrico die Brote, die Raphael ihm gemacht hatte, regelrecht verschlungen. Mit dem Ball unter dem Arm, war er hinausgestürmt und hatte seinen Freund dabei fast umgerannt, als dieser von den Toiletten kam.
“He! Pass doch auf!”, tadelte Alex ihn und rieb sich den Kopf, den er sich an Enricos Schulter angeschlagen hatte.
“Man, wo hast du so lange gesteckt? Die Maierhoffer hat schon nach dir und Anette gefragt. Wo ist sie überhaupt?”, sprudelten all die Fragen aus Enrico heraus, die ihn die letzten Stunden begleitet hatten. Dabei rieb er über die Schulter, die der Kopf seines Freundes getroffen hatte. Alex hatte wirklich einen harten Schädel!
“Ich hab die ganze Zeit auf dem Mädchenklo zugebracht und auf sie eingeredet, was du doch für ein Idiot bist, und dass du es eben nicht besser weißt. Das Ende vom Lied war, dass sie heimgegangen ist und ich jetzt Dinge über Mädchen weiß, die ich nie hören wollte. Du bist mir was schuldig!” Das hatte er ihr so sicher nicht gesagt. Dazu kannte Enrico ihn zu gut. Er war nur sauer, dass er die Stunden auf dem Klo verbringen musste, um ihre gemeinsame Freundin zu beruhigen. Aber Alex hatte recht, dafür war er ihm etwas schuldig, auch wenn er nicht wusste, wie er das wieder gutmachen konnte.
“Wie wäre es mit Fußball?”, fragte er fast ein bisschen hilflos, wollte ihm doch einfach nichts besseres einfallen, womit er Alex ein Freude machen konnte. Seinen Ball hielt er dem Freund entgegen, in der Hoffnung er würde ihn nehmen und ihm seine dummen Worte von vorhin verzeihen.
“Na schön, aber du vertreibst die Großen vom Spielfeld!” Alex nahm ihm den Ball ab.
“Geht klar!” Enrico warf seinem Freund ein Lächeln zu. Sich mit den Elftklässlern anzulegen, war noch immer besser, als Alex als Freund zu verlieren. Da nahm er gern ein blaues Auge in Kauf.

Gemeinsam liefen sie die Treppen nach unten und erreichten den Schulhof. Die kleinen Grüppchen von Mädchen und Jungen überall, nahm Enrico kaum wahr, während er sich mit Alex unterhielt. Die Zurufe der Freunde, die verteilt in diesen Gruppen standen, hörte sie beide nicht.
“Sag mal, was hast du eigentlich gegen diese ganzen Liebesbriefe? Freu dich doch, wenn dir die Mädels in Scharen hinterherlaufen. Ich wäre schon froh wenn das bei mir nur eine tun würde”, jammerte Alex. Jetzt ging das wieder los! Er versank in Selbstmitleid.
“Ich hab nichts übrig für dieses Ja, Nein oder Vielleicht. Ich meine, warum können sie mir nicht einfach offen sagen, dass sie was von mir wollen?”
“Das ist nicht so einfach, wie du dir das vorstellst! Du warst ja noch nie verliebt.” Was sollte daran schon so schwer sein? Man ging einfach hin und sagte was man fühlte. Enrico verstand nicht worin da das Problem bestand. Auch wenn er sich noch nie verliebt hatte, konnte das doch nicht so schwer sein, wenn man es war.
“Und wenn schon. Ich werde mir sowieso eine Ältere suchen, die das mit diesen Briefen nicht mehr nötig hat und dann erobere ich sie. Das gefällt mir allemal besser, als umgekehrt!”
“Was du nicht sagst. Das will ich sehen. Du würdest dich doch nie trauen eine aus der zwölften oder so anzusprechen!” Glaubte Alex das wirklich? Musternd ließ Enrico seinen Blick über den Freund schweifen. Alex verzog keine Mine, sein Blick blieb so ernst wie zu vor. Dem würde er schon beweißen, dass er sich das sehr wohl zutraute. Was war schon dabei? Als Alex seine Meinung von allein nicht änderte, sah sich Enrico auf dem Schulhof um. Wo waren die aus der Zwölften, wenn man sie mal brauchte? Enrico erkannte nur die jüngeren, bis er in einer abgeschieden Ecke, nahe der Sporthalle fündig wurde. Ronny und Sina, das Traumpaar. Perfekt! Den Jungen kannte er. Er war mit seiner Fußballmannschaft, in einem Freundschaftsspiel, gegen den Verein von Ronny angetreten. Danach hatte sich Enrico noch lange mit ihm unterhalten und sich Tipps geben lassen. Ein Glück, dass Alex nichts davon wusste. Sie waren zwar im selben Verein, aber am Tag des Spiels war Alex krank gewesen.
“Wie wäre es denn mit einer Wette?”, schlug Enrico vor. Zweifelnd sah Alex ihn an und zog eine Augenbraue fragend in die Höhe.
“Ich wette ich schaffe es mit Sina ein Gespräch anzufangen”, fuhr Enrico fort. Schon allein die Vorstellung, ausgerechnet mit Sina zu sprechen, musste sich für Alex verrückt anhören. Sie war die Schönste der ganzen Schule. Ihre blonden Haare reichten ihr bis zum Po und glänzten seidig in der Sonne. Ihr Gesicht war ebenmäßig und glatt. Sie brauchte ihre langen Wimpern nicht mit Farbe hervorheben. Ihr Make Up war dezent gehalten. Nur ein wenig Blau auf den Augenliedern und ein schwaches Rot auf ihren vollen Lippen. Wenn sie lächelte, bekamen ihre Wangen kleine Grübchen. Ihr Busen war groß, ihr Po knackig. Sie war der Traum aller Jungen der Schule, auch wenn sie längst an Ronny vergeben war. Jeder Schüler hier würde dafür sterben, nur einmal von ihr angesehen zu werden.
“Bist du wahnsinnig geworden? Du bist 15 sie ist 18, was glaubst du, was die von dir denken wird? Sie ist die ´Liebesgöttin` in Perfektion. Sie spielt nicht umsonst die Julia in unserem Schultheater. Die kannst du nicht einfach so ansprechen. Außerdem steht Ronny bei ihr, der vermöbelt dich, wenn du ihr schöne Augen machst. Er soll total eifersüchtig sein.” Über Alex Worte musste Enrico schmunzeln. Er hatte ihm mit der Schulaufführung sogar noch ein Thema gegeben. Daran hatte Enrico gar nicht mehr gedacht.
“Ich wette, er wird sie mir sogar vorstellen. Ich verwickle sie in ein Gespräch und sie wird mich dabei mindestens einmal anlächeln!”
“Du bist krank, weißt du das?” Sicher wusste er dass, aber der Spaß war es ihm wert und auch das Gesicht von Alex, wenn sein Plan aufging, wollte Enrico sehen.
“Ich wette mein Taschengeld für nächsten Monat darauf, dass ich das hinbekomme!”
“Was will ich mit deinen lächerlichen 15 Euro!”, knurrte Alex aufgebracht. Warum er so wütend wurde, konnte Enrico nicht genau einschätzen. Wahrscheinlich machte er sich ernsthaft Sorgen, Ronny könnte ihm wirklich etwas tun und er erhoffte sich so, Enrico würde sich das mit der Wette noch einmal überlegen. Aber da lag er falsch!
“Ach komm schon. Du bekommst 100 im Monat. Falls du verlierst machen 15 doch nicht viel aus”, drängte Enrico ihn.
“Ich wette nicht mit dir und du bleibst gefälligst hier!” Bestimmt nicht! Die Herausforderung war viel zu verlocken, als dass Enrico sich das entgehen ließ.
“Du hast doch nur Angst das du verlierst!” Enrico grinste breit und drehte sich um. Alex Gesicht war es wert, auch wenn er nicht auf die Wette einstieg.
Die Hände steckte Enrico in die Taschen seiner Jeans, dann ging er seelenruhig auf Ronny und Sina zu, die noch immer im Schatten der Sporthalle standen.
“Enrico, nein! Bleib hier!”, rief Alex. Einige Schritte kam er ihm nach, aber als Enrico zielstrebig weiter marschierte, blieb er stehen. Er würde sich sicher nicht weiter als nötig an die beiden heranwagen. Als Enrico über die Schulter zurück zu ihm sah, stand er unschlüssig in einiger Entfernung herum und wirkte verzweifelt, weil er nicht wusste was er tun sollte. Wenn Enrico sich nur ein Handy hätte leisten können, um diesen Blick zu fotografieren und für die Nachwelt festzuhalten.
Nur noch wenige Schritte, dann hatte er die beiden erreicht. Seinen Blick richtete Enrico wieder nach vorn. Er setzte ein Lächeln auf, als Ronny ihn bemerkte und ihn ansah. Er musste ihn wiedererkannt haben, denn er lächelte nun ebenfalls. Als Enrico ihn erreichte, streckte er ihm zur Begrüßung die Hand entgegen. Ohne zu zögern schlug Ronny ein.
“Hey, ich hab gehört ihr hättet letzte Woche drei zu null gegen die Mannschaft aus Mantten gewonnen. Du sollst zwei davon geschossen habe”, sprach Enrico ihn an.
“Ja, man tut was man kann. Du sollst aber letzte Woche auch nicht schlecht gewesen sein …”
“Ihr kennt euch?”, fuhr Sina dazwischen. Sie hatte sich sicher ausgeschlossen gefühlt und wollte nun Klarheit darüber haben, wer sich in ihre Zweisamkeit drängte. Um nicht aus dem Gespräch geworfen zu werden, fügte Enrico ebenfalls eine Frage an:
“Deine Freundin?”
“Ja, das ist Sina. Sina, Enrico. Wir sind uns mal auf dem Spielfeld begegnet”, erklärte Ronny und stellte sie wie geplant einander vor. Punkt Eins, war damit erledigt. Schade das Enrico jetzt nicht einfach umdrehen konnte, um das Gesicht von Alex zu sehen. Stattdessen wand er seine Aufmerksamkeit Sina zu.
“Ach, du bist Die Sina? Die, die in unserer Schulaufführung die Julia spielt? Cool. Wir nehmen das Buch gerade in Deutsch durch. Ich fand diese alte Sprache echt schwer zu lesen. Wie kannst du dir das alles nur merken?” Ein Glück, dass Alex ihn daran erinnert hatte. Bei diesem Gesprächsthema musste doch auch eine ´Liebesgöttin` anbeißen und tatsächlich. Die vollen Lippen hoben sich zu einem Lächeln. Ihre himmelblauen Augen leuchteten, als sie antwortete:
“Ach, so schwer ist das gar nicht. Ich konnte mir solche Verse schon immer gut merken. Man muss sie nur oft genug lesen.”
“Das ist wirklich beeindruckend! Mit so einer schönen Julia wird das Stück sicher ein großer Erfolg.”
“Danke!” Sina strich sich eine ihrer blonden Strähnen aus dem Gesicht. Ihr Lächeln war noch breiter, ihre Grübchen noch tiefer geworden. Sie war wirklich eine Augenweide, kein Wunder das Ronny sie gewählt hatte.
“Sag mal, der Typ dort, gehört der zu dir? Er schaut uns schon die ganze Zeit so seltsam an!”, rissen ihn Ronnys barsche Worte aus seinen Gedanken. Erst jetzt fiel Enrico Alex wieder ein. Er sah zurück zu ihm und konnte erkennen, dass sich der Blick seines Freundes, von besorgt auf fassungslos verändert hatte. Er sah ihn, Ronny und Sina mit aufgerissenen Augen und offenem Mund an. Auffälliger hätte er sie nicht mustern können.
“Ja, tut er. Wir wollen auf dem Platz hinten Fußballspielen. Er ist sicher sauer, weil er warten muss”, log Enrico. Der leicht gereizte Unterton in Ronnys Stimme gefiel ihm nicht. Da war es besser, den großen Kerl zu beschwichtigen. Er war scheinbar wirklich schnell eifersüchtig, wenn man ihn nicht zufällig kannte. Besser Enrico beendete das Gespräch und sorgte dafür, dass Alex nicht noch in Schwierigkeiten geriet.
“War nett mit dir zu plaudern. Vielleicht treffen wir uns mal wieder auf dem Spielfeld. Würde mich freuen!” Mit einem Lächeln reichte Enrico Ronny die Hand zum Abschied. Seine Geschichtszüge hatten sich wieder entspannt.
“Mich auch”, entgegnete er, dann wandte sich Enrico Sina zu und reichte auch ihr die Hand.
“Viel Glück für das Stück. Ich freu mich schon jetzt darauf!”, log er wieder, ohne rot zu werden und schenkte auch Sina ein Lächeln. Ob sie ihm wirklich die Hand geben würde?
“Danke!”, sagte sie zuckersüß, strich sich noch einmal die widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht und reichte ihm ihre Hand zum Abschied. Enrico drückte sie sanft und schüttelte sie. Dabei kam es ihm so vor, als wenn ihm die ganze Aufmerksamkeit auf dem Schulhof gehört. Sämtliche Blicke der Schüler konnte er auf sich spüren, aber dieses Mal störte es ihn nicht. Er genoss es im Mittelpunkt zu stehen, wenn nicht gerade eine Antwort, auf einen Liebesbrief, von ihm erwartet wurde. Das hier, war ein viel besseres Gefühl. Er, der Neunklässler, der es wagte die Hand der Julia aus der Zwölften zu schütteln und das auch noch neben deren Freund. Das ging sicher in die Geschichte ein und war für die nächsten Wochen das Gesprächsthema an seiner Schule. Da war er sich sicher.
Ein letztes Lächeln schenkte Enrico ihr und sie ihm, dann ließ er ihre Hand los und lief zu Alex zurück.

“Du bist echt krank!”, empfing dieser ihn mit einem Kopfschütteln.
“Ich weiß!” Enrico grinste breit. Sicher war er das und er war es gern. Den Ball, den Alex noch immer unter dem Arm hielt, nahm Enrico ihm ab und warf ihn vor sich auf den Boden.
“Los, lass uns spielen gehen!”, schlug er voller Tatendrang vor und trat den Ball vor sich her. Mit der Erfahrung von eben, würde er auch die großen Jungs vom Feld vertreiben. Er hatte immerhin mit Sina gesprochen, was konnte ihn jetzt noch aufhalten? Noch immer waren alle Blicke auf ihn gerichtet. Es wurde getuschelt und getratscht, genau so wie Enrico es erwartet hatte. Sicher hatte er Morgen wieder einen Berg Liebesbriefe auf seinen Tisch. Enrico schüttelte mit dem Kopf. Er wollte nicht daran denken, er wollte Fußball spielen.
Gemeinsam mit Alex lief er auf das Feld hinter der Sporthalle, das seltsamer Weiße leer war. Die Großen aus der Elf, schienen heute keine Lust darauf gehabt zu haben, im Gras sitzend, ihre Pausenbrote zu verzehren. Um so besser! Der Platz gehörte ihnen allein, die Welt war wieder in Ordnung!

Zumindest bis Enrico erneut einen Blick auf sich spüren konnte. Jemand durchbohrte ihn förmlich, hatte er das Gefühl. Den Ball stoppte er unter seinem Fuß und sah sich verwirrt nach der Person um, die ihn ansah. Alex kam neben ihm zum Stehen und sah ihn fragend an.
“Wasn los?”, wollte er von ihm wissen. Enrico hörte die Stimme des Freunde nur wie aus weiter Ferne. Er hatte gefunden wonach er gesucht hatte. Hinter dem Zaun, der das Schulgelände von der Straße trennte, stand ein Junge. Er war nicht älter als Enrico und keuchte, als wenn er einen Marathon gelaufen wäre. Den hatte Enrico hier schon oft gesehen. Er kam beinah täglich hier vorbei. Immer um die Mittagszeit. Das wunderte Enrico jeden Tag aufs Neue. Müsste er um die Zeit nicht selbst in der Schule sein?
“Schau, da ist er wieder!” Mit einem Schwenk seines Kopfes, deutete Enrico in Richtung des fremden Jungen, damit auch Alex ihn bemerkte. Schon oft hatten sie sich beide den Kopf über diesen Kerl zerbrochen. Er blieb immer eine Weile am Zaun stehen und beobachtete sie und die anderen Schüler mit einem zutiefst finsteren Blick. Beinah so, als wenn er alles und jeden Abgrundtief hassen würde. Stets trug er einen schwarzen Rucksack auf dem Rücken, auf dem ein roter Drache eingestickt war. Nur heute nicht. Er trug nur seine Lederjacke. Dafür sah er abgehetzter aus als sonst. Der Schweiß lief ihm von den dunklen, lockigen Haaren ins Gesicht. Warum nur musste der Kerl immer so finster dreinschauen?
“Der Typ ist mir unheimlich”, murmelte Alex. Für einen Moment lenkte Enrico seine Aufmerksamkeit auf ihn. Unheimlich? Enrico fand den Kerl eher interessant. Besonders die Klamotten die er trug. Die dunkle Jeans, war sicher teuer gewesen, genau so wie das weiße Shirt. Aber am besten gefiel Enrico die Jacke. So eine hätte er auch gern. Vielleicht sollte er ihn zum Spielen einladen? Dann bekam er vielleicht heraus, woher der Kerl die Jacke hatte, auf deren Brusttasche ebenfalls ein Drachen aufgedruckt war. Der Selbe wie auf dem Rucksack, den er sonst trug.
“He, du! Willst du mitspielen?”, rief Enrico dem Jungen zu. Der Blick des Dunkelhaarigen verfinsterte sich noch mehr. So grimmig war Enrico nie von jemanden angesehen worden. Dann lief der Junge so schnell davon, wie er gekommen war. Als er ihm den Rücken zudrehte, konnte Enrico auf der Rückseite der Jacke den Drachen noch einmal sehen. Nun gefiel ihm die Lederjacke noch besser. Der gewundene lange Körper, mit den scharfen Klauen und der Kopf mit den langen Schnurbarthaaren. Wenn er nur das Geld hätte, um sich auch so eine tolle Jacke zu kaufen.
“Sag mal, bist du irre? Wieso lädst du den auch noch ein? Ich bekomm schon eine Gänsehaut, wenn ich den nur sehe!”, murrte Alex ihn an. Unbekümmert zog Enrico die Schultern hoch und ließ sie wieder fallen.
“Ich find ihn interessant. Außerdem gefallen mir seine Klamotten!”, lachte er.
“Hab ich dir schon mal gesagt, wie krank du bist?”
“Jab, heute zum dritten Mal!”, lachte Enrico erneut. Dann trat er gegen den Ball und setzte ihr Spiel fort. Den fremden Jungen hatte er schon längst wieder vergessen.

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