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 1.Kapitel ~Eisblaue Augen~

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Enrico
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BeitragThema: 1.Kapitel ~Eisblaue Augen~   Mi Jan 05, 2011 8:51 am

1. Kapitel
~Eisblaue Augen~
"Ok, wer von euch beiden hatte diese glorreiche Idee?" Die junge Frau, die eben ihr Zimmer stürmte, zog die Tür nach sich zu. Ihr Blick war grimmig verzogen, die blonden langen Haare hatte Susen zu einem strengen Zopf nach hinten gebunden. Mit der silbernen Brille auf der Nase sah sie mal wieder wie eine strenge Lehrerin aus.
Judy verschränkte die Arme vor der Brust. Sie würde sich von dem Zorn ihrer Schwester nicht einschüchtern lassen. Es war noch immer ihr Leben. Auch wenn die Idee nicht von ihr stammte und sie selbst nicht wusste, was sie davon halten sollte, sie würde sie vor Susen verteidigen.
"Du warst es doch, die mir immer gepredigt hat, ich sollte endlich mal was aus meinem Leben machen", hielt sie dagegen.
"Hast du dich hier mal umgesehen? Wenn du ihn heiratest, kommst du hier nie wieder raus. Ist es das was du willst? Auf einer Müllhalde leben?"
Judy ließ ihren Blick durch ihr Zimmer schweifen. Das große Ehebett hatte sie gerade erst mit frischer Wäsche bezogen und ordentlich zusammen gelegt. Die Kopfkissen hatte sie zu zwei steil aufragenden Bergen aufgeschüttelt. Die weiße Gardine mit dem Blumenstickmuster, wehte im Wind des offenen Fensters, das den Raum mit einer angenehm frischen Luft erfüllte. Ihr Schminktisch war poliert, den großen ovalen Spiegel dahinter hatte sie heute erst geputzt. Der alte Holzfußboden, der bei jedem Schritt ihrer Schwester knarrte, war sauber. Dafür, dass er schon so alt und rissig war, konnte Judy nichts. Selbst den Kleiderschrank, der die rechte Hälfte des Zimmers ausfüllte, hatte sie erst vor zwei Tagen aufgeräumt, ebenso wie ihren Schreibtisch. Nachdem sie sich einmal im ganzen Zimmer umgesehen hatte, gab Judy ihrer Schwester zurück:
"Ich weiß nicht was du meinst." Hier war alles ordentlich, dafür sorgte sie. Dass der Putz von den Wänden und die Farbe von der schweren Eichentür fiel, das war nicht ihre Schuld. Auch dass das Dach undicht war und die Fenster nicht mehr richtig schlossen, konnte man ihr nun wirklich nicht zum Vorwurf machen.
"Du weißt genau was ich meine!", erwiderte Susen. Mit langsamen aber bestimmten Schritten kam sie auf Judy zu, bis sie beide nur noch ein halber Schritt trennte. Dann legte sie ihr Hände um Judys Schultern und sah sie eindringlich an.
"Wenn du Sam heiratest, wirst du für immer in dieser Kloake festsitzen. Du endest noch wie unser Vater!" Schon wieder. Ständig musste Susen sie mit ihrem Vater vergleichen. Sie war lange nicht so wie Aaron. Nur weil sie sich ihren Lebensunterhalt ergaunerte und mit ihren Freunden alte Menschen bestahl, war sie noch lange nicht ins organisierte Verbrechen verwickelt.
Judy schüttelte die Hände ihrer Schwester von ihren Schultern und trat zwei Schritte vor ihr zurück, bevor sie ihrem Unmut Luft machte:
"Ich bin nicht wie Vater! Ich bringe keine Menschen um! Ich versuche einfach nur zu überleben!" Judy konnte sich noch gut an den Tag erinnern, an dem sie und Susen ihren Vater beobachtet hatten. Sie waren nur neugierig gewesen, was dieser fremde Mann von ihrem Vater wollte, der zu ihnen nach Hause gekommen war und waren zum Arbeitszimmer geschlichen. Durch einen Türspalt hatten sie ins Zimmer gesehen und den Streit beobachtet, den Aaron und dieser Fremde ausgefochten hatten. Wie geschockt waren sie beide gewesen, als ihr Vater eine Pistole zog und den Streit mit einem Schuss beendete. Ohne mit der Wimper zu zucken, eiskalt. Zu so etwas wäre Judy niemals fähig und Susen wusste das. Der Blick ihrer Schwester wurde weicher. Sie seufzte schwer, als sie Judy einen Schritt folgte. Ob sie sich wohl auch an jenen Tag erinnerte?
"Ich mach mir doch nur Sorgen um dich. Sam ist nicht gut für dich. Seinetwegen hast du die Schule abgebrochen. Du lebst in einem Haus das dich sicher irgendwann unter sich begraben wird. Du hast angefangen zu stehlen, du beklaust sogar alte Omas. Wo um alles in der Welt soll das noch hinführen? Wenn du ihn jetzt auch noch heiratest, bleibst du für immer auf der Straße. Ist dir das denn nicht klar?"
"Ich lebe nicht auf der Straße! Ich habe ein Dach über dem Kopf!", protestierte Judy und schloss die Verschränkung ihrer Arme wieder. Wie zum Hohn fiel ihr ein Wassertropfen direkt auf die Nase.
"Ja, aber was für eines?" Susens Blick ging an die Decke des Zimmers. Das Regenwasser hatte diese gelblich verfärbt. Ganze Wasserringe zierten den brüchigen Putz, wie ein Muster. Hinten links in der Ecke fehlte ein großes Stück der Wand. Dort waren einige Ziegelstein herausgebrochen und gab den Blick frei, durch das löchrige Dach, bis zum Himmel. Nachts konnte man dort die Sterne sehen, fiel Judy ein, aber das war kein schlagkräftiges Argument, das sie ihrer Schwester entgegen schleudern konnte. Sie überlegte einen Moment und sah nachdenklich auf den rissigen Boden. Es half nichts, sie musste ihren letzten Trumpf ausspielen:
"Ich führe wenigstens mein eigenes Leben und lass mich nicht von Papi aushalten!" Damit hatte sie Susen bisher immer zum Schweigen gebracht. Ihre große Schwester hatte vom Vater eine elegante Villa direkt am Meer einfach so geschenkt bekommen. Dort sollte Susen sich nach ihrem Studium eine eigene Praxis einrichten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie war ja auch dabei Ärztin zu werden, sie hatte etwas erreicht. Damit hatte Judy noch nie mithalten können und sie wollte es auch längst nicht mehr. Ihr Leben war vielleicht sehr primitiv, aber sie stand auf eigenen Beinen und war unabhängig vom Blutgeld ihres Vaters.

Susens Mine hatte sich nicht verändert. Noch immer sah sie besorgt auf sie herab. In ihren Augen spiegelte sich Verzweiflung und Wut. Sicher würde sie gleich explodieren.
"Liebst du ihn?", wollte sie mit ungewohnt mütterlicher Stimme von ihr wissen. Misstrauisch sah Judy ihre Schwester an. Was war das jetzt wieder für ein Schachzug? Worauf wollte Susen hinaus? Als Judy schwieg, sah Susen an ihr hinab, auf ihre rechte Hand.
"Du trägst nicht mal euren Verlobungsring", fuhr sie triumphierend fort. Einen flüchtigen Blick warf Judy zur Seite auf ihren Schminktisch. Dort lag das verfluchte Ding, dass sie tatsächlich nicht tragen wollte. Dieser dumme Ring, der alles nur noch schlimmer machte. Was hatte sich Sam nur dabei gedacht?

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Nur wer die Hölle kennt, weiß den Himmel zu schätzen.


Zuletzt von Enrico am Sa Jan 21, 2012 1:50 pm bearbeitet; insgesamt 2-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: 1.Kapitel ~Eisblaue Augen~   So Jan 09, 2011 11:51 am

„Judy, du hast mich doch nicht angerufen, damit ich dir zu deiner Verlobung gratuliere, oder? Was ist los?“
Judy seufzte. Das war tatsächlich nicht der Grund gewesen, weswegen sie ihre Schwester zu sich gebeten hatte. Sie schüttelte zögernd mit dem Kopf. Es waren nicht ihre Lebensumstände über die sie sprechen wollte. An diese hatte sie sich längst gewöhnt. Sam war es, bei dem sie einen Rat von ihrer großen Schwester brauchte. Sie fühlte sich schwer wie ein Stein als, sie zum Rand ihres Bettes schlurfte und sich auf die Bettdecke sinken ließ.
„Zwischen Sam und mir läuft schon lange nichts mehr. Sein Antrag war nur ein verzweifelter Versuch unsere Beziehung zu retten und ich dumme Kuh war so überrascht, dass ich auch noch ja gesagt habe“, begann sie zu erzählen. Susen kam mit langsamen Schritten zu ihr. Sie setzte sich neben sie und sagte kein Wort, während sie aufmerksam zuhörte. Ihr bohrender Blick war für Judy wie eine Aufforderung weiter zu sprechen:
„Er ist kein schlechter Mensch, wie du immer denkst. Er tut alles für mich. Er bringt mir jeden Tag Blumen oder irgend ein anderes Geschenk. Wenn ich ihn um etwas bitte, tut er es sofort. Seid ich ihn kenne haben wir uns noch nie gestritten. Er würde mir die Welt zu Füßen legen, wenn er es könnte, das weiß ich, aber … es nervt mich auch. Ständig hängt er mir am Rockzipfel. Er weicht mir nicht von der Seite. Selbst wenn ich ihn anschreie und beschimpfe bleibt er freundlich. Ich hab ihm schon oft gesagt, dass mir das alles zu viel ist, dass ich auch mal Zeit nur für mich brauche, aber dann fängt er gleich an zu heulen und glaubt ich würde Schluss machen und ihn verlassen. Ich weiß, ich sollte mich darüber freuen, dass er mich so sehr liebt, dass er keine Minute ohne mich sein kann, aber ich kann es nicht.
Und wenn ich jetzt darüber nachdenke, dass ich ihn heiraten soll und den Rest meines Lebens mit ihm verbringen muss, glaube ich … dann denke ich, ich habe aufgehört ihn zu lieben. Als er vor mir kniete und mir den Antrag gemacht hat, da hab ich mich noch so gefreut. Ich war überwältigt und habe dieses Kribbeln im Bauch wieder gespürt. Aber jetzt ist es schon wieder weg, als wenn es nie dagewesen wäre.“ Ob Susen das verstehen konnte? Ihre Schwester war gerade frisch verliebt. Sie war mit ihrem neuen Freund vor einer Woche in die Villa eingezogen, die Aaron ihr geschenkt hatte. Sie konnte sich sicher nicht vorstellen, wie es sich anfühlte, wenn man schon so lange wie sie mit einem Mann zusammen war und nicht mehr viel übrig war, von den Schmetterlingen im Bauch. Resigniert sah Judy auf ihre Füße hinab.
Susen atmete tief ein, bevor sie endlich etwas sagte:
„Wir sollten mal wieder zusammen weggehen. Nur wir beide, so wie früher!“ War das alles? Hatte Susen denn gar nichts zu all dem zu sagen, was Judy ihr erzählt hatte? Hatte sie ihr denn nicht zugehört? Judy sah ihre Schwester grimmig an. Sie brauchte einen Rat und keinen Discobesuch.
„Jetzt schau doch nicht so“, beschwerte Susen sich, „Ich hab das ernst gemeint. Du musst mal hier raus, mal neue Menschen treffen. Du liebst Sam nicht mehr, ist doch großartig, dann suchen wir dir einen neuen!“ Susens Lächeln wurde immer breiter. Sie ließ wirklich keine Gelegenheit aus, Judy aus dem Leben reißen zu wollen, dass sie sich aufgebaut hatte.
„Wer sagt denn dass ich einen Neuen will?“, brummte sie in sich hinein und baumelte mit ihren Beinen hin und her. Über diese Möglichkeit wollte sie gar nicht erst nachdenken. Sie war immerhin schon vier Jahre mit Sam zusammen. Das würde sie sicher nicht einfach wegwerfen, nur weil sie Momentan ein Problem mit ihrem Verlobten hatte.
„Das war doch nur Spaß!“, beschwichtigte Susen sie und stand auf. Vor Judy stellte sie sich hin und nahm ihre Hände. Während sie Judy auf die Beine zog, machte sie ein noch fröhlicheres Gesicht als zuvor. Wie konnte Susen nur so zufrieden sein, wo Judy ihr doch gerade ihr Herz ausgeschüttet hatte?
„Ich möchte doch nur, dass du endlich mal wieder lachen kannst. Komm schon, der alten Zeiten wegen. Wir ziehen uns was schickes an und haben einfach unseren Spaß. Ich lass auch Raphael zu Hause. Glaub mir, wenn du erst mal dem ersten Kerl den Kopf verdreht hast und sei es auch nur zum Spaß, geht’s dir gleich viel besser.“
Susens Lächeln war ansteckend. Judy konnte spüren wie sich ihre Mundwinkel ungewollt hoben, je länger sie ihre Schwester ansah. Vielleicht war die Idee ja doch nicht so schlecht. Einfach nur mal Spaß haben, so wie früher?
„Komm schon, sag ja!“, bettelte Susen und sah sie mit ihrem Dackelblick an.
„Na schön, aber nur der alten Zeiten wegen!“, gab Judy nach.

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