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 1. Kapitel ~Eisblaue Augen~

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Enrico
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BeitragThema: 1. Kapitel ~Eisblaue Augen~   Mi Jan 05, 2011 8:29 am

1. Kapitel
~Eisblaue Augen~
Langsame Schritte nähern sich Judys Zimmer. Nur unbewusst nahm sie das Geräusch wahr. Sie wollte niemanden sehen, nichts hören. Die Schritte erstarben vor ihrer Zimmertür, die Klinke wurde gedrückt. Warum konnte man sie nicht einfach in Ruhe in Selbstmitleid versinken lassen? Den Blick wandte Judy über die Schulter zurück. Hoffentlich war es nicht Sam, der zu ihr kam. Ihren Verlobten wollte sie nicht sehen.

Eine Blondine mit hochhackigen Stiefeln und einem weißen Mantel betrat den Raum. Ihre langen Haare trug sie zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden. Ihr Make up war dezent, nur das Blau über ihren Augen, fiel Judy auf. Für stundenlange Sitzungen vor dem Spiegel hatte Susen noch nie die Zeit gehabt. Judys älteste Schwester war mitten im letzten Jahr ihres Studiums, um sich ihren Lebenstraum zu erfüllen. Endlich Ärztin werden, das wollte sie schon immer. Ein Wunder, dass sie da überhaupt die Zeit fand, zu Besuch zu kommen. Als wenn sie geahnt hätte, dass ausgerechnet heute etwas Besonderes passiert war.

Susen sah noch immer in den Gang vor der Tür. Mit einem Lachen auf den Lippen verabschiedete sie sich von einer Freundin, die sie im Flur zurücklassen musste:
“Schon gut, wir reden später”, sagte sie noch, dann hatte sie die Tür auch schon hinter sich geschlossen.

Judys Blick war unterdessen zurück auf die Tischplatte gewandert. Ein tiefer Seufzer verließ ihre Lippen, während sie die Hand vom Ring erhob und ihn über die Tischplatte drehte. Sie wollte Susen nicht begrüßen. Konnte sie nicht einfach wieder gehen?

Auf dem großen Ehebett hinter Judy, ließ Susen sich nieder. Judy konnte hören, wie sich die Matratze unter ihrem Gewischt senkte.
“Was ist denn bei euch los? Alle sind total aus dem Häuschen. Ist irgendwas passiert?”, wollte sie wissen.
Seit Judy von Daheim abgehauen war, hauste sie mit einigen Freunden im alten Bahnhof. Weil sie kein Geld hatte und weder über einen Schulabschluss, noch eine Ausbildung verfügte, hatte sie sich mit ein paar Straßenkindern zusammen geschlossen und mit ihnen die Black Summer gegründet. Ihre kleine Bande ergaunerte sich ihren Lebensunterhalt mit Diebstählen. Darauf war Judy nicht stolz, aber es reichte zum Überleben.

Judys Mutter war bei ihrer Geburt gestorben, so war sie mit ihren Schwestern Susen und Robin von ihrem Vater allein groß gezogen wurden. Er war der reichste Mann in ganz Brook. Nie hatte es Judy und ihren Schwestern an etwas gefehlt, aber dieser Reichtum hatte seinen Preis. Den Tag, an dem Susen und sie herausgefunden hatten, mit was ihr Vater sein Geld verdiente, würde sie nie vergessen können. Einer seiner Geschäftspartner hatte ihn hintergangen. Judy und Susen hatten das laute Gespräch mit verfolgt und neugierig, wie sie waren, um den Rahmen der Tür gespäht. Kaltblütig hatte Aaron den fremden Mann in seinem Büro erschossen und von seinen Handlangern die Leiche beseitigen lassen. Er war einer der führenden Köpfe im Drogenhandel. Ein Mafiaoberhaupt, hatten beide dabei erfahren. Seit dem wollten sie von ihm weg. Susen hatte den Weg des Studiums dafür gewählt und war in ein Internat gezogen, währen Judy einfach Hals über Kopf noch in derselben Nacht verschwand. Nur Susen wusste wo sie sich aufhielt und das sollte auch so bleiben.
Was hingegen aus ihrer ältesten Schwester Robin geworden war, wusste Judy nicht. Sie wohnte schon nicht mehr zu Hause, als sie und Susen hinter das Geheimnis ihres Vaters gekommen waren. Judy hatte nie wieder etwas von ihr gehört.

Susens fragender Blick, den Judy im Spiegel hinter ihrem Schminktisch auf sich ruhen sehen konnte, riss sie aus ihren Gedanken. Sie war Susen ja noch eine Antwort schuldig:
“Sam hat mir einen Antrag gemacht!” Die Aufregung in ihrer Bande war sicher deswegen entstanden. Sam hatte den Antrag ja auch vor versammelter Mannschaft machen müssen.
“Ehrlich? Na endlich! Das ist toll! Herzlichen Glückwunsch!” Was freute sich Susen bitte so sehr darüber? An Sam war nichts Besonderes. Er sah noch nicht einmal besonders gut aus. Er hatte weder Hobbys noch konnte man mit ihm weggehen. Er war schlicht und ergreifend total langweilig und mit ihm sollte sie nun den Rest ihres Lebens verbringen? Als sich Judy nicht rührte, noch immer mit zusammen gesunkenen Schultern über ihrem Schminktisch hing, wollte Susen von ihr wissen.
“Du freust dich ja gar nicht. Wasn los?”
“Ach ich weis nicht …”, murrte Judy in sich hinein. Sie wusste nicht warum sie Sams Antrag überhaupt angenommen hatte. Noch vor ein paar Minuten, in dem Moment, als er vor ihr gekniet hatte, ganz spontan, da wusste sie es noch. Aber jetzt, wo sie genug Zeit zum Nachdenken gehabt hatte, war dieses Gefühl der Zuneigung wie weg geblasen. Es gab so vieles, das sie im Alltag störte. Sie fand noch nicht einmal die Worte all das zu benennen.
“… ich weis einfach nicht, ob ich ihn wirklich heiraten will.” Judys Stimme bebete unter der aufkommenden Verzweiflung in ihr. Sie erhob sich von ihrem Stuhl, um sich ihrer Schwester zu zuwenden und sie ansehen zu können.
“Warum denn nicht? Er ist doch ein echt lieber Kerl. Er mach alles für dich.”
“Ja aber genau das ist es doch”, sprudelte es aus Judy heraus. Alles worüber sie schon seit Wochen grübelte, platzte aus ihr heraus. Wild gestikulierte sie mit den Armen, als sie zu sagen versuchte:
“Er macht alles was ich ihm sage, du hast keine Ahnung wie langweilig das ist. Er traut sich ja noch nicht einmal mir gegenüber laut zu werden. Ich werd noch wahnsinnig mit ihm.”
Ruhig wurde Judy von ihrer Schwester beobachtet. Lediglich ein Bein schlug Susen über das andere und wartete einfach ab, bis Judy fertig war.
“Was?”, fauchte Judy am Ende ihrer Erklärung. Dass Susen nicht mal eine Reaktion zeigte, auf das, was ihr so wichtig war, störte sie einfach. Auch ihr teilnahmsloser Blick, baute sie kein Stück auf. Dabei hatte Judy sich ein paar aufmunternde Worte von ihrer Schwester erhofft.
“Lass mich noch mal zusammen fassen. Du willst Sam nicht heiraten, weil er dich zu gut behandelt?”
“Ja … Nein. Ach … !” Wie sollte sie das auch erklären?
“Es ist nicht nur deswegen”, fügte sie schnell an.
“Was denn noch?”
“Im Bett läuft auch schon lange nichts mehr.” Wütend darüber verschränkte Judy beide Arme vor der Brust und sah zur Seite weg. Ihre Schwester hatte mit ihrer neuen Liebe damit sicher keine Probleme.
“Was denn, immer noch nicht?” Ohne eine Antwort drehte Judy ihr den Rücken zu und begann vor sich hin zu schmollen. Sie hatte es gewusst, Susen konnte sie nicht verstehen.
“Du denkst zu viel nach. Beim Sex genau so wie jetzt”, fuhr Susen fort. Mit langsamen Schritten konnte Judy ihre Schwester auf sich zukommen hören. Sicher folgte gleich eine Predigt darüber, wie schlecht sie sich verhielt. Wie oft hatte sie sich das schon anhören müssen?
“Du solltest mal hier raus kommen. Weg von deinem Alltag. Lass uns im Midnightsclub einen drauf machen. Nur wir beide, so wie früher.”
War das ihr Ernst? Verstört sah Judy ihrer Schwester an. Konnte das wirklich sein? Keine Vorwürfe, nur ein Angebot? Ein Lächeln zog sich über ihre Lippen. Wie lange war das her, dass sie beide gemeinsam die Discotheken in Mantten unsicher gemacht hatten? Ein paar Kerlen den Kopf verdrehen und sie dann auf der Tanzfläche einfach stehen lassen, das war wahrlich etwas, dass sie jetzt aufmuntern konnte.
“Ok!”, stimmte sie zu.
“Gut dann treffen wir uns um 11 am Midnightsclub” Susen drückte sich von der Matratze hoch. Wollte sie schon gehen?
Die Worte des Abschiedes blieben kurz, als sie nach ihrem Mantel griff und ihn sich über zog:
“Wir sehen uns dann heute Abend!” So schnell wie Susen gekommen war, verschwand sie wieder. Noch lange sah Judy ihr nach, bis sie wirklich begreifen konnte, was das für sie bedeutete.
Endlich mal eine Abwechslung zum tristen Alltag. Keine Streitereien, die sie schlichten musste und keine Beutezüge, einfach mal amüsieren. Das war schon so lange her gewesen.

Die Stunden bis zur vereinbarten Zeit vergingen wie im Flug. Gut gelaunt und voller Vorfreude hatte Judy ihren ganzen Kleiderschrank nach dem passenden Outfit durchsucht. Auch die verstaubte Schmuckschatulle, mit ihrem wertvollen Inhalt, tauchte irgendwann unter einem Stapel T-Shirts auf. Eine schlichte silberne Halskette, lange runde Ohrringe und der Spiegel in ihrem Zimmer warf ein ganz neues Bild. Jetzt fehlte nur noch das passende Make up. Das langweilige farblose des Alltags, schminkte sie ab. An seine Stelle trug sie blauer Liedschatten und schwarzer Kajal auf. Hinter cremefarbenem Puder, verschwanden ihre kleinen Hautunebenheiten und gab ihrem Gesicht ein makelloses Aussehen.
Ganz langsam gefiel Judy das Bild im Spiegel, fehlten nur noch die Haare. Lang und dicht neigten sie dazu ständig zu verfitzen. Ewig brauchte Judy, um mit ihrer Bürste die Strähnen zu trennen und ihnen ihren natürlichen Glanz zurückzugeben.
Perfekt!

Ein letzter Blick warf sie auf die Uhr. Es wurde Zeit dass sie über das knappe, schwarze Kleid eine dünne Jacke zog und sich auf den Weg machte.
Ihr Zimmer verließ sie stürmisch. Über eine Holztreppe rannte sie in die große Empfangshalle des stillgelegten Bahnhofes. Von ihren Stöckelschuhe getragen klapperte sie über den glatten Marmorboden, vorbei an ein paar Freundinnen, die sie gekonnt ignorierte und hinaus durch die Drehtür. Endlich weg von allem, wäre da nur nicht Sam gewesen.
Im Augenwinkel sah Judy ihn, wie er hinter ihr zurück blieb und ihr verstört nach sah. Sicher wunderte er sich über ihren hastigen Aufbruch, hatte sie doch noch nicht die Zeit gefunden ihm Bescheid zu sagen.
Während ihre Beine sie ohne Umwege von ihrem zu Hause weg trugen, wand Judy ihren Kopf noch einmal um, zurück zu ihrem Verlobten, um ihm zu sagen:
"Ich geh tanzen und es ist mir egal dass du nicht mit kommst, weil du’s nicht kannst." Ihre Freude darüber, konnte Judy einfach nicht verbergen und so legte sich unweigerlich ein Strahlen auf ihr Gesicht. Noch ein letztes Lächeln, dann verschwand sie über die Schienen in Richtung Bushaltestelle, um mit ihm in die Nachbarstadt Mantten zu fahren.

Seit gut einem Jahr hatte sie sich nicht mehr in ihrer Stammdisco blicken lassen. Zu sehr war sie von ihrer neuen Aufgabe als Anführerin der Black Summer eingenommen, dass keine Zeit blieb, um sich zu amüsieren. Das würde sie jetzt ändern.

Vor der Diskothek wartete Susen auf sie. Eben so hübsch heraus geputzt, stand sie Judy in nichts nach und war unter den anderen Frauen und Mädchen, die auf Einlass in die Disco warteten, die einzige Konkurrenz. Ihre langen Haare trug sie jetzt offen. In kleinen Wellen legten sie sich um ihre zarten Gesichtszüge und über die Schultern. Die goldene Kette, mit dem Ring, den sie von ihrem Freund zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, schmückten ihren Hals und zwei tropfenförmige Schmuckstücke ihre Ohren. Das hellblaue Kleid, das ihre bis zu den Knien reichte legte sich eng um ihre schlanke Taille und betonte ihre Hüften und den Po.

"Du willst doch nicht etwa untreu werden, oder?", begrüßte Judy ihre Schwester.
"Das sagt die Richtige. Ein kürzeres Kleid konntest du wohl nicht finden", kam von Susen mit einem spöttischen Lachen zurück.

Ein paar nette Wort und einen Wimpernschlag später, hatten sie die Türsteher hinter sich gelassen, an denen sich die meisten anderen schon seit Stunden die Zähne ausbissen.
Gemeinsam betraten sie die Disco. Durch den Nebel des Zigarettenqualmes hindurch, konnten sie gerade mal bis zur Theke sehen. Die Tanzfläche verschwand hinter dem Schleier der beißenden Luft. Dennoch fühlte sich Judy so wohl, wie schon lange nicht mehr. Nichts hatte sich verändert. Die Tanzmuffel versteckten sich immer noch hinter ihren Biergläsern an der Theke, oder der wenigen Tische, die sich daneben befanden, während die laute Musik jegliches Gespräch übertönte. Der Bass brachte den Boden unter ihren Füßen zum Beben und lud sie zum Tanzen ein.
Susen aber war nicht zum Tanzen hier. Nachdem sie beide ihre Jacken an der Garderobe losgeworden waren, wand sie ihre Schritte in Richtung Theke. Bevor sie sich auf die Tanzfläche wagen würde, musste sich Susen immer erst Mut antrinken. Ganz anders als Judy gehörte auch Susen zu den Tanzmuffeln und sah ihrer kleinen Schwester lieber dabei zu. Sicher hatte sich diese Einstellung in einem Jahr nicht geändert.
Bereitwillig folgte Judy ihrer Schwester auf ein Glas Sekt, um auf den Abend anzustoßen. Auf ein paar Minuten, bis sie sich austoben konnte, kam es nun auch nicht mehr an.

"Welch hoher Besuch!", wurden sie auch gleich von Erik dem Barkeeper und Besitzer des Clubs begrüßt. Offensichtlich, dass er ihr Fehlen bemerkt hatte. Er entlockte ihnen ein Lächeln, als sie auf jeweils einem Hocker vor ihm Platz nahmen. Auch an das Glas Sekt, das sie immer tranken, erinnerte er sich und stellte es zügig vor ihnen ab.
"Was treibt euch den wieder hier her?", folgte der wortlosen Bestellung.
"Wir haben etwas zu feiern! Judy kommt endlich unter die Haube!", schrie Susen als Antwort über den Tresen.
"Das steht noch gar nicht fest!", konnte Judy nur dazwischen werfen. Ihr Protest wurde allerdings von der lauten Musik verschluckt. Grund genug für Susen und Erik sie zu ignorieren und sich stattdessen über die Neuigkeit zu freuen.
"Wirklich? Wer ist denn der Glückliche?"
"Sam natürlich!"
"Na dann! Herzlichen Glückwunsch!” Den konnte sich Erik sparen. Mit dem gereichten Glas in der Hand und nach dem zweiten Schluck daraus, drehte sie ihm und Susen den Rücken zu.
"Ja, ja!", meinte sie nur kurz. Was musste sie auch unbedingt an diese unheilvolle Sache erinnert werden? Dabei hatte sie doch extra den Verlobungsring zu Hause gelassen. Wie sollte sie denn der Männerwelt den Kopf verdrehen, wenn ihr im Hinterkopf noch immer Sam herum spukte? Wie hatte sie auch annehmen können, dass Susen nur aus Spaß hier war?

Seufzend ließ Judy ihren Blick am Tresen entlang schweifen.
Ein Kerl, nicht weit von ihr, war um sein Bierglas herum zusammen gesunken und gab keine besondere Augenweide ab. An einem Tisch, nur einen Wimpernschlag weiter, saß ein Liebespaar und verschlang sich mit aufgerissenem Mund. Angewidert suchten Judys Augen einen besseren Anblick. Durch den Nebel hindurch konnte sie nur Umrisse erkennen.
Nichts Interessantes, musste sie feststellen. Sicher war das Angebot auf der Tanzfläche auch nicht viel besser. Meist gab es dort nur Weiber die sich anboten. Nur die wenigstens Kerle wagten sich da hinein und die, die es taten waren schnell wieder verschwunden. Seufzend sah Judy sich noch einmal um, warf einen letzten Blick auf die Tür, durch die sie gekommen waren, bevor sie zu dem trostlosen Gespräch über ihre Verlobung zurückkehrte. Argwöhnische Blicke erwarteten sie dort. Ihr Desinteresse hatte sicher viele Fragen aufgeworfen.
"Was? Muss ich mich jetzt etwa freuen?", kam es erzwungen über Judys Lippen, bevor sie beide wieder mit ihrer Rückansicht bestrafte. Entfernt von dem vorwurfsvollen Blick ihrer Schwester und dem fragenden Mimikspiel des Barkeepers gab es etwas besseres zu sehen. Die Tür der Disco öffnete sich. Vielleicht war diesem Mal ein passendes “Opfer” dabei. Doch mehr als eine offene Tür konnte sie nicht sehen. Vermischt mit der lauten Musik vernahm sie nur undeutliche Worte, die wohl mit den Türstehern ausgetauscht wurden. Eine Gestalt oder einen Umriss war nicht zu sehen. Umso gespannter blieb ihr Blick an der Tür haften. Von den unverständlichen Worten hinter sich, bekam sie nichts mit. Im Ignorieren war Judy geübt, da konnte sich Susen noch so viel Mühe geben.
Durch den Eingang der Disco traten wenig später zwei junge Männer. Ein großer, gut gebauter mit dunklen Haaren und neben ihm sein genaues Gegenstück. Einen Kopf kleiner war der junge Mann mit den blonden Haaren, der sich noch ausgiebig mit einem der Türsteher unterhielt, bevor er seinem Begleiter bis zur Theke folgte.
Unweigerlich folgte Judys Blick ihnen bis dort hin. Keinem von beiden hatte sie hier bisher gesehen, dabei waren ihr beinah alle Gesichter bekannt. Doch nur all zu schnell wurde ihre aufkeimende Hoffnung wieder zu Nichte gemacht, als sich beide ein Getränk bestellten. Sicher waren sie nur zum Trinken hier und eben so langweilig wie der eine Kerl, der schon über seinem Glas zusammen gebrochen war.
"He, Judy! Was gibt`s da bitte so Spannendes zu sehen?", versuchte Susen zu ihr durchzudringen. Als Judy sich nicht zu einer Antwort bereit erklärte, folgten auch gleich die nächsten vorwurfsvollen Worte ihrer Schwester:
"Och bitte, die beiden sind doch nun wirklich unter deinem Niveau!"
"Du kennst die?" Wenn Susen sie nicht mochte, war an ihnen vielleicht doch etwas Interessantes.
"Ja! Halt dich von ihnen fern, besonders von dem Kleinen."
"Der schleppt hier jeden Tag eine andere ab. Aber er ist einer meiner besten Türsteher", mischte sich Erik in ihr Gespräch. Nachdem die beiden Männer mit ihrem bestellten Getränk versorgt waren, hielt er es scheinbar für nötig, sich in ihr Gespräch einzumischen.
Für Judy ein Grund mehr zu fragen:
"Ach wirklich? Hätte ich ihm nicht zu gen ...!" Ganz automatisch fiel ihr Blick auf den Blonden zurück. Bisher hatte sie nichts Interessantes an ihm entdecken können. Er war gerade einmal so groß wie sie selbst, auch seine zerzauste Frisur und die schmächtige Erscheinung, die sich unter dem blauen Hemd versteckte, hatten ihr Interesse nicht zu wecken vermochte, und der sollte die Frauen reihenweise abschleppen? Na an ihr würde er sich die Zähne ausbeißen.
Ein selbstverliebtes Grinsen umspielte Judys Lippen bei diesem Gedanken, bis sich der Blick des Fremden zu ihr drehte. Nicht weit von Judy und ihrer Schwester hatte er sich mit seinem Begleiter an den Tresen gesetzt und war eigentlich in ein angeregtes Gespräch mit diesem vertieft gewesen. Ihren Blick hatte er trotzdem bemerkt. Ob er sich deswegen zu ihr umgedreht hatte?
Eine überlegene Miene machte sich auf Judys Gesicht breit. Nein, an ihm war wirklich nichts besonderes, dass sie hätte in ihren Bann ziehen können.
"Judy, he!", drang schließlich wieder Susens Stimme von weit her zu ihr durch. Aber Judy ignorierte sie ein weiteres Mal. Auch den Satz den sie begonnen hatte, brachte sie nicht zu Ende. Stattdessen folgte ihr Blick jeder Bewegung des Blonden. Akribisch genau musterte sie seine Reaktion auf ihr Lächeln.
Ein freundlicher Blick gepaart mit Interesse, glaubte sie durch den Nebel hindurch auszumachen. Sicher gefiel ihre Erscheinung ihm. Ob er wohl auch den Mut hatte, zu ihr zu kommen?
Ein leichter Schwenk mit dem Kopf, vielleicht würde es reichen? Doch noch bevor Judy zu dieser Geste kam, galt die Aufmerksamkeit des Fremden wieder seinem Begleiter. Das augenscheinliche Interesse, hatte sie sich wohl nur eingebildet. Wie ärgerlich. Dabei hätte das interessant werden können.
Einen Moment musste Judy inne halten. Es hätte interessant werden können? Gab es da etwa doch etwas? Schon lange hatte sie keinem Fremden mehr so lange ihre Aufmerksamkeit geschenkt.
"Judy!", konnte sie erneut die Stimme ihrer Schwester hören. Mehr als ein:
"Hä?", brachte sie allerdings nicht über die Lippen. Noch immer gefangen in ihren Gedanken. Was hatte sie eigentlich so fasziniert, dass sie immer noch den Drang verspürte hinsehen zu müssen? Nur zögernd konnte sie ihre Aufmerksamkeit über die Schulter ihrer Schwester zuwenden, deren Stimme sie erneut zu erreichen versuchte:
"Bitte nicht den, nimm wenigstens den and ...!", versuchte sie zu sagen und wurde je von einer dunklen Männerstimme unterbrochen.
"Susen!", sprach diese ihre Schwester an und klang gespielt respektvoll. Nicht schwer aus der kurzen Anrede heraus zu hören, dass sich beide nicht leiden konnten. Auch Susens Antwort bestätigte den ersten Eindruck:
"Ja, ja … Geh wieder!", nuschelte sie in sich hinein.
"Judy, richtig?", wand sich die dunkle Stimme schließlich an Judy. Verblüfft davon, dass eine ihr fremde Person ihren Namen kannte, drehte sich Judy um. Sicher hatte sich der dunkelhaarige, große Kerl zu ihnen gewagt und wollte ihnen ein Gespräch aufdrängen. Ein überflüssiges uninteressantes ...
Doch als Judy ihren Blick wieder nach vorn ausrichtete und etwas zu erkennen versuchte, waren sie wieder da. Die eisblauen Augen. Ganz sicher, das war es was sie nicht hatte wegsehen lassen. Dieses tiefe Blau, das sie selbst durch den Zigarettenqualm hatte erkennen können.
Erschrocken davon, dass die dunkle Stimme dem Blonden gehörte, formte sich Judys abweisender Blick zu einem verlegenen Lächeln. Was musste er sie auch so überraschen?
Ein Nicken war alles was sie ihm entgegnen konnte, dann ertönte erneut seine Stimme:
"Bist du zum Tanzen hier, oder um dich mit deiner Schwester zu langweilen?" Wieder tauschten Susen und er einen abschätzigen Blick aus, dann galt seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit wieder ihr. Mit ausgestreckter Hand forderte er die ihre und erhoffte sich scheinbar eine Antwort. Ob das wirklich sein Ernst war? Er wollte tanzen? Einfach so und ohne etwas getrunken zu haben. Judy warf einen verstohlenen Blick um die Gestalt des Fremden und auf dessen Glas in der Ferne. Es war noch so voll wie Erik es ihm hin gestellt hatte.
Von dem Getränk wanderte Judys Blick zu dem fremden Gesicht, zurück zu den schönen Augen.
"Tanzen", hauchte sie ihm ihre Antwort entgegen und legte ihre Hand in die seine. Der Einspruch ihrer Schwester überhörte sie, während sich Judy von ihrem Hocker erhob.

Auf dem Weg auf die noch leere Tanzfläche, hielt sich nur noch eine einzige Frage in Judys Gedanken. Ob er auch Tanzen konnte? Sicher gehörte eine ordentliche Portion Mut und Selbstbewusstsein dazu, sie an zu sprechen und dann auch noch auf die Tanzfläche zu schleppen. Doch das allein machte noch keinen guten Tänzer. Wie oft war ihr hier schon auf die Füße getreten, oder nur wild vor ihr herum gehampelt worden. Aber war er auch so?

Als sie den Platz vor der kleinen Bühne erreicht hatten, auf der ein DJ Platten auflegte, begann gerade ein Mambo. Ob er das konnte? Würde er sie lächerlich machen, würde Judy keine Minute lang mit ihm tanzen. Dabei wollte sie noch mehr wissen. Wer war er? Was tat er den ganzen Tag? Ihr Ego würde es jedoch nicht erlauben, sich länger als nötig mit einem Hampelmann auf der Tanzfläche zu zeig ...

Noch während sich Judy in Gedanken ausmalte, wie schnell er sich blamieren würde, und sie sich mit ihm, legten sich die Arme des Fremden um ihre Taille. Er zog sie zu sich. So eng beisammen, dass hatte sie schon lange keinem mehr erlaubt. Nicht einmal Sam durfte ihr so nah sein. Zu gelangweilt war sie von seiner ständigen Gegenwart. Jetzt aber störte sie die Nähe nicht. Im Gegenteil. Konnte es sein, das er wusste was er tat.
Der Fremde zwinkerte, sah an ihr vorbei und lächelte. Judy warf einen Blick hinter sich. Hatte diese Geste dem DJ gegolten? Ob der Blonde sich wohl dieses Lied gewünscht hatte, mit diesem seltsamen Zeichen?
Noch während Judy fragend die Bühne und den DJ drauf musterte, begann sie sich im Takt der Musik zu bewegen. Ganz von allein? Erschrocken richtete sich ihr Blick wieder zurück auf den Fremden. Er führte ihre Schritte, jede ihrer Bewegungen. Angenehm überrascht, legte sich ein Strahlen auf Judys Gesicht. Er konnte es wirklich. Nicht so wie Sam, der schon die Flucht bei dem Gedanken an die Tanzfläche ...
Ein Blick in die eisblauen Augen und auf das sanfte Lächeln und auch dieser Gedanke war aus Judys Kopf verschwunden. Obwohl es ihr sonst so schwer viel loszulassen, so gab es nun keinen Verlobten mehr, keinen Antrag den sie dummerweise angenommen hatte. Auch die Warnung ihrer Schwester war vergessen. Einen Tanz lang gehörte die ganze Welt ihr und auch wenn sich diese immer mehr um sie zu drehen begann, so war da noch immer dieses Lächeln, das Halt und Vertrauen gab. Endlich gehörte ihr, das Gefühl der Glückseeligkeit, das sie so lange vermisst hatte.

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Nur wer die Hölle kennt, weiß den Himmel zu schätzen.
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