Die Wölfe ~Das Schreibforum~

Ein Forum für alle Hobbyautoren, Künstler und Fans meines Romans
 
StartseitePortalFAQSuchenMitgliederNutzergruppenAnmeldenLogin

Teilen | 
 

 48. Kapitel ~Strafe muss sein~

Nach unten 
AutorNachricht
Enrico
Admin
avatar

Anzahl der Beiträge : 1881
Sterne : 6760
Spezialpunkte : 9
Anmeldedatum : 30.07.08
Alter : 32
Ort : Limbach-Oberfrohna

BeitragThema: 48. Kapitel ~Strafe muss sein~   Mi Feb 21, 2018 10:59 am

48. Kapitel
~Strafe muss sein~

Vincents fiese Fratze verfolgt mich bis in meine Träume. Die ganze Nacht über schrecke ich aus dem Schlaf hoch und bin jedes Mal froh darüber, dass Toni direkt neben mir liegt. Als die Sonne am nächsten Morgen wieder aufgeht, bin ich schweißgebadet und habe mich ganz klein zusammengerollt. Obwohl ich weiß, dass es nur ein Traum war und ich hier in Sicherheit bin, zittere ich noch immer.
„Enrico?“, gähnt Toni hinter mir. Er reibt sich den Schlaf aus den Augen. Ich schaffe es nicht ihm zu antworten, zu allgegenwärtig sind mir die schrecklichen Bilder.
„Hey, alles okay?“, will Toni besorgt wissen. Er legt sich mir in den Rücken und umarmt mich. Noch immer kann ich nicht reagieren, starr betrachte ich eines der Bretter unserer Hütte.
„Enrico?“ Toni rüttelt an mir.
„Es geht gleich wieder“, zwinge ich mich zu sagen und atme einige Male tief durch. Ganz allmählich lässt das Zittern nach, mein Herzschlag beruhigt sich. Toni fährt mir durch die klammen Haare und sucht, über mich gebeugt, meinen Blick. „Was ist denn los?“
Ich drehe mich zu ihm um und krieche unter seine Decke. „Ich habe die ganze Nacht von Vincent geträumt und bin deswegen immer wieder aufgewacht.“
„Keine Sorge! Ich lasse nicht zu, dass der Kerl dir noch mal zu nah kommt“, verspricht Toni und lehnt meinen Kopf an seine Brust. Ich atme tief durch und schließe die Augen. Seine Körperwärme und sein vertrauter Duft beruhigen mich. Ich glaube ihm, er hat Vincent trotz Pistole überwältigt.
„Wir sollten langsam nach Hause. Wir haben den Andern noch nicht Bescheid gegeben, dass ich dich gefunden habe. Sie werden sicher die ganze Nacht gesucht haben.“
Nur schweren Herzens gelingt es mir, mich von ihm zu lösen. „Na gut. Du hast recht.“ Mühsam zwinge ich mich auf die Beine und krame, aus einer Nische der Hütte, ein neues Oberteil heraus. Auch Toni zieht sich frische Klamotten an, dann machen wir uns auf den Heimweg.

Als wir das Fabrikgeländer erreichen, fallen mir gleich die vielen Motorräder auf, die im Hof parken. Robin hat seit dem ersten Mal, nie wieder ihre ganze Gang mitgebracht. Ein ungutes Gefühl beschleicht mich und auch Toni sieht die Maschinen finster an. Wir beschleunigen unsere Schritte und eilen in die große Halle. Robin und ihre Männer stehen im Kreis um unsere Freunde. Vergeblich versuchen die sich zu rechtfertigen: „Enrico ist nicht hier“, versichert Streuner, „Wir haben ihn selbst die ganze Nacht gesucht.“
„Und Antonio?“, verlangt Robin zu wissen und stemmt die Arme in die Seite.
„Wir sind hier! Was ist denn los?“, werfe ich dazwischen und halte auf die Gruppe zu. Alle Blicke richten sich auf Toni und mich. Robins Blick ist ernst und vorwurfsvoll. „Einkassieren!“, befiehlt sie und deutet auf uns. Noch bevor wir reagieren können, haben uns ihre Männer umstellt und packen uns an den Armen.
„Was soll der Scheiß?“, will ich wissen und muss mir fest auf die Zähne beißen, um nicht unter dem festen Griff, um mein verletztes Handgelenk, aufschreien zu müssen. David verdreht mir den Arm auf den Rücken und hält mich sicher gefangen.
„Ihr sitzt verdammt tief in der Scheiße!“, fügt Robin erklärend an. Mit einem Schwenk ihres Kopfes deutet sie auf den Rest meiner Freunde. Ein Teil ihrer Männer hält sie in Schach, während uns die Anderen abführen. Ratsuchend sehe ich zu Toni, doch der zuckt mit den Schultern und leistet keinen Widerstand. Robin deutet auf eine Limousine, die auf der Straße parkt. Sie lässt uns dort hin bringen. David und sein Kumpel zwingen uns zum Einsteigen. Jester sitzt hinter dem Steuer und sieht in den Rückspiegel. Doch egal wie eindringlich ich ihn anschaue, er sagt nichts. Robin setzt sich mit gezückter Pistole auf den Beifahrersitz und dreht sich nach uns um. „Zum Anwesen“, befehligt sie Jester.
„Robin, was haben wir denn gemacht?“, frage ich aufgebracht und reibe mein gequetschtes Handgelenk.
„Vincent!“, sagt sie schnippisch.
„Ist er tot?“, rutscht mir heraus. Toni sieht mich mahnend an. Mir wird zu spät bewusst, dass ich damit indirekt unsere Schuld zugegeben habe.
„Zu eurem Glück nicht, aber je nach eurer Version, könntet ihr es heute Abend sein. Was habt ihr euch nur dabei gedacht?“
„Wir? Das Schwein hat Enrico doch …“, protestiert Toni energisch doch Robin lässt ihn nicht zu zu Wort kommen.
„Hebt euch das für Aaron auf! Ihr habt einen Capo verletzt. Das Vater euch überhaupt noch anhören will, habt ihr mir zu verdanken. Ihr werdet einen verdammt triftigen Grund brauchen, um da noch mit heiler Haut davon zu kommen.“
Hilfesuchend schaue ich zu Toni. Der hat die Hände zu Fäusten geballt. „Dieses verdammte Schwein. Ich hätte ihn umlegen sollen“, murmelt er in sich hinein.
„Wie war das?“, harkt Robin sofort nach.
„Ach nichts!“ Angespannt richtet Toni seine Aufmerksam hinaus aus dem Fenster. Mein Gedanken überschlagen sich. Vincent ist doch selbst Schuld. Hat er mir denn nicht schon genug angetan, muss er uns auch noch in diese Situation bringen? Toni hat recht, wir hätte ihn über den Haufen schießen sollen, als wir noch die Gelegenheit dazu hatten. Finster sehe ich vor mich hin und überschlage all die Dinge, die ich Aaron sagen könnte. Vincent ist es doch, der Scheiße gebaut hat, nicht wir. Das muss der Pate einfach genau so sehen.

Jester fährt den Wagen die Einfahrt hinauf, bis vor die Haustür. „Aussteigen!“, befiehlt Robin und deutet mit ihrer Waffe auf die Tür. Wir tun was sie verlangt. Ich sehe an dem Anwesen hinauf. Das Herz schlägt mir bis zum Hals, als ich Vincents Gestalt an einem der Fenster erkenne. Er sieht überheblich zu uns herab, um seine Stirn ist ein Verband gewickelt. Der Pate steht neben ihm, sie unterhalten sich angeregt. Auch Aaron Blick streift uns kurz. Enttäuschung glaube ich in seinen Augen lesen zu können.
„Trödel nicht rum!“, schimpfe Robin und stößt mich Richtung Tür. Jester öffnet sie für uns. Ohne Umwege führt Robin uns durch den Flur und die Treppe hinauf. Ich suche Tonis Nähe und traue mich kaum zu atmen. Noch immer weiß ich nicht, wie ich Aaron die ganze Situation erklären soll. Noch bevor wir das Büro erreichen, kann ich die beiden Männer miteinander sprechen hören: „Mal ernsthaft Aaron. Warum hast du sie nicht gleich umlegen lassen? Du bist doch sonst nicht so zimperlich.“
„Ich dachte du willst vielleicht die Gelegenheit dazu haben, es selbst zu tun. Ist doch immerhin deine Ehre, die hier auf dem Spiel steht.“ Als Robin das Büro öffnet, reicht Aaron gerade eine Pistole an Vincent. Neben den Beiden steht ein weiterer stämmiger Mann, den ich noch nicht kenne. Auch er hält eine Waffe in der Hand. Robin stößt uns in den Raum und schließt die Tür. Wortlos bezieht sie vor ihr Stellung. Mit verschränkten Armen versperrt sie uns den Fluchtweg. Ich dränge mich noch ein Stück näher an Toni, bis ich seinen Arm berühre. Seine Hände sind zu Fäusten geballt, er zittert, ängstlich lässt er den Blick auf den Boden gerichtet. Mit bebendem Herzen sehe ich von Einem zum Anderen. Vincent nimmt die Waffe entgegen. Zusammen mit seinem stämmigen Begleiter, kommt er auf uns zu. Sie stoßen uns zum Schreibtisch. Vincent packt mich im Genick, er verdreht mir den Arm auf den Rücken und drückt mich hart mit Kopf und Oberkörper auf die Tischplatte. Sein Begleiter tut das selbe mit Toni. Ich spüre den Lauf der Pistole im Rücken. Wie ein Film läuft die ganze Szene vor mir ab. Ich bin mir sicher, gleich die Kugel zu spüren. Hilfesuchend sehe ich zu Aaron auf, doch der blickt nur kalt und teilnahmslos zurück.
„Warum habt ihr uns erst her geholt, wenn wir dann nicht mal was dazu sagen dürfen?“, protestiert Toni.
Aaron geht hinter seinen Schreibtisch und setzt sich in den Sessel. „Na gut! Rede!“
„Du willst dir doch nicht wirklich das Geschwätz von diesem Gesindel anhören, oder?“
Aaron hebt die Hand und bedeutet Vincent still zu sein. Zähneknirschend gibt der nach. Auffordernd betrachtet Aaron Toni.
„Vincent hat Enrico bei sich gefangen gehalten. Er hat ihm irgendwelche Drogen eingeflößt und ihm das Hemd zerschnitten. Keine Ahnung was das kranke Schwein vor hatte. Ich bin Enricos Leibwächter, soll ich das etwa zulassen?“
Aaron verzieht ungläubig das Gesicht und hebt schließlich die Hand, zum Zeichen dass er genug gehört hat.
„Das ist Rufmord du miese Ratte. Schon allein dafür sollten wir die Beiden über den Haufen schießen, Aaron“, flucht Vincent aggressiv.
Aaron erhebt sich und verschränkt die Arme hinter dem Rücken. „Eine nette Geschichte, nur sehe ich keinen Grund, warum ein gestandener Mann wie Vincent, Interesse an einem kleinen Jungen haben sollte.“
„Vielleicht, weil er ein perverses Schwein ist?“, hält Toni dagegen. Vincents Begleiter verdreht ihm den Arm immer weiter, bis Toni laut aufschreit. Sein gequälter Anblick schmerzt mich. Fieberhaft suche ich nach einer Lösung.
„Schade, ich habe gehofft, ihr habt eine bessere Ausrede auf Lager.“ Aarons Blick richtet sich auffordernd auf mich.
Ich bin mir sicher, dass er die Wahrheit niemals glauben wird und atme einmal tief durch. So kommen wir nicht weiter. „Lass es gut sein Toni. Ich hab dir doch schon auf dem Heimweg erklärt, dass du da was in den falschen Hals bekommen hast.“ Ich werfe meinem Freund einen vielsagenden Blick zu, in der Hoffnung, er versteht und lässt mich einfach machen. Doch Toni schaut genau so irritiert, wie die andern Drei.
„Aber Enrico, was …“, beginnt er, doch ich schüttle den Kopf. Als er still bleibt, wende ich mich an Vincent. „Würdest du vielleicht mal los lassen, so kann ich nicht vernünftig sprechen.“ Als er meiner Aufforderung nicht nachkommt, sehe ich zu Aaron. Dieser betrachtet mich einen Moment lang schweigend. Als ich nicht wegsehe, sagt er schließlich. „Lass ihn los!“
„Ernsthaft?“, will Vincent genervt wissen.
„Nun mach schon!“ Endlich gibt er mich frei. Ich atme erleichtert durch und richte mich auf, meine Haltung straffe ich und rücke meine Kleidung zurecht. Noch einmal atme ich tief durch und verdränge die tatsächlichen Ereignisse. Ich bemühe mich aufrichtig zu klingen und mir die weichen Knie und das Zittern in meinem Herzen, nicht anmerken zu lassen. „Robin hat mir ein Paket anvertraut, dass ich Vincent bringen sollte. Das habe ich auch getan und er war so nennt, mich auf einen Drink einzuladen.“ Ich zwinge mir ein Lächeln ins Gesicht. „Ich habe vorher noch nie Alkohol getrunken und war nach dem einen Drink schon völlig fertig. Mir ist so heiß geworden, dass ich mein Hemd ausgezogen habe. Na ja und dann bin ich unglaublich müde geworden. Vincent hat mir angeboten meinen Rausch auf seinem Sofa auszuschlafen. Dort hat mich Toni dann gefunden und eins und eins falsch zusammen gezählt. Er nimmt seinen Job, als mein Leibwächter, manchmal ein bisschen zu ernst und hat mich gleich geweckt und aus dem Haus gezerrt.“ Ich wende mich mit finsterer Mine Vincent zu und schaue demonstrativ auf den Verband an seiner Stirn, als ich fortfahre: „Warum du aber das mit der Verletzung falsch erzählt hast, ist mir ein Rätsel. Du schämst dich wohl, vor dem Chef zuzugeben, dass du selber einen über den Durst getrunken hast und über die Türschwelle gestolpert bist, was?“ Vincent betrachtet mich mit aufgerissenen Augen und vergisst etwas zu erwidern.
Dafür meint Aaron schmunzelt. „Das sieht dir ähnlich. Auf dem letzten Clantreffen hast du auch zu tief ins Glas geschaut und bist gegen meinen Schirmständer gelaufen.“
Ich schmunzle mit Aaron und wende mich dann wieder an Vincent: „Du bist doch nur sauer, weil Toni dich fälschlicher Weise beschuldigt hat und ich noch zu betrunken war, um das aufzuklären. Ehrlich, ich verstehe gar nicht, warum du deswegen nicht zu mir gekommen bist. Das hätten wir doch auch unter uns klären können. War es wirklich nötig, wegen dem Kindergarten extra Aaron einzuschalten? Glaubst du nicht, dass der Chef wichtigeres zu tun hat?“ Aaron nickt und nimmt sich einen Drink aus der Minibar. „Allerdings!“, stimmt er zu.
Vincent fehlen noch immer die Worte, also beeile ich mich, einen Deal vorzuschlagen: „Wie wäre es, wenn ich heute Abend zu dir komme, wir heben noch ein Glas zusammen und vergessen die Sache. Dann können wir unser Gespräch auch gleich fortsetzen. Da war doch sicher noch was offen, was du zu Ende bringen wolltest.“ Auffordernd betrachte ich Vincent und hoffe inständig, dass er darauf anspringt. Auch wenn mir der Gedanke den Magen umdreht, bin ich mir sicher, dass ihn die Aussicht reizt, mich noch mal in seine Finger zu bekommen.
Tatsächlich breitet sich ein Lächeln auf seinen Lippen aus. „Na schön!“, gibt er nach, „Aber nur, wenn du den da, zu Hause lässt!“
Ich sehe zu Toni. Er betrachtet mich fassungslos und schüttelt abwehrend mit dem Kopf, ihm liegt schon etwas auf der Zunge, doch ich betrachte ihn ernst. Wir unterhalten uns stumm, bis er mir mit einem Nicken zu verstehen gibt, mir zu vertrauen. Erst dann entgegne ich Vincent: „Ja, klar! Kein Problem! War's das jetzt? Oder hast du uns noch was vorzuwerfen?“
„Nein, noch nicht!“, entgegnet Vincent mit hoch erhobenem Kopf.
„Wie schön, dass sich die Sache auch ohne Blutvergießen hat regeln lassen. Ihr könnt dann gehen! Alle!“, mischt sich Aaron ein. Vincents Begleiter lässt endlich von Toni ab. Ich warte keinen Moment länger und verlasse zügig das Büro. Toni eilt mir nach. Auf dem Weg zur Treppe nimmt er mich bei Seite und sieht mich eindringlich an. „Enrico, was sollte das?“
Ich schüttle rasch mit dem Kopf. „Toni, nicht hier!“ Ich werfe einen Blick hinter mich. Vincent ist uns dicht auf den Fersen, er holt uns ein und hält direkt vor mir an. Ich muss all meinen Mut zusammen nehmen, ihn direkt anzusehen. Ein vorfreudiges Lächeln ziert seine Lippen, er kommt mir so nah, dass ich seinen Atem im Gesicht spüren kann. „Du hast Mut, dass muss ich dir lassen“, flüstert er. Vincent legt mir seine Hand um die Wange und droht: „Also zieh dir heute Abend was schickes an, dann sehe ich vielleicht davon ab, deinen Möchtegern Bodyguard umlegen zu lassen.“ Mir wird speiübel bei seinen Worten. Ich drehe mein Gesicht zur Seite, weg von seiner Hand. In Toni beginnt es zu brodeln, er will Vincent ins Gesicht springen, doch ich presse ihm meinen ausgestreckten Arm gegen den Brustkorb. „Nicht hier!“, raune ich ihm zu. Vincents Lächeln wir breiter, als er sagt: „Ich freue mich schon darauf, 'es' zu Ende zu bringen. Wir sehen uns heute Abend, pünktlich um Sechs!“ Er wuschelt mir durch die Haare, dann wendet er sich mit seinem Begleiter um und nimmt die Treppe ins Erdgeschoss. In mir kämpft Wut gegen Verzweiflung und Ekel. Ich bin mir sicher, dass er seine Drohung wahr macht, wenn ich am Abend nicht bei ihm auftauche. Bisher habe ich die ganze Zeit nur geblufft, doch so langsam wird mir klar, was ich mir da eingebrockt habe.
„Enrico, du wirst da nicht hingehen, hast du mich verstanden?“ Toni packt mich an den Armen und rüttelt an mir. Ich schaffe es nicht ihn oder irgend etwas anderes anzusehen. Fieberhaft suche ich nach einer Lösung, doch mir fällt keine ein. Eigentlich habe ich uns damit nur einen Aufschub bis zum Abend verschafft. Wenn ich nicht auftauche, wird er mit Sicherheit einen Weg finden, uns auf eine andere Weise zu beseitigen.
„Ich muss da hingehen“, wird mir bewusst. Mein Körper beginnt zu zittern. Panik steigt in mir auf.
„Du wirst da nicht allein hingehen, hörst du?“, ruft Toni mich an, doch ich sehe nur das dunkle Wohnzimmer und das Messer in Vincents Hand. Toni holt weit aus, er schlägt mich ins Gesicht. Der Schmerz holt mich in die Wirklichkeit zurück. Erschrocken sehe ich ihn an und taste nach der getroffenen Wange. Eindringlich redet Toni auf mich ein: „Ich lass dich nicht allein gehen!“ Ich schaffe es nur zu nicken und brauche noch einen Moment, um mich zu fangen.
„Wir werden dich nicht ans Messer liefern, für keinen Preis der Welt, verstanden?“
Ich nicke vorsichtig. „Nein werden wir nicht“, überwinde ich mich zu sagen.
„Gut!“
Vincent hat das Anwesen inzwischen verlassen. Mein Blick fällt auf die Standuhr in der Halle unter uns. Es ist gerade mal zehn Uhr. Wir haben noch geschlagene sechs Stunden, um uns etwas zu überlegen.
„Komm, wir sollten verschwinden und das nicht hier besprechen“, schlage ich vor. Mein Blick fällt auf Robin und ihren Vater. Sie stehen vor der Bürotür und unterhalten sich angeregt. Immer wieder sehen sie dabei in unsere Richtung.
Toni folgt meinem Blick. „Ja, lass uns gehen, bevor Aaron es sich noch einmal anders überlegt“, stimmt er zu.

...~*~...

Aaron nimmt seine Tochter vor dem Büro zur Seite. „Behalte Vincent und die Beiden im Auge!“, weißt er sie an. „Keine ihrer Geschichten erscheint mir besonders glaubwürdig. Finde heraus wer mich von ihnen Belügt.“
„Geht klar Vater!“

...~*~...

Auf dem Heimweg laufen wir lange schweigend nebeneinander her. Toni grübelt genau so angestrengt, wie ich. Schließlich formt sich in meinen Gedanken eine wage Idee.
„Wie treffsicher bist du mit dem Gewehr?“, will ich wissen.
Toni überlegt seine Antwort, schließlich sagt er: „Kommt auf die Entfernung an. Auf 1000 Meter treffe ich damit alles. Wieso fragst du, willst du Vincent umlegen?“
„Das würde sofort auf uns zurückfallen. Nein! Ich will ihm Angst machen. Wir müssen uns Respekt verschaffen, sonst kommen wir in diesem Clan nicht weit.“
„Einem Capo Angst einjagen?“
„Ach er ist auch nur ein Mensch und wird wie jeder andere, um sein Leben fürchten. Robin hat mir mal gesagt, dass er im Grunde ein echter Feigling sein soll.“
„Na schön und wie sieht dein Plan aus?“

Bis zum Abend haben wir alles bis ins Detail ausgetüftelt, trotzdem zittern mir die Beine, als wir uns kurz nach halb Sechs auf den Weg machen. Ich muss mich zu jedem Schritt zwingen. Mein Herz schlägt mir hart gegen die Rippen.
„Bist du dir sicher, dass nicht ich das mit ihm klären soll?“, will Toni besorgt wissen.
„Nein, ich kann nicht mit dem Gewehr umgehen und außerdem soll er nicht glauben, dass ich vor ihm kapituliere. Er soll auch mich fürchten!“ Meine Hände balle ich zu Fäusten und sammle all die Wut in mir, um der Angst keinen Platz zu lassen.
„Ist gut! Mach dir keine Sorgen, ich gebe dir Rückendeckung. Im Notfall jage ich ihm eine Kugel in den Kopf. Du darfst nur keine ruckartigen Bewegungen machen, sonst könnte es sein, dass ich dich treffe.“
„Keine Sorge, ich bleibe einfach ruhig stehen.“
„Schaffst du das denn, wenn er dir direkt gegenüber steht?“
„Das muss ich!“
Toni stoppt mich an der Schulter und bleibt vor mir stehen. Er sieht mich noch einmal eindringlich an und legt mir seine Hand um die Wange. Wir stehen in mitten einer dunklen Seitenstraße, fernab von allen Blicken.
„Du machst das schon und ich passe auf dich auf, egal was passiert.“ Toni gibt mir einen Kuss auf den Mund. Ich schließe die Augen und genieße seine Nähe, seinen vertrauten Duft und den Geschmack seiner Lippen. „Es wird schon alles gut gehen!“, versichert er und löst sich von mir. „Bis gleich, also“, verabschiedet er sich und nimmt die Feuerleiter eines nahen Hauses. Ich sehe ihm dabei zu, wie er bis aufs Dach klettert und atme noch einmal tief durch, dann setze ich meinen Weg ohne ihn fort.

Vincents Apartment ist nur noch ein paar Schritte entfernt, doch es scheint mir, wie eine unüberwindliche Distanz. Ich muss mich immer wieder selbst dazu ermutigen, nicht umzudrehen und das Weite zu suchen. Als ich endlich vor der Tür stehe, zittert mein Arm so sehr, dass ich es nicht schaffe, ihn nach der Klingel auszustrecken. Schritte sind im Apartment zu hören, die Tür wird geöffnet, ganz ohne dass ich läuten muss. Mir rutscht das Herz in die Hose, ich schlucke schwer. Vincent hat nur einen Morgenmantel umgebunden. In der Hand hält er ein Weinglas und mustert mich freudig überrascht. „Sieh einer an. Ich hätte nicht gedacht, dass du wirklich den Mut aufbringst, hier zu erscheinen. Dein kleiner Freund muss dir wirklich wichtig sein.“ Als ich nichts entgegne, schiebt Vincent die Tür weit auf. „Na dann komm mal rein.“
Ich atme noch einmal tief durch und zwinge mich zu einer aufrechten Haltung. Trotzdem zittert meine Stimme, als ich zu sprechen beginne: „Ich bin nicht hier, um das abartige Spiel mit dir noch einmal zu spielen, sondern weil ich dich warnen will.“
Vincent lächelt amüsiert und lehnt sich gegen den Türrahmen. „Ach, ist das so?“ Im selben Moment durchschlägt eine Kugel das Glas in Vincents Hand. Es zerbricht in tausend Scherben, der Wein verteilt sich über seine Finger und seine Kleidung. Entsetzt betrachtet er die Scherben. Die Furcht in seinen Augen, gibt mir neuen Mut. Egal was passiert, Toni wird unseren Forderungen schon den nötigen Nachdruck verleihen.
„Ich habe schon bei Aaron erwähnt, dass mein Leibwächter ziemlich übereifrig ist. Wie du siehst ist er auch noch ein ausgezeichneter Schütze. Er hat Jahrelang für die Drachen getötet, wenn er will, kann er es auch wie einen Unfall aussehen lassen. Ich will unnötiges Blutvergießen gern vermeiden, aber wenn du mir weiter auf die Pell rückst, legen wir dich um, egal was Aaron sagt. Toni und ich haben uns noch nie an Regeln gehalten und werden es auch jetzt nicht tun.“
„Du dreckiger Bastard! Was bildest du dir überhaupt ein?“, kreischt Vincent und macht einen Schritt auf mich zu. Ich zwinge mich dazu nicht vor ihm zurückzuweichen. Eine weiter Kugel schießt an mir vorbei. Ein roter Streifen zieht sich über Vincents Wange, erste Blutstropfen bilden sich auf der wunden Haut. Er greift sich ins Gesicht und weicht vor mir zurück.
„Wir könnt ihr es wagen? Wisst ihr nicht wer ich bin?“, flucht er verzweifelt.
Ich mache einen Schritt auf ihn zu, hinein ins Apartment und sage ruhig, aber bestimmt: „Hast du überhaupt eine Ahnung, wenn du vor dir hast?“
Vincent weicht einen weiteren Schritte zurück und zischt mit zusammengebissenen Zähne: „Du bist nur ein räudiger Straßen ...!“ Eine weitere Kugel streift Vincents Oberarm und zerschlägt die Vase auf der Anrichte hinter ihm. Das Berstende Glas lässt ihn zusammenzucken, seine Worte bricht er ab und sieht ängstlich an mir vorbei.
„Sehr richtig! Ich bin ein Straßenköter, aber einer, der nicht davor zurückschreckt einen Paten umzulegen. Glaubst du, ich mache mir da vor dir ins Hemd?“
„Du hast Danijel auf dem Gewissen?“ Vincents Stimme bebt, er greift sich an den verletzten Arm und weicht einen weiteren Schritt in sein Apartment zurück.
„Ja, was glaubst du, warum Aaron uns in seinen Reihen aufgenommen hat?“
„Das kann nicht sein ...“, wird Vincent immer kleinlauter.
„Ich gebe dir jetzt die einmalige Chance, dich bei mir zu entschuldigen, dann vergessen wir die ganze Sache und Toni und ich ziehen unserer Wege.“ Noch einmal knallt eine Kugel an Vincent vorbei und schlägt in den Spiegel zu seiner Rechten. Der große Mann zuckt zusammen und betrachtet furchtsam das gesplitterte Glas. Sein Atem geht schnell und ruckartig. Von seinen Fingern tropft Blut. „Na schön“, lenkt er ein. „Es tut mir leid. Das alles war nur ein blödes Missverständnis.“
„Und weiter?“
„Ich werde dich auch nie wieder auf einen Drink hereinbitten.“
Ich gehe nah zu ihm und schaue ihn überheblich grinsend an. „Na geht doch! Jetzt verstehen wir uns.“ Ich schlage ihm zwei Mal, mit der flachen Hand auf die verletzte Wange. „Ach ja, und wenn du noch mal bei Aaron petzen solltest, darf Toni dir das nächste mal das Gemächt zerschießen. Ich konnte ihn nämlich nur mit viel Überredungskunst davon abhalten, das nicht jetzt schon zu tun.“ Zur Verdeutlichung schlägt eine Kugel vor Vincents Füßen ein. Dem Capo stockt der Atem, er schluckt schwer und sagt schnell: „Alles klar!“
„Schön, dass wir uns so schnell einig geworden sind. Dann bis zum nächsten Mal!“ Noch einmal schlage ich ihm auf die Wange. Er zuckt zusammen und wagt kein Wort mehr zu sagen. Ich wende ihm den Rücken zu und nehme im Vorbeigehen den Knauf der Wohnungstür. Mit viel Schwung werfe ich sie nach mir zu. Als ich wieder im Freien stehe, muss ich erst einmal durchatmen. Noch immer rast das Blut in meinen Adern, all meine Sinne raten mir, jetzt schnell das Weite zu suchen, doch ich zwinge meine Hände in die Hosentaschen und mich dazu, langsam das Apartment hinter mir zu lassen. Sollte sich Vincent wieder fangen und mir mit einer Waffe nachkommen, wird Toni ihn schon zur Strecke bringen, rede ich mir ein. Erst in der Sicherheit einer engen Straße, wage ich es zurück zu schauen. Das Apartment ist noch immer verschlossen, auch in den Fenstern ist Vincent nicht zu sehen. Ich hoffe inständig, dass die Drohung gezogen hat und wir jetzt unsere Ruhe vor ihm haben. Langsam laufe ich weiter, bis zur Feuerleiter, die Toni hinauf gestiegen ist und warte dort auf ihn. Tatsächlich kann ich seine Gestalt wenig später am Dachrand ausmachen, doch er ist nicht allein. Neben seiner Stimme kann ich noch die einer Frau hören, sie klatscht in die Hände während sie anerkennend sagt: „Ehrlich, ich bin immer wieder überwältigt von deiner Treffsicherheit. Du musst wirklich von dir überzeugt sein, wenn du so an deinem Kumpel vorbei zielst.“
„Robin, was willst du hier?“, will Toni ernst wissen.
Auch Robins Stimmlage wird zunehmend ernster: „Ich will die Wahrheit hören!“ Ihr Blick geht an Toni vorbei, zu mir hinab.
„Die wollen du und dein Vater doch eh nicht hören!“, rufe ich hinauf.
„Vater vielleicht nicht, ich schon!“
„Na schön, dann kommt runter“, schlage ich vor. Robin und Toni klettern die Feuerleiter herab und kommen zu mir. Auffordernd betrachtet Robin mich. Sie verschränkt die Arme und wartet ungeduldig, auf eine Erklärung.
Ich schlage die Ärmel meines Hemdes zurück und lass sie einen Blick auf meine Handgelenke werfen. „Tonis Version ist die Wahre“, versichere ich ihr. Robin nimmt meine Arme und betrachtet die roten Mahle über den Gelenken prüfend. Ihr Blick bleibt dennoch zweifelnd. Ich seufze ergeben und ziehe meine Hände zurück und knöpfe mein Hemd auf. Den Stoff schiebe ich bei Seite und füge an: „Er hat mich wirklich gefesselt und mir das Hemd am Körper zerschnitten. Der Typ hatte irgendwelche perversen Neigungen. Wenn Toni nicht eingegriffen hätte, ich will mir nicht ausmalen, was er noch alles mit mir ...“ Ich sehe zur Seite weg und breche mitten im Satz ab. Zu deutlich spuckt das Geschehene in meinen Gedanken umher. Robin fährt einen der längeren Schnitte mit den Fingerkuppen ab. Ich ziehe die Luft scharf ein und sehe sie vorwurfsvoll an, doch Robin ist noch ganz in Gedanken versunken.
„Ich glaube euch“, meint sie schließlich. Ich atme erleichtert durch, doch Robins Blick bleibt angespannt und wenig zuversichtlich. „Das Problem ist nur, das Vater das nicht tun wird. Vincent und er sind seid Jahren Geschäftspartner. Wenn diese Neigung öffentlich wird, ist Vincent als Geschäftsmann unbrauchbar. Ein Drittel unser jährlichen Einnahmen, erwirtschaftet Vincent mit seinem Drogenhandel. Schon allein deswegen wird Vater da so lange wegschauen, wie er nur kann.“
„Deswegen haben wir die Sache auch selbst in die Hand genommen“, erklärt Toni.
Ich knöpfe mein Hemd wieder zu und schiebe die Ärmel über meine Gelenke. Wenn ich die Verletzungen nicht mehr sehen muss, sind auch die Erinnerungen nicht mehr so intensiv.
Robin sieht zwischen uns hin und her: „Das war gewagt ihr Beiden! Das ist euch schon klar?“ Wir sehen schuldbewusst unter ihrem Blick hinweg.
„Na schön, für Vater bleiben wir bei deiner Version Enrico. Aber ich knöpfe mir noch mal Vincent vor und versichere ihm, dass ich die Wahrheit kenne. Das wird ihm hoffentlich allen Wind aus den Segeln nehmen und er reist sich in Zukunft zusammen.“ Robin wendet sich zum Gehen, doch ich ergreife ihr Handgelenk und drehe sie noch einmal zu uns. „Robin, danke! Auch dafür dass du dich bei Aaron für uns eingesetzt hast.“
Sie lächelt verschlagen und legt den Kopf schief. „Nichts ist umsonst Enrico, auch meine Gefallen nicht.“
Ich rolle mit den Augen und will genervt wissen: „Was willst du dieses Mal haben?“
Sie setzt ein zuckersüßes Lächeln auf, als sie sagt: „Wie wäre einer Nacht, nur wir drei Hübschen, in einem Bett?“
Toni und ich sehen uns entsetzt an. Robin beginnt laut zu lachen. „Ihr müsstet eure Gesichter sehen.“
„Ja, ja sehr witzig!“, murre ich in mich hinein. Robin ist nie zimperlich einen Gefallen einzufordern. Ich traue ihr durchaus zu, dass sie ihre Worte ernst gemeint hat.
„Jetzt schaut doch nicht so finster. Das war nur Spaß. Ihr wollt doch erst mal richtige Männer werden und bis es soweit ist, seit ihr uninteressant.“
„Und welchen Gefallen willst du jetzt wirklich haben?“, will ich endlich wissen.
„Ich überlege mir was gehässiges“, sagt sie und zieht ihre Hand aus meinem Griff. Sie winkt uns zu und läuft dann zu Vincents Apartment. Toni tritt näher an mich heran. Während wir ihr nachschauen, will er ernst wissen: „Glaubst du wirklich, dass wir ihr vertrauen können?“
Ich sehe Robin nach, bis sie das Apartment erreicht hat. Sie klingelt. Vincent öffnet ihr mit einem randvollen Whiskyglas. Er rümpft die Nase und schaut sie überheblich an. Robin zögert keinen Moment, sie packt Vincent am Hals und drängt ihn ins Apartment. Nach sich schlägt sie die Tür zu.
„Ich denke, dass sie auf unserer Seite ist“, hoffe ich.

_________________

Nur wer die Hölle kennt, weiß den Himmel zu schätzen.
Nach oben Nach unten
Benutzerprofil anzeigen http://skymin.forumieren.com/
 
48. Kapitel ~Strafe muss sein~
Nach oben 
Seite 1 von 1

Befugnisse in diesem ForumSie können in diesem Forum nicht antworten
Die Wölfe ~Das Schreibforum~ :: Die Wölfe - Romanreihe von Enrico :: Die Wölfe I ~Patenmörder~ :: 48. Kapitel-
Gehe zu: