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 44. Kapitel ~Neue Klamotten~

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Enrico
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BeitragThema: 44. Kapitel ~Neue Klamotten~   Fr Feb 16, 2018 9:30 am

44. Kapitel
~Neue Klamotten~

„Jetzt besser?“, will Toni von mir wissen. Ich betrachte stumm die Tasse in meiner Hand, heißer Wasserdampf steigt aus ihr auf. Meine Decke ziehe ich noch enger um mich. Mir ist noch immer kalt, aber zumindest zittere ich nicht mehr. Zu einer Antwort fühle ich mich dennoch nicht in der Lage. Wir haben uns alle im Kaminzimmer versammelt. Während ich mich auf dem Fensterbrett nieder gelassen habe, sitzen meine Freude und Raphael auf dem Boden vor mir. Sie sind tief in ihren Gedanken versunken. Toni setzt sich neben mich und ist der Einzige von uns, der kein langes Gesicht macht.
„Warum beschäftigt dich das nicht? Du machst dir doch sonst immer über alles Sorgen“, begreife ich nicht.
Toni pendelt mit den Beinen und betrachtet den Boden, während er antwortet: „Uns konnte doch gar nichts besseres passieren. Wenn wir offiziell zu den Locos gehören, dann müssen es sich die Drachen drei mal überlegen, ob sie uns angreifen. Sie könnten damit einen Bandenkrieg vom Zaun brechen. Wie hast du's überhaupt hinbekommen, Aaron dazu zu bringen, dass wir für ihn arbeiten dürfen?“
„Ich habe keine Ahnung. Ich habe einfach nur drauf los geredet.“
Lange schweigen wir alle, bis mich eine neue Frage beschäftigt: „Robin will unbedingt einen Bandenchef aus mir machen. Dabei haben wir doch gar keine Gangstruktur. Wir sind doch nur ein zusammengewürfelter Haufen von Freunden. Ich weiß gar nicht, was die eigentlich von mir erwarten.“
Zeng hebt seinen Blick, zögernd beginnt er: „Na ja, du hast hier schon irgendwie die Leitung.“
„Erzähl doch keinen Mist“, fällt ihm Raphael ins Wort, „Ich bin immerhin der Älteste hier und...“
„Du? Was machst du denn schon? Du traust dich doch nicht mal nen Apfel zu klauen!“, mischt sich Streuner ein.
Raphael knirscht mit den Zähnen, ihm liegt etwas auf den Lippen, doch Zeng ergreift das Wort: „Enrico und Antonio planen unsere Überfälle und wenn es Streit gibt, oder eine Entscheidung gefällt werden muss, geht niemand zu dir Raphael. Selbst du rennt zu deinem kleinen Bruder, wenn irgendwas ist. Also spiel dich nicht so auf. Ich für meinen Teil habe nichts dagegen, dass Enrico unser Chef wird.“
„Ehrlich?“, frage ich überrascht und sehe dann meine anderen Freunde an, „Und was ist mit euch?Seht ihr das genau so? Soll ich wirklich für uns alle sprechen?“
„Enrico du hast gerade verhindert, dass wir alle umgelegt werden. Ich bin zwar nicht begeistert davon, dass unbedingt du in die Schusslinie sollst, aber da haben wir eh kein Mitspracherecht mehr. Wenn der Pate das so entschieden hat, dann ist das Gesetzt.“
„Um ehrlich zu sein, ist mir völlig egal, was dieser alte Mann sagt. Mir ist nur wichtig, was ihr davon haltet“, werfe ich dazwischen.
„Erwähne so was ja nicht vor Aaron. Der legt dich um.“
Ich schaue Toni genervt an. „Er ist aber nicht hier!“ Dann wende ich mich wieder den Anderen zu. „Also wie seht ihr das? Streuner?“
Der Junge strahlt mich an: „Ich mach doch schon die ganze Zeit, was du sagst.“
Von ihm wandert meine Aufmerksamkeit auf Raphael: „Und Bruderherz, kannst du damit leben?“
„Ich finde das alles Scheiße Enrico! Ihr habt doch schon genug Dreck am Stecken. Was glaubt ihr werden die Kerle von uns verlangen? Ein paar Äpfel auf dem Mark klauen? Das sind Gangster, die auch nicht vor Mord zurückschrecken.“
Ich schaue betreten in meine Tasse. Robin hat so viele schreckliche Sachen vorgeschlagen, selbst Auftragsmorde sind dabei gewesen.
„Wäre es dir lieber, sie kommen wieder und knallen uns alle ab?“, mein Toni angespannt.
„Wir könnten auch einfach abhauen.“
„Ach und wohin? In das Gebiet der Drachen? Dann mit zwei Feinden im Rücken?“
„Wir könnten New York auch ganz verlassen.“
„Hast du unsere Lage immer noch nicht begriffen Raphael? Die finden uns, egal wohin wir gehen. Wir kommen da nicht mehr lebend raus. Entweder wir finden unseren Platz in den Reihen der Locos oder wir überleben das nicht.“
„Ich habe Angst!“, schreit Anette in die Runde und umschlingt ihre angewinkelten Knie fest. Wir schauen sie alle erschrocken an. In ihren Augen bilden sich Tränen, immer mehr laufen ihre Wangen hinab. „Ich will keine Verbrecherin werden, ich will auch nichts mit so bösen Menschen zu tun haben. Ich mach doch einfach nur sauber bei euch, mehr nicht. Ich koche, ich mache die Wäsche, das reicht mir. Ich will doch keinem was tun.“ Sie wiegt sich selbst hin und her und legt die Stirn auf die Knie.
Meine Freunde lassen die Schultern hängen und sehen ratlos vor sich hin. Ich kann ihre Sorgen nur zu gut nachvollziehen. Menschen aus Notwehr getötet zu haben, macht mir schon fertig, aber jemanden mit voller Absicht zu verletzten, kann ich mir auch nicht vorstellen.
„Hört mal! So wie ich Robin und diesen Aaron verstanden habe, bleibt uns nicht wirklich eine Wahl, aber ich werde morgen noch mal mit Robin sprechen und versuchen durchzudrücken, dass wir niemanden umbringen oder verletzen werden.“
„Na dann, viel Glück dabei!“, Toni verschränkt die Arme, kleinlaut fügt er an, „Wir sind so was von am Arsch.“
Wütend boxe ich ihn in die Seite. „Halt die Klappe! Sie haben schon genug Angst.“
Toni rollt mit den Augen und bleibt still.
„Ich versuche das zu klären“, versicher ich ihnen.

Robin kommt am nächsten Morgen pünktlich mit dem Sonnenaufgang, heute allein. Ich beobachte sie vom Fenster aus und sehe dabei zu, wie sie ihr Motorrad im Innenhof parkt. Sie hat einen großen Rucksack dabei. Ich wende mich meinen Freunden zu. Sie liegen verteilt in den Decken und Kissen und schlafen alle noch. Selbst Toni ist an die Wand gelehnt inzwischen eingeschlafen. Ich betrachte sie alle mit einem besorgten Lächeln, dann schleiche ich mich an ihnen vorbei und hinaus in den Hof.
Robin lächelt, als sie mich kommen sieht. „Du bist ja schon wach!“, stellt sie überrascht fest.
„Ich muss mit dir reden“, werfe ich gleich ein.
„Später, erst mal ...“, beginnt sie und nimmt ihren Rucksack ab. Sie kramt darin herum.
„Nein, jetzt!“
Irritiert sieht sich mich an. „So wichtig?“
„Ja! Ich habe gestern noch lange mit meinen Freunden gesprochen und eine Sache muss ich noch klarstellen.“
„Und die wäre?“ Robins Blick wird zunehmend verbissener, ungeduldig trippelt sie mit dem Fuß auf der Erde.
„Wir werden niemanden für euch töten und auch niemanden verletzten.“
Robins ernste Gesichtszüge hellen sich wieder auf. „Ach so, ja“, sagt sie nur und kramt wieder in ihrem Rucksack. Ich beuge mich zu ihr vor und halte ihre Hände fest. Als sie mich wieder ansieht, meine ich bestimmt: „Robin, mir ist es damit ernst. Keine Auftragsmorde und keine Strafaktionen für irgendwen.“
„Ach Kurzer, krieg dich mal wieder ein. Glaubst du wirklich wir lassen ein paar Grünschnäbel, wie euch, in unserem Namen jemanden umlegen? Wir sind doch nicht verrückt. Dafür haben wir Profis“, lacht sie. Ihre Hand befreit sie aus meinen Griff und wuschelt mir durch die Haare. „Du bist schon drollig, weißt du das?“
„Lass das gefälligst. Kannst du mich nicht wenigstens einmal ernst nehmen?“
Robin richtet sich auf, das Lächeln verschwindet von ihren Lippen. „Enrico, ich nehme dich ernst und jetzt mach dir mal nicht ins Hemd. Ich suche schon Jobs raus, denen ihr auch gewachsen seid, nur keine Sorge. Von jetzt an, seid ihr sowieso nur so eine Art Hobby für mich. Mit den großen, bösen Jungs zu spielen, wird auf Dauer langweilig.“ Robin wendet sich wieder ihrem Rucksack zu und zieht eine große Packung Seife heraus.
„Wir sind nicht deine Spielzeuge!“, schimpfe ich aufgebracht, doch Robin lacht wieder.
„Doch seid ihr und als Erstes, werden wir beide uns vergnügen.“ Sie wiegt die Seife in ihrer Hand und sieht sich im Gelände um. In mir beginnt es zu kochen, doch ich ahne, dass eine Diskussion keinen Sinn macht und schweige.
„Gibt es hier irgendwo eine Möglichkeit zum Waschen?“, will sie wissen.
„Wir haben einen Brunnen, da hängt ein Eimer dran“, erkläre ich monoton und deute in Richtung des Brunnens.
„Na das muss dann wohl reichen.“ Robin nimmt mich am Arm und zieht mich bis zum Brunnen. Die Seife legt sie auf dem Rand und wirf den Eimer hinab. Sie zieht ihn voll wieder nach oben und sieht mich dann auffordernd an. „Zieh dich aus!“
Ich betrachte sie irritiert und mache keine Anstalten, ihrer Aufforderung nachzukommen.
„Jetzt kuck nicht so, als wenn ich dich verführen will. Du stinkst zum Himmel und deine Klamotten sollten wir verbrennen. Hast du auch was, dass nicht vor Dreck steht und aussieht, wie ein Schweizer Käse?“
„Wir haben nur das zum Anziehen, was dort auf der Leine hängt.“ Ich deute in Richtung zweier Apfelbäume, zwischen denen ein Seil gespannt ist. Alles was wir nicht am Leib tragen, hat Anette am Vortag gewaschen.
„Na super! Ich schau mal ob was brauchbares dabei ist, damit ich dich wenigstens mit in die Stadt nehmen kann. Und du wäschst dich in der Zwischenzeit!“
Waschen mit eiskaltem Brunnenwasser, ich weiß schon warum wir das bisher nur im Notfall tun. Scheu betrachte ich den Wassereimer.
„Du bist ja immer noch angezogen!“, ruft Robin vom Wäscheplatz. Ich rolle mit den Augen und ziehe mein Shirt aus. Die Seife, die Robin mitgebracht hat, riecht nach Flieder und schäumt extrem gut. Unsere ist beinah geruchsneutral und fühlt sich bei Weitem nicht so weich im Wasser an. Ich entledige mich auch meiner restlichen Kleidung und beginne mich einzuschäumen, als Robin auf einmal neben mir auftaucht. Sie legt neue Klamotten auf den Brunnenrand und mustert mich von oben bis unten. Ihr Blick bleibt in meinem Schritt hängen. „Für deine Statur, bist du gar nicht so schlecht bestückt.“
Ich folge ihrem Blick und drehe mich verschämt von ihr weg. „Kannst du vielleicht mal wo anders hinschauen?“
„Könnte ich, aber das wird dir auch nicht besser gefallen“, lacht sie und wandert mit ihrem Blick schon wieder meinen Körper ab.
„Du bist unmöglich, ich glaube nicht, dass sich das für eine Dame aus gutem Hause ziemt.“
„Ach jetzt krieg dich mal wieder ein. Ich mach doch nur Spaß. Du bist noch ein halbes Kind. Was soll ich dir schon abschauen?“ Robin nimmt den vollen Eimer vom Brunnen, bevor ich reagieren kann, kippt sie mir den ganzen Inhalt über den Kopf. Ich schreie laut auf und erschaudere unter der Kälte.
„Bist du verrückt geworden?“, keife ich sie an, doch Robin lacht nur und nimmt mir die Seife aus der Hand.
„Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit und so wie du aussiehst, brauchen wir mehr als eine Ladung Wasser und jetzt halt still!“ Robin reibt mir den Rücken mit der Seife ab und verteilt besonders viel Schaum in meinen Haaren. Sie holt noch einige Male Wasser aus dem Brunnen. Als ich endlich sauber bin, bin ich fast erfroren. Ich zittere am ganzen Körper. Robin kehrt zu ihrem Rucksack zurück und kramt ein Handtuch heraus. Sie wirft es mir zu. „Trockne dich ab und zieh dir was über, dann fahren wir los!“
Ich kann mit meinen kalten Finger kaum greifen. Mit zitternden Händen reibe ich mich trocken und bin froh, als ich endlich wieder etwas überziehen kann. Warm wird mir trotzdem nicht. Steifbeinig laufe ich Robin entgegen und steige zu ihr aufs Motorrad. Sie gibt Gas, dann verlassen wir das Fabrikgelände.

„Wohin wollen wir überhaupt?“, will ich auf dem Weg wissen.
„Wir gehen Shopen. Du brauchst was anständiges zum Anziehen.“
„Was? Aber ich habe kein Geld dafür.“
Robin schmunzelt amüsiert: „Ach mach dir da mal keine Sorge. Ich habe genug einstecken.“
Ich schweige und sehe zur Seite weg. Wirklich wohl fühle ich mich nicht dabei, in der Schuld von Robin zu stehen, oder besser in der ihres Vaters, denn sicher ist das sein Geld, dass sie wieder ausgibt.

Wir halten vor einer noblen Boutique. Im Schaufenster sind elegante Hemden und Anzüge ausgestellt. Ich betrachte Robin überrascht. Das letzte Mal, dass ich einen Anzug anhatte, war zu Vaters Beerdigung. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich darin aussehen soll. Ist doch sicher lächerlich und nicht für den Alltag geeignet.
„Bist du dir sicher, dass wir hier einkaufen wollen?“
„Ganz sicher!“ Robin steigt ab und lässt ihren Helm und die Brille auf dem Sitz ihres Motorrades zurück. Ich seufze und folge ihr. Vor dem Geschäft steht zwei Frauen. Sie unterhalten sich angeregt. Unter dem Arm der Einen, klemmt ein Korb und oben auf liegt ein Geldbeutel. Die Beiden sind so in ihr Gespräch vertieft, dass ich es ohne Probleme an mich nehmen kann. Während Robin sich das Schaufenster ansieht, klaue ich mir alle Scheine aus der Geldbörse und leg sie wieder zurück. Das Geld wandert ungesehen in meine Hosentasche.
Robin betritt das Geschäft, ich folge ihr. Sie führt mich ohne Umwege zu einer Umkleide und weißt mich an. „Bleib gleich hier! Ich hol dir die Sachen und dann schauen wir mal, was wir aus dir zaubern können.“ Sie wirf ihre Haare zurück und sieht die Kleiderständer durch.
Ich betrachte die Kunden des Geschäfts. Alles feine Herrn in Anzug und Krawatte. Das sind bestimmt Geschäftsmänner oder Söhne aus reichem Hause. Sie alle schauen mich von oben herab an. Selbst der Kassierer hebt eine Augenbraue, während er mich von Kopf bis Fuß mustert. Mein Blick fällt in den Spiegel der Umkleidekabine. Meine Haare sind noch immer nass und stehen in alle Himmelsrichtungen ab. Meine Shirt ist zwar sauber aber ein großes Loch klafft in meiner Schulter. Anette hat es schon zwei mal geflickt, aber es geht immer wieder beim Waschen auf. Der Stoff meine Hose ist an den Knien so dünn, dass man meine Haut darunter sehen kann. Ich passe hier nicht her, und fühle mich auch so. Von dem Spiegel wandert meine Aufmerksamkeit zu den Kleiderständern. Ich fische eines der Preisschilder heraus. Zweihundertfünfzig Dollar, nur für das Jackett. Sind die verrückt geworden? Für das Geld können wir uns fast einen Monate lang ernähren.
Robin kommt mit einem Arm voll Kleidungsstücken zurück. Sie drückt mir alles in die Hand und schiebt mich in die Kabine. „Probiere erst mal das!“ Sie schließt die Kabine nach mir und lässt mich mit allem allein. Eine schwarze Hose, ein weißes Hemd und ein schwarzes Jackett. Als ich die Preisschilder durchsehe, kommen vierhundert Dollar zusammen. Ich greife in meine Hosentasche und zähle die Scheine durch, die ich geklaut habe. Gerade mal zweihundert-vierzig Dollar. Da werde ich wohl noch einige Kunden bestehlen müssen. Seufzend, ziehe ich meine alten Sachen aus und schlüpfe in die Neuen. Der Stoff ist seltsam fremd und ohne Löcher auch gleich viel wärmer. Als ich mich im Spiegel betrachte, erkenne ich mich nicht wieder. Bis auf meine Haare und meine magere Erscheinung, wirke ich jetzt fast, wie einer dieser reichen Söhne. Fehlt nur noch eine Krawatte und teuer Manschettenknöpfe. Ich muss über mein eigenes Spiegelbild schmunzeln. Das passt so gar nicht zu mir.
Robin schiebt den Vorhang bei Seite und schaut ungeduldig herein. „Und?“, will sie wissen und betrachtet mich dann entzückt. „Wow! Na das kann sich doch schon mal sehen lassen. Die Hose ist vielleicht noch etwas zu große. Du bist eben recht mager. Na warte, ich suche was passenderes.“
Sie zieht den Vorhang wieder zu. Ich kann nicht anders, als wieder in den Spiegel zu schauen.
„So da, zieh die mal an!“, Robin reicht mir eine andere Hose. Ich probiere auch sie an und tatsächlich passt sie deutlich besser.
„Sehr schön!“ Robin tritt in die Kabine. Sie hält einen schwarze Krawatte in der Hand und bindet sie mir um den Hals. Ich sehe ihr dabei zu. „Robin, ich fühle mich in den Klamotten echt nicht wohl. Ich bin kein reicher Firmenerbe oder so.“
Robin vollendet ihr Werk und betrachtet mich zufrieden. Ich schiebe meinen Finger unter den Knoten der Krawatte und ziehe die Schlinge weiter auf. „Und dieses Ding ist viel zu eng“, murre ich.
„Ach daran gewöhnst du dich.“ Prüfend betrachtet sie mich. Sie fährt mir durch die klammen Haare und legt sie in verschiedene Richtungen. Je länger sie das tut, um so unzufriedener schaut sie.
„Nein, das kann so nicht bleiben. Die müssen wir schneiden lassen.“
„Robin, ich ...“
„Keine Wiederworte! Du repräsentierst in Zukunft unsere Familie, also musst du was her machen.“
Robin betrachtet mich noch einmal von oben bis unten und richtet dabei meine Ärmel.
„Da muss auch noch was ran“, entscheidet sie. Robin öffnet die Kabine und zieht mich am Arm zu einer Auslage mit Schmuck.
„Können sie mir die Manschettenknöpfe da hinten rausgeben?“, verlangt sie. Der Kassierer, der gerade noch das Geld eines Kunden entgegen genommen hat, wendet sich nun ihr zu. Während er Robin die Schmuckstücke aus der Vitrine holt, kann ich nicht anders, als in die noch offene Kasse zu sehen. Wir sind gerade die einzigen Kunden und der Kassierer ist beschäftigt. Es ist schon reine Gewohnheit, den unbeobachteten Moment auszunutzen.
Robin wählt zwei goldene Manschettenknöpfe und kommt damit zu mir. Sie nimmt meine Ärmel und legt sie mir an. Noch einmal richtet sie den Kragen und das Jackett, zupft an meinen Ärmeln herum und betrachtet mich dann zufrieden.
„Perfekt!“
Selbst der Verkäufer schaut nun anerkennend. „Es kleidet sie vortrefflich, Sir!“, sagt er. Der anfänglich abwertende Blick, ist aus seinem Gesicht verschwunden. Ich bin mir da noch immer nicht sicher und betrachte mich selbst skeptisch.
„Gut, also wir nehmen dann drei davon, zwei in schwarz und einen in blau. Von den Hemden nehmen wir fünf in weiß und zwei schwarz. Ach ja und den behält er gleich an.“
„Sehr wohl!“ Der Verkäufer holt unter dem Tisch eine Schere hervor. Mit ihr kommt er zu mir und entfernt die Preisschilder von den Kleidungsstücken, dann sucht er die Bestellung zusammen. Robin wendet sich unterdessen einem Regal mit Taschentüchern zu. Sie sucht zwei Packungen heraus, Einmal in Weiß und einmal in Rot und kommt damit zu mir zurück. Aus einer der Beiden zieht sie ein Tuch und stopft es mir in die Brusttasche. Sie zupft es in Form, dann wendet sie sich dem Verkäufer zu. Er hat inzwischen alles zusammengesucht und übereinander gestapelt. Robin legt noch die beiden Packungen dazu.
„Hol schon mal deine alten Sachen, ich bezahle derweilen.“
Mit langsamen Schritten entferne ich mich und warte noch den Preis ab, denn der Verkäufer nennt.
„Das macht dann alles zusammen 1805 Dollar.“ Ich schlucke schwer und gehe in die Kabine. Während ich meine alten Sachen wieder an mich nehme, sehe ich noch mal alle Geldscheine durch. Knapp 2000 Dollar. So viel Geld haben wir im letzten halben Jahr nicht erbeutet. Einen Moment lang wäge ich ab, ob ich es nicht doch behalten und Robins großzügige Geste annehmen soll, doch bei dem Gedanken an ihren Vater, läuft es mir eiskalt den Rücken hinab. Ich will bei dem keine Schulden haben.
Das ganze Geld stopfe ich in die Hosentasche der neuen Hose und nehme meine alten Klamotten auf den Arm, dann komme ich nicht umhin, noch mal in den Spiegel zu schauen. Es ist zwar nicht besonders bequem, mit der engen Krawatte, aber ich sehe wirklich gut darin aus. Wenn die Haare noch geschnitten sind dann …
„Enrico! Kommst du?“, ruft Robin. Ich beeile mich und gehe zu ihr. Als ich sie erreiche, drückt sie mir die Kartons mit den Klamotten in die Hand und geht voraus. Vor der Tür parkt eine Limousine und davor steht der alte Butler des Hauses Longhard. Mir wird erst jetzt bewusst, dass uns dieser Wagen auf der Herfahrt schon gefolgt ist. Jester betrachtet mich wortlos und nimmt mir die Pakete ab. Er packt sie in den Wagen und wartet auf neue Anweisungen.
„Ich kümmer mich noch um das Gestrüpp auf seinem Kopf. Geh doch so lange nen Kaffee trinken, oder so was.“ Der Butler nickt verstehend und schließt den Wagen ab, dann verlässt er uns. Robin führt mich einige Geschäfte weiter. Sie öffnet die Tür für uns und schiebt mich durch. Ohne Umwege drängt sie mich zu einem der freien Plätze und drückt mich auf den Stuhl. Dann sucht sie eine der Beschäftigten und holt sie zu uns. Während sie auf meine Haare deutet, fragt sie: „Ruby, kannst du hier noch was retten?“
Die dicke Dame, in ihrer Schürze, fährt mir durch die strohigen Haare und meint dann: „Ich gebe mein bestes.“
Nach gut einer halben Stunde, waschen, schneiden und föhnen, ist Rubys Werk vollbracht. Auf dem Boden türmen sich meine viel zu langen, blonden Haare. Eben haben sie mir noch bis auf die Schultern gereicht, nun sind sie so kurz, dass ich glaube einen anderen Menschen im Spiegel zu sehen. Bisher war es immer Raphael oder meine Mutter gewesen, die mir die Haare einfach nur kurz abgeschnitten haben. Wirklich frisiert habe ich mich noch nie gesehen. Irritiert betrachte ich mich von allen Seiten und kann es nicht fassen. Vor ein paar Minuten war ich noch ein dreckiges Straßenkind und jetzt könnte ich in ein Kontor rein spazieren und ein eigenes Konto eröffnen. Das ist faszinierend.
„Gut Arbeit Ruby.“ Robin bezahlt, während ich noch immer das neue Spiegelbild betrachten muss.
Mit langsamen Schritten, kommt Robin zu mir zurück. „Na zufrieden?“, will sie wissen.
„Zufrieden? Ich wusste gar nicht, dass ich so aussehen kann.“
Robin lächelt. „Na dann komm. Ich bring dich wieder nach Hause.“

Während Robin und ich mit dem Motorrad vornweg fahren, folgt uns Jester mit der Limousine. Wir fahren zusammen auf den Fabrikhof. Meine Freunde stehen dort schon und sehen erschrocken in unsere Richtung. Als wir von der Maschine steigen, kommen sie eilig zu uns gelaufen. Toni ist der Erste, der uns erreicht. Er beachtet mich nicht, sondern wendet sich sofort wütend an Robin: „Was hast du mit Enrico gemacht? Raus mit der Sprache!“ Die selbe Frage steht auch meinen anderen Freunden ins Gesicht geschrieben.
Verstört sehe ich von Einem zum Anderen. „Wollt ihr mich verarschen? Ich bin doch hier!“ Die Blicke meiner Freunde wenden sich nun mir zu. Sie betrachten mich von oben bis unten. Mit offenen Mund tun sie es immer wieder und bekommen kein Wort mehr heraus.
„Enrico? Wie siehst du denn aus?“, sagt nur Streuner und fängt laut zu lachen an.
Etwas gekränkt sehe ich an mir hinab. „So schlimm?“, will ich wissen.
„Was nein, du siehst echt ...“, beginnt Toni und verschluckt das, was er eigentlich sagen will, „ … echt gut aus.“
Jester kommt zu uns, in den Händen trägt er die vielen Kartons, mit den restlichen Sachen. Robin deutet auf einen Baumstumpf, auf dem er alles abstellen soll.
„Gut, dann war's das für heute“, Robin wendet sich Toni zu, „ Und morgen, machen wir beide einen Ausflug!“, sagt sie und deutet zwischen sich und ihm hin und her.
Toni schluckt schwer, sagt aber nichts. Robin dreht uns den Rücken zu, doch bevor sie gehen kann, greife ich ihr Handgelenk und drehe sie wieder zu mir. Irritiert betrachtet sie mich. Ich hole das Geld aus meinen Taschen und strecke es ihr in einem Bündel entgegen.
„Hier, für all die Sachen.“
Robin staunt nicht schlecht. Sie überschlägt den Wert des Geldes, dann will sie wissen: „Woher hast du so viel …?“
„Berufsgeheimnis!“, falle ich ihr ins Wort und grinse breit.
„Nein, behalte es. Ihr könnt es brauchen!“ Robin lässt ihren Blick über meine Freunde schweifen und macht keine Anstalten das Geld anzunehmen.
„Ich mache keine Schulden Robin, besonders nicht bei euch.“ Als sie das Geld nicht annimmt, drücke ich es dem Butler in die Hand.

...~*~...

Am Abend sitzen Aaron und seine Tochter gemeinsam im Salon. Der alte Herr schwenkt ein Whiskyglas in der Hand, während Robin in einem Buch vertieft ist.
„Wie ist es heute bei dir gelaufen?“, will er irgendwann wissen.
„Ganz gut!“, sagt sie nur und schlägt eine Seite um.
„Wie viel hat mich der Spaß gekostet?“
Robin schmunzelt breit und schaut nicht mal vom Buch auf, als sie sagt: „Nichts. Wir haben sogar noch hundert Dollar raus bekommen.“
Fragend betrachtet Aaron seine Tochter und stellt das Glas auf der Lehne seines Sessels ab.
Erst jetzt richtet Robin ihre Aufmerksamkeit auf den Vater. „Er meinte er macht keine Schulden bei dir. Er muss ein verdammt guter Dieb sein, zweitausend Dollar in knapp einer Stunde zusammenzuklauen. Ich hab zumindest nicht mitbekommen, wo er's her hat. Als wir losgefahren sind, war er noch pleite.“
„Interessant“, meint Aaron und trinkt lächelnd einen Schluck aus seinem Glas.

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Nur wer die Hölle kennt, weiß den Himmel zu schätzen.
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