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 1. Kapitel ~Der schwarze und der weiße Wolf~

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Enrico
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BeitragThema: 1. Kapitel ~Der schwarze und der weiße Wolf~   Mi Feb 07, 2018 5:14 am

1. Kapitel
~Der schwarze und der weiße Wolf~

September 1921, New York

Jetzt mach ich das schon einen Monat lang in Aarons Auftrag, aber an dieses ständige Rumgeballere habe ich mich noch immer nicht gewöhnt. Die Trommel meines Revolvers ist leer. Mit zitternden Händen greife ich in die Taschen meiner Jacke und suche nach weiteren Patronen.
Schüsse hämmern in den Beton des Pfeilers, hinter dem ich Schutz gesucht habe. Bei jedem Einzelnen zucke ich zusammen. Wenn ich nur meine Hände unter Kontrolle bringen könnte, sie zittern so heftig, dass ich kaum die Munition in die Trommel bekomme.
Wieder kracht eine Kugel in den Pfeiler, sie schlägt ein Stück Beton aus. Ein Blitz des Entsetzens durchfährt meinen Körper. Bin ich getroffen worden? Nichts, kein Blut- kein Schmerz.
“Daneben!”, schreie ich meine Gegner an, um mir wieder Mut zu machen. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren. Die Trommel ist voll, ich klappe sie wieder ein.
Was treibt Toni eigentlich die ganze Zeit? Mein Leibwächter ist doch sonst immer so zielsicher.
“Bandel! Tu endlich was!”, schreie ich so laut, das meine Stimme als Echo von den Wänden der alten Lagerhalle zurück geworfen wird.
“Tu gefälligst selbst mal was! Ich kann nicht alles alleine machen”, ruft Toni vom anderen Ende der Halle zurück. Wie gut es tut seine Stimme zu hören. Er ist am Leben und da, um mir Rückendeckung zu geben.
“Ich hasse es zu töten!”, rufe ich ihm zu. Kann Toni die Kerle nicht einfach über den Haufen schießen, so wie sonst auch immer?
“Herrgott tu’s einfach, Enrico! Ich muss vielleicht auch mal nachladen.”
Wieder schlägt eine Kugeln in den Pfeiler ein. Meine Beine fühlen sich an wie Pudding, mein Atem rast. Können die Kerle nicht mal wo anders hin schießen? Wie soll ich sie treffen, wenn mein ganzer Körper bebte. Toni ist ein viel gefährlicherer Gegner, als ich, sollen sie doch ihn unter Beschuss nehmen, ihm macht das wenigstens nicht so viel aus. Ich lege den Finger um den Abzug meiner Waffe. Wenn ich richtig mitgezählt habe, sind die Trommeln meine Gegner inzwischen leer. Ob ich es wagen kann meine Deckung zu verlassen?
Einen flüchtigen Blick werfe ich um den Pfeiler herum. Wo sind die zwei übrigen Kerle? Mit den Augen suche ich die Halle ab, dann donnert es schon wieder. Gerade noch rechtzeitig schaffe ich es den Kopf einzuziehen.
“Scheiße!”, fluche ich und drücke mich mit dem Rücken gegen den Pfeiler. Mit geschlossenen Augen warte ich ab. Wie ich das hasse!
“Enrico, rechts von dir!”, durchschlagen Tonis Worte meine Gedanken. Ich reiße die Augen auf und sehe vollautomatisch nach rechts. Im Augenwinkel kann ich eine Waffe aufblitzen sehen, ihr Lauf zielt auf mich. Reflexartig ziehe ich meinen Revolver hoch und schieße. Immer wieder lade ich nach und drücke ab, so lange bis kein Kugeln mehr meine Waffen verlässt. Habe ich getroffen? Ich sehe nach dem jungen Mann. Er ist in sich zusammen gebrochen. Das ganze Gesicht habe ich ihm weggeschlossen. Seine Brust ist von unzähligen Löschern gesiebt.  Angewidert wende ich meinen Blick ab. Jetzt habe ich schon wieder die Kontrolle verloren und was noch viel schlimmer ist, meine Trommel ist schon wieder leer. Mit einem tiefen Seufzer klappe ich sie auf. Wenn ich so weiter mache, habe ich bald keine Munition mehr. Mit zitternder Hand suche ich in meiner Jackentasche, ich kann die erste Patrone schon zwischen meinen Fingern spüren, als sich der Lauf einer Waffe gegen meine Schläfe drückt.
“Das war mein kleiner Bruder, du Missgeburt!”, schreit mich eine raue Männerstimme an. Wie paralysiert betrachte ich die Waffe. Ich halte den Atem an. Verdammt, so werde ich also sterben?
Der Zeigefinger des Mannes legt sich um den Abzug. Die Zeit scheint stehen zu bleiben. Ich sehe mein Leben noch einmal an mir vorbeiziehen: Meine Kindheit mit meinem Bruder, die Tage als ich meinen Leibwächter Toni kennen habe. Meinen ersten Mord und all die schrecklichen Dinge, die daraufhin folgten. Alles bis zu diesem Augenblick, läuft vor meinem inneren Auge ab. Selbst das Blitzlicht, das einem Schuss voraus geht, meine ich schon sehen zu können, dann fällt ein Schuss. Ein lauter Knall, vor dem ich reflexartig die Augen schließe und die Luft anhalte. Bin ich tot? Fühlt sich so sterben an? Es tut nicht einmal weh.
“Du bist noch immer ein Anfänger!”, spottet Toni. Ich kann eine warme Hand auf meiner Schulter spüren. Vorsichtig öffne ich erst eines, dann das andere Auge. Kopfschüttelnd sieht Toni auf mich herab. Der Schnitt in seiner linken Augenbraue ist nur noch ein verblassende Narbe. Seine schwarzen Haare fallen im locker ins Gesicht und rollen sich an ihren Spitzen zu kleinen Locken zusammen. Die smaragdgrünen Augen schauen spöttisch. Ich sehe an ihm vorbei. Der Kerl, der es gewagt hat mich zu bedrohen, liegt mit einer Schusswunde im Kopf am Boden, wie immer mittig zwischen die Augen. In Strömen verteilt sich sein Blut auf dem Boden und lässt mich würgen. Schnell wende ich mich ab.
“Musst du die immer regelrecht hinrichten? Geh mal ein bisschen sparsamer mit unserer Munition um. Die ist teuer”, tadelt Toni. Er nimmt seine Hand von meiner Schulter und geht vor dem Toten in die Hocke. Ungeniert sucht er die Leiche nach Wertsachen und Munition ab. Ich nehme seine Worte nur gedämpft war. In meinem Kopf dröhnen noch immer die viel zu lauen Schüsse. Meine Knie zittern, genau wie meine Hände. Ein Gefühl von Schwerelosigkeit macht sich in mir breit. Wir haben überlebt, mal wieder.
“Komm schon! Sehen wir nach, wo sie Aarons Kohle gebunkert haben. Ich will hier raus sein, bevor die Bullen aufkreuzen.” Toni reicht mir seine Hand und hilf mir auf die Beine. Im Adrenalinrausch folge ich ihm, wie betrunken. Noch immer raste mein Herz, ich spüre es bis an den Hals schlagen. Die Typen sind tot, wir leben noch, alles ist gut - sage ich mir immer wieder. Dabei ist das nicht meine erste Schießerei gewesen. Müsste ich mich nicht langsam mal daran gewöhnen?

Über eine Treppe folge ich Toni in den ersten Stock. Ganz allmählich lässt das Kribbeln in meinen Adern nach, meine Gedanken werden wieder klar.
Toni schließt uns eine Tür auf, in dem Raum dahinter, gibt es nur einen Tisch und ein großes leeres Regal. Auf der Tischplatte liegt ein schwarzer Aktenkoffer. Zielsicher steuern wir darauf zu. Toni öffnet den Verschluss, gespannt sehe ich ihm dabei zu. Hoffentlich ist dort drin auch wirklich eine halbe Millionen Dollar. Tatsächlich liegen in dem Koffer etliche gebündelte Geldscheine. Toni verschafft sich einen groben Überblick. “Sieht so aus, als wäre noch alles da. Also dann Abflug!”, bestätigt er.
“Ich nehme den Koffer!”, entscheide ich. Ohne eine Antwort abzuwarten, schlage ich den Koffer zu und nehme ihn an mich. Misstrauisch sieht Toni mich an und ich hoffe inständig, das er dieses Mal meine Gedanken nicht erraten kann.
“Was geht schon wieder in deinem Kopf vor sich?”, will er wissen. Die Arme stemmt er in die Seite, drohend funkelt er mich an.
Ein breites Grinsen schleicht sich mir ins Gesicht. “Nichts!”, versuche ich zu lügen. Mit dem Koffer unter dem Arm, verlasse ich das Büro.
Tonis Schritte eilen mir nach. “River, treib mich nicht in den Wahnsinn! Wir bringen den Koffer zu Aaron und dann geht’s nach Hause. Ich hab die Schnauze voll für heute!”, ruft er mir hinterher.
“Ja, ja!” Mit schnellen Schritten laufe ich die Treppe nach unten und durch eine Tür ins Freie. Toni ist mir dicht auf den Fersen. Wütend packt er mich am Arm und stellt mich zur Rede: “Ich verstehe da keinen Spaß, Enrico! Der Koffer kommt zurück zum Chef und wir gehen nach Hause!”
“Aaron wird sein Geld  bekommen“, versuche ich ernst zu sagen, doch ich kann nichts gegen das Grinsen tun, dass sich mir ins Gesicht zwingt. In Tonis Gegenwart bin ich einfach ein viel zu schlechter Lügner. Misstrauisch musterte Toni mich noch lange. Schließlich gibt er mich frei, jedoch nicht ohne noch eine Warnung auszusprechen: „Wenn du wieder irgendwelche Scheiße baust, hau ich dir ein paar aufs Maul, ich schwör's dir!“
Wir steigen auf unsere Motorräder und ich starte meine Maschine, erst dann wage ich zu sagen: “Wir bringen den Koffer zurück, nur nicht sofort.” Ich habe mein Leben nicht dafür riskiert ihn einfach nur abzuliefern. Während mich Toni finster ansieht, gebe ich Gas. Mit quietschenden Reifen fahre ich los und lasse ihn hinter mir zurück. Doch es dauert nicht lange, bis ich sein Motorrad hinter mir hören kann.
“Du Irrer! Was hast du jetzt wieder vor?”, will er in voller Fahrt wissen, und hält seine Maschine auf gleicher Hohe mit mir.
“Ich bin mit Erik beim Pokern verabredet. Dort werde ich die Kohle verdoppeln und wir können endlich unsere Fabrik kaufen.”
“Dir ist wohl das Adrenalin eben nicht bekommen, was?”
“Was denn? Traust du meinen Falschspielerkünsten nicht?“
Tonis Mine verfinstert sich weiter. “Gib mir den Koffer du Wahnsinniger!” Ich weiche ihm aus, Toni greift ins Leere.
“Sie lieber nach vorn!”, rufe ich ihm zu. Als Toni alarmiert nach vorn blickt und einem entgegenkommenden Fahrzeug ausweichen muss, biege ich an der Kreuzung nach rechts ab. Toni ist gezwungen der Straße gerade aus zu folgen.
“Wir treffen uns im Midnightsclub!”, rufe ich ihm nach. Um den gewonnen Abstand auszubauen, schalte ich einen Gang höher und gebe ordentlich Gas.

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Nur wer die Hölle kennt, weiß den Himmel zu schätzen.
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