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 22. Kapitel ~Zu viel nackte Haut~

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Enrico
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BeitragThema: 22. Kapitel ~Zu viel nackte Haut~   Mo Jan 16, 2017 9:07 am

22. Kapitel
~Zu viel nackte Haut~

Die ganze Nacht habe ich wach gelegen und mir dabei fest vorgenommen, den heutigen Tag nicht im Haus zu bleiben. Je weiter ich von diesem Kerl weg komme, um so besser.
Auf meinem Bett sitzend, wickle ich den Verband von meinen Händen. Über den wunden Stellen hat sich schon neue Haut gebildet, es schmerzt auch nicht mehr, wenn ich etwas anfasse. Eros hat gesagt, ich dürfe zurück kommen, wenn meine Hände verheilt sind. Hoffentlich reicht ihm das so, wie es jetzt ist. Arbeiten wäre genau das richtige Mittel, um mich abzulenken. Die benutzten Mullbinden lege ich auf den Nachttisch, als ich Schritte im Flur hören kann. Sie verlieren sich im Wohnzimmer und anschließend in der Küche. Geschirr klappert, Gläser klirren.
Ich stehe auf und schleiche aus meinem Zimmer. Als ich durchs Wohnzimmer in die Küche luge, ist es nur Lui, der das Frühstück zubereitet. Er kramt aus den Schränken Zutaten für Omelett und zieht eine Pfanne aus dem Schrank unter der Spüle.
„Guten Morgen“, begrüße ich ihn und schaue auf das Sofa. Der Platz ist verweist, die Decke liegt ordentlich zusammengelegt auf dem Sessel. Sehr gut, Toni ist nicht hier. Auch durch die Verandatür kann ich ihn nirgends sehen. Perfekt! Vielleicht komme ich hier weg, bevor er wieder auftaucht.
Ich laufe weiter bis ich Lui erreicht habe und bestürme ihn mit meinem Vorhaben: „Kannst du mich in die Stadt fahren?“
„Willst du nicht erst mal was essen?“
„Nein, ich will auf Arbeit.“ Lui sieht mich fragend an. Er nimmt meine Hände in seine und betrachtet sie prüfend.
„Du solltest noch warten, bis sie ganz verheilt sind. Außerdem mache ich jetzt erst mal Frühstück.“
„Ach bitte. Das geht doch schnell. Du kannst mich gleich an der Straße rausschmeißen und zurückfahren.“
„Nein, Enrico! Ich hab zu tun!“
„Bitte!“, beknie ich ihn, „Ich muss hier raus.“
„Ist es so schrecklich mit uns?“
„Nein, mit euch nicht, aber mit ...“ Schritte kommen auf uns zu. Ich drehe mich danach um.
„Soll ich dich fahren?“, will Toni wissen. Bei seinem Anblick, stockt mir der Atem: Mit blankem Oberkörper tritt er vor uns, lediglich ein Handtuch liegt um seine Hüften und ist noch zu klein, um seine ganze Blöße zu bedecken. Mit einem zweiten Handtuch trocknet er seine Haare, die ihm wirr ins Gesicht fallen. Ich muss schwer schlucken. Das ist ja noch viel schlimmer, als in meiner blassen Erinnerung. Wieso sieht der Scheißkerl nur so gut aus? Nicht ein Gram ist an ihm zu viel, seine nasse Haut betont die einzelnen Muskeln noch zusätzlich. Mir bleibt der Mund offen stehen, Hitze steigt mir in den Kopf.
„Nein, danke! Ich laufe lieber“, antworte ich ihm und reiße mich aus der Situation. Nichts wie weg, bevor mir noch klar wird, dass ich gerade einen Kerl anstarre. Ohne Umwege verschwinde ich durch das Wohnzimmer und hinaus ins Freie.

...~*~...

„Was hat er denn jetzt schon wieder?“, will Antonio wissen und sieht Enrico nach. Lui schmunzelt und braucht ebenfalls einen Moment, sich von Antonios Anblick zu lösen.
„Wie wäre es, wenn du dir was anziehst?“, schlägt er vor.
„Warum?“
„Na du kannst froh sein, dass ich bereits vergeben bin. Bei deinem Anblick, wird einem ja ganz warm ums Herz.“
„Hä?“
„Du bist heiß. Kein Wunder das er abgehauen ist. Das hält ja kein normaler Mensch aus, ohne dich flachzulegen.“
„Erzähl keinen Scheiß!“
„Du hast wohl lange nicht mehr in den Spiegel gesehen, was?“
Antonio sieht an sich selbst hinab.
„Du übertreibst.“
Lui entgegnet nichts mehr, er betrachtet Antonio noch einmal von oben bis unten und schmunzelt vor sich hin.
„Schon gut, ich zieh mir ja schon was an“, murrt der und verschwindet im Flur. Aus seinem Koffer kramt er frische Klamotten. Während Antonio sie sich überzieht, kehrt er ins Wohnzimmer zurück.
„Brauchst du Hilfe?“, will er beim Blick in die Küche wissen.
„Nein, geh lieber Enrico nach!“
„Warum sollte ich?“
„Weil er es mit seinen Beinen niemals bis in die Stadt schafft. Du bist die Strecke doch beim letzten Mal auch gelaufen. Das ist viel zu weit.“
Antonio zuckt nur mit den Schultern.
„Sein Problem! Ich wollte ihn ja fahren.“
Lui sieht in eindringlich an.
„Was? Bin ich sein Kindermädchen?“
„Nein, sein Leibwächter!“
„Das war mal. Er ist nicht mehr der weiße Wolf.“
„Aber du noch immer der Schwarze, also hau schon ab!“
„Ich hab noch nicht mal was Gefrühstückt“, versucht Antonio dagegen zu halten.
„Er ist sowieso noch nicht weit gekommen. Bis ihr zurück seid, ist das Essen fertig.“
„Du nervst!“
„Und du störst! Ich hasse es, wenn man mir beim Kochen über die Schulter sieht.“
„Sag doch gleich, dass du mich los werden willst.“ Antonio nimmt sich eine der abgeschnittenen Brotscheiben, während er sie sich in den Mund schiebt, verlässt er das Haus.

...~*~...

Dieser verdammte Kerl. Was muss er halb nackt vor uns herum laufen? Ob er das auch gemacht hätte, wenn Robin im Haus gewesen wäre? Mit ihm könnte ich niemals mithalten. Sie würde sicher sofort an ihm kleben. Vergeblich versuche ich mir einzureden, dass es das ist, was mich an seinem Anblick so gestört hat. Ich kann den Gedanken einfach nicht verdrängen, dass er viel zu gut aussieht. Ob er wirklich so groß …? Hastig schüttle ich mir das Bild unter dem Handtuch aus dem Kopf.

Schritte verfolgen mich. Als ich mich umdrehe, ist es Toni, der mir mit den Händen in den Hosentaschen nachgelaufen kommt. Für einen Moment glaube ich ihn noch immer im Handtuch zu sehen. Betreten wende ich meinen Blick ab. Nur nicht daran denken, weg mit diesem Bild.
„Hab ich dir nicht gesagt, dass du mir nicht wie ein räudiger Köter nachlaufen sollst?“, will ich wissen, als er in Hörweite kommt.
Er sagt nichts. Auch als er mich eingeholt hat, bleibt er still. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, läuft er an mir vorbei und in zügigen Schritten immer weiter. Er ist viel zu schnell, als das ich mit ihm schritt halten kann. Verwirrt sehe ich ihm nach. Ist er denn nicht gekommen, um mich aufzuhalten?
Seine Gestalt wird in der Ferne immer kleiner, bis er hinter einem Hügel verschwindet. Was soll das denn?
Ich bemühe mich schneller zu gehen, um über den Hügel zu kommen und einsehen zu können, ob er tatsächlich ohne mich in die Stadt geht. Die Anstrengung lässt mich schwitzen, ich bin schon nach den ersten zügigen Schritten außer Atem. Als ich zurück schaue, ist das Sommerhaus nicht mehr zu sehen, beim Blick nach vorn gibt es nichts als Wald und Felder. So lang habe ich den Weg bis in die Stadt gar nicht in Erinnerung. Mit dem Automobil sind wir in wenigen Minuten da. Nun bin ich schon eine gefühlte Ewigkeit unterwegs und habe noch nicht mal diesen verdammten Hügel erklommen. Eigentlich wollte ich gar nicht so weit laufen. Die ganze Zeit habe ich fest damit gerechnet, dass mich Lui aufhalten wird. Doch er scheint mir nur Toni nachgeschickt zu haben und der Mistkerl hat mich einfach stehen lassen.
Als ich endlich den Hügel erklommen habe und die Umgebung einsehen kann, breitet sich vor mir eine leere Schotterpiste aus. Ist er denn so schnell gewesen? Auf den ganzen Weg bis zur nächsten Biegung kann ich ihn nicht mehr sehen.
„Na toll!“, murre ich und stütze mich auf meine Knie. Ich atme hastig und schnell und glaube trotzdem nicht genug Luft zu bekommen. Schweißperlen laufen mir von der Stirn ins Gesicht. Ich wische sie mir mit dem Handrücken weg.
Die Stadt ist nicht mal von hier oben aus zu sehen. Das schaffe ich doch nie. Ich werfe einen Blick zurück. Selbst der Weg zum Sommerhaus erscheint mir viel zu lang. Die ganze Strecke noch mal zurück, oder weiter bis in die Stadt? Ich sehe unschlüssig vor und zurück. Schließlich entscheide ich mich dazu weiter zu gehen. Ich werde heute wieder arbeiten, dass habe ich mir immerhin fest vorgenommen. Weder Lui noch Toni brauche ich dafür. Ich schaffe das allein!
Schritt für Schritt, quäle ich mich den Hügel hinab. Meine Beine beginnen mit jeder weiteren Bewegung, mehr und mehr zu schmerzen. Immer wieder muss ich inne halten und einen Moment ausruhen, bis ich weiter gehen kann. Nur ein paar, wenige Schritte, dann geht mir schon wieder die Puste aus.
Ich habe nicht mal die Hälfte des Weges, bis zur nächsten Biegung geschafft, als mir meine Beine den Dienst verweigern und ich auf die Knie sacke. Mit den Armen stütze ich mich auf den Boden und ringe nach Atem.
„Wer ist jetzt der räudige Köter, hä? Nach so ner kurzen Strecke, kniest du schon auf allen Vieren. Erbärmlich!“
Erschrocken richte ich meinen Blick der Stimme entgegen. Toni sitzt auf einem abgesägten Baumstumpf und schnitzt an einem Stück Holz herum. Während mir der Schweiß aus allen Poren strömt und von meinem Kinn auf meine Hände tropft, schaut er mich finster an.
„Ach … halt … halt einfach die Klappe!“, fluche ich atemlos.
Seine Augen bekommen einen seltsamen Glanz. Er steckt das Messer und das Stück Holz in seine Tasche und legt die Arme auf seine Knie. Mit einem fiesen Grinsen im Gesicht, beugt er sich nach vorn und faltet die Hände ineinander.
„Ich zugeben muss, das du mir auf den Knien, ganz gut gefällst.“ Seine dunkle Stimme hat etwas düsteres, während seine Augen mich, wie die eines wilden Tieres auf der Jagt, mustern.
Ich schlucke schwer. Ob er damit auf irgendwas anspielen will? Nein, ich will es gar nicht wissen und ich will mich auch nicht erinnern.
Mit aller Kraft zwinge ich mich dazu, wieder aufzustehen.
„Du kannst mich mal!“, maule ich ihn an und zwinge meinen erschöpften Körper, zum Weitergehen.
„Schön wär's“, seufzt er leise. Ich sehe irritiert zu ihm zurück. Sein Blick verliert sich trübsinnig in der Ferne. Während ich mir noch den Kopf darüber zerbreche, wie er das jetzt wieder gemeint hat, versagen mir meine Beine erneut den Dienst. Wieder sacke ich auf die Knie und fluche: „Verdammt!“ Warum muss mir das ausgerechnet vor ihm passieren? Angespannt warte ich auf einen neuen fiesen Spruch von ihm, doch er seufzt nur und steht auf. Mit langsamen Schritten kommt er um mich herum.
„Wird das noch lange dauern? Ich bin am verhungern!“
„Dann geh doch zurück!“, maule ich ihn an und versuche mich wieder aufzurichten. Es geht nicht, die müden Muskeln in meinen Beinen, wollen mein Gewicht nicht mehr tragen. Toni sieht meinen vergeblichen Bemühungen eine Weile lang stumm zu, schließlich geht er vor mir in die Hocke.
„Wie lange soll das jetzt noch so weiter gehen?“
„Lass mich!“, maule ich und wende meinen Blick von ihm ab.
„Wem willst du eigentlich was beweisen? Du kommst hier nicht mehr weg, merkst du das denn nicht?“
„Ich will niemandem was beweisen. Ich will einfach nicht zurück ins Haus und den ganzen Tag dort mit dir eingesperrt sein, okay?“, fauche ich und sehe ihn finster an.
„Was hast du eigentlich für ein Problem mit mir?“
„Ich kann dich einfach nicht ausstehen!“ Toni sieht mir lange und eindringlich in die Augen. Ich bemühe mich so ernst ich kann zurück zu schauen, doch beim Anblick seiner tiefgrünen Augen, will es mir einfach nicht gelingen. Je länger ich ihn ansehe, um so schneller schlägt mir das Herz in der Brust.
„Du lügst!“, entgegnet er. Ich schlucke schwer und fühle mich ertappt. Betreten wende ich meinen Blick ab. Wir schweigen beide, bis mir Toni schließlich den Rücken zudreht.
„Los, komm her, ich trag dich!“, bietet er an.
„Nein, das will ich nicht“, murre ich kleinlaut.
„Ich kann dich auch an den Haaren zurück zum Sommerhaus schleifen, wenn dir das lieber ist.“ Eindringlich sieht er mich, über die Schulter hinweg, an. Ich bin mir sicher, dass er das wirklich tun wird, wenn ich weiter zögere.
„Ich bin doch viel zu schwer.“
Toni rollt mit den Augen. „Lass das mal meine Sorge sein.“ Ich schaue den Weg zurück, den ich gekommen bin. Den Hügel wieder hinauf, die endlose Strecke zurück und dann noch den freien Weg bis zum Sommerhaus rauf, das packe ich nicht mehr und bis in die Stadt ist es noch weiter. Ich seufze ergeben und lege ihm meine Arme um den Hals. Problemlos läd er mich auf seinen Rücken und steht auf und läuft los.
Er hat wirklich kein Problem damit, mich zu tragen. Ein wunderbarer Duft steigt mir von seinem Aftershave in die Nase. Warum muss der Kerl auch noch so gut riechen? Resigniert lehne ich den Kopf gegen seine Schulter. Egal was ich auch mache, ich werde einfach ihn nicht los. Ich bin so widerlich zu ihm und er hilft mir trotzdem.
„Warum musst du nur so ein wundervoller Mensch sein?“, höre ich mich selbst sagen. Irritiert sieht er zu mir zurück. Ich lehne meine Stirn gegen seine Schulter, um ihn nicht ansehen zu müssen.
„So kann ich dich nicht mal hassen“, schimpfe ich.
„Warum willst du mich denn unbedingt hassen?“
„Damit ich dich nicht mögen muss?“
„Ja, blöd von mir. Was frag ich auch so doof?“, murmelt er in sich hinein. Ich schlinge meine Arme enger um ihn und kann nicht genug von diesem vertrauten Geruch bekommen, der mir immer wieder in die Nase steigt. Eigentlich will ich mich in seiner Nähe gar nicht so wohl fühlen, aber ich komme nicht gegen das warme Gefühl an, das sich in mir ausbreitet. Es stört mich nicht mal wirklich, getragen zu werden und dabei hasse ich das sonst. Warum nur?
„Du trägst mich nicht zum ersten mal, oder?“, versuche ich ein Gespräch zu beginnen.
„Nein, aber es ist das erste mal, dass du mir dabei nicht fast unter den Händen wegstirbst.“
„Unser Leben in der Heimat ist hart gewesen, oder?“
„Manchmal!“ Wieder schleicht sich unangenehme Stille zwischen uns.
„Erzähl doch mal was von dir. Mal abgesehen davon das du Frau und Kind hast, weiß ich gar nichts über dich.“
„Was willst du denn wissen?“ Alles? Wo ist er aufgewachsen? Wie war seine Kindheit? Wie unsere gemeinsame Zeit? Egal was es ist, Hauptsache es hat mit ihm zu tun.
„Wie bist du aufgewachsen? Hast du Geschwister und leben deine Eltern noch?“
Toni seufzt hörbar.
„Ich bin Einzelkind“, sagt er zögerlich und braucht eine gefühlte Ewigkeit, bis er fortfährt, „Mein Vater ist ein Säufer. Er hat mich und meine Mutter regelmäßig verprügelt, bis ich acht war, dann hat er sie im Suff erschlagen.“
„Das ist ja schrecklich!“, entfährt es mir. Ich umarme ihn fester.
„Findest du?“, fragt er melancholisch und zuckt mit den Schultern. Als ich nicht sofort antworte, fügt er an: „Bei den Drachen war es schlimmer.“
„Drachen?“
„Ich bin nach der Tat meines Vaters von Daheim abgehauen und habe lange Zeit auf der Straße gelebt. Irgendwann hat mich ein schwarzer Kerl angequatscht, ob ich mir nicht etwas Geld verdienen will und Sachen ausliefern mag. Ich war immer hungrig, also habe ich Trottel zugestimmt. So bin ich ins Gangleben abgerutscht.“
„Also ist der Drache auf deinem Oberkörper …?“
„Ja, das sichtbare Zeichen meiner Zugehörigkeit bei den Red Dragons.“
„Hast du für sie getötet?“
„Ja!“
„Du warst gut darin, oder?“, erinnere ich mich.
„Ich bin immer noch gut darin.“
„Und darauf bist du auch noch stolz oder was?“
„Ein wenig?“
„Du bist so ein Idiot!“, maule ich und schlage ihm auf den Hinterkopf. Er zuckt übertrieben stark zusammen und grinst breit vor sich hin.
„Du bist im übrigen auch nicht schlecht darin gewesen.“
„Ich kann mir das einfach nicht vorstellen“, seufze ich.
„Was?“
„Menschen getötet zu haben. So was ist krank!“
„Wenn man dazu gezwungen ist zu überleben, ist gar nichts krank.“ Etliche Meter schweigen wir. Ich versuche seine Worte zu verstehen, aber ich kann mir kaum eine Situation vorstellen, in der ich wirklich dazu in der Lage wäre, jemanden zu töten. Unweigerlich drängt sich mir mein Traum ins Gedächtnis, in dem ich diese Asiaten erschossen haben.
„Warum habe ich eigentlich damit angefangen?“, will ich wissen.
„Womit?“
„Menschen zu töten?“
Toni schweigt und meidet meinen Blick, seine Aufmerksamkeit richtet er auf den Boden, als er mir antwortet: „Das ist meine Schuld.“
Fragend schaue ich ihn an.
„Ich hätte mich nie mit dir anfreunden dürfen“, sagt er betrübt. Ich schaue noch immer fragend und warte auf weitere Erklärungen. Er braucht lange und seufzt tief, bis er endlich erzählt: „Ich war mitten in der Ausbildung zum obersten Cleaner im Clan. Ich hab die Arbeit und das Leben unter den Drachen gehasst und dann kamst du. Du bist immer fröhlich und unbeschwert gewesen. Hast mich einfach blöd von der Seite angequatscht und hattest nicht mal Angst vor mir. Bei dir und deinem Bruder war es immer lustig. Ihr hattet zwar keine Eltern mehr, aber trotzdem war es wie in einer richtigen Familie. Bei euch konnte ich vergessen, dass ich ein Killer bin. Da war ich einfach nur, wie ein Junge aus der Nachbarschaft. Aber irgendwann bist du mir gefolgt, als ich Streit mit deinem Bruder hatte und hast mich gesehen. Hast mich beobachtet, wie ich einen Kerl erschossen habe. Von dem Tag an bist du ein Zeuge gewesen, jemanden den ich beseitigen muss“, Tonis Stimme wird brüchiger, „Mein Chef hat mich auf dich angesetzt und ist mir mit seinen beiden Leibwächtern gefolgt, um zu sehen, ob ich dem Clan loyal bin.“
Ich schlucke schwer. Das kann er sich unmöglich alles ausgedacht haben, das muss wahr sein. Das unsere Geschichte so dramatisch ist, hätte ich nie für möglich gehalten. Ich schlinge meine Arme enger um ihn und flüstert ihm ins Ohr: „Du hast es nicht gekonnt, oder? Mich zu tötenß“ Er schüttelt wehmütigen mit dem Kopf.
„Nein! Ich wollte das du wegläufst, das du irgendwo untertauchst, aber mein Chef und seine Handlanger hätten dich nie am Leben gelassen. Als sie bei euch eingestiegen sind, um zu Ende zu bringen, was ich nicht konnte, hast du dir einfach meine Waffe genommen und den Chef der Red Dragons erschossen. Seit dem sind die verständlicher Weise nicht mehr besonders gut auf uns zu sprechen.“ Ein heftiger Schmerz hämmert durch meine Schläfe. Für einen Moment glaube ich mich selbst in meinem Zimmer stehen zu sehen, die Pistole in der Hand, einem Asiaten in einem langen, schwarzen Mantel gegenüber stehend. Er hat ebenfalls, seine Waffe auf mich gerichtet und drückt ab.
„Au!“, jammere ich und kneife die Augen zu. Das hämmern in meinem Schädel wird immer schlimmer. Ich lehne die Stirn an Tonis Schulter und atme ruckartig aus.
„Hey! Alles okay?“, will Toni besorgt wissen und rückt mich auf seinem Rücken zurecht.
„Ja!“, knurre ich, „Das geht gleich vorbei. Ich bekomme immer Kopfschmerzen, wenn ich mich an was erinnere.“
„Also weißt du das wieder?“
„Ich habe mich mit der Waffe in der Hand gesehen und einen fiesen großen Kerl, der auf dich eingeschlagen hat und mich dann erschießen wollte.“
„Denijels Blödes Gesicht, als du ihm zuvor gekommen bist, werde ich nie vergessen. Er ist einfach zusammengebrochen und krepiert. Mal von nem Kind getötet zu werden, hätte der sich sicher nicht träumen lassen.“ Schon wieder schwingt Stolz in Tonis Stimme mit, wo er gar nichts zu suchen hat.
„Das ist nichts Gutes, du Idiot!“, maule ich ihn an und schlage ihm mit der flachen Hand auf den Hinterkopf. Er grinst weiter frech.
„Ach in dem Fall schon.“
„Du bist wirklich krank, weißt du das?“
„Sagt der, der mit seinem ersten Schuss, sofort jemanden kalt gemacht hat! Ich hab ja wenigstens vorher ein Training dafür absolviert, aber du drückst einfach so eiskalt ab“, lacht er.
„Halt die Klappe!“ So schlimm bin ich nicht, oder? Andererseits, wenn es um Leben und Tod geht, ist man sicher zu ziemlich viel im Stande.
„Naja, jetzt sind wir hier und in Sicherheit. Ich hab hier noch nie einen Mann mit einem Drachentattoo gesehen.“ Toni seufzt hörbar und macht eine lange Pause, bis er sagt: „Enrico, ich werde irgendwann zurück müssen.“
„Sind die denn in New York nicht mehr hinter dir her?“
„Doch!“
„Warum willst du dann zurück?“
„Weil meine Familie dort ist. Anette und meine Tochter. Schon vergessen?“
„Aber ich will nicht, dass du irgendwo hin zurück gehst, wo man dich töten will.“ Ich lege meinen Kopf an seinen und umarme ihn fest. „Niemand darf dir was antun!“

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Nur wer die Hölle kennt, weiß den Himmel zu schätzen.
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