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 32. Kapitel ~Lektion 1: Nimm was du kriegen kannst~

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Enrico
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BeitragThema: 32. Kapitel ~Lektion 1: Nimm was du kriegen kannst~   Di Nov 08, 2016 9:43 pm

32. Kapitel
~Lektion 1: Nimm was du kriegen kannst~

„Passt auf euch auf!“ Raphael drückt mich zum Abschied und auch ich habe meine Arme eng um ihn geschlungen.
Ihn für zwei Wochen gehen zu lassen, fällt mir unendlich schwer.
„Enrico, ich muss langsam“, sagt er.
„Komm ja heil wieder!“
„Jetzt lass schon los!“ Raphael schiebt meine Arme von sich. Ohne mich noch einmal anzusehen, greift er nach der gepackten Sporttasche, dreht sich um und geht. Die Holztür fällt nach ihm ins Schloss. Lange Abschiede sind noch nie sein Ding gewesen.
Seufzend betrachte ich die Türklinke, hoffe vergebens, dass er noch einmal zurück kommt, weil er irgendetwas vergessen hat.
„Ich habe Hunger“, murmelt Streuner. Verschlafen reibt er sich die Augen und schält sich aus seiner Decke.
Ich richte meine Aufmerksamkeit auf ihn. Hunger habe ich auch, ich konnte die ganze Nacht deswegen nicht schlafen. „Zieh dich an, dann gehen wir auf Beutezug!“, entscheide ich.
Streuner gähnt herzhaft, er schiebt die Decke bei Seite und sucht die Klamotten vom Vortag zusammen. Ärmel und Hosenbeine schlägt er mehrfach um, um sich in meinen Sachen überhaupt bewegen zu können, dann wandert sein Blick auf Tonis Nachtlager.
Mein Freund hat sich die Nacht über nicht bewegt. Er liegt noch genauso da, wie am Abend. Seine Atmung geht ruhig und gleichmäßig. Na wenigstens schläft er fest, das hilft ihm hoffentlich dabei, wieder gesund zu werden.
Ich werfe noch einige Holzscheite in den Kamin, damit er es in unserer Abwesenheit schön warm hat, dann ziehe ich mir einen warmen Pullover an und schnalle mir den Rucksack auf den Rücken. Gemeinsam mit Streuner verlasse ich das Zimmer.
„Enrico! Geht nicht auf den Markt!“, ruft Toni mit schwacher Stimme.
Ich schiebe die Tür wieder auf.
Toni schaut mich mit gläsernem Blick an.
„Warum nicht?“, frage ich.
„Wenn dein Feind weiß, wo du bist, sei wo anders“, sagt er. Mit der Hand vor dem Mund beginnt er zu husten.
Ich brauche einen Moment, um mich an die Verfolgungsjagd mit den Drachen zu erinnern, viel zu erfolgreich habe ich diesen grässlichen Moment verdrängt. Mit einem Nicken versichere ich ihm, mich vom Marktplatz fernzuhalten.
„Ruh dich aus und nimm deine Medizin!“, sage ich.
Er hat die Augen bereits wieder geschlossen.

„Wieso sollen wir nicht auf den Markt gehen?“, will Streuner auf unserem Weg nach draußen wissen.
„Es gibt da ein paar Männer, die Toni und mich töten wollen. Das letzte Mal, sind wir ihnen auf dem Markt begegnet.“
Streuner betrachtet mich einen Moment nachdenklich, dann wendet er den Blick gen Boden. „Ja, das kenne ich.“
„Tatsächlich?“
Der Junge nickt.
„Wie lange lebst du eigentlich schon auf der Straße?“, frage ich.
„Drei oder vier Jahre. Davor war ich in einem Armenhaus.“ Er schweigt, seine Hände schiebt er in die Hosentaschen.
Ich kenne das Armenhaus nur aus Geschichten, die Raphael mir erzählt hat. Horrorvorstellungen von Zwangsarbeit, kein Bett und nichts zu Essen, spuken mir durch den Kopf. Bisher habe ich das für pure Übertreibung gehalten. „Ist es dort so schlimm gewesen?“, frage ich.
Streuner sucht die Straße nach einem Stein ab, den er dann vor sich her tritt. „Sie haben uns immer geschlagen, wenn wir nicht schnell genug an der Nähmaschine waren oder eine Naht versaut haben. Ich durfte nach der Arbeit nicht mal zu meiner Schwester, nur weil sie ein Mädchen war. Als sie in einer kalten Nacht, unter ihrer dünnen Decke erfroren ist, hat mich dort nichts mehr gehalten.“
Ich versuche mir vorzustellen, wie es wäre, meinen Bruder auf diese Weise zu verlieren. Das muss unglaublich hart gewesen sein. Mir fällt nichts aufmunterndes ein, also schweige ich.

Wir verlassen das Fabrikgelände und ich sehe mich unschlüssig auf der Straße um. Wenn wir unser Glück nicht auf dem Wochenmarkt versuchen können, wo dann? „Wie hast du eigentlich auf der Straße so lange überlebt? Wo hast du was zu essen herbekommen?“, frage ich Streuner.
„Ich bin beim Klauen nicht so ungeschickt, wie du“, antwortet er.
Beim Gedanken an meinen Patzer auf dem Markt, muss ich bitter lächeln. „Ja, ich weiß, darin bin ich nicht besonders geschickt. Aber wenn du das kannst, dann kannst du mir ja Nachhilfe geben. Bitte?“
Streuner macht ein übertrieben ernstes Gesicht. „Das könnte ich“, sagt er und schaut die Straße entlang.
Als er sonst nichts sagt und sich auch nicht rührt, harke ich nach: „Würdest du auch?“
„Ja, ja. Ich überlege gerade, wo es um die Zeit das meiste zu holen gibt.“
Erwartungsvoll betrachte ich den Jungen.
Er wiegt den Kopf von einer zur anderen Seite, schließlich sagt er: „Wir könnten es bei Luigie versuchen. Komm mit!“
Streuner führt uns etliche Straßen weiter.
Langsam kommen mir Zweifel dran, dass er wirklich ein Ziel vor Augen hat. „Wie weit ist es denn noch?“
„Da vorn, zu dem Geschäft, da will ich hin.“ Streuner zeigt eine Straße weiter zu einem Restaurant. Doch anstatt direkt zur Vordertür hinein zu gehen, läuft Streuner in eine Seitenstraße neben dem Restaurant.
Irritiert begleite ich ihn.
Ohne Umweg hält er auf zwei große Müllcontainer zu, die bis zum Überlaufen gefüllt sind. Ungeniert öffnet er sie und sieht die Säcke darin durch.
Angewidert beobachte ich ihn. „Ich dachte wir wollen etwas klauen?“, frage ich.
„Tun wir doch!“ Er zieht einen kleinen Beutel mit angebissenen Brotresten heraus.„Das sieht gut aus“, sagt er. Unbekümmert nimmt er eines aus der Tüte und beißt hinein.
Mich ekelt es bei dem Anblick. Als Streuner die Brotreste in meine Richtung reicht, schüttle ich heftig mit dem Kopf. „Nein, danke!“
Streuener rollt genervt mit den Augen. „Das ist noch ganz frisch, höchstens von gestern Abend. Das kann man gut essen.“
Tatsächlich sehen die angebissenen Brötchen nicht anders aus, als ich es gewohnt bin, trotzdem bringe ich es nicht über mich, die Tüte anzunehmen, die bis eben noch im Müll lag.
„Wenn du hier draußen überleben willst, darfst du nicht wählerisch sein“, sagt Streuner. Noch immer streckt er die Tüte in meine Richtung.
Mein Magen knurrt laut. Ich atme tief durch, dann nehme ich ihm die Tüte ab. Misstrauisch betrachte ich den Inhalt. Ob man das wirklich noch essen kann?
Während ich darüber rätsle, verschwinden Streuners Hände wieder im Müll. Er schiebt die Beutel darin hin und her. Sein Spitzname passt wirklich sehr gut zu ihm. Jetzt ist er wie ein streunender Hund, auf der Suche nach Futter.
Gedankenverloren greife ich in die Tüte und fische mir eines der Brötchen heraus. Es ist noch weich, die Kruste knackt, als ich sie drücke. „Na was soll's, der Hunger treibt es rein und die Gier runter“, sag ich mir und beiße ab. Tatsächlich schmeckt es gut. Gierig nehme ich noch zwei Bissen.
Streuner sieht über die Schulter zu mir zurück, er grinst frech. „Ist doch nicht so schlecht, oder?“
Ich habe den Mund zu voll, um ihm zu antworten.
„Die meisten Restaurants schmeißen Dinge weg, die noch frisch sind. Schau, ein ganzer Bund Möhren. Da ist nur eine angesammelt und die schmeißen gleich alle weg.“ Streuner reißt die schlechte Möhre ab, die anderen zeigt er mir.
An ihnen ist nichts ungewöhnliches. Wenn wir sie abwaschen, kann man sie bestimmt gut essen.
Bei ihrem Anblick kommt mir die Suppe in den Sinn, die ich für Toni kochen wollte. Das wäre ja schon die erste Zutat.
Ich nehme meinen Rucksack vom Rücken und stopfe die Möhren hinein, ebenso die übrigen Brötchen. Das ist ja viel einfacher, als auf dem Markt, die Passanten oder Händler zu bestehlen. Meinen Rucksack schultere ich wieder, dann sehe ich mit Streuner die Tonen durch.
Es wäre zu schön, wenn wir noch ein Hühnchen finden könnten.
Doch in all dem Müll sieht nichts mehr besonders genießbar aus. Alles was tiefer als eine Handbreit begraben liegt, sollte besser auch dort bleiben. Enttäuscht sehe ich in der zweiten Tonne nach. Ein ganzer Berg keimender Kartoffel liegt oben auf. Ich sehe sie durch und kann noch eine Hand voll finden, die mir gut genug erscheinen.
„Wir sind zu früh dran. Wir sollten abends vorbei kommen, nachdem sie geschlossen haben. Hier ist definitiv schon jemand vor uns gewesen“, erklärt Streuner.
„Das machen noch andere Menschen, außer uns?“, frage ich.
„Ja, sicher! Du ahnst gar nicht, wie viele Straßenkinder es hier gibt. Die wissen natürlich alle, wo es das Beste zu holen gibt.“ Streuner legt die Arme hinter den Kopf, er grinst breit.
In diesem Moment, kommt es mir so vor, als wenn er alles über die Welt weiß.
„Na schön! Dann will ich das auch lernen. Wo kann man noch Essen finden?“
„Mhm, wenn der Wochenmarkt schließt, lassen die Händler meist Kisten stehen, wo noch gute Sachen drin sind, aber da kannst du ja nicht hin. Die Lebensmittelgeschäfte bringen um die Zeit auch noch keinen Müll raus.“ Krampfhaft überlegt Streuner weiter.
Ich versuche die neuen Informationen zu verarbeiten. Offensichtlich gibt es überall etwas zu holen, wo Lebensmittel gehandelt wird. Die neue Fundgrube Müll, ist definitiv in meinem Hirn abgespeichert. Da gibt es gleich eine ganze Bandbreite von Geschäften, bei denen wir am Abend vorbei schauen sollten.
„Um die Zeit ist es wohl am besten, wir gehen Betteln“, sagt Streuner, „Wenn wir uns beeilen erwischen wir die Menschen noch, nach dem Gottesdienst. Wenn der Pastor von Güte und Mitgefühl spricht, sind sie immer am spendabelsten. Gleich hier um die Ecke ist eine Kirche.“ Streuner deutet auf die Spitze eines Kirchturms, der zwischen den Häusern herausragt.
Ich kann dem Plan nichts positives abgewinnen und sehe unentschlossen vor mich hin.
„Was ist denn?“, fragt Streuner.
„Ich wühle schon im Müll und beklaue andere Leute und jetzt auch noch betteln?“
„Du bist wohl noch nicht lange auf der Straße, was?“
Ich schüttle den Kopf.
„Du gewöhnst dich schon dran. Los komm! Ich zeig dir, wo ich immer sitze.“ Er läuft voraus und strahlt dabei, als wenn er zu einem Jahrmarkt rennen würde.
Ich zögere noch einen Moment, bis ich mich überwinden kann und ihm folge.

Streuner zeigt mir eine Nische im Mauerwerk der Kirche, direkt neben dem Kirchentor. Suchend sieht er sich nach allen Seiten um und findet schließlich eine leere Dose. Er hebt sie auf und stellt sie aufrecht auf den Boden, dann lässt er sich auf den nackten Pflasterstein fallen.
Ich lege den Kopf schief, verständnislos sehe ich ihn an.
Streuner packt den Ärmel meines Pullovers, er zieht mich zu sich hinab. „Du musst dich hinsetzen und darfst den Menschen nicht ins Gesicht sehen“, sagt er.
Ich folge seiner Anweisung. Der Boden ist eiskalt und hier sollen wir nun sitzen bleiben?
Prüfend betrachtet Streuner mich einen Moment lang, dann wühlt er mir durch die Haare. Als sie ihm unordentlich genug erscheinen, greift er mit den Fingern in den Dreck der Fugen im Mauerwerk. Rechts und Links schmiert er ihn mir ins Gesicht. „So! Jetzt siehst du schon viel verwahrloster aus.“ Er sagt das so, als wenn das etwas Gutes wäre.
Dreckig und ungekämmt, komme ich mir noch schäbiger vor.
Streuner betrachtet mich tadelnd, als er sagt: „Die geben uns nichts, wenn wir zu sauber sind. Wir müssen bedürftig und ein bisschen krank wirken. Das zieht am besten.“
„Na ich weiß ja nicht.“ Still und heimlich aus einer Mülltone zu stehlen oder irgendwo etwas mitgehen zu lassen, erscheint mir auf einmal viel weniger schlimm, als hier offen zu sitzen und allen zu zeigen, wie schlecht es um uns steht.
Hinter der Pforte sind Schritte und Stimmen zu hören, sie werden immer lauter.
„Lass den Kopf am besten unten, schau unterwürfig“, sagt Streuner leise, dann öffnet sich das Tor.
Etliche Menschen strömen an uns vorbei.
Ich sehe zu den vielen fremden Gesichtern auf.
Die meisten Blicke streifen uns nur kurz, eilige laufen die Menschen an uns vorbei. Nur eine junge Frau betrachtet uns direkt.
Schnell richte ich meinen Blick auf den Boden.
Sie wendet ich flüsternd ihrem Mann zu. Dieser steckt ihr etwas zu. Die erhaltene Münze, lässt sie in unsere Dose fallen.
„Danke!“, sagt Streuner mit gesenktem Blick.
Das Pärchen verlässt uns kommentarlos.
Ein unbehagliches Gefühl frisst sich in meinen Magen. Sehen wir denn wirklich so bedürftig aus, dass sie uns aus Mitleid ihr Geld geben? Ich sehe den Beiden nach.
Die Frau schlingt ihre Hände um den Arm des Mannes und sieht zufrieden zu ihm auf.
„Du bist viel zu gutherzig, mein Liebling!“, sagt der Mann.
„Ach lass mir doch meine eine gute Tat am Tag. Der Herr wird es uns sicher lohnen“, erwidert sie.
„Ganz schön geizig und spielen sich noch auf, als wenn sie uns wirklich geholfen hätte“, mault Streuner, er dreht einen einzelnen Penny durch seine Finger. „Was sollen wir uns denn davon kaufen?“, fragt er.
Ich vermeide es ihm zu antworten und versuche nicht weiter darüber nach zu denken, wo ich gelandet bin.
Die Menschen sehen mit Abscheu zu uns herab. Einige wechseln sogar die Straßenseite. Schließlich ist die Kirche leer und nur noch wenige Passanten kommen an uns vorbei.
Ein alter Herr, in einem feinen, grauen Anzug, hält auf uns zu. Er stützt sich auf einen Gehstock und braucht eine gefühlte Ewigkeit, um uns zu erreichen.
Streuner stößt mich mit dem Ellenbogen an, er betrachtet mich mahnend.
Ich senke den Blick.
„Pass auf! Der gibt bestimmt mehr“, sagt Streuner.
Der alte Herr bleibt vor uns stehen, er beugt sich vor. Als sich sein Schatten über mich legt, kann ich nicht anders, ich muss ihn ansehen.
Sein Blick ist herablassend. Mit dem Stock klopft er mir gegen die Beine, schroff sagt er: „Du bist doch jung und hast gesunde Beine. Was fällt dir dann ein, hier herumzulungern? Geh lieber einer anständigen Arbeit nach!“
Ich betrachte den alten Herrn eindringlich. Schließlich nimmt er seinen Stock von meinem Knie und geht einen Schritt zurück. „Wenn sie eine Arbeit für jemanden wie mich haben, dann gern. Ansonsten, hauen sie einfach ab!“, schreie ich ihn an.
„Unverschämter Lümmel!“, schimpft der alte Herr, er dreht uns den Rücken zu. „Die Jugend von heute, hat keinen Respekt mehr!“, flucht er, dann zieht er seiner Wege.
Ich schlinge die Arme um meine angewinkelten Knie, meinen Kopf bette ich darauf. Das hier ist definitiv nichts für mich. Daran werde ich mich nie gewöhnen.
„Dem hast du's aber ganz schön gegeben.“ Streuner lacht.
Ich rolle mit den Augen. Wie kann der Junge nur so unbekümmert damit umgehen?
„Danke!“, sagt er fröhlich, als ein Passant eine Münze in unsere Dose wirft.
Während wir so dasitzen, spüre ich immer wieder einen stechenden Blick auf mir. Zwei Jungen sehen von der anderen Straßenseite zu uns herüber. Sie sitzen vor einem Lebensmittelgeschäft und haben vor sich eine Pappe ausgebreitet, auf der ein paar Münzen liegen. Einer der Jungen kniet und hat das rechte Beine eingebunden, als wenn es nur ein Stumpf wäre, doch sein Oberschenkel wirkt viel dicker, als der des anderen Beines. Der andere Junge trägt eine Augenklappe. Immer wieder schauen sie mit finsterer Mine in unsere Richtung, schließlich erhebt sich das Einauge und überquert die Straße. Geradewegs hält er auf uns zu.
Als er vor uns stehen bleibt, sieht Streuner auf. Erschrocken springt er auf die Beine und versteckt sich hinter meinem Rücken.
Ich betrachte ihn mit hochgezogener Augenbraue.
„Was glaubt ihr, was ihr hier tut?“, fragt das Einauge.
Ich richte meinen Blick auf ihn. „Das selbe wie du?“
„Wohl kaum. Das hier ist unser Gebiet!“
„Wo ist denn das Problem? Gibt es hier nicht genug freie Pflastersteine?“, frage ich angriffslustig. Der Typ hat mich in genau der richtigen Laune erwischt, um mich doof von der Seite anzumachen.
Er baut sich vor mir auf.
„Wir sollten einfach gehen Enrico. Mit dem Kerl ist nicht zu spaßen. Die haben mich schon ganz oft verprügelt und mir dann meine Einnahmen geklaut“, sagt Streuner leise.
„Hör auf deinen Freund und such besser das Weite!“ Das Einauge und holt mit dem Fuß aus.
Ich fange sein Bein mit beiden Hände ab und halte es fest.
Finster sehe ich an dem Typ hinauf und sage: „Hau du lieber ab und geh mir nicht auf die Nerven. Ich bin heute extrem schlecht gelaunt!“, sag ich.
„Du hängst wohl nicht besonders an deinem Leben, was?“ Er zieht seinen Fuß zurück und tritt erneut zu. Sein Schuh trifft meinen Magen.
Ich krümme mich zusammen und greife mir an die schmerzende Stelle. Finster sehe ich auf. „Okay, jetzt reicht's!“ Ich zwinge mich auf die Beine.
Verblüfft sieht das Einauge mir dabei zu. Im Stehen bin ich gut einen halben Kopf größer als er.
„Du hast mir nicht zu sagen, wo ich zu sitzen habe, du möchtegern Gangster!“, sage ich und stoße ihn grob gegen die Schulterblätter.
Er weicht einen Schritt zurück. „Du hast es ja nicht anders gewollt!“, schreit er. Seine Hände ballt er zu Fäusten, er stürmt auf mich zu. Ich weiche zur Seite aus und packe seine Klamotten am Rücken. Daran drücke ich ihn in eine gebeugte Haltung, mein Knie ramme ich ihm in die Magengrube.
Röchelnd geht er zu Boden, wimmernd rollt er von einer zur anderen Seite.
Von ihm wandert mein Blick zu seinem Freund.
Er versucht sich vergeblich aufzurichten. Das zurückgebundene Bein lässt ihn immer auf die Knie fallen.
Von ihm wandert meine Aufmerksamkeit auf das Geld, das auf der Pappe liegt. „Die haben dich sonst immer beklaut, ja?“, frage ich Streuner.
„Ja?“, sagt er zögernd und kommt an meine Seite.
Ich bücke mich nach unserer Dose, die wenigen Münzen darin schütte ich mir in die hohle Hand. Die leere Dose lasse ich neben den wimmernden Einauge fallen. Schnurstracks überquere ich die Straße und halte auf den anderen Jungen zu.
Dieser hat es geschafft, sich aufzurichten. Schwankend sucht er mit der Hand Halt, an einer Straßenlaterne, er stellt sich schützend über die Pappe.
Hart stoße ich ihn beiseite.
Er verliert den Halt und fällt auf den Hosenboden.
„Ich will nie wieder hören, dass ihr meinen Kumpel verprügelt oder beklaut, verstanden?“, schnauze ich ihn an.
Streuner bleibt neben mir stehe, mit offenstehendem Mund betrachtet er mich.
Der Junge am Boden, sieht von ihm zu mir. Flüchtig nickt er.
„Gut! Von heute an, ist das hier unser Gebiet!“, fahre ich lautstark fort, „Wenn ihr euch auch hier aufhalten wollt, bekomme ich die Hälfte eurer Einnahmen, ansonsten will ich eure Visagen hier nie wieder sehen. Verstanden?“
Der Kerl schaut sich suchend nach seinem Freund um.
Das Einauge liegt noch immer auf der anderen Straßenseite, er krümmt sich vor Schmerz.
Schnell nickt das Einbein.
„Gut! Und weil ihr mir gerade so tierisch auf die Eier gegangen seit, nehme ich heute alles.“ Ich bücke mich nach dem Geld und sammle alle Münzen ein, dann trete ich die Pappe in den Schoß des Jungen. Mit einem Schwenk meines Kopfes, deute ich Streuner an, dass wir gehen.
Er sieht noch einmal zu dem Einbein und streckt ihm die Zunge raus, dann hüpft er mir beschwingt nach.

Einen Block lang laufen wir schweigend nebeneinander her.
Streuner legt die Arme hinter den Kopf, er grinst breit. „So wie du, kann man es natürlich auch machen“, sagt er.
Ich ignoriere seine Worte und wiege das Geld in meiner Hand. „Dafür bekommen wir auf jeden Fall ein Hühnchen!“ Gedanklich koche schon eine Suppe, die Toni hoffentlich wieder zu Kräften kommen lässt.

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Nur wer die Hölle kennt, weiß den Himmel zu schätzen.
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