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 32. Kapitel ~Lektion 1: Nimm was du kriegen kannst~

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Enrico
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BeitragThema: 32. Kapitel ~Lektion 1: Nimm was du kriegen kannst~   Di Nov 08, 2016 9:43 pm

32. Kapitel
~Lektion 1: Nimm was du kriegen kannst~

„Passt auf euch auf!“ Raphael drückt mich zum Abschied fest an sich und auch ich habe meine Arme eng um ihn geschlungen. Ihn für zwei Wochen gehen zu lassen, fällt mir unendlich schwer. Als er die Umarmung lösen will, schaffe ich es einfach nicht ihn loszulassen.
„Enrico, ich muss los“, fordert er mit brüchiger Stimme.
„Komm ja heil wieder!“
„Jetzt lass schon los“, brummt er und schiebt meine Arme von sich. Ohne mich noch einmal anzusehen, greift er nach der gepackten Sporttasche, dreht sich um und geht. Die Holztür fällt nach ihm ins Schloss. Lange Abscheide sind noch nie sein Ding gewesen. Seufzend betrachte ich die Türklinge, hoffe vergebens, dass er noch einmal zurück kommt, weil er irgendetwas vergessen hat, doch die Tür bleibt verschlossen.
„Ich habe Hunger“, murmelt Streuner. Verschlafen reibt er sich die Augen und schält sich dabei aus seine Decke. Ich zwinge meine Aufmerksamkeit auf ihn. Hunger habe ich auch, die ganze Nacht schmerzte mein Magen schon so entsetzlich, dass ich nicht einschlafen konnte.
„Zieh dich an, wir gehen auf Beutezug!“, entscheide ich. Streuner gähnt herzhaft, dann schiebt er die Decke bei Seite und sucht die Klamotten vom Vortag zusammen. Ärmel und Hosenbeine schlägt er mehrfach um, um sich in meinen Sachen überhaupt bewegen zu können, dann wandert sein Blick auf Tonis Nachtlager. Mein Freund hat sich die Nacht über nicht bewegt. Er liegt noch genau so da, wie am Abend. Seine Atmung geht ruhig und gleichmäßig. Na wenigstens schläft er tief und fest, das hilft ihm hoffentlich dabei, wieder gesund zu werden. Ich werfe noch einige Holzscheitel in den Kamin, damit er es in unser Abwesenheit schön warm hat, dann ziehe ich mir meinen letzten warmen Pullover an und schnalle mir den Rucksack auf den Rücken. Gemeinsam mit Streuner verlasse ich das Zimmer.
„Enrico! Geht nicht auf den Markt!“, ruft uns eine schwache Stimme nach. Irritiert schiebe ich die Tür wieder auf. Toni schaut mich mit gläsernem Blick an.
„Warum nicht?“, will ich wissen.
„Wenn dein Feind weiß, wo du bist, sei wo anders“, rät er mit kratziger Stimme. Mit der Hand vor dem Mund beginnt er heftig zu husten. Ich brauche einen Moment, um mich an die Verfolgungsjagd mit den Drachen zu erinnern, viel zu erfolgreich habe ich diesen grässlichen Moment verdrängt. Mit einem Nicken, versichere ich ihm, mich vom Marktplatz fern zu halten.
„Ruh dich aus und nimm deine Medizin!“, rate ich meinerseits, doch er hat die Augen bereits wieder geschlossen. Ich seufze resigniert und schließe die Tür.

„Wieso sollen wir nicht auf den Markt gehen?“, will Streuner auf unserem Weg nach draußen wissen.
„Es gibt da ein paar Männer, die Toni und mich töten wollen. Das letzte Mal, sind wir ihnen auf dem Markt begegnet“, gebe ich offen zu. Streuner betrachtet mich einen Moment nachdenklich, dann wendet er den Blick gen Boden.
„Ja, das kenne ich.“
„Tatsächlich?“
Der Junge nickt.
„Wie lange lebst du eigentlich schon auf der Straße?“
„Zwei oder drei Monate. Davor war ich in einem Armenhaus.“ Er schweigt und schiebt seine Hände in die Hosentaschen. Ich kenne das Armenhaus nur aus Geschichten, die Raphael mir erzählt hat. Horrorvorstellungen von Zwangsarbeit, kein Bett und nichts zu Essen, spucken mir durch den Kopf. Bisher habe ich das für pure Übertreibung gehalten.
„Ist es dort so schlimm gewesen?“, versuche ich in Erfahrung zu bringen. Der Junge sucht die Straße nach einem Stein ab, den er dann vor sich her tritt.
„Sie haben uns immer geschlagen, wenn wir nicht schnell genug an der Nähmaschine waren oder eine Naht versaut haben. Ich durfte nach der Arbeit nicht mal zu meiner Schwester, nur weil sie ein Mädchen war. Als sie in einer kalten Nacht, unter ihrer dünnen Decke erfroren ist, hat mich dort nichts mehr gehalten.“ Mitleidig betrachte ich den Jungen und versuche mir vorzustellen, wie es wäre, meinen Bruder auf diese Weise zu verlieren. Das muss unglaublich hart gewesen sein. Mir fällt nichts aufmunterndes ein, also schweige ich betreten.

Wir verlassen das Fabrikgelände und ich sehe mich unschlüssig auf der Straße um. Wenn wir unser Glück nicht auf dem Wochenmarkt versuchen können, wo dann?
„Wie hast du eigentlich auf der Straße so lange überlebt? Wo hast du was zu essen her bekommen?“, will ich von Streuner wissen.
„Ich bin beim Klauen nicht so ungeschickt, wie du!“, sagt der Junge frech. Ich muss bitter schmunzeln, als ich an meinen Patzer auf dem Markt denken muss.
„Ja, ich weiß, darin bin ich nicht besonders geschickt. Aber wenn du das kannst, dann kannst du mir ja Nachhilfe geben. Bitte?“
Streuner sieht nachdenklich vor sich hin und macht ein übertrieben ernstes Gesicht.
„Das könnte ich“, sagt er schließlich und schaut die Straße entlang. Als er sonst nichts sagt und sich auch nicht rührt, harke ich nach: „Würdest du auch?“
„Ja, ja. Ich überlege gerade, wo es um die Zeit das meiste zu holen gibt.“
Erwartungsvoll betrachte ich den Jungen. Er wiegt den Kopf von einer zur anderen Seite, schließlich sagt er: „Wir könnten es bei Luigie versuchen. Komm mit!“ Als sich Streuner in Bewegung setzt, folge ich ihm bereitwillig.

Er führt uns über etliche Straßen und so langsam zweifel ich dran, dass er wirklich ein Ziel vor Augen hat.
„Wie weit ist es denn noch?“, will ich genervt wissen, als wir noch eine Straße überqueren.
„Da vorn, zu dem Geschäft, da will ich hin.“ Streuner zeigt eine Straße weiter zu einem Restaurant. Überrascht betrachte ich ihn.
Doch anstatt direkt zur Vordertür hinein zu gehen, wie es üblich ist, läuft Streuner in eine Seitenstraße neben dem Restaurant. Irritiert begleite ich ihn. Ohne Umweg hält er auf zwei große Müllcontainer zu, die in der dunklen Gasse stehen und die bis zum Überlaufen gefüllt sind. Ungeniert öffnet er sie und sieht die Säcke darin durch. Angewidert beobachte ich ihn dabei.
„Ich dachte wir wollen etwas klauen?“, frage ich.
„Tun wir doch“, erwidert er und zieht ein einen kleinen Beutel mit angebissenen Brotresten heraus.
„Das sieht doch schon mal ganz gut aus“, freut er sich. Unbekümmert nimmt er eines aus der Tüte und beißt hinein. Mich schüttelt es bei dem Anblick. Als Streuner die Tüte in meine Richtung reicht, schüttle ich heftig mit dem Kopf.
„Nein, danke!“
Streuner rollt genervt mit den Augen. „Das ist noch ganz frisch, höchstens von gestern Abend. Das kann man gut essen“, versichert er mir. Tatsächlich sehen die angebissenen Brötchen noch gut aus, trotzdem bringe ich es nicht über mich, die Tüte anzunehmen, die bis eben noch im Müll lag.
„Wenn du hier draußen überleben willst, darfst du nicht wählerisch sein“, belehrt er mich. Noch immer streckt er die Tüte in meine Richtung. Mein Magen knurrt laut. Ich seufze tief und nehme ihm die Tüte ab. Misstrauisch betrachte ich den Inhalt. Ob man das wirklich noch essen kann? Während ich darüber rätsle, verschwinden Streuners Hände wieder im Müll. Er schiebt die Beutel darin hin und her. Sein Spitzname passt wirklich sehr gut zu ihm. Jetzt sieht er wirklich, wie ein streunender Hund, auf der Suche nach Futter, aus. Gedankenverloren greife ich in die Tüte und fische mir eines der Brötchen heraus. Es ist noch weich, nur die Kruste knackt leicht, als ich sie drücke.
„Na was soll's, der Hunger treibt es rein und die Gier runter“, sag ich mir leise und beiße ab.
Tatsächlich schmeckt es nicht anders, als ich es gewohnt bin. Gierig beiße ich noch zwei Bissen ab und verschlinge das nächste im Ganzen. Streuner sieht über die Schulter zu mir zurück und grinst frech.
„Ist doch nicht so schlecht, oder?“
Ich habe den Mund zu voll, um ihm zu antworten.
„Die meisten Restaurants schmeißen Dinge weg, die noch wirklich gut sind. Schau, ein ganzer Bund Möhren. Da ist nur eine angesammelt und die schmeißen gleich alle weg!“, berichtet er und reißt die schlechte Möhre ab, die anderen zeigt er mir. Sie sehen tatsächlich gut aus. Wenn man sie etwas abwäscht, kann man sie bestimmt gut essen. Bei ihrem Anblick kommt mir die Suppe in den Sinn, die ich für Toni kochen wollte. Das wäre ja schon die erste Zutat. Ich nehme meinen Rucksack vom Rücken und stopfe die Möhren hinein, ebenso, die übrigen Brötchen. Das ist ja viel einfacher, als auf dem Markt, die Passanten oder Händler zu bestehlen. Meinen Rucksack schultere ich wieder und sehe dann mit Streuner zusammen die Tonen durch.
Es wäre zu schön, wenn wir dort noch ein Hühnchen finden könnten. Doch in all dem Müll sieht nichts mehr besonders genießbar aus. Alles was tiefer als eine Handbreit begraben liegt, sollte besser auch dort bleiben. Enttäuscht sehe ich in der zweiten Tonne nach. Ein ganzer Berg keimender Kartoffel liegt oben auf. Ich sehe sie durch und kann noch eine Hand voll finden, die mir gut genug erscheinen.
„Wir sind zu früh dran. Das nächste mal müssen wir abends vorbei kommen, nachdem sie geschlossen haben. Hier ist definitiv schon jemand vor uns gewesen“, erklärt Streuner und verschließt die Tonnen.
„Das machen noch andere Menschen, außer uns?“, will ich entsetzt wissen. „Ja, sicher! Du ahnst gar nicht, wie viel Straßenkinder es hier gibt. Die wissen natürlich alle, wo es das Beste zu holen gibt.“ Streuner legt die Arme hinter den Kopf und grinst breit. In diesem Moment, kommt es mir so vor, als wenn er alles über die Welt weiß, dabei ist er gut fünf Jahre jünger als ich.
„Na schön! Dann will ich das auch lernen. Wo kann man noch gut Essen finden?“
„Mhm, wenn der Wochenmarkt schließt, lassen die Händler meist Kisten stehen, wo noch gute Sachen drin sind, aber da kannst du ja nicht hin. Die Lebensmittelgeschäfte bringen um die Zeit auch noch keinen Müll raus.“ Krampfhaft überlegt Streuner weiter, während ich die neuen Informationen zu verarbeiten versuche. Offensichtlich gibt es überall etwas zu holen, wo Lebensmittel gehandelt wird. Die neue Fundgrube Müll, ist definitiv in meinem Hirn abgespeichert worden. Da gibt es gleich eine ganze Bandbreite von Geschäften, bei denen wir am Abend vorbei schauen sollten.
„Um die Zeit ist es wohl am besten, wir gehen Betteln“, fällt Streuner schließlich ein. „Wenn wir uns beeilen erwischen wir die Menschen noch nach dem Gottesdienst. Wenn der Pastor von Güte und Mitgefühl spricht, sind sie immer am spendabelsten. Gleich hier um die Ecke ist sogar eine Kirsche.“ Mit einem Fingerzeig, deutet Streuner auf die Spitze eines Kirchturms, der zwischen den Häusern herausragt. Ich sehe zur Seite weg und kann dem Plan nichts positives abgewinnen.
„Was ist denn?“, will Streuner enttäuscht wissen.
„Ich wühle schon im Müll und beklaue andere Leute und jetzt auch noch betteln?“
„Du bist wohl noch nicht lange auf der Straße, oder?“
Ich schüttle mit dem Kopf.
„Du gewöhnst dich schon dran. Los komm, ich zeig dir, wo ich immer sitze!“, schlägt er freudestrahlend vor und läuft voraus, als wenn er zu einem Jahrmarkt rennen würde. Ich muss noch einmal tief durchatmen, dann laufe ich ihm nach.

Streuner zeigt mir eine Nische im Mauerwerk der Kirsch, direkt neben dem Kirchentor. Suchend sieht er sich dort nach allen Seiten um und findet schließlich eine leere Dose. Er hebt sie auf und stellt sie aufrecht auf den Boden, dann lässt er sich auf den nackten Pflasternstein fallen. Ich lege den Kopf schief und sehe ihn verständnislos an. Streuner packt den Ärmel meines Pullovers und zieht mich zu sich hinab.
„Du musst dich hinsetzen und darfst den Menschen nicht ins Gesicht sehen“, sagt er. Ich folge seiner Anweisung und setzt mich zu ihm. Der Boden ist eiskalt und hier sollen wir nun sitzen bleiben? Prüfend betrachtet Streuner mich einen Moment lang, dann wühlt er mit seinen Fingern durch meine Haare. Irritiert beobachte ich ihn. Als sie ihm unordentlich genug erscheinen, greift er mit den Fingern in den Dreck der Fugen im Mauerwerk. Rechts und Links schmiert er ihn mir ins Gesicht.
„So!“, triumphiert er, „Jetzt siehst du schon viel verwahrloster aus.“ Er sagt das so, als wenn das etwas Gutes wäre, dabei komme ich mir so dreckig und ungekämmt, alles andere als gut vor. Das ich nicht begeistert bin, sieht er mir am Gesicht an. Streuner seufzt und betrachtet mich tadelnd, als er sagt: „Die geben uns nichts, wenn wir zu sauber sind. Wir müssen bedürftig und ein bisschen krank wirken. Das zieht am besten.“
„Na ich weiß ja nicht!“ Still und heimlich was aus einer Mülltone zu stehlen oder irgendwo was mitgehen zu lassen, erscheint mir auf einmal viel weniger schlimm, als hier offen zu sitzen und allen zu zeigen, wie schlecht es um uns steht.
Hinter der Pforte sind Schritte und Stimmen zu hören, sie werden immer lauter.
„Lass den Kopf am besten unten und schau unterwürfig“, rät Streuner mir flüsternd, dann öffnet sich das Tor. Etliche Menschen strömen an uns vorbei. Verstohlen sehe ich zu den vielen fremden Gesichtern auf. Keiner nimmt von uns Notiz. Nur ein junge Frau richtet ihren Blick auf uns. Schnell schaue ich wieder auf den Boden. Sie richtet sich flüsternd, an den Mann an ihrer Seite, dieser steckt ihr etwas zu. Schließlich lässt sie die erhaltene Münze in unsere Dose fallen.
„Danke!“, sagt Streuner kleinlaut. Das Pärchen verlässt uns kommentarlos. Ein unbehagliches Gefühl frisst sich in meinen Magen. Sehe wir denn wirklich so bedürftig aus, dass sie uns aus Mitleid ihr Geld geben? Ich sehe den Beiden nach. Die Frau schlingt ihre Finger um den Arm des Mannes und sieht zufrieden zu ihm auf.
„Du bist viel zu gutherzig, mein Liebling!“, sagt der Mann zu ihr.
„Ach lass mir doch meine eine gute Tat am Tag. Der Herr wird es uns sicher lohnen!“, sagt sie.
„Ganz schön geizig und spielen sich noch auf, als wenn sie uns wirklich geholfen hätte!“, mault Streuner und dreht ein einzelnen Penny durch seine Finger.
„Was sollen wir uns denn davon kaufen?“, murrt er.
Ich vermeide es ihm zu antworten und versuche nicht weiter darüber nach zu denken, wo ich gelandet bin. Doch immer wieder sehen die Menschen mit Abscheu und Unbehagen zu uns herab und erinnern mich daran. Einige machen sogar einen extra Bogen um uns. Schließlich ist die Kirche leer und nur noch die einfachen Passanten kommen an uns vorbei.

Ein alter Herr, in einem feinen grauen Anzug, hält auf uns zu. Er stützt sich auf einen Gehstock und braucht eine gefühlte Ewigkeit, um uns zu erreichen. Streuner stößt mich mit dem Ellenbogen an und erinnert mich daran, dass ich meinen Blick senken soll. Als ich es tue, meint er leise: „Pass auf, der gibt bestimmt mehr!“
Der alte Herr bleibt vor uns stehen und beugt sich ein Stück vor. Als sich sein Schatten über mich legt, kann ich nicht anders, als zu ihm hinauf zu sehen. Sein Blick ist grimmig und herablassend. Mit dem Stock klopft er mir gegen die Beine und meint dann schroff: „Du bist doch jung und hast gesunde Beine! Was fällt dir dann ein, hier herumzulungern? Geh lieber einer anständigen Arbeit nach!“
Ich muss schwer schlucken und betrachte den alten Herrn lang und eindringlich. Schließlich nimmt er seinen Stock von meinem Knie und geht einen Schritt zurück.
„Wenn sie eine Arbeit für jemanden wie mich haben, dann gern. Ansonsten hauen sie einfach ab!“, maule ich ihn an.
„Unverschämter Lümmel!“, schimpft der alte Herr und dreht uns den Rücken zu. „Die Jugend von heute, hat keinen Respekt mehr!“, flucht er weiter und zieht seines Weges.
Ich schlinge die Arme um meine angewinkelten Knie und bette meinen Kopf darauf. Das hier ist definitiv nichts für mich. Daran werde ich mich nie gewöhnen.
„Dem hast dus aber ganz schön gegeben!“, lacht Streuner. Fragend schaue ich zur Seite. Wie kann der Junge nur so unbekümmert damit umgehen?
„Danke!“, sagt er fröhlich, als ein Passant eine Münze in unsere Dose wirft.
Ich schüttle über ihn den Kopf.

Während wir so dasitzen, spüre ich immer wieder einen stechenden Blick auf mir. Zwei Jungen sehen immer wieder von der anderen Straßenseite zu uns herüber. Sie sitzen vor einem Lebensmittelgeschäft und haben vor sich eine Pappe ausgebreitet, auf der ein paar Münzen liegen. Einer der Jungen kniet und hat eines der Beine eingebunden, als wenn es nur ein Stumpf wäre, doch sein Oberschenkel wirkt viel dicker, als der des anderen Beines. Der Andere Junge trägt eine Augenklappe. Immer wieder schauen sie mit finsterer Mine in unsere Richtung, schließlich erhebt sich der mit der Augenklappe und überquert die Straße. Geradewegs hält er auf uns zu. Als er vor uns stehen bleibt, sieht Streuner auf. Erschrocken springt er auf die Knie und versteckt sich hinter meinem Rücken. Ich ziehe eine Augenbraue fragend hinauf und schaue hinter mich.
„Was glaubt ihr, was ihr hier tut?“, will der Junge mit der Augenklappe wissen. Ich schaue fragen zu ihm auf.
„Das selbe wie du?“, antworte ich.
„Das glaube ich mal nicht! Das hier ist unser Gebiet!“, schnauzt er.
„Wo ist denn dein Problem? Gibt es hier nicht genug freie Pflastersteine?“, will ich angriffslustig wissen. Der Typ hat mich in genau der richtigen Laune erwischt, um mich doof von der Seite anzumachen. Überheblich sieht er auf uns herab und baut sich vor mir auf.
„Wir sollten einfach gehen Enrico. Mit dem Kerl ist nicht zu spaßen. Die haben mich schon ganz oft verprügelt und mir dann meine Einnahmen geklaut“, flüstert Streuner mir zu und versteckt sich noch weiter in meinem Schatten.
„Hör auf deinen Freund und such besser das Weite!“, droht der Kerl und holt mit dem Fuß aus. Als er mich in den Magen treten will, fange ich ihn mit beiden Hände ab und halte sein Bein fest. Finster sehe ich an dem Typ hinauf.
„Hau du lieber ab und geh mir nicht auf die Nerven. Ich bin heute extrem schlecht gelaunt!“, warne ich ihn.  
„Du hängst wohl nicht besonders an deinem Leben, was?“, knurrt er und zieht seinen Fuß zurück. Dieses mal tritt er schneller zu, ich schaffe es nicht mehr meine Hand dazwischen zu schieben. Sein Schuh trifft meinen Magen. Ich krümme mich zusammen und greife mir an die schmerzende Stelle. Finster sehe ich auf und knirsch mit den Zähnen.
„Okay, jetzt reicht's!“, fluche ich und zwinge mich auf die Beine. Verblüfft sieht der Kerl mir dabei zu. Im Stehen bin ich gut einen halben Kopf größer als er, nun ist er es, der zu mir aufsehen muss.
„Du hast mir nicht zu sagen, wo ich zu sitzen habe, du Möchtegern Gangster!“, knalle ich ihm an den Kopf und stoße ihn grob gegen die Schulterblätter. Er weicht einen Schritt zurück und ballt die Fäuste.
„Du hast es ja nicht anders gewollt!“, schreit er und stürmt auf mich los. Seinen Faustschlägen weiche ich zur Seite aus und packe seine Klamotten am Rücken. Ich drücke ihn daran in eine gebeugte Haltung und ramme ihm mein Knie in die Magengrube. Röchelnd geht er zu Boden und krümmt sich zusammen, wimmernd rollt er von einer zur anderen Seite. Von ihm wandert mein Blick zu seinem Freund, der sich vergeblich aufzurichten versucht. Das zurückgebundene Bein lässt ihn immer auf die Knie fallen. Von ihm wandert meine Aufmerksamkeit auf das Geld, das auf der Pappe liegt.
„Die haben dich sonst immer beklaut, ja?“, will ich von Streuner wissen. Dieser richtet sich nun ebenfalls auf.
„Ja?“, sagt er zögernd und kommt an meine Seite.
Ich bücke mich nach unserer Dose, schütte mir die wenigen Münzen darin in die hohle Hand und lasse die leere Dose neben dem wimmernden Kerl fallen. Schnurstracks überquere ich die Straße und halte auf den anderen Jungen zu. Dieser hat es endlich geschafft, sich aufzurichten. Schwankend sucht er mit der Hand Halt an einer Straßenlaterne und stellt sich schützend über die Pappe.
Als ich ihn erreiche, stoße ich ihn hart bei Seite. Er verliert den Halt auf seinem einen Bein und fällt auf den Hosenboden.
„Ich will nie wieder hören, dass ihr meinen Kumpel verprügelt und beklaut, verstanden?“, schnauze ich ihn an. Streuner bleibt neben mir stehen und betrachtet mich mit offen stehendem Mund. Der Junge am Boden, sieht von ihm zu mir. Flüchtig nickt er.
„Von heute an, ist das hier unsere Gebiet!“, fahre ich lautstark fort, „Wenn ihr euch auch hier aufhalten wollt, bekomme ich die Hälfte eurer Einnahmen, ansonsten will ich eure Visagen hier nie wieder sehen. Verstanden?“ Der Kerl schaut sich suchend nach seinem Freund um. Der liegt noch immer auf der anderen Straßenseite und krümmt sich vor Schmerzen. Schnell nickt er.
„Gut! Und weil ihr mir gerade so tierisch auf die Eier gegangen seit, nehme ich heute alles.“ Damit bücke ich mich nach dem Geld und sacke alle Münzen ein, dann trete ich die Pappe in den Schoß des Jungen und lasse ihn stehen. Mit einem Schwenk meines Kopfes, deute ich Streuner an, dass wir gehen. Er sieht noch einmal zu dem Jungen und streckt ihm frech die Zunge raus, dann hüpft er mir beschwingt nach.

Einen Block lang laufen wir schweigend nebeneinander her, dann legt Streuner die Arme hinter den Kopf und grinst mich breit an.
„So wie du, kann man es natürlich auch machen“, lacht er.
Ich ignoriere den stolzen Ton in seiner Stimme und wiege das Geld in der Hand.
„Dafür bekommen wir auf jeden Fall ein Hühnchen!“, freue ich  mich und bin gedanklich schon bei der Suppe, die Toni hoffentlich wieder zu Kräften kommen lässt.

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Nur wer die Hölle kennt, weiß den Himmel zu schätzen.
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