Die Wölfe ~Das Schreibforum~

Ein Forum für alle Hobbyautoren, Künstler und Fans meines Romans
 
StartseitePortalFAQSuchenMitgliederNutzergruppenAnmeldenLogin

Austausch | 
 

 31. Kapitel ~Streuner~

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach unten 
AutorNachricht
Enrico
Admin
avatar

Anzahl der Beiträge : 1853
Sterne : 6435
Spezialpunkte : 9
Anmeldedatum : 30.07.08
Alter : 32
Ort : Limbach-Oberfrohna

BeitragThema: 31. Kapitel ~Streuner~   Do Apr 07, 2016 2:55 pm

31. Kapitel
~Streuner~

„Enrico!“ Jemand rüttelt an mir, bis ich wach werde und in grelles Tageslicht blinzle. Raphael kniet vor mir, er schaut besorgt auf mich herab und betrachtet mich auffordernd. Seine Hand ruht auf meiner Schulter, sein Augen mustern mich eindringlich.
„Wir müssen uns mal unterhalten, allein!“, sagt er. Mir schwand nichts Gutes, bei seinen ernsten Worten. Was habe ich jetzt wieder ausgefressen? Ich schäle mich aus der Decke und werfe dabei einen Blick auf Toni. Er hat die Augen geschlossen, seine Atmung geht ruhig. Der Stofffetzen ist von seiner Stirn gerutscht und liegt neben ihm. Als ich ihn wieder nass mache und ihn auf seinen Kopf lege, ist er noch immer heiß. Will das Fieber denn gar nicht runter gehen? Ob ich ihm noch einen Schluck von der Medizin geben soll? Mein Blick wandert zu dem Flächen, das neben unserem Nachtlager steht, bis sich Raphael in mein Blickfeld schiebt. Ihn und seine Aufforderung habe ich schon wieder ganz vergessen.
„Komm!“, bittet er mich noch einmal und zieht mich am Arm auf die Beine. Was gibt es denn so wichtiges? Ich will jetzt viel lieber bei Toni bleiben und versuchen sein Fieber zu senken. Können wir nicht später reden? Raphaels strenger Blick lässt keinen Spielraum für Diskussionen. Seufzend folge ich ihm, als er das Kaminzimmer verlässt.
„Was ist denn so wichtig?“ Er sagt nichts läuft einfach zwei Räume weiter und hält dort in mitten eines Schuttberges an. Als er sich zu mir dreht, verschränkt er die Arme und sieht mich mahnend an.
„Das muss aufhören!“, fordert er. Fragend betrachte ich ihn. Was muss aufhören?
„Hör auf so an dem Kerl zu kleben. Das macht man einfach nicht.“ Ich rolle mit den Augen. Schon wieder dieses Thema? Ich dachte ich haben ihm schon alles dazu gesagt? Die Hände stemme ich in die Seiten und sehe ihn genervt an. Während ich einen der kleinen Steine wegtrete, schweige ich.
„Warum ausgerechnet er? Du hast doch auch schon Mädchen gern gehabt! Haben wir nicht schon genug Probleme am Hals, musst du mir damit auch noch Sorgen machen?“ Ich seufze ergeben.
„Warum regt dich das nur so auf? Es ist doch meine Sache, wen ich gern habe!“
„Darum geht es doch gar nicht. Es ist eine Krankheit des Geistes einen andern Jungen zu lieben. Dafür kann man dich einsperren oder für immer in einer Anstalt mit Medikamenten vollpumpen.“
„Dann wird es eben niemand erfahren! Es geht sowieso keinen etwas an!“, entgegne ich trotzig und drehe mich um. Ich will gehen, doch mein Bruder packt mich am Arm und hält mich fest. Er dreht mich zu sich, seine Augen mustern mich besorgt und eindringlich.
„Enrico! Bitte, hör einfach auf damit! Du findest bestimmt noch ein hübsches Mädchen, das dir gefallen wird.“ Wütend schaue ich zu ihm auf. Glaubt er ich will das, glaubt er ich kann das einfach abstellen?
„Keine Sorge, du wirst auch nie wieder etwas davon mitbekommen!“, nehme ich mir fest vor und reiße mich los.
„Enrico!“, ruft er mir nach, doch ich bleibe nicht stehen. Diese Diskussion ist beendet, ich will nie wieder mit ihm darüber reden. Reicht es nicht schon, dass wir alles verloren haben, muss er mir jetzt das einzig Schöne, das noch übrig ist, auch noch kaputt reden?
Ich gehe zurück ins Kaminzimmer. Als ich eintrete, liegt Toni noch genau so da, wie ich ihn zurück gelassen habe. Sein Schlaf ist so fest, dass er mich nicht kommen hört und sich auch nicht rührt, als ich mich zu ihm setze. Bin ich denn wirklich geisteskrank, nur weil ich ihn gern habe?
„Es muss ja niemand wissen“, murmle ich und betrachte seinen friedlichen Schlaf. Meine Beine winkle ich an und lege meine Arme um die Knie.
Die Schritte meines Bruders sind vor dem Zimmer zu hören, die Tür wird aufgeschoben. Langsam nähert er sich mir und legt mir seine Hand auf die Schulter. Ich drehe mich unter ihm weg.
„Enrico, ich mach mir doch nur Sorgen um dich! Mensch mit dieser Krankheit werden auf offener Straße zusammen geschlagen oder von der Polizei überwältigt. Ich will nicht, dass dir das passiert. Wir haben doch wirklich schon genug Feinde.“
„Es muss doch niemand wissen“, murmle ich wieder und lege den Kopf auf die Knie. Ich schaukle mich selbst hin und her. Das alles will ich gar nicht wissen, dass alles ist mir egal. Das mit ihm, will ich nicht aufgeben, will es nicht verlieren. Es macht mich glücklich, warum versteht Raphael das denn nicht? Mein Bruder seufzt resigniert und holt Luft, um zu sagen: „Dann hör wenigstens auf, so verliebt an ihm zu kleben.“ Das mache ich doch gar nicht! Ich kann in diesem ganzen Chaos und der ständigen Angst, in unserem neuen Leben, einfach besser schlafen, wenn ich weiß, dass er da ist, wenn ich ihn spüren kann. Was ist daran denn so schlimm?
„Enrico, bitte!“ Wieder legt er seine Hand auf meine Schulter, wieder schüttle ich sie ab.
„Geh weg!“, murre ich.
„Tu wenigstens ein mal, was ich dir sage!“ Raphaels Stimme wird zunehmend verzweifelter. Ich sage nichts mehr dazu, starre einfach vor mich hin. Mein Bruder seufzt ergeben, er stemmt die Arme in die Seite und sieht einen Moment lang schweigend auf mich herab. Schließlich meint er: „Ich geh mich nach einem neuen Job umsehen. Kommst du allein klar?“
„Ja!“ Das bin ich die letzten zwei Wochen doch auch und da hat er mich nicht gefragt.
„Wie viel Geld haben wir jetzt eigentlich noch?“, will er wissen. Ich überlege einen Moment und krame dann eine Dollarnote und sechzig Cent aus meiner Hosentasche.
„Das ist alles?“
„Die Medizin ist teuer gewesen und ich hab uns noch Streichhölzer gekauft“, füge ich erklärend hinzu. Raphael verschränkt die Arme vor der Brust und schaut nachdenklich vor sich hin.
„Das reicht nie bis zum Ende der Woche. Wir brauchen auch was, was die Heuschrecke in dem Zustand essen kann.“ Sein Blick geht über meinen schlafenden Freund. Eine anständige Mahlzeit ist bei ihm noch viel länger her, als bei uns beiden. Kein Wunder, dass er nicht gesund wird. Eine kräftige Hühnerbrühe wäre jetzt das Richtige, aber wo die Zutaten dafür hernehmen? Es gibt noch so viele andere Sachen, die sich wesentlich schwerer stehlen lassen, als Essen und die wir ebenso dringend brauchen. Das Geld stecke ich wieder ein.
„Für das Geld kauf ich uns Seife, einen Topf, den Rest versuch ich so zu besorgen.“ Mein Bruder legt die Stirn besorgt in Falten.
„Willst du wieder klauen?“
„Was bleibt uns denn anderes übrig?“
„Na schön, aber sehe zu, dass dich keiner erwischt, besonders nicht die Aufseher auf dem Markt. Die kennen auch bei Kindern keine Gnade!“ Ich seufze. Das weiß ich doch alles selbst, ich habe es oft genug beobachtet.
„Na schön ich hau erst mal ab! Vielleicht finde ich ja einen Job, wo ich heute noch Geld bekommen kann.“ Das wäre nicht schlecht. Ich bin noch nie ohne Toni auf Beutezug gewesen. Bisher habe ich nur ein einziges Mal selbst etwas gestohlen. Hoffentlich bekomme ich das hin.

Raphael geht und lässt mich in einer bedrückenden Stille allein. Auf einmal ist niemand mehr da, mit dem man sich unterhalten kann. Als es Toni noch besser ging, ist mir gar nicht aufgefallen, wie trostlos es hier sein kann. Die gespannten Wäscheleinen, das gestapelte Geschirr, die verteilten Decken, alles sieht wüst und chaotisch aus. Das Feuer im Kamin ist heruntergebrannt, kein Funken glimmt mehr in der Asche.
„Ich mach dir noch ein Feuer an, dann besorge ich uns etwas zu essen“, sage ich Toni, auch wenn er mich wahrscheinlich gar nicht hören kann. Ich streichle ihm durch die verschwitzen Haare. Wieder nimmt er von meiner Berührung kein Notiz.
„Mit dir zusammen, war wirklich alles einfacher, aber ich schaff das schon“, versuche ich mir einzureden.

Während ein neues Feuer im Kamin lodert und ich Toni mit Mühe und Not, einen weiteren Schluck der Medizin verabreicht habe, mache auch ich mich auf den Weg. Mit dem Rucksack auf dem Rücken, steuere ich als erstes den Markt an. Es ist noch immer kalt, aber es hat aufgehört zu schneien und die Sonne scheint hell, vom strahlend blauen Himmel. Na wenigstens das Wetter ist besser geworden.
Ein Händler mit Seife und einer der Töpfe und Geschirr verkauft, habe ich schnell gefunden. Unser letztes Geld gebe ich für ein Stück Kernseife und einen Topf aus, dann halte ich lediglich noch zwei Cent in Händen. Es ist wirklich zum verzweifeln. Die Sachen packe ich in den Rucksack und schlendere, auf der Suche nach einer günstigen Gelegenheit, über den Markt. Die Aufseher sind heute besonders wachsam. Gleich zwei von ihnen Patrouillieren jeweils an einem Ende des Marktes. Obwohl sie alle Menschen im Auge behalten, habe ich das Gefühl, sie beobachten jeden meiner Schritte. Wie soll ich denn so jemanden beklauen? Als mir einer von ihnen entgegen kommt, senke ich den Blick und laufe zügig an ihm vorbei. Warum nur bin ich so aufgeregt, ich habe doch noch gar nichts gestohlen. Als der Mann hinter mir in der Menge verschwindet seufze ich und versuche mein bebendes Herz unter Kontrolle zu bringen. Der Kerl kann ja keine Gedanken lesen und hier sind so viele andere Diebe unterwegs, warum sollte er ausgerechnet mich bemerken? Einen verstohlenen Blick werfe ich über die Schulter zurück. Der Kerl ist nicht mehr zu sehen, sehr gut, dann kann ich mich ja endlich nach einer möglichst einfachen Beute umsehen. Für eine Kraftbrühe, wäre etwas Gemüse nicht schlecht. Es gibt unzählige Obst und Gemüsestände hier und meistens sind die Frauen mit dem Abwiegen der Ware und dem Kassieren beschäftigt. Vielleicht sollte ich mich als erstes daran versuchen. Toni hat das immer ganz locker im Vorbeigehen getan und auch das kleine Mädchen hat sich an so einem Stand bedient. Das muss doch auch für mich zu schaffen sein. Eine dicke Frau mit fleckiger Schürze bedient gerade eine Gruppe Hausfrauen. Neben ihr steht ein junges Mädchen, dass hilft, die Waren einzupacken. Sicher ihrer Tochter. Die Frauen unterhalten sich über ihre Kinder und sind ganz in das Gespräch vertieft. Eine junge Dame lässt sich ein Bund Möhren abwiegen, sie trägt einen prall gefüllten Korb unter dem Arm. Ganz oben auf, liegt ihre Geldbörse, ein ledernes Säckchen, das mir gut gefüllt scheint. Das ist ja noch viel besser, als etwas zu Essen zu stehlen. Wenn ich das erbeuten und ungesehen verschwinden kann, brauche ich diese Woche vielleicht gar nicht mehr stehlen. Die Verlockung ist groß und die Gelegenheit einfach günstig, trotzdem hämmert mir das Herz bis zum Hals. Ich laufe möglichst nah an der Frau vorbei und greife einfach zu. Die Hand mit dem Säckchen ziehe ich schnell wieder an mich und ziehe meinen Ärmel darüber. Ohne anzuhalten laufe ich weiter und verschwinde in der Menge. Nichts, kein wilder Ruf der Frau nach einem Dieb, kein Mensch eilt mir nach, trotzdem laufe ich auf direktem Weg ans Ende des Marktes, um ihn zu verlassen. Es ist sicher das Beste nicht hier das Geld auszugeben und zu riskieren dass ich dieser Frau noch einmal über den Weg laufe. Auch wenn mich die Neugier zerfrisst, wie viel wohl in dem Beutel ist, nehme ich mir vor, ihn erst zu öffnen, wenn ich den Markt hinter mir gelassen habe.
Ich kann den letzten Stand schon sehen und beschleunige meine Schritte, als mich eine Hand am Arm packt und umdreht.
„Bleib stehen junger Mann!“, fordert mich eine tiefe Stimme auf. Mir bleibt das Herz stehen. Als ich an dem Kerl hinauf sehe, ist es einer der beiden Aufseher. Wo kommt der denn auf einmal her? Er ist doch gar nicht in der Nähe gewesen, als ich die Frau bestohlen habe. Hinter ihm löst sich eine junge Mutter aus der Menge. Sie ist ganz außer Atem und stützt sich auf die Knie, als sie bei uns ankommt. Oh, verdammt, dass ist doch die mit dem Korb, die Möhren gekauft hat. Ihr dicht auf den Fersen, ist die dicke Verkäuferin. Der Aufseher dreht sich zu den beiden Frauen um.
„Ist er das, Mam?“, will er von der Dicken wissen.
„Ja, ich habe es genau gesehen! Das ist der Junge!“ Wann haben die mich denn bemerkt? Sie waren doch so in ihr Gespräch vertieft gewesen. Verdammt noch mal! Es wäre ja auch zu schön gewesen. Schuldbewusst sehe ich unter den anklagenden Blicken hinweg. Die zweite Hand des Mannes, schiebt meinen Ärmel zurück. Bereitwillig lasse ich mir den Geldbeutel abnehmen. Während er seinen Weg zurück zu seiner Besitzerin findet, schaue ich ihm wehmütig nach. Ich bin als Dieb einfach nicht zu gebrauchen. Toni wäre das sicher nicht passiert. Dabei hätte uns das Geld wirklich geholfen.
„Schäme dich!“, schimpft die dicke Händlerin. Warum sollte ich? Ich habe Hunger und einen schwerkranken Freund, der auch schon lange nichts mehr gegessen hat. Sie aber sieht so aus, als wenn sie mehr als genug zu Essen hat. Grimmig schaue ich sie an.
„Dieb! Sperren sie ihn am besten ein!“, schnauzt die junge Mutter. Ängstlich betrachte ich den großen Mann, der mich noch immer am Arm festhält. Wird er mich jetzt wirklich zur Polizei bringen und mich einsperren lassen? Das geht nicht! Wer kümmert sich denn dann um Toni?
„Darf ich jetzt gehen? Sie hat doch ihr Geld wieder!“, bitte ich ihn. Der finstere Blick des Mannes wandert von mir zu meinem Rucksack. Oh nein, er wird doch nicht auf den dummen Gedanken kommen, ich hätte noch mehr gestohlen? Die Sachen habe ich rechtmäßig gekauft. Ich reiße und zerre am Griff des Aufsehers, doch er lässt nicht locker.
„Was ist in dem Rucksack!“, will er streng wissen.
„Nichts, die Sachen habe ich gekauft!“, protestiere ich und versuche seine Finger um meinen Arm zu lösen.
„Erzähl mir keine Märchen Junge! Los her damit!“, fordert er und dreht mich zur Seite. Er packt den Rucksack und versucht ihn, mir von den Schultern zu ziehen. Nein! Das bekommt er nicht. Dafür hat mein Bruder eine ganze Woche arbeiten müssen. Wir brauchen das! Energischer versuche ich mich loszureißen. Der Blick des Mannes wird verbissen und aggressiv.
„Jetzt halt still!“, schreit er mich an, doch ich denke nicht daran. Als er mich nicht noch immer nicht freigibt, schlage ich nach seinen Händen. Ich will hier weg, wenigstens das retten, was ich rechtmäßig gekauft habe.
„Lass los! Die Sachen gehören mir, ich habe sie gekauft!“, schreie ich ihn immer wieder an, bis er die Hand erhebt und zuschlägt. Mir mit dem Handrücken ins Gesicht, einmal, zweimal. Entsetzt sehe ich ihn an. Meine Wangen feuern, ich kann spüren wie mein Blut darin anfängt zu pulsieren. Mit aller Gewalt reißt er mir den Rucksack von den Armen und stößt mich zu Boden. Ich falle in einen angetauten Schneeberg, vor dem sich eine Pfütze gebildet hat und sehe entsetzt auf. Wieso glaubt mir der Kerl denn nicht, dass ich die Sachen wirklich gekauft habe? Den Geldbeutel habe ich doch anstandslos wieder her gegeben, aber die Sachen gehören wirklich mir.
Er öffnet den Reißverschluss und sieht den Rucksack durch. Nein, wir brauchen den Topf, um endlich richtig kochen zu können, ohne ihn kann ich Toni keine Suppe machen und ohne die Seife haben wir bald nichts sauberes mehr zum Anziehen.
Ich kämpfe mich wieder auf die Beine und greife nach meinem Rucksack. Mit aller Kraft reiße ich daran und versuche ihn dem Kerl abzunehmen.
„Wir brauchen die Seife und den Topf, gib das her!“, schreie ich ihn an. Immer wieder schlage ich auf seine Hände und versuche sie davon zu lösen. Einige der Passanten bleiben stehen. Zwei Männer lösen sich aus der Masse. Im Augenwinkel sehe ich sie zu uns kommen. Einer von ihnen packt meine Arme, der andere schlägt unvermittelt zu. Ein Fausthieb bohrt sich in meinen Magen und lässt mich stöhnen. Was soll das? Was mischen sie sich hier ein? Schlimm genug, dass der fiese Aufseher mir meine Sachen klaut.
„Diebesgesindel!“, schreien mich beide an und stoßen mich in die Pfütze neben dem Schneehaufen. Ich schlinge meinen Arm um den schmerzenden Bauch und sehe, auf allen Vieren hockend, zu den Menschen auf, die sich ums uns versammelt haben. Sie alle schauen mit Abscheu auf mich herab. Wieso sind sie denn so wütend auf mich? Ich habe doch nicht sie bestohlen.
Der Aufseher kramt die Seife und den Topf aus meinem Rucksack und wirft ihn mir leer vor die Füße. Einen letzten feindseligen Blick richtet er auf mich, dann dreht er sich um. Will er etwa alles mitnehmen und gehen?
„Gib das wieder her!“, schreie ich ihm nach und stemme mich hoch. Ich will ihm nacheilen, doch die beiden Männer stellen sich mir in den Weg. Der Größere von Beiden erhebt erneut seine Faust, doch dieses mal blocke ich sie mit dem Arm ab. Grob stoße ich ihm weg, um ihn zur Seite zu drängen. Ich muss diesem Aufseher hinterher und ihm die Sachen wieder abnehmen. Energisch versuche ich mich an den Passanten vorbei zu schieben, doch sie lassen mich nicht durch. Immer wieder stoßen mich Hände zurück. Die beiden Männer packen meine Arme und werfen mich zurück auf den Boden.
„Verschwinde Abschaum!“, brüllen sie mich an und treten nach mir. Ich ziehe die Arme schützen um meinen Kopf und versuche vergeblich den Aufseher in der Maße zu finden.
„Warum schaffen sie ihn nicht zur Polizei? So Gesindel muss verhaftet werden“, will die Dicke wissen, sie verschwindet mit der jungen Frau in der Maße.
„Wenn wir jeden Langfinger einsperren, haben wir keinen Platz mehr, für die richtigen Verbrecher“, erklärt der Aufseher, bevor sich auch seine Stimme verliert.
Ich bin kein Gesindel und auch kein Abschaum, denn man in die Gosse tritt. Diese fiesen Typen. Immer noch treffen mich ihre harten Tritte, während die Menschen um uns herum gaffen und dem Geschehen hinter vorgehaltener Hand zustimmen. Keiner kommt auf die Idee einzugreifen.
Als die beiden Männer endlich von mir ab lassen, sind meine Arme blau und geschwollen. Hasserfüllt sehe ich zu ihnen auf. Sie spucken auf den Boden, auf dem ich liege und verschwinden dann auf dem Markt. Auch die Traube der Schaulustigen löst sich allmählich auf. Keiner wirft mehr einen Blick auf mich. Wieso können Menschen nur so grausam und gleichgültig sein? Schwerfällig stemme ich mich auf meine schmerzenden Arme. Als ich aufstehe, dreht sich alles, ich sacke wieder in die Pfütze zurück. Meine Klamotten sind voller Schlamm und klatsch nass. Mir wird kalt. Mein Blick fällt auf den leeren Rucksack. Er hat mir einfach alles weggenommen. Wie erkläre ich dass den Raphael? Was soll jetzt werden, ohne Geld, ohne Topf und Seife? Ich ziehe den Rucksack zu mir und presse ihn an meinen Oberkörper, dann rutsche ich so weit zurück, bis ich die Hauswand im Rücken spüren kann. Haltsuchend lehne ich mich an sie. Mein Bruder hat so hart für die paar Dollar gearbeitet und ich hab alles verloren. Tränen überwältigen mich, ein fetter Kloß drückt sich in meine Kehle und lässt mich schwer schlucken. Warum bekomme ich das denn einfach nicht hin? Ich habe es doch genau so gemacht, wie an dem Tag mit dem Fleisch. Mit leeren Händen, kann ich doch unmöglich nach Hause gehen. Immer mehr Tränen fluten meinen Blick und laufen mir die Wange hinab. Wie ich diese Leben hasse! Ich will wieder nach Hause! Die Beine ziehe ich eng an den Körper und lege meinen Kopf auf die Knie. Laut schluchzend heule ich weiter, bis ich einen Blick auf mir spüren kann. Noch so ein gaffender Marktbesucher, der sich auf meine Kosten lustig macht? Doch als ich aufsehe, laufen die Menschen teilnahmslos an mir vorbei. Habe ich mich geirrt? Das seltsame Gefühl, angesehen zu werden, verschwindet nicht. Ich sehe mich weiter um, bis ich ein Augenpaar ausmachen kann, dass mich aus einer Seitenstraße heraus anschaut. In einem, auf die Seite gedrehten Pappkarton, liegt die dürre Gestalt eines Jungen. Seine hellblauen Augen schauen mich direkt an. Sein dünner Arm reicht aus dem Karton heraus, kraftlos liegen seine blauen Finger auf den Pflastersteinen. Seine Kleidung ist zerschlissen und fleckig, seine Haare stehen wie Stroh von seinem Kopf ab. Über die Füße hat er Zeitungspapier gelegt, das von einem immer wehenden Luftzug, bewegt wird. Hin und wieder hebt es so weit ab, dass man seine blanken, schmutzigen Füße sehen kann. Die Zehen, sind ebenfalls blau. Sein Gesicht starrt mich emotionslos an, fast so, als wenn er mit dem Leben schon abgeschlossen hat. Nur seine Augen strahlen noch einen Funken Kampfgeist aus. Ich schaue mich in der Straße um. Außer mir, nimmt niemand die zerlumpte Kindergestalt am Straßenrand wahr. Teilnahmslos laufen sie alle an uns vorbei. Die wenigen Blicke, die sich in unsere Richtung verirren, sind angewidert und hochnäsig. Ich wusste gar nicht, dass Menschen so sein können.
Von den Passanten wandert mein Blick zurück in den Pappkarton. Die Augen des Jungen sind matt und teilnahmslos geworden, der letzte Funke beginnt in ihnen zu verglühen. Er erfriert oder verhungert oder beides! Ich wische mir die Tränen vom Gesicht und schultere meinen Rucksack, dann zwinge ich mich auf die Beine. Die wenigen Schritte bis in die kleine Gase habe ich schnell getan und knie mich zu der verwahrlosten Gestalt. Der trübe Schleier über den blauen Augen legt sich, furchtsam schauen sie zu mir auf. Vergeblich versucht er vor mir zurück zu weichen, in dem ausgekühlten Körper, ist nicht mehr genug Kraft, sich zu bewegen.
„Hab keine Angst“, rede ich ihm gut zu und bemühe mich um ein Lächeln, auch wenn es in den geschwollenen Wangen schmerzt. Er schaut noch immer ängstlich und ungläubig zurück. Ob er hier wohl wohnt? Das Kind dürfte nicht älter als Acht sein. Wo sind den seine Eltern? Hat er keine zu Hause? Ich sehe mich in der Gasse um. Wir sind allein.
„Bist du ganz allein hier? Hast du keine Eltern, kein zu Hause?“, sprudeln all meine Gedanken aus mir heraus. Das Kind schüttelt mit dem Kopf.
„Wie heißt du?“ Er zuckt mit den Schultern. Hat er wirklich keinen Namen, oder versteht er nur meine Sprache nicht. Sein Hautton ist etwas dunkler als meiner, gut möglich, dass er das Kind einer Einwandererfamilie ist und wirklich eine andere Sprache spricht. Der Blick des Knaben verliert sich wieder im Nichts, er schaut einfach durch mich hindurch. Von seinen trüben Augen wandert meine Aufmerksamkeit seine Beine hinab, zu dem Zeitungspapier. Ich hebe es an und kann seine blauen Zehen nun ganz deutlich sehen. Das sieht schmerzhaft aus. Wie lange er hier wohl schon so da liegt? Als ich dem Kind wieder in ins Gesicht sehe, beginnen seine Augen sich zu schließen. Nein, wenn er einschläft, wird er noch viel schneller erfrieren. Ich schlage ihm leicht auf die Wange.
„Hey, bleib wache!“ Er schaut erschrocken auf, doch sein Blick bleibt müde und leer. Der Knabe muss unbedingt ins Warme.
„Ich nehme dich mit!“, entscheide ich und greife in den Karton. Erschrocken mustern mich die blauen Augen. Mit den dünnen Armen versucht er nach mir zu schlagen, doch seine Kraft reicht nicht dazu aus. Sie fallen einfach an ihm herab. Als ich ihn mir auf den Rücken lade, kommt keine Gegenwehr mehr. Seine Arme fallen leblos über meine Schultern und meinen Oberkörper herab, während sein Kopf auf meiner Schulter ruht. Er ist so leicht, dass ich sein Gewicht beim Aufstehen kaum spüren kann.
„Schön wach bleiben!“, rate ich ihm. Hoffentlich stirbt er mir nicht unterwegs. Von dem Kind kommt nur ein leises Murren zurück. Sein ruckartiger Atem schlägt mir gegen den Hals und ist das einzige Lebenszeichen, als ich mich mit ihm auf den Heimweg mache.
„Hab keine Angst! Ich bring dich in unser Kaminzimmer, dort ist es schön warm!“, versuche ich mich mit ihm zu unterhalten, doch mehr als ein leises Stöhnen, bekomme ich nicht als Antwort. Aber immerhin scheint er noch wach zu sein, also rede ich einfach weiter.
„Wir haben noch ein paar Äpfel, davon kannst du welche haben. Magst du Äpfel?“
„Hmm“, ist seine Antwort.
„Hast du wirklich keinen Namen?“
„Nnhhhn.“ Ob das ein Nein werden sollte? Die Lippen des Knaben zittern, genau so, wie sein restlicher Körper. Kein Wunder, dass er so keine Worte formen kann. Trotzdem soll er es ruhig versuchen, dass hält ihn wenigstens munter. Wir haben immer noch die Hälfte der Strecke vor uns und so langsam macht sich selbst sein Fliegengewicht auf meinem Rücken bemerkbar. Die ersten Schweißperlen rinnen mir die Stirn hinab, aber zumindest ist mir jetzt nicht mehr kalt.
„Hast du keine Eltern mehr?“ Der Kopf des Knaben bewegt sich von rechts nach links und wieder zurück.
„Ich habe auch keine mehr, aber dafür einen großen Bruder.“ Ein Stöhnen haucht gegen meinen Hals, es ist leiser als zuvor. Der Kopf des Kindes fällt zur Seite.
„Hey, nicht einschlafen!“, maule ich ihn an und werfe ihn ein Stück hoch, damit er wieder munter wird.
„Mhmh“, murrt er deutlich lauter. Gut so. Es ist nicht mehr weit, ich kann die Fabrik schon sehen. Er muss nur noch ein bisschen durchhalten. Krampfhaft grüble ich über ein neues Gesprächsthema. Was der Knabe auf jeden Fall braucht, ist ein Name und wenn er keinen hat, muss ich ihm wohl einen geben.
„Wenn du keinen Namen hast, dann sollten wir uns einen für dich ausdenken“, schlage ich vor. Er versucht den Kopf anzuheben, doch es gelingt ihm nur für einen kurzen Moment, dafür spüre ich seinen durchdringend Blick wieder deutlicher auf mir. Die Idee scheint ihm wohl zu gefallen?
„Welcher würde dir denn zusagen?“ Der Knabe zuckt mit den Schultern. Hat er denn gar keine Idee?
„Fällt dir nichts ein?“ Er schüttelt mit dem Kopf.
„Mhm, dann nenne ich dich erst mal Streuner, bis dir einer eingefallen ist!“ Irgendwie finde ich den Namen passend. Er streunt bestimmt schon lange ganz allein durch die Stadt und so zerlumpt, wie er ist, sieht er auch noch aus, wie ein Streuner. Von dem Kind kommt keine Antwort mehr. Ist er damit nicht einverstanden, oder ist er nun doch eingeschlafen. Als ich versuche einen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen, lächelt er breit. Was das wohl zu bedeuten hat?
Erst als wir das Fabrikgelände erreichen, weicht das Lächeln von seinem bebenden Lippen. Seine Arme schlingt er mir um den Hals. Macht ihm dieser Ort etwa Angst? Na kein Wunder, so ging es mir ja auch, als ich die Fabrik zum ersten Mal gesehen habe.
„Nur keine Sorge, das Kaminzimmer sieht besser aus!“, versichere ich ihm, doch seine Finger krallen sich trotzdem in meinen Pullover. Gemeinsam bahnen wir uns einen Weg, durch die endlosen Flure. Als wir das Zimmer erreichen, flackert das Licht des Feuers unter dem Spalt der Tür. Obwohl sie noch geschlossen ist, kann man die Wärme schon hier draußen spüren. Die erfrorenen Finger des Kindes, strecken sich danach aus. Es wird wirklich Zeit, dass er sich aufwärmen kann. Ich öffne die Tür und trete ein.
„Toni, ich bin wieder zurück und ich hab uns Jemanden mitgebracht“, begrüße ich meinen Freund. Toni liegt noch so da, wie ich ihn zurück gelassen habe, mit dem nassen Stofffetzen auf der Stirn und den Augen geschlossen. Seine Atmung geht schnell und bricht immer wieder ab. Er hat immer noch Fieber. Seufzend betrachte ich seinen Zustand einen Moment lang, bis mir das Kind auf meinem Rücken wieder einfällt.
Ich schließe die Tür nach uns und gehe weiter bis zum Kamin. Den Knaben setze ich davor ab und hole meine Decken. Obwohl ich ihn hingesetzt habe, fällte er, wie ein gefrorener Stein, zur Seite um. Das ist bestimmt kein gutes Zeichen. Ich beeile mich zu ihm zurück zu gehen und packe ihn in den Decken ein, dann setze ich mich hinter ihn. Mit dem Kind im Arm, rutsche ich näher ans Feuer heran und reibe seine dünnen Arme auf und ab. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät.
„Gleich wird dir wieder wärmer!“, versuche ich ihm Mut zu machen. Seine Hände greifen nach den Flammen, ich muss sie immer wieder zurück drücken, damit er sich nicht verbrennt. Spürt er die Hitze denn gar nicht, ist sein Körper so taub? Er versucht es noch zwei Mal, dann zieht er sie von selbst zurück und presst sie eng an seinen Brustkorb. Gequälte Laute verlassen seine Kehle. Sicher kehrt das Leben langsam in seine Gliedmaßen zurück. Ich kann mich noch viel zu gut daran erinnern, wie es bei mir war, als ich nach dem Sprung in den Fluss, wieder aufgetaut bin. Meine Hände und Füße haben gebrannt wie Feuer. So wie seine Finger und Zehen aussehen, muss das beim ihm noch viel schlimmer sein.
„Zeig mal her“, fordere ich und nehme mir seine rechte Hand, die er so krampfhaft an sich presst. Die Fingerkuppen sind noch immer blau angelaufen, sicher sehen seine Zehen nicht viel besser aus. Vorsichtig öffne ich seine Faust.
„Ahhau“, stöhnt er dabei, aber da muss er jetzt durch.
„Ja, das tut weh, dass glaub ich dir“, entgegne ich und führe seine Hand näher zum wärmenden Kaminfeuer. Seine Handfläche und Finger massiere ich dabei mit dem Daumen, in der Hoffnung, das warme Blut fließt wieder vor bis in seine Fingerkuppen. Er beißt die Zähne fest zusammen und sieht mir dabei zu. Tapferer kleiner Kerl! Ganz langsam verschwindet die dunkle Farbe. Seine krampfenden Finger öffnen sich immer weiter und werden ganz allmählich wieder warm. Erleichtert atme ich durch. Das hilft also, dann müssen jetzt nur noch die andre Hand und die Zehen besser werden. Ich gebe seine rechte Hand frei und schau mir seine linke an. Die hat er noch immer zur Faust geballt. Als ich sie öffne, schaut er verbissen und kneift immer wieder die Augen zu. Seine Arme zittern.
„Aua, au!“, stöhnt er, doch das Leid kann ich ihm nicht ersparen. Wenn er die Finger so eng zusammen presst, staut sich das Blut nur darin, er muss sie öffnen, auch wen es weh tut. Ich bleibe hart und schiebe seine Faust immer weiter auf. Wie schon bei der anderen, massiere ich auch hier das warme Blut aus seiner Handmitte in die Fingerkuppen. Tapfer lässt er die Prozedur über sich ergehen und betrachtet verbissen die blauen Fingerkuppen, die zunehmen heller werden. Hoffentlich klappt das, bei seinen Zehen auch. Die sahen noch viel schlimmer aus.
Als sich seine Finger langsam entspannen, gebe ich seine Hand frei und grabe die Füße aus der Decke aus. Sie sind schon wesentlich heller, als ich sie in Erinnerung habe, doch alle zehn Zehen sind blau, die kleine an ihrer Spitze schon fast schwarz. Ich schlucke schwer bei dem Anblick. Armer Kerl, wie lange mag er wohl schon dort gelegen hat?
Das Kind streckt die Beine nach dem Feuer aus und beugt sich nach vorn. Mit schmerzverzerrtem Gesicht, knetet er seinen linken, dann den rechten Fuß. Aus der Behandlung seiner Hände hat er offensichtlich gelernt. Was dort funktioniert hat, muss ja auch da klappen. Mittlerweile sitzt er auch aus eigener Kraft, meinen Halt im Rücken braucht er nicht mehr. Je mehr der kleine Kerl auftaut, um so koordinierter erscheinen mir seine Bewegungen. Das erleichtert mich. Auf dem Weg hier her, dachte ich die ganze Zeit, er würde mir wegsterben, doch nun wird er mit jeder Minute lebendiger. Seine Wangen sind bereits knallrot, genau so wie seine Hände und auch die Zehen nehmen allmählich eine tiefrote Farbe an. Er zittert nicht mehr und auch seine Lippen haben sich beruhigt. Nur der verbissene Gesichtsausdruck ist noch da. Bis der Schmerz nachlässt, wird es wohl noch eine ganze Weile dauern.

Ich löse mich von ihm und stehe auf. So dürr, wie das Kind ist, hat es sicher schon lange nichts mehr gegessen. Wir haben zwar nur Äpfel, aber das ist immer noch besser als gar nichts. Vom Fensterbrett hole ich die große Schale, in der unser letzter Vorrat an Äpfeln liegt. Es sind nur noch zehn Stück übrig und die sehen auch nicht mehr besonders gut aus. Überall haben sie braune Flecke und die Schalle ist bereits schrumplig, doch mehr kann ich ihm nicht anbieten. Die Schüssel reiche ich dem Knaben, der mich nun mit großen Augen ansieht.
„Nimm dir ruhig welche. Ich weiß schon, die sehen nicht mehr so gut aus, aber ...“, will ich sie ihm schmackhaft machen, als er sich schon zwei aus der Schalle nimmt und sie gierig zu verschlingen beginnt. Eine Mahlzeit ist wohl eben so lange her, wie ein Bad. Jetzt wo die größte Sorge, um sein Wohlbefinden überstanden ist, habe ich Zeit genug, seine verwahrlosten Haare und den starken Geruch nach abgestandenem Schweiß und Urin deutlich wahrzunehmen. Nicht nur die dreckigen Klamotten brauchen eine Wäsche, das Kind muss auch dringend geschuppt werden. Im Gesicht, den Armen, Beinen und Händen, überall klebt Dreck. Das Gewirr in seinen viel zu langen Haaren, wird auch kein Kamm mehr bändigen können. Die müssen ab und zwar so kurz wie möglich, entscheide ich und stelle die Schüssel vor dem Kind ab. Während er mit essen beschäftigt ist, hole ich mir eine leere Schale und aus der Werkzeugkiste eine Schere. Als ich mich neben ihm nieder lasse, schaut er nicht mal auf. Auch die ersten Büscheln Haare, kann ich ihm abschneiden, ohne das er aufsieht. Erst als ich eine ganze Hand voll davon, in die leere Schale werfe, wandert sein Blick vorwurfsvoll an mir hinauf. Während er mich fragend mustert, läuft ihm, von den vollgestopften Backen, der Saft herab.
„Du siehst aus wie ein Vogelnest! Die müssen ab!“, erkläre ich streng. Er betrachtet mich einen Moment ungläubig, schaut dann in die Schüssel zu dem Büchel Haare und wieder zu mir. Schließlich zuckt er mit de Schultern und kaut die viel zu großen Bissen durch, die er im Mund hat. Ich nehme das mal als sein Einverständnis hin und befreie seinen restlichen Kopf von dem wirren Gestrüpp, dass auf ihm gewachsen ist. Als ich fertig bin, hat er gerade noch einen Daumen breit Haare, dort wo zuvor ein ganzes Nest war. Die Schüssel ist voll bis oben hin. Hoffentlich sind damit auch alle möglichen Schädlinge beseitigt, die der Kerl dort gehortet hat. Den Inhalt der Schüssel kippe ich aus dem Fenster. Läuse und Flöhe können wir jetzt wirklich nicht gebrauchen.
Streuner isst in der Zwischenzeit seinen dritten Apfel und lässt nicht mal das Gehäuse übrig. Er muss noch hungriger sein als ich. Seufzend gehe ich zu dem Kind zurück und nehme noch zwei Äpfel aus der Schale, die ihm zu ihm lege, die Restlichen nehme ich an mich und stelle die Schalle auf das Fensterbett zurück. Einen nehme ich mir selbst und esse ihn, während ich den Knaben beobachte. Er braucht auf jeden Fall Wasser und frische Klamotten. Meine werden ihm zwar zu groß sein, aber was anderes habe ich nicht für ihn und die Stofffetzen, die er jetzt trägt, sind es nicht wert sie zu waschen. Mit dem Apfel im Mund gehe ich an dem Kind vorbei und nehme mir den Eimer, der neben der Tür steht. Zu aller erst muss ich den Kerl waschen. Mal sehen ob unter dem ganzen Dreck tatsächlich ein Menschenkind steckt.
„Ich geh Wasser holen. Bin gleich wieder zurück!“, lasse ich ihn wissen. Er dreht sich nicht mal nach mir um, so beschäftigt ist er mit den Äpfeln. Selbst als ich mit dem vollen Eimer zurück komme, hat er damit noch zu tun. Er bekommt nicht mal mit, dass ich an ihm vorbei gehe und mir einen unser Putzlappen vom Fensterbrett hole. Erst als ich mich wieder zu ihm setze, schaut er auf. Wieder sind seine Backen prall gefüllt, er sieht so lustig dabei aus, dass ich über ihn schmunzeln muss.
„Zieh deine Lumpen aus!“, fordere ich. Er schaut an sich herab und betrachtet die Stofffetzen, die von seinem Körper hängen. Kopfschüttelnd sieht er wieder zu mir.
„Doch, die sind dreckig und nicht mehr zu gebrauchen! Außerdem musst du dich waschen. Du stinkst!“ Das Kind schaut ungläubig und beginnt an seinem Arm zu schnüffeln. Glaubt er mir etwa nicht?
„Ich gebe dir was von meinen Sachen, die sind dir zwar zu groß, aber immer noch besser, als die Fetzen da!“ Wieder sieht der Knabe an sich hinab, schließlich seufzt er und streift sich das zerlumpte Shirt über den Kopf, auch seine zerrissen Hose zieht er aus. Als er sonst nichts mehr an hat, reiche ich ihm den Lappen und schiebe den Eimer zu ihm. Waschen kann er sich selbst, dazu braucht er mich hoffentlich nicht. Er zögert einen Moment und schaut das Wasser an, als wenn es beißen wird. Schließlich nimmt er mir den Lappen ab, tupft sich damit das Gesicht ab und strahlt mich dann an, als wenn er bereits fertig wäre. Den Lappen gibt er mir zurück. Die kurze Katzenwäsche scheint wirklich sein Ernst zu sein. Mein Blick wird ernst, als ich mich weigere den Lappen anzunehmen.
„Nein, richtig! Von Kopf bis Fuß, bis man deine Hautfarbe erkennen kann.“ Der Knabe streckt die Arme nach vorn und betrachtet sie. Muss er wirklich nachschauen, um zu merken, wie verdreckt er ist? Er dreht sie hin und her und betrachtet sie von allen Seiten, schließlich lässt er sich in den Schneidersitz fallen und beginnt sich mit dem Lappen abzureiben. Er muss etliche male über die selbe Stelle gehen, damit der verkrustete Dreck sich löst. Damit wird er nun eine ganze Weile beschäftigt sein.
Ich stehe wieder auf und angle mir eine Hose und Pullover von den Seilen. Beides werfe ich dem Knaben vor die Füße und hebe seine Lumpen auf. Ungeachtet werfe ich sie ins Kaminfeuer. Erschrocken sieht das Kind ihnen beim Verbrennen zu, dann richtet sich sein Vorwurfsvoller Blick auf mich. Ungerührt schaue ich zurück.
„Die sind nicht mehr zu retten gewesen. Ich will auch gar nicht wissen, welche Tiere da drin herumgekrabbelt sind.“ Wir liefern und seinen stummes Gefecht, stur sehen wir uns an, bis er schließlich seufzt und sich der Wäsche seiner Beine widmet. Ganz langsam kommt tatsächlich ein Mensch unter dem ganzen Dreck zum Vorschein. Kein Vergleich, zu dem verwahrlosten Häufchen Elend, dass ich gefunden habe. Als er sich auch sein Gesicht gründlich gewaschen hat, kommen seine klaren, blauen Augen noch heller zum Vorschein.
„Fertig!“, verkündet er und wirft den Lappen in den Eimer, dessen Wasser inzwischen schwarz ist.
„Gut dann zieh dich an, bevor dir wieder kalt wird!“, schlage ich vor und schütte das dreckige Wasser ebenfalls aus dem Fenster.
Meine Klamotten sind ihm viel zu groß, die dünnen Ärmchen verlieren sich in den Ärmeln und die Hose rutscht ihm im Stehen von den Beinen. Er muss sie mit den Händen oben halten. Oh je, so kann er nirgendwo hin gehen, da müssen wir uns wirklich etwas einfallen lassen. Mein Blick wandert an unsere Seilkonstruktion, die sich durch den ganzen Raum spannt. Eines davon ist kurz genug, das könnte vielleicht gehen. Ich löse die Knoten, die es mit den anderen Seilen verbindet und nehme es mit. Während mich Streuner fragend mustern, binde ich ihm das Seil um den Bauch, damit die Hose oben bleibt. Für den Moment wird es reichen, aber für die Zukunft, braucht er eigene Klamotten.

„Enrico? Was machst du da? Wer ist das?“ Raphael? Erschrocken fahre ich zusammen und sehe zur Tür. Mein Bruder steht im Türrahmen und schaut vorwurfsvoll zu mir. Streuner flüchtet sich hinter mich und versteckt sich hinter meinen Beinen. Ängstlich lugt er hervor.
„Das ist Streuner, er wohnt ab heute bei uns!“, verkünde ich fröhlich. Der Blick meines Bruders bleibt ernst. Er zieht eine Augenbraue fragend in die Höhe und betrachtet mich skeptisch.
„Streuner?“
„Ja, er weiß seinen Namen nicht, also habe ich ihn so genannt!“
„Enrico, das ist ein Kind und kein Hund. Wo hast du ihn überhaupt her?“ Mein Bruder tritt ein und schließt die Tür nach sich.
„Ich habe ihn in einem Pappkarton gefunden, er wäre fast erfroren.“
„Ja und? Was geht es uns an!“ Ist das sein ernst? Wann ist mein Bruder nur so kalt geworden? Hätte ich ihn in der Gosse sterben lassen sollen? Wütend schaue ich ihn an und hole Luft, um ihm anzuschreien: „Hättest du ihn etwa sterben lassen?“ Mein Bruder sieht von mir zu dem Jungen, er mustert ihn einen Moment lang stumm.
„Ja hätte er, genau so wie die anderen fiesen Menschen dort!“, mischt sich auf einmal der Knabe in die Unterhaltung. Er sieht Raphael stur und durchdringend an. Erstaunt betrachte ich ihn. Bisher hat er kaum ein Wort gesagt, so energische Worte habe ich ihm gar nicht zugetraut. Ob er damit wohl recht hat. Als ich wieder zu meinem Bruder sehe, schaut der nachdenklich vor sich hin. Schließlich seufzt er und wendet sich wieder mir zu. Er will noch etwas sagen, doch je länger er mich betrachtet, um so besorgter wird sein Blick. Einen zügigen Schritt kommt er auf mich zu und nimmt mein Kinn in die Hand. Mein Gesicht dreht er hin und her, um es von allen Seiten betrachten zu können. Ich meide seinen Blick und schaue nach unten weg.
„Ich bin erwischt worden“, murmle ich betreten. Dank Streuner habe ich den Vorfall komplett vergessen, doch jetzt frisst sich das Schuldgefühl, in meinen leeren Magen.
„Hab ich dir nicht gesagt, du sollst aufpassen.“ Ich seufze nur. Das habe ich doch, ich weiß doch auch nicht, wieso sie das gemerkt haben.
„Tut mir leid, ich habe auch schon einen Topf und Seife gekauft gehabt, das haben sie mir auch weg genommen!“, presse ich heraus und kann nicht anders, als bei dem Gedanken daran zu heulen. Das wir jetzt nicht mal mehr Wäsche waschen können und nichts zum Kochen haben, ist nur meine Schuld. Sein schwer verdientes Geld, habe ich einfach so verloren.
„Es tut mir leid! Ich weiß, wie schwer du für das Geld gearbeitet hast. Ich wollte mir die Sachen zurück holen, aber die Leute auf dem Markt, haben dem Aufseher geholfen. Zwei Männer haben mich zusammengeschlagen, einfach so!“, schluchze ich laut. Raphael seufzt und kommt den Schritt, der uns noch trennt zu mir, er zieht mich an sich und umarmt mich.
„Schon gut, Hauptsache du bist ihnen entkommen. Ist denn noch alles dran?“, will er wissen und schiebt mich von sich, um mich ansehen zu können. Dann ist er also gar nicht böse auf mich? Sein Blick fährt mich besorgt ab. Ihm ist wirklich nur wichtig, dass es mir gut geht. Erleichtert atme ich durch und wische mir die Tränen vom Gesicht.
„Passe in Zukunft besser auf dich auf!“, belehrt er mich und schaut dabei seltsam angespannt. Was hat er denn? Irgend etwas belastet ihn doch und das ist nicht mein Fehlschlag auf dem Markt.
„Alles okay?“, will ich von ihm wissen.
„Ja!“, entgegnet er nur und geht an uns vorbei zum Kamin. Während er sich die Hände am Feuer wärmt, schaut er nachdenklich in die Flammen.
„Ich habe eine Jobangebot bekommen“, sagt er zögernd und so, als wenn das etwas Schlechtes wäre.
„Ja und? Das klingt doch gut!“ Er lächelt bitter.
„Ja, die Bezahlung ist gut. Für zwei Wochen einhundert Dollar.“ Das klingt doch wirklich gut. Wo ist das Problem?
„Der Hacken ist nur, ich wäre für diese zwei Wochen nicht hier.“ Nicht hier? Was meint er damit? Fragend betrachte ich ihn und lege den Kopf schief.
„Die brauchen jemanden, der eine Lastwagen begleitet und beim End- und Beladen hilft.“ Nachdenklich wende ich meinen Blick ab. Zwei ganze Wochen ohne ihn? Das würde ja bedeuten, ich bin hier mit Toni und Streuner ganz allein. Sein erster Lohn wird ganze zwei Wochen auf sich warten lassen und wir haben keinen Cent mehr und auch keine Äpfel. Wie soll wir diese Zeit denn überstehen?
„Ich habe noch nicht zugesagt, aber wir könnten das Geld wirklich gut brauchen, besonders wenn du jetzt anfängst, irgendwelche Kinder von der Straße einzusammeln!“ Er wirft Streuner einen finsteren Blick zu, der Junge sieht unbeeindruckt zurück, bleibt aber im Schatten meiner Beine. Heißt das der Knabe darf bleiben? Erleichtert betrachte ich den Jungen, froh darüber, ihn nicht zurück in die Gosse schicken zu müssen, doch gleichzeitig keimt Sorge in mir auf. Wie soll ich uns drei durchbringen, bis Raphael wieder zurück ist?
„Meinst du, ihr kommt über die Runden, bis ich wieder da bin?“, spricht mein Bruder den Gedanken aus. Ich schaue zur Seite weg und verschränke die Arme. Die Schwellung ist zurück gegangen, dafür leuchten überall blaue und gelbe Flecke. Von meinen Verletzungen wandert meine Aufmerksamkeit auf Toni. Sein Atem geht noch immer schwer. So schnell wird er wohl nicht wieder gesund werden.
„Ich weiß es nicht! Mit Toni zusammen wäre es kein Problem, aber allein, bin ich kein besonders guter Dieb!“
„Ich kann mir auch etwas anders suchen!“, schlägt Raphael vor. Hundert Doller in nur zwei Wochen, das ist wirklich viel Geld.
„Nein, fahr nur. Für das selbe Geld müsstest du hier drei Monate arbeiten. Ich bekomme das schon irgendwie hin!“, versichere ich ihm.

_________________

Nur wer die Hölle kennt, weiß den Himmel zu schätzen.
Nach oben Nach unten
Benutzerprofil anzeigen http://skymin.forumieren.com/
 
31. Kapitel ~Streuner~
Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach oben 
Seite 1 von 1
 Ähnliche Themen
-
» Ludwig Revolution: Kapitel 15 & 16
» Das letzte Einhorn - Kapitel 09 - 11
» Tsubasa: Kapitel 026 - 030
» Seelen: Kapitel 26 - 28
» Seelen: Kapitel 47 - 49

Befugnisse in diesem ForumSie können in diesem Forum nicht antworten
Die Wölfe ~Das Schreibforum~ :: Die Wölfe - Romanreihe von Enrico :: Die Wölfe I ~Patenmörder~ :: 31. Kapitel-
Gehe zu: