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 31. Kapitel ~Streuner~

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Enrico
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BeitragThema: 31. Kapitel ~Streuner~   Do Apr 07, 2016 2:55 pm

31. Kapitel
~Streuner~

„Enrico!“ Jemand rüttelt an mir, bis ich wach werde und in grelles Tageslicht blinzle.
Raphael kniet vor mir, er schaut besorgt und betrachtet mich auffordernd. Seine Hand ruht auf meiner Schulter, sein Augen mustern mich eindringlich. „Wir müssen uns unterhalten, allein!“, sagt er.
Mir schwant nichts Gutes, bei seinem ernsten Gesicht. Was habe ich jetzt wieder ausgefressen? Ich schäle mich aus der Decke und werfe einen Blick auf Toni.
Er hat die Augen geschlossen, seine Atmung geht ruhig. Der Stofffetzen ist von seinem Kopf gerutscht.
Ich lege meine Hand auf seine Stirn.
Er ist noch immer heiß. Will das Fieber denn gar nicht runter gehen?
Ob ich ihm noch einen Schluck von der Medizin geben sollte? Mein Blick wandert zu dem Flächen, das neben unserem Nachtlager steht.
Raphael schiebt sich in mein Blickfeld. „Komm!“, bittet er und zieht mich am Arm auf die Beine.
Sehnsüchtig sehe ich auf mein warmes Nachtlager zurück. Ich will jetzt viel lieber bei Toni bleiben, doch Raphaels strenger Blick, lässt keinen Spielraum für Diskussionen. Ich folge ihm.
Gemeinsam verlassen wir das Kaminzimmer.
„Was ist denn so wichtig?“
Raphael sagt nichts, läuft unbeirrt zwei Räume weiter und hält dort in mitten eines Schuttberges an. Als er sich zu mir dreht, verschränkt er die Arme, er betrachtet mich mahnend. „Das muss aufhören, Enrico!“
Ich schaue fragend.
„Hör auf so an dem Kerl zu kleben. Das macht man einfach nicht.“, fährt Raphael fort.
Ich rolle mit den Augen. Schon wieder dieses Thema? Ich dachte ich hätte ihm schon alles dazu gesagt. Schweigend stemme ich die Hände in die Seiten.
„Warum ausgerechnet er? Du hast doch schon Mädchen gern gehabt. Haben wir nicht genug Probleme am Hals, musst du mir damit auch noch Sorgen machen?“
Ich seufze ergeben. „Warum regt dich das so auf? Es ist meine Sache, wen ich gern habe. Das kannst du mir nicht vorschreiben.“
„Darum geht es nicht. Es ist eine Krankheit des Geistes einen anderen Jungen zu lieben. Dafür kann man dich einsperren oder für immer in einer Anstalt mit Medikamenten vollpumpen.“
„Dann wird es eben niemand erfahren. Es geht sowieso keinen etwas an.“ Ich drehe mich um und will gehen, doch mein Bruder packt mich am Arm, er hält mich fest.
Er dreht mich zu sich, seine Augen mustern mich besorgt. „Enrico! Bitte, hör wenigstens einmal auf mich! Du findest bestimmt noch ein hübsches Mädchen, das dir gefallen wird.“
Wütend schaue ich zu ihm auf. Glaubt er ich kann das einfach abstellen und vergessen, wie viel Toni mir bedeutet? „Keine Sorge, du wirst auch nie wieder etwas davon mitbekommen“, entgegne ich und reiße mich los. Für mich ist diese Diskussion beendet, ich gehe.
„Enrico!“, ruft er mir nach, doch ich bleibe nicht stehen. Reicht es nicht, dass wir alles verloren haben, muss er mir jetzt das einzig Schöne, das noch übrig ist, auch noch kaputt reden?
Ich gehe zurück ins Kaminzimmer. Als ich eintrete, liegt Toni noch genau so da, wie ich ihn zurück gelassen habe. Sein Schlaf ist so fest, dass er mich nicht kommen hört und sich auch nicht rührt, als ich mich zu ihm setze. Bin ich denn wirklich geisteskrank, nur weil ich ihn gern habe? „Es muss ja niemand wissen“, murmle ich. Meine Beine winkle ich an, meine Arme lege ich um die Knie.
Die Schritte meines Bruders sind vor dem Zimmer zu hören, die Tür wird aufgeschoben. Langsam nähert er sich mir, er legt mir seine Hand auf die Schulter.
Ich schüttle sie ab.
„Enrico, ich mach mir doch nur Sorgen um dich. Menschen mit dieser Krankheit, werden auf offener Straße zusammengeschlagen oder von der Polizei verhaftet. Ich will nicht, dass dir das passiert.“
„Es muss doch niemand wissen“, murmle ich. Den Kopf lege ich auf die Knie. Ich schaukle mich selbst hin und her. Das alles will ich gar nicht wissen, es ist mir egal. Das mit Toni, will ich nicht aufgeben. Es macht mich glücklich, warum versteht Raphael das denn nicht?
Mein Bruder seufzt resigniert. „Dann hör wenigstens auf, so verliebt an ihm zu kleben.“
„Das mache ich doch gar nicht!“ Ich kann in diesem ganzen Chaos und der ständigen Angst, in unserem neuen Leben, einfach besser schlafen, wenn ich weiß, dass er da ist, wenn ich ihn spüren kann. Was ist daran denn so schlimm?
„Enrico, bitte!“ Raphael legt mir erneut seine Hand auf die Schulter.
„Geh weg!“, sage ich, den Tränen nahe.
„Hör wenigstens einmal, auf das was ich sage!“ Raphaels Stimme wird zunehmend verzweifelter.
Ich antworte nicht, starre einfach vor mich hin.
Mein Bruder sieht einen Moment lang schweigend auf mich herab. Schließlich meint er: „Ich geh mich nach einem neuen Job umsehen. Kommst du allein klar?“
„Ja!“ Das bin ich die letzten zwei Wochen auch und da hat er mich nicht gefragt.
„Wie viel Geld haben wir jetzt eigentlich noch?“, fragt er. Ich überlege einen Moment und krame dann eine Dollarnote und sechzig Cent aus meiner Hosentasche.
„Das ist alles?“
„Die Medizin ist teuer gewesen und ich hab uns noch Streichhölzer gekauft“, sage ich.
Raphael verschränkt die Arme vor der Brust, er schaut nachdenklich vor sich hin. „Das reicht nie bis zum Ende der Woche. Wir brauchen auch was, was die Heuschrecke in dem Zustand essen kann.“ Sein Blick geht über meinen schlafenden Freund.
„Für das Geld kauf ich uns Seife, den Rest versuch ich so zu besorgen.“
Mein Bruder legt die Stirn besorgt in Falten. „Willst du wieder klauen?“
„Was bleibt uns denn anderes übrig?“
„Na schön, aber sehe zu, dass dich keiner erwischt, besonders nicht die Aufseher auf dem Markt. Die kennen auch bei Kindern keine Gnade!“
Ich seufze. Das weiß ich doch alles selbst, ich habe es oft genug beobachtet.
„Na schön ich hau ab. Vielleicht finde ich ja einen Job, wo ich heute noch Geld bekommen kann.“ Das wäre nicht schlecht, dann müsste ich nicht stehlen. Ich bin noch nie ohne Toni auf Beutezug gewesen. Bisher habe ich es nur ein einziges Mal selbst versucht. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das ganz allein hinbekomme.

Raphael geht, es wird bedrückend still
Als es Toni noch besser ging, ist mir gar nicht aufgefallen, wie trostlos es hier sein kann. Die gespannten Wäscheleinen, das gestapelte Geschirr, die verteilten Decken, alles sieht chaotisch aus. Der Kamin ist kalt, kein Funken glimmt mehr in der Asche.
„Ich mach dir noch ein Feuer an, dann besorge ich uns etwas zu essen“, sage ich Toni, auch wenn er mich wahrscheinlich nicht hören kann. Ich streichle ihm durch die verschwitzen Haare.
Er regt sich nicht.
„Mit dir zusammen, war wirklich alles einfacher, aber ich schaff das schon“, versuche ich mir einzureden.

Nachdem ich Feuer gemacht und Toni einen weiteren Schluck der Medizin verabreicht habe, mache ich mich auf den Weg.
Mit dem Rucksack auf dem Rücken, steuere ich als erstes den Markt an.
Es ist noch immer kalt, aber zumindest schneit es nicht mehr. Die Sonne scheint hell, vom strahlend blauen Himmel.
Einen Händler der Seife verkauft, habe ich schnell gefunden. Unser letztes Geld gebe ich für ein Stück Kernseife aus, lediglich noch zwei Cent halte ich in den Händen. Es ist wirklich zum verzweifeln.
Auf der Suche nach einer günstigen Gelegenheit, schlendere ich über den Markt.
Die Aufseher sind heute besonders wachsam. Gleich zwei von ihnen Patrouillieren jeweils an einem Ende des Marktes. Obwohl sie alle Menschen im Auge behalten, habe ich das Gefühl, sie beobachten nur mich.
Wie soll ich denn so jemanden beklauen? Als mir einer von ihnen entgegen kommt, senke ich den Blick, zügig laufe ich an ihm vorbei.
Warum nur bin ich so aufgeregt, ich habe doch noch gar nichts gestohlen?
Als der Mann hinter mir in der Menge verschwindet, versuche ich meine wirren Gedanken unter Kontrolle zu bringen. Der Kerl kann ja keine Gedanken lesen und hier sind so viele andere Diebe unterwegs, warum sollte er ausgerechnet mich bemerken?
Einen verstohlenen Blick werfe ich über die Schulter zurück. Der Mann ist nicht mehr zu sehen, sehr gut, dann kann ich mich ja endlich nach einer möglichst einfachen Beute umsehen.
Für eine Kraftbrühe, wäre etwas Gemüse nicht schlecht. Es gibt unzählige Stände hier. Die meisten Marktfrauen sind mit dem Abwiegen der Ware und dem Kassieren beschäftigt. Vielleicht sollte ich mich als erstes daran versuchen.
Toni hat sich an ihren Waren immer im Vorbeigehen bedient. Das muss doch auch für mich zu schaffen sein.
Eine dicke Frau mit fleckiger Schürze bedient gerade eine Gruppe Hausfrauen. Neben ihr steht ein junges Mädchen, dass hilft, die Waren einzupacken. Sicher ihre Tochter.
Eine junge Dame lässt sich ein Bund Möhren abwiegen, sie trägt einen prall gefüllten Korb unter dem Arm. Ganz oben auf, liegt ihre Geldbörse, ein ledernes Säckchen, das mir gut gefüllt scheint.
Das ist ja noch viel besser, als etwas zu Essen zu stehlen. Wenn ich das erbeuten und ungesehen verschwinden kann, brauche ich diese Woche vielleicht gar nicht mehr stehlen. Die Verlockung ist groß und die Gelegenheit günstig. Mir hämmert das Herz bis zum Hals.
Ich laufe nah an der Frau vorbei und greife zu. Die Hand mit dem Säckchen ziehe ich schnell wieder an mich, meinen Ärmel stülpe ich darüber. Ohne anzuhalten laufe ich weiter und verschwinde in der Menge.
Nichts, kein wilder Ruf der Frau nach einem Dieb, kein Mensch eilt mir nach. Ich laufe auf direktem Weg ans Ende des Marktes, um ihn zu verlassen.
Es ist sicher das Beste nicht hier das Geld auszugeben und zu riskieren, dass ich dieser Frau noch einmal über den Weg laufe. Auch wenn mich die Neugier zerfrisst, wie viel wohl in dem Beutel ist, nehme ich mir vor, ihn erst zu öffnen, wenn ich den Markt hinter mir gelassen habe.
Ich kann den letzten Stand schon sehen und beschleunige meine Schritte, als mich eine Hand am Arm packt und umdreht.
„Bleib stehen junger Mann!“, sagt eine tiefe Stimme.
Mir bleibt das Herz stehen.
Ich sehe an dem Kerl hinauf, es ist einer der beiden Aufseher. Wo kommt der denn auf einmal her? Er ist doch gar nicht in der Nähe gewesen, als ich die Frau bestohlen habe.
Hinter ihm löst sich eine junge Frau aus der Menge. Sie ist ganz außer Atem und stützt sich auf die Knie, als sie bei uns ankommt. Oh, verdammt, dass ist doch die mit dem Korb, die Möhren gekauft hat.
Ihr dicht auf den Fersen, ist die dicke Verkäuferin.
Der Aufseher dreht sich zu den beiden Frauen um. „Ist er das, Mam?“, will er von der Dicken wissen.
„Ja, ich habe es genau gesehen. Das ist der Junge!“
Wann haben die mich denn bemerkt? Verdammt! Es wäre ja auch zu schön gewesen.
Schuldbewusst meide ich ihre anklagenden Blicke.
Der Aufseher schiebt meinen Ärmel zurück. Bereitwillig lasse ich mir von ihm das Diebesgut abnehmen.
Der Aufseher gibt das Säckchen zurück, wehmütig schaue ich ihm nach.
Ich bin als Dieb einfach nicht zu gebrauchen.
„Schäme dich!“, schimpft die dicke Händlerin.
„Warum sollte ich?“, murmle ich. Ich habe Hunger und einen schwerkranken Freund, der dringend eine anständige Mahlzeit braucht. Sie aber sieht so aus, als wenn sie mehr als genug zu Essen hat. Grimmig schaue ich sie an.
„Dieb! Sperren sie ihn am besten ein!“, schnauzt die Möhrenkäuferin.
Ängstlich betrachte ich den Aufseher, der mich noch immer am Arm festhält. Er darf mich nicht einsperren. Wer kümmert sich denn dann um Toni? „Darf ich jetzt gehen? Sie hat doch ihr Geld wieder“, frage ich.
Der finstere Blick des Mannes wandert von mir auf meinen Rucksack. „Was ist da drin?“
„Nichts, die Sachen habe ich gekauft“, protestiere ich. Seine Finger versuche ich von meinem Arm zu lösen.
„Erzähl mir keine Märchen Junge! Los her damit!“ Er dreht mich und packt den Rucksack.
„Nein!“ Den bekommt er nicht. Dafür hat mein Bruder eine ganze Woche arbeiten müssen. Energischer versuche ich mich loszureißen.
Der Blick des Mannes wird verbissen. „Jetzt halt still!“, sagt er.
Ich denke nicht daran. „Lass los! Das gehören mir, ich habe es gekauft“, schreie ich und schlage seine Hände.
Er erhebt die Faust und schlägt zu. Sein Handrücken trifft mein Gesicht, einmal, zweimal.
Entsetzt sehe ich ihn an. Meine Wangen beginnen zu feuern, ich kann spüren, wie mein Blut darin pulsiert.
Mit aller Gewalt reißt er mir den Rucksack von den Schultern und stößt mich zu Boden.
Ich falle in einen angetauten Schneeberg, vor dem sich eine Pfütze gebildet hat. Ungläubig sehe ich auf. Wieso glaubt mir der Kerl denn nicht? Den Geldbeutel habe ich doch anstandslos wieder hergegeben, aber die Sachen gehören wirklich mir.
Er öffnet den Reißverschluss.
Ich kämpfe mich auf die Beine. Mit aller Kraft reiße ich an meinem Rucksack. „Wir brauchen die Seife, gib das her!“ Immer wieder schlage ich auf seine Hände ein.
Einige der Passanten bleiben stehen.
Zwei Männer lösen sich aus der Masse. Im Augenwinkel sehe ich sie zu uns kommen. Einer von ihnen packt meine Arme, der Andere schlägt unvermittelt zu. Ein Fausthieb bohrt sich in meinen Magen.
Ich stöhne gequält.
„Diebesgesindel!“, schreien sie und stoßen mich in die Pfütze zurück.
Ich schlinge meine Arme um den schmerzenden Bauch.
Noch mehr Menschen bleiben stehen, sie gaffen mich an, hinter vorgehaltener Hand tuscheln sie.
Der Aufseher kramt die Seife aus meinem Rucksack, leer wirft er ihn mir vor die Füße, dann dreht er sich um.
„Gib das wieder her!“ Ich stemme mich hoch, will ihm nacheilen, doch die beiden Männer von eben, stellen sich mir in den Weg. Der Größere erhebt erneut seine Faust, doch ich blocke ihn mit dem Arm ab. Grob stoße ich ihn weg. Ich versuche mich an den Passanten vorbei zu schieben, doch sie lassen mich nicht durch. Immer wieder stoßen mich ihre Hände zurück.
Die beiden Männer packen meine Arme, sie werfen mich zu Boden. „Verschwinde Abschaum!“, brüllen sie und treten nach mir.
Ich ziehe die Arme vors Gesicht.
„Warum schaffen sie ihn nicht zur Polizei? So ein Gesindel muss verhaftet werden“, will die Dicke wissen, sie verschwindet mit der jungen Frau in der Maße.
„Wenn wir jeden Langfinger einsperren, haben wir keinen Platz mehr, für die richtigen Verbrecher“, erklärt der Aufseher, bevor sich auch seine Stimme verliert.
Ich bin kein Gesindel. Diese fiesen Typen. Immer noch treffen mich ihre Tritte, während die Menschen um uns herum gaffen. Keiner kommt auf die Idee einzugreifen.
Als die beiden Männer endlich von mir ablassen, sind meine Arme blau und geschwollen. Hasserfüllt sehe ich zu ihnen auf. Sie spucken auf den Boden, auf dem ich liege, dann verschwinden auf dem Markt. Auch die Traube der Schaulustigen löst sich auf. Keiner wirft mehr einen Blick auf mich.
Schwerfällig stemme ich mich auf meine schmerzenden Arme. Als ich aufstehe, dreht sich alles, ich sacke wieder in die Pfütze.
Meine Klamotten sind voller Schlamm und klatsch nass. Mir ist kalt.
Mein Blick fällt auf den leeren Rucksack.
Wie erkläre ich Raphael, dass mir der Aufseher alles weggenommen hat? Was soll jetzt werden, ohne Geld, ohne Topf und Seife?
Ich presse den Rucksack an meinen Oberkörper, dann rutsche ich so weit zurück, bis ich die Wand eines Hauses im Rücken spüren kann. Halt suchend, lehne ich mich an sie.
Mein Bruder hat so hart für die paar Dollar gearbeitet und ich hab alles verloren. Tränen überwältigen mich. Warum bekomme ich das denn einfach nicht hin? Ich habe es doch genau so gemacht, wie an dem Tag mit Toni. Mit leeren Händen, kann ich unmöglich nach Hause gehen.
Immer mehr Tränen fluten meinen Blick, sie laufen mir die Wange hinab.
Wie ich dieses Leben hasse! Ich will wieder nach Hause.
Die Beine ziehe ich eng an den Körper und lege meinen Kopf auf die Knie. Laut schluchzend heule ich, bis ich einen Blick auf mir spüren kann. Noch so ein gaffender Marktbesucher, der sich auf meine Kosten lustig macht? Ich sehe auf.
Die Menschen laufen teilnahmslos an mir vorbei.
Habe ich mich geirrt? Das seltsame Gefühl, angesehen zu werden, verschwindet nicht. Ich schaue mich weiter um, bis ich ein Augenpaar ausmachen kann, dass mich aus einer Seitenstraße heraus anschaut.
In einem Pappkarton, liegt die dürre Gestalt eines Jungen. Seine hellblauen Augen schauen mich direkt an. Sein dünner Arm reicht aus dem Karton heraus, kraftlos liegen seine blauen Finger auf den Pflastersteinen. Seine Kleidung ist zerschlissen und fleckig, seine Haare stehen wie Stroh von seinem Kopf ab. Über die Füße hat er Zeitungspapier gelegt, es wird vom Wind bewegt. Es hebt so weit ab, dass man seine schmutzigen Füße sehen kann. Die Zehen sind ebenfalls blau. Sein Gesicht ist maskenhaft, nur seine Augen strahlen noch einen Funken Kampfgeist aus.
Ich schaue mich in der Straße um.
Außer mir, nimmt niemand die zerlumpte Kindergestalt am Straßenrand wahr. Teilnahmslos laufen sie alle an uns vorbei. Die wenigen Blicke, die sich in unsere Richtung verirren, sind angewidert.
Ich wusste gar nicht, dass Menschen so sein können. Von den Passanten wandert mein Blick zurück in den Pappkarton.
Die Augen des Jungen sind teilnahmslos geworden. Er erfriert, verhungert oder beides.
Ich wische mir die Tränen vom Gesicht und schultere meinen Rucksack, dann zwinge ich mich auf die Beine. Die wenigen Schritte bis in die kleine Gase habe ich schnell getan. Ich knie mich zu ihm.
Der trübe Schleier über den blauen Augen legt sich, furchtsam schauen er zu mir auf. Der Junge versucht vor mir zurückzuweichen, doch er sackt kraftlos zurück.
„Hab keine Angst“, sage ich und bemühe mich um ein Lächeln, auch wenn es in meinen geschwollenen Wangen schmerzt.
Er schaut noch immer ängstlich.
„Bist du ganz allein hier? Hast du keine Eltern, kein zu Hause?“, sprudeln all meine Gedanken aus mir heraus.
Das Kind schüttelt den Kopf.
„Wie heißt du?“
Er zuckt mit den Schultern. Hat er wirklich keinen Namen, oder versteht er nur meine Sprache nicht? Sein Hautton ist etwas dunkler als meiner, gut möglich, dass er das Kind einer Einwandererfamilie ist und wirklich eine andere Sprache spricht. Der Blick des Knaben verliert sich.
Von seinen trüben Augen wandert meine Aufmerksamkeit seine Beine hinab, zum Zeitungspapier. Ich hebe es an und kann seine blauen Zehen nun ganz deutlich sehen. Das ist sicher schmerzhaft. Wie lange er hier wohl schon liegt?
Als ich dem Kind wieder ins Gesicht sehe, beginnen sich seine Augen zu schließen. Ich schlage ihm leicht auf die Wange. „Hey, bleib wach!“
Er schaut erschrocken auf, doch sein Blick bleibt leer. Der Knabe muss unbedingt ins Warme.
„Ich nehme dich mit!“, entscheide ich und greife in den Karton.
Erschrocken mustern mich seine blauen Augen. Er schlägt nach mir, doch viel zu schnell fallen seine Arme kraftlos an ihm herab. Als ich ihn mir auf den Rücken lade, kommt keine Gegenwehr mehr. Er ist so leicht, dass ich sein Gewicht beim Aufstehen kaum spüren kann.
„Schön wach bleiben!“, sage ich.
Von dem Kind kommt nur ein leises Murren. Sein ruckartiger Atem schlägt mir gegen den Hals.
Ich mache mich auf den Heimweg.
„Hab keine Angst! Ich bring dich in unser Kaminzimmer, dort ist es schön warm“, sage ich.
Er stöhnt leise.
Na zumindest scheint er noch wach zu sein, also rede ich einfach weiter: „Wir haben noch ein paar Äpfel, davon kannst du welche haben. Magst du Äpfel?“
„Hm...“, antwortet er.
„Hast du wirklich keinen Namen?“
„N … Ne“ Die Lippen des Knaben zittern, er bringt kein Wort heraus. Trotzdem soll er es ruhig versuchen, dass hält ihn wenigstens munter.
Wir haben immer noch die Hälfte der Strecke vor uns. Allmählich macht sich selbst sein Fliegengewicht auf meinem Rücken bemerkbar. Die ersten Schweißperlen rinnen mir die Stirn hinab. „Hast du keine Eltern mehr?“, frage ich, um mich abzulenken.
Der Junge schüttelt mit dem Kopf.
„Ich habe auch keine mehr, aber dafür einen großen Bruder.“
Sein Stöhnen haucht gegen meinen Hals, es ist leiser als zuvor. Der Kopf des Kindes fällt zur Seite.
„Hey, nicht einschlafen!“ Ich werfe ihn ein Stück hoch, damit er wieder munter wird.
„Mhm“, murrt er deutlich lauter.
Es ist nicht mehr weit, ich kann die Fabrik schon sehen. Er muss nur noch ein bisschen durchhalten. Krampfhaft grüble ich über ein neues Gesprächsthema. „Wenn du keinen Namen hast, dann sollten wir uns einen für dich ausdenken.“
Er versucht den Kopf anzuheben, doch es gelingt ihm nur für einen kurzen Moment, dafür spüre ich seinen durchdringend Blick wieder deutlicher auf mir.
„Welcher würde dir denn zusagen?“
Er zuckt mit den Schultern.
„Fällt dir nichts ein?“
Der Junge schüttelt mit dem Kopf.
„Mhm, dann nenne ich dich Streuner, bis dir einer eingefallen ist.“ Irgendwie finde ich den Namen passend. Er streunt bestimmt schon lange ganz allein durch die Stadt.
Von dem Kind kommt keine Antwort. Als ich zur Seite schaue, um einen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen, lächelt er breit.

Als wir das Fabrikgelände erreichen, schlingt er seine Arme fester um meinen Hals.
„Nur keine Sorge, das Kaminzimmer sieht besser aus“, versichere ich ihm.
Wir erreichen das Zimmer, Licht flackert unter dem Spalt der Tür. Obwohl sie noch geschlossen ist, kann man die Wärme spüren.
Streuner streckt die Finger aus. Es wird wirklich Zeit, dass er sich aufwärmen kann.
Ich öffne die Tür und trete ein. „Toni, ich bin wieder zurück. Ich hab uns Jemanden mitgebracht.“
Toni liegt noch so da, wie ich ihn zurück gelassen habe, mit dem nassen Stofffetzen auf der Stirn, die Augen geschlossen. Seine Atmung ist stockend.
Seufzend betrachte ich ihn einen Moment lang, bis mir das Kind auf meinem Rücken wieder einfällt. Ich gehe weiter bis zum Kamin. Den Knaben setze ich davor ab, dann hole ich eine Decke.
Der Junge fällt wie ein gefrorener Stein, zur Seite um.
Ich beeile mich ihn in die Decken einzuwickeln, dann setze ich mich hinter ihn. Mit dem Kind im Arm, rutsche ich näher ans Feuer heran, seine dünnen Arme reibe. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät.
„Gleich wird dir wieder wärmer“, sage ich.
Seine Hände greifen nach den Flammen, ich muss sie immer wieder zurück drücken, damit er sich nicht verbrennt. Spürt er die Hitze denn gar nicht, ist sein Körper so taub? Er versucht es noch Mal, dann zieht er sie von selbst zurück, eng presst er sie an seinen Brustkorb. Gequälte Laute gibt er von sich.
Ich kann mich noch viel zu gut daran erinnern, wie es bei mir war, als ich nach dem Sprung in den Fluss, wieder aufgetaut bin. So wie seine Finger und Zehen aussehen, muss das bei ihm noch viel schlimmer sein.
„Zeig her!“ Ich nehme mir seine rechte Hand, die er so krampfhaft an sich presst.
Die Fingerkuppen sind noch immer blau angelaufen.
Vorsichtig öffne ich seine Faust.
Er schreit auf, aber da muss er jetzt durch.
„Ja, das tut weh, dass glaub ich dir.“ Ich führe seine Hand näher zum wärmenden Kaminfeuer. Seine Handfläche und Finger massiere ich mit dem Daumen, in der Hoffnung, das warme Blut fließt wieder vor bis in seine Fingerkuppen.
Streuner beißt die Zähne fest zusammen. Ganz langsam verschwindet die dunkle Farbe. Seine krampfenden Finger öffnen sich immer weiter, sie werden warm.
Erleichtert atme ich durch. Ich gebe seine Hand frei und schau mir die andere an.
Auch sie hat er zur Faust geballt.
Als ich sie öffne, schaut er verbissen, seine Arme zittern. „Aua, aua!“
Wenn er die Finger so eng zusammen presst, staut sich das Blut darin, er muss sie öffnen, auch wenn es weh tut. Ich bleibe hart und schiebe seine Faust auf. Ich massiere auch hier das warme Blut aus seiner Handmitte in die Fingerkuppen.
Tapfer lässt er die Prozedur über sich ergehen, verbissen betrachtet er die blauen Fingerkuppen, die zunehmend heller werden.
Als sich seine Finger langsam entspannen, gebe ich seine Hand frei, stattdessen grabe ich seine Füße aus der Decke.
Sie sind schon wesentlich heller, als ich sie in Erinnerung habe, doch alle zehn Zehen sind blau, die kleinen an ihrer Spitze schon fast schwarz.
Streuner streckt die Beine nach dem Feuer aus, er beugt sich nach vorn. Mit schmerzverzerrtem Gesicht, knetet er seinen linken, dann den rechten Fuß. Mittlerweile sitzt er aus eigener Kraft. Je mehr der kleine Kerl auftaut, um so koordinierter erscheinen mir seine Bewegungen.
Das erleichtert mich. Auf dem Weg hier her, dachte ich die ganze Zeit, er würde mir wegsterben, doch nun wird er mit jeder Minute lebendiger. Seine Wangen sind bereits knallrot. Seine Zehen nehmen allmählich eine tiefrote Farbe an.
Ich löse mich von ihm und stehe auf. So dürr, wie er ist, hat er sicher schon lange nichts mehr gegessen. Wir haben zwar nur Äpfel, aber das ist immer noch besser, als gar nichts.
Vom Fensterbrett hole ich die große Schale, in der unser letzter Vorrat liegt. Es sind nur noch zehn Stück übrig und die sehen auch nicht mehr besonders gut aus. Überall haben sie braune Flecke, die Schale ist bereits schrumplig, doch mehr kann ich ihm nicht anbieten.
Die Schüssel reiche ich dem Knaben.
Er sieht mich mit großen Augen an.
„Nimm dir ruhig welche. Ich weiß schon, die sehen nicht mehr so gut aus, aber ...“, sage ich.
Er nimmt sich zwei der Äpfel, gierig verschlingt er sie.
Jetzt wo die größte Sorge, um sein Wohlbefinden überstanden ist, habe ich Zeit genug, seine verwahrlosten Haare und den starken Geruch nach abgestandenem Schweiß und Urin deutlich wahrzunehmen.
Nicht nur die dreckigen Klamotten brauchen eine Wäsche, Streuner muss auch dringend geschrubbt werden. Im Gesicht, den Armen, Beinen und Händen, überall klebt Dreck. Das Gewirr in seinen viel zu langen Haaren, wird auch kein Kamm mehr bändigen können. Die müssen ab und zwar so kurz wie möglich, entscheide ich und stelle die Schüssel vor dem Kind ab.
Während er mit essen beschäftigt ist, hole ich mir eine leere Schale und aus der Werkzeugkiste eine Schere. Als ich mich neben ihm niederlasse, schaut er nicht einmal auf. Auch die ersten Büschel Haare, kann ich ihm abschneiden, ohne das es ihn kümmert.
Erst als ich eine ganze Hand voll davon, in die leere Schale werfe, wandert sein Blick vorwurfsvoll an mir hinauf. Während er mich fragend mustert, läuft ihm, von den vollgestopften Backen, der Saft herab.
„Du siehst aus wie ein Vogelnest. Die müssen ab!“, sage ich streng.
Er betrachtet mich einen Moment, dann schaut er in die Schüssel. Schließlich zuckt er mit den Schultern und beißt ein großes Stück aus seinem Apfel.
Ich nehme das als sein Einverständnis und befreie seinen restlichen Kopf von dem wirren Gestrüpp, dass auf ihm gewachsen ist. Als ich fertig bin, hat er gerade noch einen Daumen breit Haar. Die Schüssel ist voll bis oben hin. Hoffentlich sind damit auch alle möglichen Schädlinge beseitigt.
Ich stehe auf. Die Haare kippe ich aus dem Fenster. Läuse und Flöhe können wir jetzt wirklich nicht gebrauchen.
Streuner isst in der Zwischenzeit seinen fünften Apfel, er lässt nicht mal das Gehäuse übrig.
Ich gehe zu ihm zurück. Zwei der Äpfel lege ich Streuner vor die Füße, die Restlichen stelle ich mit der Schale auf das Fensterbrett. Während ich den Knaben beobachte, esse ich selbst einen.
Er braucht auf jeden Fall Wasser und frische Klamotten. Meine werden ihm zwar zu groß sein, aber was anderes habe ich nicht für ihn. Die Stofffetzen, die er jetzt trägt, sind es nicht wert sie zu waschen.
Aber zuerst muss ich den Kerl waschen. Ob unter dem ganzen Dreck tatsächlich ein Menschenkind steckt? „Ich geh Wasser holen. Bin gleich wieder zurück“, sage ich.
Streuner ist so beschäftigt, dass er sich nicht umdreht. Selbst als ich mit dem vollen Eimer zurück komme, hat er sich nicht von der Stelle bewegt.
Ich hole mir einen unser Putzlappen und setze mich zu ihm.
Er schaut auf. Wieder sind seine Backen prall gefüllt.
Das ist so lustig anzusehen, dass ich über ihn schmunzeln muss. „Zieh deine Lumpen aus!“, sage ich.
Streuner sieht an sich herab, er betrachtet die Stofffetzen, die von seinem Körper hängen. Kopfschüttelnd sieht er wieder zu mir.
„Doch, die sind dreckig und nicht mehr zu gebrauchen! Außerdem musst du dich waschen! Du stinkst!“
Er riecht an seinem Oberteil und zuckt mit den Schultern.
„Jetzt zieh dich schon aus! Ich gebe dir was von meinen Sachen, die sind dir zwar zu groß, aber immer noch besser, als die Fetzen da.“
Wieder sieht der Knabe an sich hinab, schließlich streift er sich das zerlumpte Shirt über den Kopf, auch seine zerrissen Hose zieht er aus.
Als er sonst nichts mehr an hat, reiche ich ihm den Lappen und schiebe den Eimer zu ihm. Waschen kann er sich selbst, dazu braucht er mich hoffentlich nicht.
Er zögert, das Wasser betrachtet er, als wenn es beißen würde. Schließlich nimmt er den Lappen, tupft sich das Gesicht ab und strahlt mich dann an, den Lappen gibt er mir zurück.
Mein Blick wird ernst, ich weigere mich den Lappen anzunehmen. „Nein, richtig! Von Kopf bis Fuß, bis man deine Hautfarbe erkennen kann.“
Streuner streckt die Arme nach vorn, er dreht sie hin und her. schließlich lässt er sich in den Schneidersitz fallen und beginnt sich mit dem Lappen abzureiben. Er muss etliche male über die selbe Stelle gehen, damit sich der verkrustete Dreck löst.
Ich angle mir in der Zwischenzeit eine Hose und Pullover von den Seilen. Beides werfe ich dem Knaben vor die Füße, seine Lumpen hebe ich auf und werfe sie ins Kaminfeuer.
Erschrocken sieht Streuner ihnen nach, dann richtet er einen vorwurfsvollen Blick auf mich.
Ungerührt schaue ich zurück. „Die sind nicht mehr zu retten gewesen. Ich will auch gar nicht wissen, welche Tiere da drin herumgekrabbelt sind.“
Wir liefern uns ein stummes Gefecht, stur sehen wir uns an. Irgendwann seufzt Streuner und widmet sich der Wäsche seiner Beine.
Ganz langsam kommt tatsächlich ein Mensch unter dem ganzen Dreck zum Vorschein. Kein Vergleich, zu dem verwahrlosten Häufchen Elend, dass ich gefunden habe. „Fertig!“, verkündet er. Den Lappen wirft er in den Eimer. Das Wasser darin ist schwarz.
„Gut dann zieh dich an, bevor dir wieder kalt wird!“ Ich nehme mir den Eimer und trage ihn zum Fenster. Ich leere ihn, dann sehe ich nach Streuner.
Meine Klamotten sind ihm viel zu groß, die dünnen Ärmchen verlieren sich in den Ärmeln, die Hose rutscht ihm im Stehen von den Beinen. Er muss sie mit den Händen oben halten.
Oh je, so kann er nirgendwo hin gehen, da müssen wir uns wirklich etwas einfallen lassen.
Mein Blick wandert an unsere Seilkonstruktion, die sich durch den ganzen Raum spannt. Eines davon ist kurz genug, das könnte vielleicht gehen. Ich löse die Knoten, die es mit den anderen Seilen verbindet und nehme es mit. Bei Streuner angekommen, binde ich es dem Jungen um den Bauch. Für den Moment wird das reichen, aber in Zukunft, braucht er eigene Klamotten.

„Enrico? Was machst du da? Wer ist das?“ Erschrocken fahre ich zusammen und schaue auf.
Mein Bruder steht im Türrahmen, er betrachtet mich vorwurfsvoll.
Streuner versteckt sich hinter meinen Beinen, ängstlich lugt er hervor.
„Das ist Streuner, er wohnt ab heute bei uns“, sage ich.
Der Blick meines Bruders bleibt ernst. Er zieht eine Augenbraue fragend in die Höhe. „Streuner?“
„Ja, er weiß seinen Namen nicht, also habe ich ihn so genannt.“
„Enrico, das ist ein Kind und kein Hund. Wo hast du ihn überhaupt her?“ Mein Bruder tritt ein und schließt die Tür nach sich.
„Ich habe ihn in einem Pappkarton gefunden, er wäre fast erfroren.“
„Ja und? Was geht es uns an?“
Ist das sein ernst? Wütend schaue ich ihn an. „Hättest du ihn etwa sterben lassen?“
Mein Bruder sieht von mir zu dem Jungen, er mustert ihn einen Moment lang stumm.
„Ja hätte er, genauso, wie die anderen fiesen Menschen dort!“, mischt sich Streuner in unsere Unterhaltung. Er sieht Raphael stur an.
Erstaunt betrachte ich ihn. So energische Worte habe ich ihm gar nicht zugetraut.
Als ich wieder zu meinem Bruder sehe, schaut der nachdenklich vor sich hin. Schließlich seufzt er und wendet sich wieder mir zu. Er will noch etwas sagen, doch je länger er mich betrachtet, um so besorgter wird sein Blick. Raphael nimmt mein Kinn in die Hand. Mein Gesicht dreht er hin und her, um es von allen Seiten betrachten zu können.
Ich meide seinen besorgten Blick. „Ich bin erwischt worden“, sage ich leise. Dank Streuner habe ich den Vorfall komplett vergessen, doch jetzt frisst sich das Schuldgefühl, in meinen Magen.
„Hab ich dir nicht gesagt, du sollst aufpassen?“
Ich seufze. „Tut mir leid, ich habe auch schon Seife gekauft gehabt, doch die hat mir der Aufseher auch weggenommen“, sage ich und kann nicht anders, als zu heulen. „Es tut mir leid! Ich weiß, wie schwer du für das Geld gearbeitet hast. Ich wollte mir die Sachen zurück holen, aber die Leute auf dem Markt, haben dem Aufseher geholfen. Zwei Männer haben mich zusammengeschlagen, einfach so!“
Raphael umarmt mich. „Schon gut, Hauptsache du bist ihnen entkommen. Ist denn noch alles dran?“ Er schiebt mich von sich, er betrachtet mich besorgt.
Erleichtert atme ich durch, die Tränen wische ich mir aus dem Gesicht.
„Passe in Zukunft besser auf dich auf!“, sagt Raphael. Sein Gesicht ist angespannt. Irgendetwas belastet ihn.
„Alles okay?“, frage ich.
„Ja!“, entgegnet er und geht an uns vorbei zum Kamin. Während er sich die Hände am Feuer wärmt, schaut er nachdenklich in die Flammen. „Ich habe ein Jobangebot bekommen“, sagt er zögernd und so, als wenn das etwas Schlechtes wäre.
„Ja und? Das klingt doch gut.“
Er lächelt bitter. „Ja, die Bezahlung ist gut. Für zwei Wochen einhundert Dollar. Der Haken ist nur, ich wäre für diese zwei Wochen nicht hier.“
Fragend betrachte ich ihn, den Kopf lege ich schief.
„Die brauchen jemanden, der einen Lastwagen begleitet und beim Be- und Endladen hilft.“ Nachdenklich wende ich meinen Blick ab. Zwei ganze Wochen ohne ihn? Das würde ja bedeuten, ich bin hier mit Toni und Streuner ganz allein. Sein erster Lohn wird ganze zwei Wochen auf sich warten lassen. Wir sind pleite und haben nur noch die paar Äpfel.
„Ich habe noch nicht zugesagt, aber wir könnten das Geld wirklich gut brauchen, besonders wenn du jetzt anfängst, irgendwelche Kinder von der Straße einzusammeln.“ Er wirft Streuner einen finsteren Blick zu.
Der Junge sieht unbeeindruckt zurück, bleibt aber im Schatten meiner Beine.
Nachdenklich betrachte ich Streuner. Wie soll ich uns drei durchbringen, bis Raphael wieder zurück ist?
„Meinst du, ihr kommt allein zurecht?“, fragt Raphael.
Ich verschränke die Arme. Auf meiner Haut leuchten überall blaue Flecke. Von meinen Verletzungen wandert meine Aufmerksamkeit auf Toni. Sein Atem geht noch immer schwer. So schnell wird er wohl nicht wieder gesund werden.
„Ich weiß es nicht. Mit Toni zusammen, wäre es kein Problem, aber allein, bin ich kein besonders guter Dieb.“
„Ich kann mir auch etwas anderes suchen“, schlägt Raphael vor.
„Nein, fahr nur. Für das selbe Geld müsstest du hier drei Monate arbeiten. Ich bekomme das schon irgendwie hin.“

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Nur wer die Hölle kennt, weiß den Himmel zu schätzen.
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31. Kapitel ~Streuner~
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