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 25. Kapitel ~Schlechte Nachrichten~

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Enrico
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BeitragThema: 25. Kapitel ~Schlechte Nachrichten~   So März 13, 2016 4:52 pm

25. Kapitel
~Schlechte Nachrichten~

Den restlichen Tag sind wir damit beschäftigt die beiden Räume herzurichten. Die Fenster tauschen wir einfach im ganzen, gegen welche aus anderen Räumen, so zieht es zumindest nicht mehr. An den kaputten Wänden, von denen der Putz herab fällt, können wir allerdings nicht viel tun. Wenn wir wenigstens etwas Farbe auftreiben könnten. Aber im Moment muss es eben erst mal so gehen. Zumindest ist nun der Boden und das Fensterbett saubere, aber bis auf Tonis Gitarrenkoffer, bleiben sie leer. Wir haben keine Möbel und in Anbetracht des nahen Winters, werden wir die Nächte wohl weiterhin zu dritt im Kaminzimmer verbringen müssen. Ich finde es jetzt schon blöd, mir dort einen eigenen Schlafplatz suchen zu müssen. Wenn wir nur irgendwo richtige Betten her bekommen könnten, mit dicken Federdecken und Kissen. Dann wäre es kein Problem, in unseren neuen Zimmern auch ohne Kamin zu übernachten. Eines würde ja reichen, aber das wird vorerst ein Traum bleiben.

Der Tag verfliegt und heute wird es besonders früh dunkel. Ich hole gerade noch die Wäsche von der Leine, als schon die Laternen auf der nahen Straße angehen. Von Raphael fehlt noch immer jede Spur. Hat Toni nicht behauptet mein Bruder wolle vor Einbruch der Dunkelheit wieder zurück sein? Hat er wirklich Arbeit gefunden? Hoffentlich ist er keinem von diesen Drachen über den Weg gelaufen. Ich schaue noch einmal die Straße entlang. Niemand ist dort zu sehen. Hier her scheint sich allgemein keine Menschenseele zu verirren. Seufzend wende ich mich ab und hebe die letzte Decke vom Seil. Ich lege sie zusammen und trage sie mit den restlichen Sachen ins Kaminzimmer.
Als ich eintrete, sitzt Toni vor dem Kamin und wirft Holz und Stöcke hinein, zwischen diese stopft er altes Zeitungspapier und zündet es an. Sein Blick geht besorgt in die Streichholzschachtel.
„Wir haben nur noch drei Stück!“, stellt er fest. Das ist schlecht, ohne Feuer wird es hier ganz schön ungemütlich werden. Ich schaue aus dem Fenster in den Hof. Noch haben wir genug Sträucher, die wir zersägen und verbrennen können, aber wenn wir das Feuer Tag und Nacht am Leben erhalten müssen, nur weil wir keine Streichhölzer mehr haben, kommen wir nie über den Winter.
„Hoffentlich hat Raphael Glück und konnte etwas verdienen“, entgegne ich und lege die Decken zu den anderen am Boden.
„Er ist schon ziemlich lange weg!“ Ich nicke zustimmend. Das macht mir auch Sorgen, hoffentlich ist ihm nichts passiert.
„Meinst du die Drachen haben ihn ...“, traue ich mich kaum zu fragen.
„Nein! Dann wären sie bereits hier!“, entgegnet Toni trocken und wirft noch einen Stock ins Feuer.
„Glaubst du mein Bruder würde uns verraten?“, fahre ich ihn ernst an.
„Freiwillig nicht, aber die haben ihre Methoden!“ Na toll! Das will ich nicht hören! Warum muss er bei diesem Thema immer so knallhart die Wahrheit sagen? Kann er mich nicht einfach mit irgendwas beruhigen? Jetzt mach ich mir nur noch mehr Sorgen. Ich nehme unseren Wasservorrat und die Schüsseln mit dem Obst vom Fensterbett und setzte mich dort, damit ich hinaussehen und die Straße im Auge behalten kann. Noch immer ist dort niemand unterwegs, nur eine Ratte huscht auf der Suche nach Abfällen über die Gehwege. Was wenn er nicht wieder kommt? Ich weiß doch gar nicht, wo ich in dieser großen Stadt nach ihm suchen soll. Ich ziehe die Beine enger an den Körper und schlinge meine Arme darum. Wo bleibt er nur? Sonst konnte ich mir immer einreden, dass er noch Überstunden macht, aber jetzt? Wenn er nirgendwo Arbeit gefunden hat, dann kann er doch einfach zurück kommen. Bitte, ihm darf einfach nichts zugestoßen sein! Er ist doch alles, was mir geblieben ist! Den Kopf lehne ich gegen die kalte Scheibe und suche noch immer die leere Straße nach ihm ab. Nichts, kein Wagen, keine Kutsche, keine Menschenseele, nur die Ratte kommt zurück und wechselt die Straßenseite. Mein Atem beschlägt die Scheibe und bildet einen immer größer werdenden Kreis. Raphael, dieser Idiot! Warum muss er auch immer alles allein klären wollen. Wir hätten uns doch zusammen etwas suchen können, womit wir ein bisschen Geld verdienen. Nur weil er der Älteste ist, muss er doch nicht alles allein regeln.
Eine Zeitung weht vom Gehweg auf die Straße, Tropfen fallen vom Himmel und werfen kleine Punkte auf den Asphalt. Es werden immer mehr, bald ist der Boden schwarz. Na toll, jetzt regnet es auch noch und mein Bruder hat nicht mal einen Schirm. Ich seufze und lasse den Kopf auf die Knie fallen. Das ungute Gefühl in meinem Magen wird immer schlimmer, mir ist schon ganz schlecht davon. Wenn ich doch nur irgend etwas tun könnte. Aber kopflos in der Dunkelheit herum zu irren und ihn zu suchen, hilft uns sicher auch nicht weiter, außerdem weiß ich ja noch nicht einmal, wo er hin wollte.

„Enrico?“ Tonis Hand berührt mich an der Schulter, ich kann seinen besorgten Blick auf mir spüren, doch ich will nicht aufsehen.
„Deinem Bruder geht es sicher gut. Er hat doch meine Pistole mitgenommen.“ Versucht er mich damit aufzumuntern? Wenn er wirklich auf die Waffe zurückgreifen muss, ist es doch schon fast zu spät. Ich atme nur schwer durch und schaue wieder aus dem Fenster. Nichts, nicht mal die Ratte ist zu sehen, dafür kratzt es an der Tür. Erschrocken wende ich mich in die Richtung des Geräusches. Ein Schatten ist unter dem Spalt der Tür zu sehen, dann kratzt es wieder.
„Mauuu!“, klagt eine helle Stimme. Ich fasse mir ans Herz. Es ist nur Tonis Kater. Den ganzen Tag streunt der schon durch die Fabrik und den Hof, doch jetzt wo es regnet, will er sicher ins Warme. Toni geht zur Tür und lässt den Perser herein. Ein weißer Kopf mit Dreck und Spinnweben in den Ohren und Barthaaren tritt ein. Im Maul trägt er eine fette Maus, die er stolz herein bringt. Na zumindest kann er sich offensichtlich selbst versorgen. Das weiße Fell des Katers ist nass, am Bauch ist es verfilzt und dreckig. Wo er sich wohl herumgetrieben hat? Mit hoch erhobenem Haupt stolziert er herein und macht es sich auf eine der Decken gemütlich. Die Maus lässt er fallen. Sie liegt einen Moment reglos zwischen seinen Pfoten und rennt dann davon. Die hat noch gelebt? Die Maus verschwindet zwischen unseren Decken und der Kleidung. Super, jetzt müssen wir unser Nachtlager mit diesem Ungeziefer teilen. Blöder Kater, liegt dort seelenruhig und sieht zu, wie die Maus entkommt.
„Snowflake! Was hast du uns da angeschleppt?“, schimpft Toni und jagt der Maus nach. Der Kater aber bleibt ungerührt liegen und beginnt sein Fell vom Dreck zu befreien. In aller Seelenruhe beobachtet er Toni dabei, wie er vergeblich versucht die Maus in unseren Decken zu finden. Als ich nicht sofort aufstehe und reagiere, wirft er mir einen grimmigen Blick zu.
„Hilf mir gefälligst! Wir müssen sie finden, wenn wir heute Nacht in Ruhe schlafen wollen!“ Na schön, wenn es sein muss, das lenkt wenigstens ab. Während Toni unter der Decke nach sieht, unter der die Maus als erstes verschwunden ist, sammle ich alle anderen ein und schüttle sie aus, dann lege ich sie auf das Fensterbrett. Eine Fußlänge von mir entfernt, bewegt sich etwas, ein spitzer Mäusekopf schaut unter einem Kissen hervor, doch als ich mich danach bücke, flüchtet sich das Tier unter die nächste Decke. Wir jagen ihr beide nach und halten jeder zwei Längsseiten der Decke zu. Eine Beule im Stoff verrät wo sie sitzt. Sie bewegt sich, von rechts nach links. Neben Toni taucht sein Kater auf. Dieses Spiel scheint seine Aufmerksamkeit geweckt zu haben. Er tritt auf die Decke und tapst die Beule an, die augenblicklich die Richtung wechselt. Der Kater jagt ihr nach, er springt und landet mit den Krallen voran auf dem Mäuserücken. Ein leise Quietschen ist zu hören, die Beule flüchtet erneut.
„So hilfst du uns nicht, geh runter!“, versucht Toni den Perser zu verjagen, doch der hat gefallen daran gefunden und springt kreuz und quer über die Decke und rennt auch uns immer wieder um.

„Was macht ihr da schon wieder?“, raunt uns eine tiefe Stimme müde an. Toni nimmt die Hände von der Decke, die Maus springt heraus und flüchtet durch die offene Tür, dicht gefolgt vom Kater. Die Gestalt im Türrahmen, kann gerade noch so den linken Fuß heben, um ihnen Platz zu machen. Sie sieht den Tieren nach, doch nur kurz und ohne besonderes Interesse. Die Haare hängen ihm tief im Gesicht, seine Klamotten kleben ihm eng am Körper und er zittert vor Kälte, aber ansonsten scheint noch alles dran zu sein. Erleichtert springe ich auf die Beine und falle meinem Bruder in die Arme. Das er nass ist stört mich nicht.
„Raphael, Gott sei Dank!“, freue ich mich und drücke ihn fest an mich. Es geht ihm gut, nur sein Blick hat etwas leidendes. Sein Lächeln ist verkrampft und aufgesetzt. Irgendetwas stimmt nicht, das kann ich deutlich in seinen Augen lesen.
„Ist etwas passiert?“, will ich wissen. Raphael schiebt mich von sich. Er sagt keinen Ton, sondern geht an mir vorbei zum Kamin. Seine Hände reibt er über dem Feuer, dann beginnt er sich die nassen Klamotten auszuziehen. Toni holt unterdessen von einem Stapel frische und reicht sie ihm kommentarlos. Mein Bruder nickt nur und nimmt sie an sich. So schweigsam ist er doch sonst nicht.
„Raphael?“, versuche ich noch einmal seine Aufmerksamkeit zu bekommen.
„Mach die Tür zu!“, mahnt er. Ich tue was er sagt und nehme mir dann eine der Decken. Als sich Raphael vor den Kamin setzt, lege ich sie ihm über die Schultern. Er schenkt mir noch einmal ein aufgesetztes Lächeln und wickelt sich darin ein, dann betrachtet er wortlos das knisternde Feuer. Ich knie mich zu ihm und betrachte ihn besorgt. Er schaut doch nicht so ernst, nur weil ihm kalt ist, oder? Soll ich ihn noch einmal danach fragen? Diese bedrückende Stille ist nicht auszuhalten und sein finsterer Blick macht mir Angst.

„Simone und ihre Mutter sind tot, unsere beiden Häuser stehen nicht mehr. Sie sind bis auf die Grundmauern abgebrannt!“, berichtet er schließlich. Mit aufgerissenen Augen betrachte ich ihn. Was? Das kann doch gar nicht sein! Simone, die Simone die uns immer geholfen hat, die er doch so gern hat? Woher weiß er das überhaupt? Ist er etwa bei uns daheim gewesen? Hat Toni nicht gesagt, wir sollen dort nicht hingehen? Ich weiß nicht was ich sagen soll. Wie erstarrt betrachte ich meinen Bruder.
„Bist du etwa bei euch daheim gewesen? Bist du verrückt geworden!“, schreit Toni ihn für an. Raphaels Blick richtet sich nun auf ihn. Als er meinen Freund mit seinen Blicken durchbohrt schluckt der schwer und weicht einen Schritt vor ihm zurück.
„Waren das deine Leute? Haben sie das gemacht?“, will Raphael von ihm wissen und wird mit jedem Wort ungehaltener.
„Woher soll ich das wissen? Ich bin den ganzen Tag hier gewesen!“, versucht Toni sich zu verteidigen und weicht noch einen Schritt zurück.
„Das ist alles nur deine Schuld! Wärst du nicht gewesen, dann würden sie noch leben!“, schreit mein Bruder und steht auf. Die Decke gleitet von seinen Schultern. Er schließt die Lücke zu meinem Freund mit einem großen Schritt nach vorn und packt ihn an seinem Shirt. Hart drückt er ihn gegen die Wand neben dem Fenster. Verdammt, was soll das denn?
„Ich kann doch nichts dafür! Lass mich los!“, protestiert Toni vergebens und versucht die starken Hände von seinen Klamotten zu lösen.
„Ich hätte dich rauswerfen sollen, als du das erste mal bei uns aufgetaucht bist!“ Raphael zeiht ihn nach oben, bis Toni keinen Boden mehr unter den Füßen hat. Okay das reicht! Ich stehe auf und drücke mich zwischen meinen Bruder und Toni. Mit aller Kraft stemme ich beide Hände gegen den Brustkorb Raphaels und versuche ihn wegzuschieben.
„Hör auf damit!“, schreie ich ihn an, doch er packt mich grob am Arm und stößt mich zur Seite weg. Ich stolpere über die Flaschen mit dem Wasser und lande unsanft auf dem Boden vor dem Kamin.
„Warum tun diese Typen das? Was haben denn Simone und ihre Mutter mit der ganzen Sache zu tun?“ Toni sieht panisch in die wütenden Augen meines Bruders und versucht sich noch immer zu befreien. Er wagt kein Wort mehr zusagen.
„Jetzt antworte mir gefälligst! Waren das diese Drachen? Was haben deine Leute davon?“ Warum macht er das? Toni kann doch auch nichts dafür!
„Ich weiß es nicht!“, sagt er nur und sieht mich immer wieder hilfesuchend an. Ich kämpfe mich wieder auf die Beine und packe den Arm meines Bruder. Ich zerre und reise an ihm und versuche ihn von meinem Freund wegzubekommen.
„Raphael, es reicht! Hör auf!“, schreie ich ihn an. Er schaut von ihm zu mir. Seine Hände geben Toni frei, während sich seine Augen mit Tränen füllen. Sein ganzer Körper beginnt zu zittern, besonders seine Beine, schließlich rutscht er auf die Knie. Ein Strom aus Tränen fließt seine Wangen hinab. Krampfhaft stützt er sich auf die Arme und beginnt hemmungslos zu schluchzen. Toni flüchtet sich ans andere Ende des Zimmers und atmet erste einmal tief durch. Nur ich bleibe neben meinem Bruder und setzte mich zu ihm. Meine Hände lege ich ihm auf die Schultern. Er schaut nicht auf, dafür zittert heftig. Mir fällt nichts ein, was ich sagen kann, also nehme ich ihn einfach in den Arm. Einen Moment lang passiert gar nichts, dann umarmt er mich und drückt mich fest an sich. Seine Tränen weichen das Shirt an meinem Rücken ein. Was mach ich denn jetzt nur mit ihm? So aufgelöst habe ich meinen Bruder noch nie erlebt. Sind die beiden denn wirklich tot? Woher weiß er das alle überhaupt? Vielleicht sind die Informationen ja falsch.
„Wo bist du denn gewesen? Woher weißt du das alles?“, will ich von ihm wissen. Sein Schluchzen wird leiser, doch er bringt noch immer kein Wort heraus. Raphael bekommt kein Wort heraus, nur sein Umarmung wird fester. Beruhigend streiche ich ihm über den Rücken, in der Hoffnung er fängt sich wieder, schließlich sagt er: „Es ist alles abgebrannt. Beide Häuser! Warum macht man so etwas?“
„Hattest du ein Bild von Simone und dir bei euch zu Hause?“, will Toni aus sicherer Entfernung wissen und beäugt uns schief.
„Ja, wir haben eines auf dem Jahrmarkt letzten Monat machen lassen! Es stand neben meinem Bett. Meinst du …?“ Toni holt Luft um etwas zu erwidern, doch Raphael beantwortet sich seine Frage schon selbst: „Meinst du sie haben sie erkannt und deswegen getötet? Aber warum?“
„Vielleicht wollte sie auch einfach nur bei euch nach dem Rechten sehen, weil ihr nicht nach Haus gekommen seid und hat dort Jemanden überrascht“, vermutet Toni.
„Woher weißt du überhaupt dass sie tot sind?“, will ich wissen und löse die Umarmung, um meinem Bruder wieder ins Gesicht sehen zu können.
„Herr Braun von nebenan hat es mir erzählt, als ich in den Türmern unseres Hauses stand!“ Ich kann das alles nicht glauben, kann mir gar nicht vorstellen, dass unser Haus nicht mehr steht und das Simone und ihre Mutter nicht mehr am Leben sein sollen. Ist das wirklich alles nur unseretwegen passiert? Alles nur wegen mir? Fassungslos betrachte ich den Boden zwischen mir und meinem Bruder. Was habe ich nur angerichtet?
„Wieso warst du überhaupt dort? Hab ich dir nicht gesagt, wir müssen uns von dort fern halten?“ Nein, so etwas schlimmes passiert nur in den Hörspielen im Radio und in Büchern, doch nicht in der Wirklichkeit. Nicht in meiner Wirklichkeit!
„Weil ich mir von einem Kind nicht vorschreiben lasse, was ich zu tun und zu lassen habe! All unsere Unterlagen sind dort, all unser Geld! Ich musste noch mal zurück“, schreit Raphael in Tonis Richtung. Mein Freund verschränkt die Arme und sieht wütend zurück.
Simone und ihre Mutter waren immer so nett und hilfsbereit. Als unsere Mutter nicht wieder gekommen ist, haben sie uns so oft geholfen und wenn es nur mit einem Mittagessen war. Sie dürfen nicht einfach tot sein, schon gar nicht meinetwegen. Ein stechender Schmerz bohrt sich in meinen Magen und lässt mich stöhnen.
„Du bist so dumm, wie du groß bist!“, keift Toni und fügt ernst an, „Was wenn dir jemand hier her gefolgt ist? Die warten doch nur auf einen so dummen Fehler!“ Ob Toni recht hat? Werden diese gefährlichen Kerle uns jetzt finden? Müssen wir jetzt auch sterben?
„Hältst du mich wirklich für so bescheuert? Was glaubst du warum ich so spät dran bin?“
„Als wenn du merken würdest, wenn sie dir nach schleichen!“ Der Streit der beiden wird immer lauter und das flaue Gefühl in meinem Magen immer unerträglicher. Können sie nicht endlich aufhören damit?
„Das sind auch nur Menschen!“ Es reicht! Ist es denn nicht genug, dass wir alles verloren haben? Unsere ganzen Sachen, alle Andenken an unseren Vater! Nichts davon ist mehr übrig? Mein Herz hämmert hart in meiner Brust und wetteifert mit meinem Atem darum, wer schneller ist.
„Aufhören!“, werfe ich in den Raum, doch Raphael und Toni sind viel zu laut, ich schaffe es einfach nicht, sie zu übertönen.
„Mit euch beiden bin ich so gut wie tot!“
„Dann verschwinde doch, wenn du denkst allein besser klar zu kommen!“
Mir ist so schlecht! Ich schlinge meine Arme um den Bauch, doch das Stechen wird nur schlimmer. Heiß und Kalt durchströmen mich abwechselnd, ein heller Pfeifton dröhnt mir in den Ohren. Die Umrisse meines Bruders verschwimmen vor mir. Was ist denn nur los mit mir? Mein Herz rast so entsetzlich schnell, es tut so weh. Immer enger schlinge ich meine Arme um den Brustkorb.
„Ja, klar, als wenn ihr auch nur einen Tag ohne mich überleben würdet! Ihr hättet nicht mal diesen Ort hier gefunden, geschweige denn eine Pistole, um euch im Ernstfall zu verteidigen!“
„Wir kommen wunderbar ohne dich zurecht! Wir brauchen keinen schießwütigen Killer!“
„Hört auf damit!“, werfe ich noch einmal dazwischen, doch meine Stimme ist brüchig und kaum zu hören. Ich bekomme einfach nicht mehr genug Luft, um zu schreien. Der Brechreiz wird immer stärker und wandert meine Kehle hinauf. Ich kann es nicht mehr zurückdrängen und übergebe mich. Die wütenden Worte der Beiden verstummen, das Gesicht meines Bruders dreht sich zu mir, doch seine Umrisse verschwimmen zunehmen. Ein seltsamer Schwindel ergreift von mir besitzt. Ich greife nach der Schulter meines Bruders und kralle mich in seinem Ärmel fest, doch da ist kein Halt mehr. Mein Körper fällt einfach, wie ein Stein zur Seite um, dann wird alles schwarz.

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Nur wer die Hölle kennt, weiß den Himmel zu schätzen.
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